Judith Holofernes im Gespräch

„Das Musikbusiness ist noch immer krass patriarchalisch geprägt“

Von Martin Benninghoff und Oliver Georgi, Berlin
Aktualisiert am 09.11.2020
 - 11:42
Will sich unter anderem mit Crowdfunding im Musikbusiness behaupten: Judith Holofernes
Eine Industrie, die Frauen aussortiert, sobald sie Mütter werden, kann gar nicht viele Frauen beherbergen: Ein Gespräch mit der Musikerin und „Wir sind Helden“-Frontfrau Judith Holofernes über nervige Klischees und Latte schlürfende Prenzlauer-Berg-Muttis.

Ist das Popbusiness immer noch so männerlastig?

Klar, total. Da muss man sich nur die Line-ups angucken. Man spürt es aber auch sonst an jeder Ecke. Du spielst bei irgendeinem Festival, und danach fragt dich ein Journalist backstage, ob du zu Hause auch manchmal ein Instrument spielst, weil er nicht gesehen hat, dass du gerade die Rhythmusgitarre in der Band bedient hast. Oder es kommt vor, dass Techniker dich nicht ernst nehmen. Am meisten habe ich das aber gemerkt, als ich mich fortgepflanzt habe. Da wurde es drastisch sichtbar, das hat mich für zwei Jahre wirklich niedergeschmettert.

Inwiefern?

Ich habe mich bei meiner ersten Soloplatte überreden lassen, als erste Single einen von drei Songs auszukoppeln, die mit dem Thema Fortpflanzung zu tun haben. Ich wusste schon, dass das eine saublöde Idee ist, obwohl ich den Song liebe. Eigentlich hatte ich auch das Gefühl, der Grundtenor des Albums ist ein ganz anderer, ich war auf ganz andere Stücke stolz. Aber in der Presse wurde die Platte fast ausschließlich als „Jetzt ist sie Mama, das merkt man auch“-Album wahrgenommen. In den Kritiken sind plötzlich irgendwelche Kinderinstrumente aufgetaucht und Kinderchöre, die es auf der Platte gar nicht gab. Alles wurde diesem Narrativ untergeordnet, egal, was ich machte.

Wie hast du reagiert?

Ich war total geschockt, weil ich das nicht erwartet hatte. Am Anfang habe ich noch relativ freimütig über das Thema geredet, weil ich dachte, es ist wertvoll, über die Realität des Älterwerdens und Elternseins zu sprechen. Aber bald habe ich das gelassen, weil das Mutti-Narrativ immer krasser wurde. Wie bei so einer Konzernbossin, der alle nach ihrem ersten Kind immer sagen, wie mütterlich sie ihre Flipcharts organisiert.

Oder über die gesagt wird, super, wie die das alles schafft!

Genau, das ist dasselbe Narrativ, nur umgedreht. Plötzlich wurde ich gefragt: Hey, Judith, was kannst du den ganzen jungen Frauen sagen? Und ich dachte nur: Keine Ahnung, holt euch ’nen Babysitter! Ich war mit meinen Kindern auf Tour, wenige Leute konnten daraus etwas für ihr Leben ziehen. Und plötzlich haben auch Radiosender mich nicht mehr gespielt.

Weil du vermeintlich nicht mehr ins Schema gepasst hast?

Weil ich mich durch das Kind aus der Zielgruppe verabschiedet hatte. Auf einmal gingen alle möglichen Türen zu; ich war plötzlich erwachsen, nicht mehr Pop, kein Jugendformat mehr. Auch Festivals, auf denen ich gerne gespielt hätte, haben mich nicht mehr eingeladen. Dabei war meine Platte alles andere als „Middle-of-the-road“. Mich hat das so zerstört, dass ich aufhören wollte.

Deinem Mann wäre das so wahrscheinlich nie passiert.

Natürlich nicht! Schon als wir noch mit den Kindern auf Tour waren, hat Pola (Mitmusiker und Ehemann, Anm. d. Autoren) nie jemand gefragt, wie er das alles unter einen Hut bekommt.

