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Album von Laurie Anderson

Die Alchemistin der Ambivalenz

Von Peter Kemper
 - 12:56

In der Nacht des 29. Oktober 2012 trifft Hurrikan „Sandy“, der verheerendste Sturm der alljährlichen hurricane season, auf New York. Auch Laurie Andersons Kellerräume in Lower Manhattan werden überflutet. Als sie all die sorgsam gehegten Erinnerungsstücke sieht, die auf den dunklen Wassern dümpeln – selbstgebaute Violinen, Keyboards, Bücher und Bühnenbilder –, ist sie seltsam berührt und kann nicht umhin, ihren widerstreitenden Empfindungen angesichts der düsteren Szenerie Ausdruck zu verleihen: „Wie wunderschön. Wie magisch. Aber auch wie katastrophisch.“

Laurie Andersons neues Album „Landfall“ (Nonesuch/Warner) gleicht einem poetischen Nachsinnen über das, was unwiederbringlich verloren ist und was wiederzufinden sich lohnt. Beständig schwankt ihr feinfühliger Futurismus zwischen musikalischen Traumwelten und Echtzeit-Grübeleien. Nach fast fünfzig Jahren Multimedia-Kunst ist sie immer noch ein passionierter Harlekin des Chip-Zeitalters. Dabei geht es in den anthropologischen Meditationen zuallererst darum, „mentale Bilder“ zu erzeugen. Versuchsweise distanziert sie sich von den Informationsfluten einer Dotcom-Kultur, die in ihrem Kern dem Fetisch der Technologie huldigt. Zugleich aber nutzt sie eine State-of-the-Art-Technologie, um das Vertrauen in virtuelle Welten zu hinterfragen. So ergibt sich in ihrer Kunst ein produktiver Zwiespalt: Die Zweifel an der Allmacht der Technik macht sie mit ebenjenen technischen Hilfsmitteln erst erlebbar. Laurie Anderson gilt als Alchemistin der Ambivalenz, nicht selten gleicht sie einer guten Fee im geheimnislosen Google-Gestrüpp.

Ein Selbstgespräch wider Willen

Anstelle von Antworten will sie die richtigen Fragen stellen: Was macht die digitale Welt mit unseren Erinnerungen? Ist gelingende Kommunikation weiterhin garantiert? Kann man noch glauben, was man hört und sieht? Diese Strategie einer lustvollen Verunsicherung dominiert auch ihr jüngstes Werk „Landfall“, das seine Bühnenpremiere im Jahr 2013 feierte, aber erst jetzt in komprimierter Form als Album erscheint. Erstmals hat sich Anderson dabei mit dem brillanten Kronos Quartet verbündet, jener Formation, die seit fast fünfzig Jahren daran arbeitet, das Streichquartett immer wieder neu entstehen zu lassen – „permanente Grenzüberschreitung“ lautet der modus operandi.

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Laurie Anderson & Kronos Quartet - The Water Rises / Our Street Is a Black River

Mag das Narrativ vordergründig durch die Verwüstungen von „Sandy“ geprägt sein, so geht es Anderson in den dreißig Mini-Kompositionen um tiefere Wahrheiten. Steigende Fluten, erhöhte Radioaktivität, potenzierte Ratlosigkeit – Zusammenhänge scheinen zu zerfallen; häufig versuchen wir allzu verbissen und deshalb vergeblich, die Bruchstücke des Lebens wieder zusammenzufügen. Im neunminütigen Singsang von „Nothing Left But Their Names“ berichtet Anderson von der unvorstellbaren Menge ausgestorbener Tierarten. Fast gleicht die Aufzählung der untergegangenen Spezies – von der puerto-ricanischen Langnasen-Fledermaus bis zu fast dreißig Wiesel-Arten – einem Selbstgespräch wider Willen. Der implizite Tenor dieses einschmeichelnd vorgetragenen Verlust-Katalogs lautet: Der Homo sapiens könnte die nächste Spezies sein, die vom Antlitz der Erde verschwindet.

