Jazzpianist Vadim Neselovskyi

Kann man jetzt noch grooven?

Von Thomas Lindemann
08.05.2022
, 18:42
Der Pianist Vadim Neselovskyi
Ein Sound wie eine Vorahnung – über den ukrainisch-deutschen Jazzpianisten Vadim Neselovskyi und dessen neues Album „Odesa“, das noch vor der russischen Invasion entstand.
ANZEIGE

Musik erzählt immer eine Geschichte. Aber manchmal ist diese besonders eindringlich. Etwa auf diesem Album. Da fallen mal die Töne wie Schneeflocken, als wäre es ein Impromptu von Robert Schumann, das Stück heißt „Winter in Odessa“. Dann wieder, die Nummer heißt „Central Station“, treibt ein Beat machtvoll vorwärts, man hört Züge ankommen und abfahren, obwohl alles nur Soloklavier ist.

Egal, ob man Klassik liebt oder Jazz oder Chanson oder Ragtime – all das wird hier eins. Manch eine Passage erinnert ein wenig an die Stücke von Charlie Chaplin, der ja auch komponierte, oder an George Gershwin, vor allem an den „Amerikaner in Paris“ – kraftvolle Musik, sehr intellektuell, aber immer noch voller Swing. Und dann kommt ein Solo, eine so markante und klare Improvisation, die mühelos das oberste Niveau des aktuellen Jazz erreicht.

ANZEIGE

Der Mann, der so genial Klavier spielt, heißt Vadim Neselovskyi. Er hat einen deutschen und einen ukrainischen Pass. Er ist Professor am Berklee College of Music in Boston, der besten Musikschule der Welt. Er spielt mit den Größten des Jazz. Hierzulande kennt kaum einer den 44-Jährigen. Das sollte sich ändern – jetzt mit seinem Album „Odesa“. Gemeint ist Odessa, die Millionenstadt am Schwarzen Meer, in der zurzeit Raketen einschlagen. Neselovskyi ahnte davon nichts beim Aufnehmen, er hat zwei Jahre an dem Album gearbeitet, kurz vor Kriegsausbruch war es fertig.

Dies müsste eigentlich eine Geschichte über einen klugen und hochbegabten Musiker sein, der im internationalen Jazz anerkannt ist und auch in Deutschland zu entdecken wäre. Weil der Krieg aber alles überschattet, ist es auf einmal eine Geschichte darüber, wie auch die Kunst sich politisiert.

ANZEIGE

„Leider kann ich an gar nichts anderes mehr denken“, sagt Neselovskyi. „Wir dachten doch von dieser Welt, dass es keinen Krieg mehr gibt, wir arbeiten stattdessen an Themen wie der Gleichberechtigung von Frauen und Männern, am Umweltschutz, und nun ist doch wieder alles auf eine Frage reduziert. Böse und Gut, schwarz und weiß. Das verändert die Kunst, das verändert alles für uns Künstler.“

Der Krieg verändert die Kunst

Als Musikprofessor unterrichtet er Menschen aus der ganzen Welt. Auch zwei Russen sind in seinen Kursen. Sie demonstrieren nun mit ihm gegen den Krieg. „Seit dem 24. Februar denke ich: Alle sind verloren. Die Welt wird nicht mehr so sein, wie sie vorher war“, sagt Neselovskyi.

ANZEIGE

Und: „Kann man da noch sagen: Let’s groove?“ Er sagt auch, er sehe den Krieg in Syrien jetzt anders. Es sei für ihn schmerzhaft, dass wir die Situation so ausgeblendet haben. „Wie oft habe ich ganz normal weitergemacht, wenn in Syrien Bomben fielen?“

Vadim Neselovskyi bei einem Benefizkonzert für die Ukraine in Krefeld im März.
Vadim Neselovskyi bei einem Benefizkonzert für die Ukraine in Krefeld im März. Bild: Vadim Neselovskyi/Facebook

Krieg, Migration, Systemwechsel – das alles ist mit Odessa eng verbunden und auch mit Neselovskyis eigenem Leben. Im Jahr 1995 kam er als jüdischer Kontingentflüchtling nach Deutschland, das Wort meinte Flüchtende, die auf direkte Anordnung des Innenministeriums ohne Prüfung in Deutschland leben dürfen. Von 1991 an wurde Menschen mit jüdischen Vorfahren so die Emigration aus der zerfallenden UdSSR ermöglicht.

Mit gutem Grund, findet Neselovskyi: „Antisemitismus war in der ehemaligen Sowjetunion ganz normal.“ Als Kind habe er oft „Geh doch nach Israel!“ gehört, seinem Vater habe man die Karriere an der Universität schwer gemacht, es habe sogenannte „Judenquoten“ gegeben. Die Okkupation von Odessa durch rumänische Faschisten war in der Schule nie Thema. Auf seinem Album gibt es nun ein Stück namens „October 1941 Prayer“, das sich auf einen Massenmord an den Juden in Odessa und Transnistrien im Oktober 1941 bezieht.

