Rockmusiker Jason Isbell

Hier kommt der neue Bruce Springsteen

Von Cornelius Dieckmann
05.06.2020
, 07:12
Ein Südstaatenrocker, der reflektiert über Feminismus spricht und den Präsidenten angreift? Ja, das gibt es: Jason Isbell hat vier Grammys und eine Sucht überwunden. Sein neues Album „Reunions“ ist ein Rock-Meisterwerk von geradliniger Komplexität.

Erstens, sagt Jason Isbell, könne man gar nicht gleichzeitig das Maul halten und singen. Und zweitens glaubten nicht mal diejenigen, die das von ihm fordern, ernsthaft daran, dass Musiker keine politischen Ansichten äußern sollten. „Mir wäre es lieber, wenn die Leute mir ins Gesicht sagen würden, was sie meinen, nämlich: ‚Ich finde, ich habe Recht und du nicht, also halt die Klappe‘, als wenn sie irgendeine Bullshit-Logik erfinden, laut der ich meine Meinung nicht sagen darf, weil ich Eintrittsgeld für meine Konzerte verlange.“

Shut up and sing, dieses amerikanische Unwort hat Isbell schon öfter gehört. Er stammt aus dem erzkonservativen Alabama. Er ist nicht erzkonservativ. Bei seinen Auftritten verlassen Fans während „White Man’s World“, in dem Isbell sich und seine weißen Zuhörer für Amerikas tiefgreifenden Rassismus in Mithaftung nimmt, manchmal demonstrativ den Raum. Sie wollen den Isbell zurück, der über fetten G-Akkorden von Vätern und Söhnen singt, von Lynyrd-Skynyrd-Männern und hartem Südstaatenstolz, wie damals mit den Drive-By Truckers in Songs wie „Outfit“. Nicht den, der reflektiert über Feminismus spricht und den Präsidenten angreift. Nicht den, der nach dem Tod von George Floyd auf Twitter schreibt: „Der amerikanische Rassismus gegen Schwarze ist real, und er ist systematisch.“

Auf Isbells neuem Album „Reunions“ findet sich dazu eine Klarstellung. „We don’t take requests / We won’t shut up and sing / Tell the truth enough / You find it rhymes with anything“, bellt Isbell in „Be Afraid“, einem wütenden Song über die Angst, die der Songwriter im Vorzimmer der öffentlichen Meinung spürt, wenn er denn ehrlich mit sich ist. „Immer wenn mir der Gedanke kommt: ‚Könnte sich das finanziell rächen, wenn ich diese Zeile singe?‘, weiß ich, dass ich sie singen muss“, sagt Isbell. „Be afraid, be very afraid / But do it anyway“, heißt es in dem Song. Auf seinem Twitterprofil hat Isbell kürzlich eine Botschaft angepinnt: „‚Du wirst einen Teil deines Publikums verlieren!‘“, zitiert er die Unbelehrbaren. Und antwortet: „Vielleicht, aber ich darf meine ganze Seele behalten.“

Es ist die Zeit der Corona-Quarantäne, und Jason Isbell wartet zu Hause vor den Stadtgrenzen Nashvilles darauf, dass seine neue Platte erscheint. Die siebte, seit er nicht mehr mit den Drive-By Truckers spielt. Die vierte, seit er nicht mehr trinkt. Seit acht Jahren ist Isbell jetzt trocken. Künstlerisch ist das nicht unerheblich. Mit Songs über Sucht, sagt er am Telefon in tiefstem Alabama-Akzent, sei es wie mit Liebesliedern: „Es gibt so viele Songs über frisch entflammte Liebe und so wenige über Beziehungen, wie sie nach acht oder zehn oder zwanzig Jahren aussehen.“ Auf „The Nashville Sound“ (2017) hat Isbell genau darüber den Song „If We Were Vampires“ geschrieben. Jetzt habe er die Frage auf das Thema Sucht anwenden wollen.

Nie geheilt, nur im Heilungsprozess

In „It Gets Easier“ lautet sie: Wie fühlt sich schlummernde Abhängigkeit an, wenn das Dröhnen des Entzugs zum Summen geschrumpft ist? Die Antwort: „It gets easier / But it never gets easy / I can say it’s all worth it / But you won’t believe me.“ Der „New York Times“ hat Isbell gerade erzählt, dass er kürzlich im Quarantäne-Stress per Übersprungshandlung einen Becher Mundspülung heruntergeschluckt habe. 27 Prozent Alkohol. 27 zu viel. Isbell überstand die Episode ohne weiteren Rückfall, aber die Gewissheit war wieder da, dass der Alkoholiker nie geheilt ist, sondern immer mitten im Heilungsprozess.

„Reunions“ handelt, der Name sagt es, vom Wiedersehen mit fast Vergessenem: von alten Süchten, die plötzlich wieder anklopfen; Freunden, die zu Schemen verlaufen oder nicht mehr am Leben sind; jüngeren Ichs, die mit der Zeit fast fremd, fast Dus geworden sind. „Dreamsicle“ und „Only Children“ zeichnen fragile Kindheitsbilder, einmal junisüß, einmal als sanfter Spuk in Sepia. Hier ein Umzug aus der alten Stadt, nachdem die Eltern sich getrennt haben, da laue Abende mit den ersten Drogen und dem ersten Demo-Tonband, das die Welt bedeutet: „Remember when we took too much / To get a little of that human touch / Hand to mouth and reel to reel.“