Gab es einen Moment, an dem du dachtest: Okay, dann mache ich halt keine Songs mehr über Kinder?

Nein, nie. Ich hatte ohnehin immer das Gefühl, dass die Leute, die meine Musik hören, zu viel mehr Differenzierung in der Lage sind. Und jetzt, seit ich mit der Plattform Patreon arbeite und nicht mehr so breit an alle möglichen Leute rankommunizieren muss, wird diese Verbindung noch intensiver. Zumindest hoffe ich das.

Ist dieses schematische, überkommene Frauenbild im Musikbusiness stärker ausgeprägt als in anderen Branchen?

Ich finde schon, das Musikbusiness ist noch immer krass patriarchalisch geprägt. Die meisten Schlüsselpositionen sind von Männern besetzt, Frauen kommen kaum vor. Das ist ein ganz klares strukturelles Problem der Branche. Allein die Tatsache, was für ein Makel es ist, Kinder zu kriegen, wie unpop, unsexy und unwild das ist! Aber nur weil ich jetzt Kinder habe, muss ich mich doch nicht die ganze Zeit nur noch darüber unterhalten, ob ich jetzt eine Latte schlürfende Prenzlauer-Berg-Mutti bin, die ihren Bugaboo durch die Gegend schiebt! Trotzdem ist der Stempel sofort da: keine Frau, keine Künstlerin, kein Vamp und auch kein eigenes Leben mehr. Das ist niederschmetternd! Eine Industrie, die Frauen aussortiert, sobald sie Mütter werden, kann ja gar nicht viele Frauen beherbergen, weil sie sie immer klein hält.

Hast du persönlich auch mit Sexismus Erfahrungen gemacht?

Immer wieder. Ich hatte mal ein sehr schönes Interview über Frauen im Pop, ein stundenlanges Gespräch im Backstage eines Festivals. Am Schluss fragte der Journalist, ob ich ältere Vorbilder in dem Beruf habe. Ich habe gesagt, Patti Smith und Marianne Faithful. Er antwortete: Ah, Marianne Faithful! Na ja, ganz so auseinandergehen musste ja nicht!

Selbst von eigentlich klugen Männern kommen noch solche Sprüche.

Ja, nicht zu fassen. Ich habe mich über all die Jahre immer so über Inhalt definiert und hatte eigentlich nie das Gefühl, dass mein Beruf besonders von meinem Aussehen abhängen sollte. Trotzdem habe ich mich, als ich Kinder bekommen habe, mit meinem zusätzlichen Gewicht so elend gefühlt. Ich habe oft das Gefühl, dass es bei Männern Aggressionen hervorruft, wenn man dem Image plötzlich nicht mehr entspricht.

Woher kommen die Aggressionen?

Das ist so, als würde man das Lieblingsspielzeug von jemandem kaputtmachen. Du zerstörst etwas, indem du dich vermehrst. Außerdem spüren die Leute an dir ihr eigenes Älterwerden, auch das macht aggressiv. Ich weiß noch, dass ich während der Schwangerschaft mal auf einer Aftershow-Party war, ich wog zehn Kilo mehr, mein Bauch hing mir in Falten runter. Ich hatte so ein Zeltkleid an, ein tolles, grünes, glitzerndes. Da kam ein Journalist zu mir und sagte: Judith, wie schaffst du das nur, schon wieder so auszusehen? Ich sagte zu ihm: Komm mit, wir gehen aufs Klo, ich zeig dir meinen Kängurubauch! Ich will mit der Scheiße nichts zu tun haben, ich will nicht, dass du das schreibst, dass ich so aussehe, weil es nicht stimmt! Da hat man gemerkt, wie stark bei vielen der Wille ist, auch das wieder einem Narrativ unterzuordnen: schwanger, aber man sieht es kaum! Dabei will ich doch gar nicht so aussehen, als hätte ich mir mein Kind aus der Nase gezogen. Oder als würde ich nicht altern.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Benninghoff, Martin
Martin Benninghoff
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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Oliver Georgi
Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.
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