ANZEIGE

Flucht vorm russischen Antisemitismus

In Deutschland fanden Neselovskyi und seine Familie Sicherheit. Er habe sich hier „immer sehr gut gefühlt“. In Unna lebte er, in Detmold studierte er. Rechtsradikale Demos fielen auch ihm unangenehm auf. Aber unterm Strich, sagt er, bleibe das Land für ihn ein Vorbild dafür, wie verschiedene Ethnien miteinander leben. „Im Einflussbereich Russlands war das nie so. Es gibt dort auch keine Aufarbeitung der Vergangenheit, wie die Deutschen sie hatten. Jetzt sieht man, was passiert, wenn das ausbleibt.“

Als Pianist hat er mit Beethoven, Bach und Mozart begonnen, und zwar, so sieht er das, „an der Quelle“, in Deutschland. Dann aber wollte er noch einmal das Gleiche mit dem Jazz, nur dass die Quelle diesmal in den USA war. Die Luft atmen, in der Jazz entstand, die Menschen treffen, die ihn weiterleben lassen, das war ihm wichtig. Er wollte nach New York, nach New Orleans, dorthin, wo Jazz und Blues sich entwickelten.

Der DAAD gab ihm ein Stipendium, das war im Jahr 2000. „Ich bin Deutschland unendlich dankbar“, sagt er heute. Denn immerhin sei er damals noch ein „normaler Ausländer“ gewesen, wenn auch mit Aufenthaltserlaubnis. Heute hat er die doppelte Staatsbürgerschaft, ist Ukrainer und Deutscher.

ANZEIGE

Inzwischen gehört Vadim Neselovskyi zu den ganz Großen des Jazz. Zehn Jahre spielte er mit dem Vibraphonisten Gary Burton, Herbie Hancock nahm ihn auf Indientour mit, Lee Konitz ging mit ihm auf die Bühne. Allerdings fühlt er sich mit der Musik von Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew genauso wohl – ob er Jazzer sei oder eher Klassikpianist, will er gar nicht definieren. „Die Musik mag stilistische Abgrenzungen nicht. Es ist wie mit den Grenzen zwischen Ländern und Nationen. Sie sind künstlich.“

Musik mag keine stilistische Abgrenzungen

Diese Haltung half ihm offenbar, einen ganz eigenen Ton zu entwickeln. Einmal kam der große Jazzpianist Chick Corea nach einem Konzert auf ihn zu, er hatte Neselovskyis Quintett gehört und sagte: „Die letzte Nummer hast du geschrieben, oder?“ Das liegt daran, dass man den Sound von Neselovskyi sofort erkennt. Er weiß das auch: „Ich komme aus einer Kultur, die sich von der US-amerikanischen einfach sehr unterscheidet. Da ist mehr Schwere in der Musik.“

Das hat auch ein wenig mit dem zu tun, was lange „jüdische Musik“ genannt wurde. Noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es eine lebhafte Debatte um einen speziellen jüdischen Klang. Kafkas Freund Max Brod hörte ihn in Gustav Mahlers „Lied von der Erde“, Dmitri Schostakowitsch, selbst Katholik, sprach von „jüdischem Material“, das er einsetze (und geriet dafür in die Kritik der sowjetischen Funktionäre).

Musik transportiert scheinbare Widersprüche, auch den zwischen Leiden und Leichtigkeit. „Der Jazz von Menschen wie Herbie Hancock erscheint nur leicht, ich höre da auch viel Tiefe durch das scheinbar Beschwingte“, sagt Neselovskyi. Überhaupt sei Groove doch auch eine Antwort auf Leid, man denke an die Unterdrückung der Schwarzen. „Blues ist auch ein Schrei“, sagt er.

ANZEIGE

Und so behält die Musik ihre Rolle, auch mitten im Krieg. „Meine Freunde müssen Waffen in die Hand nehmen, obwohl viele von denen auch nur Musikinstrumente spielen können.“ Täglich telefoniert er mit Kiew, Charkiw, Odessa, Lemberg. Einen seiner Freunde habe kürzlich ein Bombensplitter in die Schulter getroffen, als er mit seinem Sohn Fotos der Zerstörung machen wollte.

Online im Charkiwer Jazzclub zugeschaltet

Nun gehe es ihm etwas besser, und er habe als Erstes seinen Jazzclub in Charkiw geöffnet, ein kleines Konzert veranstaltet. Mitten im Kriegsgebiet. Neselovskyi war online zugeschaltet. Es wurde Charlie Parker gespielt. „Die Kunst bekommt eine ganz andere Bedeutung. Das ist nicht nur irgendein Konzert. Das ist Hoffnung für die Menschen.“

Auch auf seinem Album „Odesa“ siegt die Hoffnung. Da gibt es schöne, humorvolle Songs wie einen „Waltz of Odessa Conservatory“ und ganz am Ende eine elegische Nummer, die den Aufstieg der Stadt aus der Asche symbolisiert: „The Renaissance of Odessa“. Man muss das Album anhören, als sei es ein Hörbuch, jeder der zwölf Titel erklärt etwas, wenn man bereit ist, die Musik auf sich wirken zu lassen.

Der Komponist und Pianist sagt, Odessa sei für ihn auch eine Stadt des Humors, der 1. April sei ein großes Volksfest, es gebe viele Comedians. „Wir haben auch südländischen Flair am Schwarzen Meer.“ Zwanzig Minuten vom Strand entfernt wuchs er auf. „Ich verbinde viel Freude mit dieser Stadt.“ In der Realität dieser Tage dürfte das kaum präsent sein – aber in dieser Musik ist es immer wieder zu hören.

Vadim Neselovskyi: „Odesa: A Musical Walk Through a Legendary City“ erscheint im Juni bei Sunnyside Records.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE