Kraftwerk in der Hall of Fame

Vier Afrofuturisten aus Düsseldorf

Von Daniel Haaksman
30.10.2021
, 10:22
Im Jahr 1981 treten Kraftwerk im  New Yorker Club Ritz auf.
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Kraftwerk wird an diesem Samstag in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame aufgenommen. Warum hat man jahrzehntelang verkannt, welche Rolle die afroamerikanische Musik beim Welterfolg der Elektronikpioniere spielte?
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An diesem Wochenende kürt die Rock ’n’ Roll Hall of Fame in Cleveland neue Mitglieder. Darunter sind Kraftwerk als erste deutsche Gruppe, die in diese heiligen Hallen der Popmusik aufgenommen wird. Auch wenn die vier Düsseldorfer seit Jahrzehnten nichts Neues veröffentlicht haben, gilt Kraftwerk auch 2021 immer noch als bedeutendster internationaler Pop-Export Deutschlands – mit globalem Einfluss.

Blickt man auf die Website der Hall of Fame, wundert man sich aber etwas. Als die wichtigsten Einflüsse der Band werden dort die Beach Boys, Velvet Underground und Karlheinz Stockhausen genannt. Klar, den Refrain ihres ersten Welthits – „Fahrn, Fahrn, Fahrn Auf Der Autobahn“ – können wohl immer noch die meisten mitsingen, es ist die deutsche Antwort auf „Fun Fun Fun“ der Beach Boys.

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Und es ist auch allgemein akzeptiert, dass Kraftwerk mit ihrem 1974 erschienenen Album „Autobahn“ angetreten waren, mittels neuer elektronischer Musikinstrumente Blues-Einflüsse aus ihrer Musik zu verbannen und sich melodisch auf Bach und Schubert und visuell auf Weimar-Expressionismus und Bauhaus zu beziehen – und dabei eine autochthone künstlerische Handschrift entwickelten. Kraftwerk, die romantischen Antirocker.

Hartnäckig hält sich aber der Mythos, dass die zukunftsorientierte Musik von Kraftwerk in einem kulturell vakuumverpackten West Germany entstand und die Gruppe mithilfe ihrer hypermodernen, elektronischen Gerätschaften einen Sound erzeugte, der so visionär und neu war, dass man sich sogar in Großbritannien die Augen rieb, weil die musikalische Zukunft plötzlich aus Deutschland zu kommen schien.

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Als einer der beiden Köpfe von Kraftwerk, Florian Schneider, im Frühjahr 2020 starb, waren die großen Feuilletons voll mit Nachrufen, die noch einmal den Tenor anstimmten, die elektronische Pop- und Tanzmusik von heute würde ohne die deutschen Patenonkel von Kraftwerk nicht existieren.

Doch nicht erst seit dem Tod von Florian Schneider hat sich eine andere Lesart des deutschen Pop-Phänomens Kraftwerk ausgebildet – neben der bislang stark eurozentrisch ausgerichteten Exegese in Musikzeitschriften wie Wire. In dieser anderen Lesart wird das Werk der Düsseldorfer in ein Kontinuum jahrzehntealter, transatlantischer Musikdialoge eingeordnet.

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Vor allem die Rolle der politischen, sozialen und kulturellen Emanzipation der Afroamerikaner in den Sechzigerjahren gerät dabei in den Blick, insbesondere die Innovationen in der afroamerikanischen Populärmusik. Kraftwerk antworteten darauf, indem sie in vielschichtiger Form musikalisch winzige, aber signifikante Veränderungen sofort erkannten, absorbierten und neu nutzten, insbesondere, was Rhythmus und Technologie angeht.

Der umgekehrte Einfluss war von Anfang an sichtbar

Warum aber wurde bislang immer nur von Kraftwerks Einfluss auf die schwarze Musik geredet, obwohl der umgekehrte Einfluss von Anfang an sichtbar war? Lag es daran, dass weiße Journalisten, die der Musik von Kraftwerk huldigten, der schwarzen Musik weniger Avantgarde-Potential zuschrieben? War das Narrativ von Kraftwerk als Epigonen der deutschen Ingenieurkünste griffiger als deren Zitatspiele mit den komplexen Stilblüten der afroamerikanischen Musik? Die Köpfe von Kraftwerk, Ralf Hütter und Florian Schneider, erwähnten in ihren seltenen Interviews gelegentlich, dass sie Fans von Tamla Motown waren. Aber als Liebhaber von Funk und Jazz zeigten sie sich eigentlich nie. Vermutlich hätte man die Verbindungen sonst schon früher erkannt.

Der Welterfolg von Kraftwerk wäre tatsächlich kaum denkbar ohne die Vorarbeit afroamerikanischer Musik. Und auch nicht ohne die spätere afroamerikanische Rezeption von Kraftwerk. Die transatlantische, kulturelle Wechselbeziehung begann aber zuerst in Düsseldorf. Belege für die Einflüsse schwarzer Musik finden sich an vielen Stellen in der DNA des Kraftwerk-Sounds. Etwa auf „Tone Float“, so heißt der Titelsong des Debütalbums von Ralf Hütter und Florian Schneider, 1970 noch unter dem Namen Die Organisation, erst danach benannten sie sich in Kraftwerk um. Hier kann man die Band mit einem Rhythmus experimentieren hören, der dem „Bo Diddley“-Beat ähnelt: einem stark akzentuierten Schlagzeugmuster, das den Rock ’n’ Roll in den Fünfziger- und frühen Sechzigerjahren dominierte.

