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Kettcar auf Tour

Neue Deutlichkeit

Von Elena Witzeck
 - 10:59

Diese Schwermut, diese zwischen den Zeilen baumelnde Unruhe. Das Gefühl, das sich einstellt, ist dasselbe wie vor fünfzehn Jahren, als Marcus Wiebusch mit verkniffenem Gesicht und seiner Gitarre dastand, seltsam kehlig von den Landungsbrücken sang, dem Hamburger Sehnsuchtsort, und den Erinnerungssplittern, in die tritt, wer dorthin zurückkehrt. Und wie er da so stand und in die Kamera blickte, sah er damals schon sehr oldschool aus. Ein Musikvideo, das wie die Musik selbst nur das Nötigste tat; es reichte, um Jahre später jemanden zu einem hingeseufzten Youtube-Kommentar zu animieren: „Ich will die Zeit zurück.“ Geht natürlich nicht.

Für die, deren Erinnerung nicht so weit zurückreicht: Kettcar, das waren die sperrigen Typen mit den poetischen Texten und den simplen, aus dem Punk mitgebrachten Akkorden. Die Zyniker aus einer Zeit, in der die digitale Welt noch mit Misstrauen erkundet und wenig über sichtbare und unsichtbare Grenzen, dafür viel über den Sinn und Unsinn von Kriegen gesprochen wurde. Aus einer Zeit, in der Musikgruppen Namen wie Tomte und Hansen Band hatten, die so unprätentiös klangen, dass kindliche Frechheit und Freiheit in ihnen mitschwangen. Wer damals glaubte, Kettcar seien einfach nur Pop, hatte keine Ahnung.

Jetzt sind sie zurück

Kettcar wurden Anfang des neuen Jahrtausends zu einem Stück Hamburger Schule, so wie die Hamburger Bands Die Sterne und Tocotronic vor ihnen: intellektuell und gesellschaftskritisch, privat und politisch, Stimme der Jugendkultur an der Schnittstelle von Mainstream und Punkrock. Weil sich kein Plattenlabel fand, gründete der Sänger Marcus Wiebusch mit seinem Bandkollegen Reimer Bustorff und dem Tomte-Sänger Thees Uhlmann das Plattenlabel „Grand Hotel van Cleef“. Wegen ihres Hangs zum Hymnischen hatten Kettcar immer auch etwas Indiehaftes. Zur Stimme einer linken Szene wurden sie nie. Aber die Anspruchsvollen, Kritischen und Empfindsamen, die Emily Brontës und Laurence Sternes unter denjenigen, die sich mit deutschsprachiger Musik anfreunden konnten, hörten ihnen aufmerksam zu.

Seit 2013 war von Kettcar nichts mehr zu hören, jetzt aber sind sie wieder da. Wiebusch, Bustorff, der Gitarrist Erik Langer und der Schlagzeuger Christian Hake gehen mit einem neuen Album auf Tour.

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Musikvideo
„Landungsbrücken raus“ von Kettcar

Was Kettcar immer ausmachte, war das unbequem Lyrische. Sie nannten ihre EPs „So lang die dicke Frau noch singt, ist die Oper nicht zu Ende“, reimten „So eine Chance kommt nie wieder“ auf „Du gehst tränenreich in eine höhere Liga“ und rieten: „Mach immer, was dein Herz dir sagt, und begrab' es an der Biegung des Flusses“. Es klang sehr echt und sehr richtig, dass sie sich an die blinden Propheten und stolzen Versager wandten und sie einluden in einen Club, in dem jeder Mitglied werden kann, der Eintritt frei, aber nicht umsonst. Was heute mancher als naiv abstempeln würde, war damals einfühlsam und idealistisch, und so hören es die Fans noch immer.

Ein wenig subtiles Statement zur Flüchtlingskrise

Das im Oktober veröffentlichte Album „Ich vs. Wir“ klingt anders. Kettcar sind politischer geworden, drängender, direkter. „Sommer 89“, die fünfminütige ausgekoppelte Single, erzählt von einem Fluchthelfer, der mit einem Bolzenschneider an die ungarische Grenze fährt und drei Familien aus der DDR hinüber nach Westdeutschland holt, was als ein wenig subtiles Statement zur Flüchtlingskrise gelesen werden kann. Nach dem ersten Hören ist klar: Subtil will Kettcar diesmal ganz offensichtlich nicht sein. Im Musikvideo wird die Geschichte sicherheitshalber untertitelt, und die Strophen singt Wiebusch nicht, er spricht sie. Keine Ablenkung. Darüber hinaus ist vieles kettcaresk geblieben: die unaufgeregten, zurückgenommenen Riffs, die Hamburg-Metaphorik, der hymnische Ton.

