Jazzmusiker Till Brönner

„Das Ziel lautet Wiedererkennbarkeit“

Von Christian Riethmüller
10.05.2022
, 18:07
Ferien von der Pandemie: Till Brönner im August 2021 in Jerichow. Die Stücke des dort vorgestellten Albums „On Vacation“ sind nun auch in der Alten Oper Frankfurt zu hören.
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Der Trompeter Till Brönner ist nicht nur Deutschlands bekanntester Jazzmusiker, sondern auch ein engagierter Hochschullehrer. Ein Gespräch über die Anforderungen an junge Musiker und die heutige Jazzszene.
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Herr Brönner, wie ist es, nach längerer pandemiebedingter Pause wieder in Hallen zu spielen? Spüren Sie ein Vibrieren des Publikums?

Man traut dem Frieden noch nicht so ganz. Und ich schaue von der Bühne auf viele Masken. Dank der ausgeklügelten Hygienesysteme in den Philharmonien und Konzerthäusern wird sich das ändern. Man darf eines nicht vergessen: Die Konzertbranche ist nicht der Superspreader gewesen. Sie hat aber sehr stark gelitten.

Sie haben sich bereits im Herbst 2020 zu Wort gemeldet, auf die prekäre Lage von Musikern und Veranstaltern hingewiesen und damit für einiges Aufsehen gesorgt. Haben Sie den Eindruck, dass sich die Lage für die Branche gebessert hat? Sie können ja nicht nur von Ihren eigenen Projekten berichten, sondern haben als Hochschullehrer auch den Blick auf den studentischen Nachwuchs.

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Die Studenten haben zumindest den geschützten Bereich Hochschule. Für alle anderen hat es in den vergangenen zwei Jahren zwar viele Unterstützungsangebote gegeben, aber diese sind sehr ungleich verteilt. Die Lage für Soloselbständige im Bereich Bühnenkunst ist immer noch nicht groß entspannt. Es fehlt weiter das Verständnis dafür, dass ein Mensch, der sein Instrument und seine zwei Füße hat, selbstverwaltet und selbstorganisiert ist, nicht allein von Licht, Luft und Liebe lebt. Es ist immer noch nicht allgemein bekannt, wie diese Branche funktioniert, und das ist eigentlich nicht schmeichelhaft für die Musikerszene. Die wird weder mit Organisiertheit assoziiert noch mit dem Bild eines Berufs, mit dem jemand seinen Lebensunterhalt bestreitet.

© Youtube

Wie war es in den vergangenen Monaten um Ihren persönlichen Probenalltag bestellt? Der herausragende Solist Till Brönner spielt ja nicht allein, sondern mit Band oder Orchester.

Wir erleben nach wie vor eine sehr umsichtige, selbstverständlich gewordene Testerei. Das ist gut organisiert. Und ich bin optimistisch, dass sich die Lage etwas entspannt.

Haben die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen Auswirkungen auf das Miteinander im musikalischen Spiel gehabt? Im Probenprozess entsteht ja Vertrauen.

Das Miteinander ist sogar gewachsen, und das Vertrauen auf andere Musiker kann keine Pandemie verändern. Im Gegenteil, hinter und auf den Bühnen ist es zu rührenden Szenen gekommen, weil man endlich wieder miteinander Musik machen und einer Sache, die man so gerne betreibt, wieder nachgehen kann.

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Trotzdem stehen bei mir die Zeichen auf Obacht, weil sich ja alles wiederholen kann. Denn generell muss man sagen, dass die Pandemie zu einem Zeitpunkt gekommen ist, da die Einkommensmöglichkeiten von Kreativen ohnehin schon nicht der Gipfel waren. Wir haben das Problem, dass derzeitiges Urheberrecht und die Verwertung durch die Streamingdienste dafür sorgen werden, dass man einem Newcomer Musik als erstrebenswertes Berufsfeld nicht mehr empfehlen kann. Die Menschen haben mittlerweile das Gefühl, Musik komme wie aus einem Wasserhahn, den man aufdreht. Diese Haltung ist ein großes Problem.

Wie ist es denn in Ihren Augen um die junge europäische Jazzszene bestellt? Verfolgen Sie, was sich da tut? Jazz ist ja wieder hip, was nicht zuletzt die pulsierende Szene in London zeigt.