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Wie wichtig Diskothekenbesuche für die Mitglieder von Kraftwerk in den mittleren bis späten Siebzigerjahren waren, beschreibt deren ehemaliger Perkussionist Wolfgang Flür in seinem Buch „Ich war ein Roboter“: Die vier Kraftwerker hätten nach getaner Arbeit in ihrem Düsseldorfer Kling-Klang-Studio die Tanzfläche gestürmt, „wenn Funkadelic lief und James Brown, George Clinton oder Bootsy (Collins)“. Der andere Perkussionist, Karl Bartos, schildert in seinem Buch „Der Klang der Maschine“, dass einer der bekanntesten Kraftwerk-Songs, „Die Roboter“, als eine Antwort auf die Funk-Hymne „Real Mother For Ya“ von Johnny „Guitar“ Watson entstanden sei: Und um noch einmal auf die Beach Boys zu kommen, die Kraftwerk kopierten: Waren die nicht selbst vom afroamerikanischen Doo-Wop und R ’n’ B der Fünfzigerjahre geprägt gewesen?

Die Tanzmusikrevolution, die Mitte der Siebzigerjahre in den Vereinigten Staaten mit Disco begann, eröffnete plötzlich ein neues Spielfeld auch für Kraftwerk. Die Gruppe reagierte sofort: Inspiriert vom überraschenden Erfolg des 1977 erschienenen Kraftwerk-Songs „Trans Europa Express“, engagierte man den ehemaligen Motown-Tontechniker Leanard „Colonel Disco“ Jackson, um das folgende Album abzumischen, „Die Mensch-Maschine“ (1978).

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© YouTube/Kling Klang Machine

Die 1983 erschienene Single „Tour De France“ wurde von dem New Yorker Disco-Produzenten François Kervokian gemischt. Und als in der neu entstehenden Dance-Music-Szene der Vereinigten Staaten die Hochkonjunktur von Disco und der Aufstieg des Hip-Hops ineinander übergingen, waren es schwarze DJs wie Larry Levan, The Electricifying Mojo oder Afrika Bambaata, die Kraftwerk beim afroamerikanischen Publikum bekannt machten. Und aufwerteten. Denn europäischer Synthie-Pop war im schwarzen Amerika lange nicht ernst genommen worden.

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Die kulturellen Aneignungsprozesse verliefen aber auch in die entgegengesetzte Richtung. Kraftwerk sorgten im weiteren Verlauf der Achtzigerjahre im schwarzen Amerika für einen Funkenschlag von Ideen und Sounds, dienten als Katalysator neuer regionaler Musikgenres. Die Gruppe zeigte einer jungen Generation, wie elektronische Musikinstrumente als kreativer Kern einer neuen Musik fungierten. Vor allem kühlten Kraftwerk die Temperaturen der angloamerikanischen Popmusik und ihre Sinnlichkeitsgeschichten der Hitze und des Schweißes (buchstäblich: des „Funks“) auf Klimaanlagentemperaturen herunter. Diese Praxis des Cooling, ermöglicht durch den Einsatz von Synthesizern und Computern, führte zu erheblichen ästhetischen Transformationen im Pop jenseits des Atlantiks.

Funk und Geräte-Elektronik

Kraftwerk konnten in den schwarzen Communitys anlanden, weil ihre futuristischen Sounds und Texte über Roboter, Mensch-Maschinen und Computer auf einen diskursiven und musikalischen Nährboden fielen, der unter afroamerikanischen Musikern schon länger kultiviert worden war: den sogenannten Afrofuturismus eines Sun Ra. Die ersten Drum-Machines und Synthesizer in der Musik von Stevie Wonder, Sly Stone, Herbie Hancock und von Gruppen wie Parliament-Funkadelic. Und wenn es um Geräte-Erotik geht: Die Isley Brothers hatten schon 1969 über ihre Lieblingsmaschine gesungen, den „Vacuum Cleaner“.

Heute können Kraftwerk in der ideologisch aufgeheizten Debatte um kulturelle Aneignung als Paradebeispiel herhalten für die vielschichtigen Formen nicht ausbeutender kultureller Aneignungsprozesse. Sie haben ein Werk geschaffen, das künstlerische globale Dialoge ermöglicht, nach wie vor. Sie sind Prototypen postmoderner Künstler, die sich neuen Technologien und den unterschiedlichsten künstlerischen und musikalischen Quellen bedienten, um eine neue, grenzenlose und weltweit rezipierbare Kunst zu schaffen. Dass jetzt endlich die schwarzen Inspirationsquellen ihres Werks sichtbar werden, war nur an der Zeit.

Quelle: F.A.S.
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