Der human touch, ein Springsteen-Zitat, zeigt mit subtiler Doppeldeutigkeit, wessen Sprache Isbell spricht. Das „took too much“ spielt nicht nur auf übermotivierten Drogenkonsum an, man kann es auch als Geständnis über allzu freie jugendliche Anleihen bei musikalischen Vorbildern verstehen. Wie Springsteen, hat Isbell sich mit rauem, manchmal leisem Handwerk-Rock, der am Wort feilt wie am Gitarrensound, einen Namen gemacht. Seine E Street Band ist die 400 Unit, zu der auch seine Frau Amanda Shires gehört. Auf dem Album klingen die vollen Band-Arrangements, etwa in „Running With Our Eyes Closed“, so unangestrengt wie Shires’ Harmonien in „Only Children“. Das Ergebnis ist große, sachte Sommernachtsmusik. Als schwirrten die Mücken, und man muss – aber wird nicht – in einer Stunde zu Hause sein.

Man könnte Nostalgie darin hören. Isbell ist 41, hat mittlerweile vier Grammys gewonnen und mit Shires eine vierjährige Tochter. Seine Kindheit ist fern. Aber Nostalgie will Isbell es nicht nennen. „Ehrlich gesagt, glaube ich, dass diese Songs durch jahrelange wöchentliche Therapiesitzungen zustande kamen. Man geht durchs Leben und redet sich ein, dass die Kindheit einen nicht mehr sonderlich beeinflusst. Dann wird man älter, hat selbst Kinder und merkt, dass man sein Gepäck auspacken muss. Sonst schaukeln sich die Kindheitsprobleme auf wie Wellen auf dem Ozean.“

Isbell wirkt in seinem Element, wenn er über Songwriter-Poetik spricht. Als Student war er Stipendiat in kreativem Schreiben an der University of Memphis. Kurz vor dem Ende schmiss er hin, um Musiker zu werden, aber auch ohne Abschlusszeugnis lässt sich der Autor in ihm noch vernehmen. Jedes der zehn Lieder auf „Reunions“ steht in der ersten Person Singular, doch Isbell legt auch Wert darauf, dass er „Ich“ sagen kann, ohne „Ich“ zu sein. „Fast alle Kunstformen, die mit Sprache zu tun haben, sind aufgespalten in Fiktionales und Nicht-Fiktionales. Nur in der Musik gibt es diese Abgrenzung nicht.“

Hat er ein Beispiel parat? Ja, sagt Isbell, die erste Zeile aus „Angel from Montgomery“ von John Prine: „I am an old woman.“ „Als ich das als Kind zum ersten Mal hörte, dachte ich: ‚Nein, bist du nicht!‘ Dann ging mir ein Licht auf, und ich verstand, dass es im Songwriting darum geht, zu sein, wer man will. Man muss nicht mal Empathie mit einer Figur empfinden. Man kann einfach vollständig in sie einsteigen.“

Gelogen auf die Bibel, um frei zu sein

Wie sein Mentor John Prine, der vor kurzem gestorben ist, hat Isbell sich dem Potenzial einfacher Sprache verschrieben. Er sei kein Fan wortreicher „Taschenspielertricks“, lieber wolle er mit simplen Mitteln „viel Emotion durch eine sehr kleine Öse“ schicken. Im Prinzip, erklärt Isbell, sei der Reiz von klassischem Country, R‘n’B und Rock ‘n’ Roll derselbe wie der seiner Lieblingsbücher. Gerade lese er „Die Ermordung des Commendatore“, den jüngsten Roman von Haruki Murakami. „Er schreibt so sachlich, so geradeheraus, fast wie Hemingway. Das ist eine Art von Sprache, die gewissermaßen verschwindet, weil sie den Leser sich in der Geschichte verlieren lässt statt in Wortspielen.“

Auch in „Reunions“ bleiben häufig Bilder hängen, die großer Worte nicht bedürfen. Die ersten, von einem Mark-Knopfler-artigen Riff eingeleiteten Zeilen von „Overseas“ fegen gleichsam ein Vakuum leer: „This used to be a ghost town / But even the ghosts got out.“ Im bassgetriebenen „What’ve I Done to Help?“ heißt es: „See, I’ve made mistakes that I can’t erase / Some of the love I’ve lost will not come back to me / I broke my word / I lied on a Bible just to feel a little free.“ Im Refrain, in dem Isbells Freund David Crosby mitsingt, drängt sich der Zweifel an der eigenen Selbstlosigkeit in den Mittelpunkt. Was habe ich geleistet, fragt Isbell, das nicht in erster Linie zu meinem Vorteil war?

Dieses Fragezeichnen findet keine Auflösung. „Reunions“ ist auch deshalb ein so mitreißendes Album, weil es Verletzlichkeit nicht nur in den Liebesliedern wagt. Die fetten G-Akkorde sind ein bisschen kleiner geworden, die Lyrics dadurch nicht weniger kraftvoll. Es sind Zeilen, die Isbell oft merklich etwas kosten. Wenn nicht als politischen Künstler, dann doch als Songwriter, der „Ich“ sagt und dann manchmal eben auch „Ich“ ist. „Es ist sehr verlockend, den Mund nicht aufzumachen“, sagt er. „Aber Kunst ist das Gegenteil davon. Kunst ist, Risiken einzugehen, selbst wenn man nicht immer glaubt, damit etwas bewegen zu können. Etwas zu riskieren, weil es einen das Leben spüren lässt.“

Jason Isbell & The 400 Unit: „Reunions“. Southeastern Records/Thirty Tigers

Quelle: Faz.net
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