Ich war nie in Sorge, dass es keine Nachwuchskünstler mehr geben könnte. Ich frage mich aber gelegentlich, wie ein junges Publikum auf diese Musik aufmerksam wird. Denn anders als in meiner Jugend, als über die öffentlich-rechtlichen Medien oder auch die Eltern Jazz an einen herangetragen wurde, ob man nun wollte oder nicht, ist diese Musik heute fern. Zumindest sind die Leute, die heute mit 18, 19 oder 20 Jahren zum Studium an die Hochschule kommen, mit ganz anderer Musik groß geworden. Da sind es häufig familiäre Verbindungen, die das Interesse geweckt haben, sind es Eltern, die selbst musizieren und möchten, dass ihre Kinder dies auch erleben. Ich finde es daher erstaunlich, dass es trotz des heutigen formatierten Medienangebots im Bereich Musik doch noch viele Leute gibt, die auf einem extrem hohen Niveau spielen. Es ist aber, wie früher, ein Lotteriespiel, mit einer Band, einer Idee, nach draußen zu gehen und Erfolg zu haben. Natürlich können sich junge Musiker heute auf verschiedene Arten und auf vielen Kanälen Gehör verschaffen, was ich ihnen als Hochschullehrer auch immer sage: Ihr müsst anfangen, euch mit Plattformen zu beschäftigen, auf denen ihr eure Musik präsentieren könnt. Ihr müsst anfangen, eure Musik zu verkaufen. Ihr braucht ein zweites Smartphone, um euch aus verschiedenen Winkeln filmen zu können, ihr müsst eigentlich auch noch Fotografen und Kameramänner werden, um euch bemerkbar zu machen. Video ist heute das Medium, mit dem es am besten funktioniert, sich vorzustellen. Und dann kommen auch die Plattenfirmen.

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Es gibt im heutigen Jazz auch eine gewisse Vintage- oder Retro-Seligkeit, so wie sie vor einigen Jahren in der Soulmusik zu beobachten war. Bemerken Sie diesen Trend auch bei Ihren Studenten?

Durchaus. Der Hintergrund ist, dass auch heutigen Generationen auffällt, dass es Dekaden gibt, in denen spirituelle oder politische Eigenheiten in der Musik Ausdruck fanden und für eine Atmosphäre sorgten, der man heute wieder nahekommen möchte. Ich sage den Studenten oft, dass sie es in der Musik eigentlich mit einer erschlossenen Wissenschaft zu tun haben. Wenn man sich ansieht, wie oft sich musikalische Strömungen in den vergangenen Jahren wiederholt haben und wie oft sich Künstler ein schon bestehendes Idiom aneignen, dann stellt sich die Frage, was noch die Individualität ausmacht, die einen von anderen abhebt. Das Herausfordernde ist, dass wir in Sekundenbruchteilen Wiedererkennbarkeit schaffen müssen. Wenn früher John Coltrane zwei Töne spielte, wusste man, das ist er. Aber er konnte nach diesen zwei Tönen noch die Möglichkeit wählen, musikalische Grenzen zu brechen, weil diese noch zu brechen waren. Die heutige Generation kann keine Grenzen mehr brechen, die bereits vor langer Zeit ausgelotet worden sind, doch sie kann Grenzen fortwährend überschreiten, damit sie sichtbar bleiben. Das Ziel lautet dennoch Wiedererkennbarkeit, die noch immer so viel gilt wie zu Zeiten von Maria Callas.

Sie selbst sind hinsichtlich Stilen wie auch der Auswahl Ihrer Stücke sehr offen. Sie bearbeiten auch bekannte Popsongs und interpretieren diese ganz neu.

Ich habe mir vor einiger Zeit mal alles angeschaut, was ich bisher so gemacht habe. Das geht ja in viele Richtungen. Dabei habe ich festgestellt, dass nichts dabei ist, was nicht in mir schlummerte. All dies bin ich auch. Das Einzige, was mir immer wichtig war, und das ist der rote Faden, ist es, den Zuhörern von meiner Begeisterung für das, womit ich mich da beschäftige, zu erzählen. Ich will nicht einfach so auf eine Bühne gehen, losspielen, und das Publikum hat das gefälligst zu verstehen. Ich möchte schon zu dem einen oder anderen Zuhörer vordringen. Ich war schon immer ein kleiner Jazz-Missionar, und das macht mir auch heute noch großen Spaß.

Auf welchen Spaß darf sich denn das Publikum bei den anstehenden Konzerten freuen?

Ich habe ein Album gemacht, das in der Pandemie etwas untergegangen ist. Es heißt „On Vacation“ und war der Versuch, sich in einen Zustand zu versetzen, den wir wegen des Virus entbehren mussten. Wir werden ein wenig durch meine persönliche Geschichte hüpfen, hier und da ältere Stücke aufgreifen und neu interpretieren. Es soll eine sehr dynamische Veranstaltung werden.

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Haben Sie auch schon Pläne für ein neues Album?

Ich mache einiges mit meiner Band in diesem Jahr, habe aber auch ein sehr schönes Projekt für mich entdeckt, dem ich, wenn immer möglich, Zeit im Kalender freiräumen möchte: Ich schreibe eine Ballettmusik, die nächstes Jahr aufgeführt werden soll. Ich werde im Auftrag der Essener Brost-Stiftung mit Johan Simons, dem Intendanten des Schauspielhauses Bochum, und einer eigens dafür zusammengestellten Tanzcompany zusammenarbeiten. Darauf freue ich mich schon sehr.

Till Brönner & Band spielen am 11. Mai von 20 Uhr an in der Alten Oper Frankfurt. Weitere Stationen folgen, eine Übersicht bietet: https://tillbroenner.de/de/

Quelle: F.A.S
Autorenporträt / Riethmüller Christian
Christian Riethmüller
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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