Jochen Distelmeyer

Apfelmann im Blätterwald

Von Eric Pfeil
03.05.2006
, 15:14
Was, wenn er über Igel singt: Jochen Distelmeyer (v.) mit Band
Alle sind sauer, weil Jochen Distelmeyer, Sänger der Band Blumfeld, auf dem neuen Album „Verbotene Früchte“ über Igel singt. Dabei ist das aufregender als der Debatten-Rock der neunziger Jahre. Und provokanter offenbar auch.
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Soviel dürften Musikinteressierte mitbekommen haben: die Hamburger Band Blumfeld hat soeben ihr nunmehr sechstes Album „Verbotene Früchte“ veröffentlicht, auf dem unter anderem von tapsenden Igeln, rauschenden Wäldern, einem „Apfelmann“ und leuchtenden Quallen gesungen wird. Und wer mehr als nur zwei Besprechungen des Albums gelesen hat, der dürfte zur Kenntnis genommen haben, wie dieses Werk die Plattenbesprechungsseiten und Internetforen hat brennen lassen. Ganze polemische Infektionsherde entzündeten sich an dem Album, und man weiß nicht recht, wie lustig, interessant oder traurig man all das Gezetere und Geschimpfe über die vermeintliche „Naturlyrik“ finden soll.

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Jochen Distelmeyer, 38, Sänger und Ausnahmetexter, kann mehr als andere. Ein Fluch, möchte man meinen, wenn man sich durch die Artikel liest, die in den letzten Wochen und Tagen über Blumfeld erschienen sind. Die Art und Weise, wie das Schaffen Distelmeyers hierzulande von Fans und Kritikern beäugt wird, ruft unmittelbar Erinnerungen an den von Distelmeyer geschätzten Bob Dylan wach. Der mußte 1966, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, vom Motorrad fallen und untertauchen, um sich den Erwartungshaltungen seiner argwöhnischen Beobachter zu entziehen. In den Folgejahren irritierte der einstige Protestsänger und Geschwindigkeitsfanatiker dann mit Country-Alben und Songs über das idyllische Landleben und die Freuden des Daheimbleibens.

Man wittert Ironie - oder noch Schlimmeres

Der Spaziergänger Distelmeyer ist auf derartige Wendemanöver nicht angewiesen. Er macht einfach weiter, schreibt auf jedem neuen Album das fort, was sich auf dem letzten bereits ankündigte, und schert sich wenig um Erwartungshaltungen und Projektionen. Weder sind Natur und Tierreich neu im Blumfeldschen Kosmos (ebensowenig übrigens wie im internationalen Pop), noch verleugnet Distelmeyer auf „Verbotene Früchte“ sein Talent für gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen, was der Vereinfachung durch zahlreiche Rezensenten jedoch keinen Abbruch tut: eine biedere, den Rückzug feiernde Naturplatte sei dies, Distelmeyer ein Psychopath mit Wanderstock, zudem ein Verräter am linken Protest, der, statt sich zu Wichtigem zu äußern, lieber den lyrischen Vorgarten vertikutiere - und überhaupt, Schmetterlinge, Vögel, Hunde und so weiter hätten in Pop-Texten nichts zu suchen. Ein Spitzen-Dogma! Von wem gleich noch mal ausgerufen?

Gerne zitierte man das drastischste Stück der Platte, „Apfelmann“, eine textliche und musikalische Lockerungsübung, die zugegebenermaßen klingt, als ob Helge Schneider und Peter Kraus gemeinsam zum Erntedank aufspielten: „Er ist der Apfelmann, Baby“. Und die trotzdem gelungen ist. Eine Gleichzeitigkeit, die anzuerkennen allem Anschein nach kaum jemandem möglich ist. Statt dessen wittert man Ironie - wenn nicht noch Schlimmeres. Und denen, die es ernst nahmen, fiel auch nicht viel Erhellendes ein: Wer allein schon aufgrund eines Stücks wie „Schmetterlings Gang“ an „Tabaluga“ oder Peter Lustig denkt, sagt damit in erster Linie etwas über das eigene Referenzspektrum aus.

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Kein Album über den Rückzug in die Natur

Rührender ist da schon der Versuch einiger, mehr zu sehen, als tatsächlich da ist, und die diversen Beschreibungen von Fauna und Flora metaphorisch zu lesen - aus lauter Angst, irgendeine versteckte Schlaumeierei verpaßt zu haben. Dabei singt Distelmeyer schon im Eröffnungssong „Schnee“: „Ich mach mir meinen Reim / und singe, was ich seh“.

„Verbotene Früchte“ ist kein Album über den Rückzug in die Natur. (Und warum überhaupt „Rückzug“, wo man doch vielmehr in sie „hinausgeht“?) Es ist eine Platte über Form, eine Platte der formellen Strenge, eine Platte über Äußerlichkeiten, Offensichtlichkeit und Oberfläche. Es liegt alles ganz offen da. Jeder kann es hören. Den „Schnee“ des Eröffnungssongs beispielsweise, in dem Text und Musik tatsächlich eins werden und alles wie in Watte verpackt klingt. Oder den rustikalen Sechsachtelsong „Der Strom“, der tatsächlich strömt und fließt, sich zwischendurch beruhigt, bevor er dann wieder reißend wird. Ein paar Stücke weiter dann der bereits erwähnte „Schmetterlings Gang“: eine unter strengem Hippie-Verdacht stehende Sitar summt, und wer in der Lage ist, sich darauf einzulassen, fliegt mit.

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Jedenfalls provokanter als der Debatten-Rock der Neunziger

Ganz anders und doch auch allein der Form verpflichtet ist der nach vorne preschende „Strobohobo“: Distelmeyer zitiert um etliche Ecken und Kanten den absurden Dylan der mittleren Sechziger und benutzt so viele „o“s, daß man durch die Wörter ins Leere gucken kann: „Der Pornorapper stellt sich doof, jongliert mit den Optionen“. Das alles ist, wenn man sich nur ein wenig öffnet, aufregender als der mit studentenparlamentshafter Piefigkeit zurückgeforderte Debatten-Rock der neunziger Jahre. Und, wie die vielen erbosten Kritiken zeigen, offenbar auch provokanter.

„Verbotene Früchte“ ist deshalb noch lange kein Meisterwerk. Die Platte hat Durchhänger: das etwas hüftsteife „Heiß die Segel“, das langweilige „Tiere um uns“. Aber man kann hier einem virtuosen Texter mit Freude dabei zuhören, wie er ausprobiert, wie er uralte Formen und Muster neu arrangiert, wie er sich verändert - ohne extra vorher vom Motorrad fallen zu müssen.

Der schönste Text auf dem Album ist der zum Song „Der sich dachte“; hier zeigt sich, daß es keinen alten oder neuen Jochen Distelmeyer gibt - nur den einen: „Und er ging seinen Weg - nur ein Wunsch ohne Ziel / Auf dem Rücken der Zeit, mit Liebe im Gefühl / sein Weg war mal leicht, mal schwer / und die Wellen tanzten über das Meer / Der, der sich dachte, sah den Gedanken hinterher“.

Blumfeld: „Verbotene Früchte“, erschienen bei Sony/BMG.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.04.2006, Nr. 17 / Seite 29
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