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Musikvideo
„Sommer ’89“ von Kettcar

Als das Album da war, wurde gleich Kritik laut. Ein Vorwurf, beinahe trotzig vorgebracht, lautete: Das klingt nicht mehr so entspannt, wie Kettcar klingen sollte. „Sommer 89“ sei ein einziges empörtes Aufplustern, das seine Wirkung verfehle. Nun ließe sich einwenden, dass die Bundesrepublik seit dem letzten Album der Band ebenfalls an Entspanntheit eingebüßt hat. Seltsamerweise wurde auch das hässliche Wort „Konsensrocker“ wieder aus der Schublade geholt. Die Band dürfte das alles schon gekannt haben: zu viel Innenschau, Massentauglichkeit und fehlendes Revolutionspotenzial war ihn in den Jahren vor der Pause schon vorgeworfen worden.

Sicher, dem Pathos-Vorwurf muss sich dieses neue Album stellen. Das liegt nicht nur an Videos, in denen sich Familien tränenreich bedanken und herzlose WG-Mitbewohner resümieren, eine deutsche Einheit wäre ein großer Fehler, das massenhafte Kommen der DDR-Bürger trüge zur weiteren Destabilisierung der Machtverhältnisse in Europa bei. Es liegt auch an Songs wie „Den Revolver entsichern“, eine Ode an „die ganzen NGO-Praktikanten“, die Gutmenschen und Weltverbesserer also, die Kettcar früher mit Argwohn betrachteten. Und dann die Zeile „Oh, what's so funny about peace, love and understanding?“, entliehen von Nick Lowe, dem englischen Produzenten. Wenn da irgendwo Ironie versteckt ist, haben sie die Hamburger bis zur Unkenntlichkeit verschleiert.

Sehnsucht nach klaren Kanten

Pathos jedenfalls kann verzeihlich sein, solange es ernst gemeint ist. „Und wer hält was er verspricht, wenn er nicht glaubt was er sagt?“, heißt es im Song „Im Taxi weinen“. Kettcar sind offenbar übereingekommen, dass Zynismus und Abgrenzung Stilmittel der Neunziger Jahre waren, dass sie in einer Zeit, in der radikale Parteien heranwachsen und es einen von Moral befreiten Präsidenten gibt, schnell schal klingen. Sie haben sich für Klarheit mit Botschaften entschieden. Ganz ohne Distinktion kommt natürlich keine Band aus: Ton und Sound des Albums könnten den Bendzkos, Bouranis, Forsters und Knyphausens des Landes, die keinen Bedarf an Politischem haben, nicht deutlicher gegenüberstehen.

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Muskvideo
„Wagenburg“ von Kettcar

Marcus Wiebusch hat den Schritt in die neue Deutlichkeit schon mit seinem vor vier Jahren veröffentlichten Soloalbum „Konfetti“ gemacht, in dem er gegen Homophobie im Fußball ansang. Wenn Kettcar also jetzt härter, direkter klingt, ist das einerseits nur konsequent und andererseits eine Rückkehr dorthin, wo Wiebuschs Musikerdasein begann, beim wütenden Beat seiner Neunziger-Punkband But Alive. Nach diesen Zeiten, nach den klaren Kanten, sehnen sich Kettcar schon auch zurück.

Braucht es einen deutschsprachigen Song wie „Wagenburg“, der von der Gefahr einer kollektiven Selbstermächtigung handelt, um auf Hass und Hetze im Jahr 2018 zu reagieren? Bei den ausverkauften Konzerten in München, Erlangen, Dortmund, Bremen, Wiesbaden und Hamburg beantworten die Fans von Kettcar diese Frage mit ja. Andererseits stehen dort auch keine Achtzehnjährigen mehr, deren politische Meinungsbildung sich parallel zu ihrer Musikwahl vollzieht. Das Publikum ist mit der Band gealtert, und deshalb müssen sich Kettcar jetzt auch noch anhören, dass sie langsam Platz für „die Jüngeren“ machen sollten. Wenn es denn Jüngere gäbe, die es so oder so ähnlich könnten.

Kettcar tourt noch bis Ende März durch Deutschland. Am 1. Februar spielt die Band in Leipzig, am 3. Februar in Köln und am 10. Februar in Berlin. Im Juni ist sie bei Rock am Ring und Rock im Park zu hören.

Quelle: FAZ.NET
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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