Sonntagspredigt von Darth Vader

Anderson arbeitet in diesem zentralen Stück des Albums mit ihrem berühmten „Voice Filter“, der ihre Stimme in ein tiefes maskulines Register transformiert – eine Technik, die sie selbst ironisch als „audio drag“ bezeichnet und die in der Regel eine „Stimme der Autorität“ verkörpern soll. In „Landfall“ erinnert sie in ihrer salbungsvollen Art an eine Sonntagspredigt von Darth Vader. Der Name des hebräischen Buchstabens „Aleph“ klingt dann in der comicartigen Bass-Intonation wie „Olive“.

Und doch handelt es sich bei den zumeist instrumentalen Vignetten mitnichten um postapokalyptische Filmmusik. Andersons koboldhafter Humor bricht sich in sprunghaften Überlegungen zu unerreichbaren Galaxien, unvergesslichen Träumen und digitaler Gaunerei immer wieder Bahn. Etwa wenn sie von ihrem bizarren wie beiläufigen Erlebnis in einer holländischen Karaoke-Bar erzählt: „Ich versuchte ein koreanisches Lied zu singen, und gerade als ich den Bogen raushatte, stürzte die Software ab. Das Bild auf dem Monitor wechselte zur indonesischen Ausgabe von Netflix. Kurz darauf reparierte sich das Ganze selbst. Und alles ohne jeden Grund.“ Virtuos spielt Anderson mit der Ziellosigkeit ihrer Geschichten – sie gaukeln eine gewisse Logik vor, ohne jemals Sinn zu produzieren.

Voyeuristin auf Spurensuche

Auf ihrem ersten „musikalischen“ Album seit langer Zeit setzt die New Yorkerin auf schlaftrunkenen Charme und elektronische Finesse. Erinnern einige der Kompositionen an die späten Streichquartette von Beethoven, so huldigen andere den elegischen Lyrizismen von Philip Glass – langsam pulsierender Minimalismus versöhnt sich mit struktureller Komplexität. Kleinste musikalische Zellen verbinden sich zu einem hypnotischen Patchwork. Klassische Motive und Ambient-Strukturen gehen dabei Hand in Hand. Wabernde Keyboard-Cluster grundieren die oft kreiselnden Streicher-Sequenzen, ein flauschiger Synthesizer-Beat belebt das sanfte Gleiten der Violinen und die Pizzicati des Cellos. Der oft zyklische Charakter der Stücke macht einerseits das Vergehen der Zeit hörbar und verweist andererseits auf die Struktur der ewigen Wiederkehr.

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Laurie Anderson & Kronos Quartet - CNN Predicts a Monster Storm

„Reagieren Sie nicht auch genervt, wenn Menschen anfangen, Ihnen ihre Träume zu erzählen?“ Gleichwohl beantwortet Anderson diese rhetorische Frage, indem sie einen skurrilen Traum ausbreitet, in dem ihr Vater („Oder war es doch der Onkel?“) eine zentrale Rolle spielt. Mit ihrem suggestiven Sprechgesang unterläuft sie immer wieder die bisweilen sperrigen Strukturen der Komposition. Weich dahinfließend und von digitaler Reinheit ist Andersons Naturstimme. Trotz ihrer analytischen Kühle besitzt sie eine androgyne, verführerische Kraft. Die kommt auch einer Story zugute, die in einem deutschen Aufnahmestudio spielt: Ein nackter Mann sitzt auf einem Stuhl und ist über und über mit Fliegen bedeckt – die sich erst bei näherem Hinsehen als winzige Mikrofone entpuppen.

Wirken ihre drolligen Geschichten wie Treibholz, das zufällig aus einem unaufhörlichen Bewusstseinsstrom herausgefischt wird, so ist auch ihr musikalisches Mosaik eklektizistisch, unberechenbar und überraschend. „Im Grunde bin ich ein Voyeur, auf Spurensuche in unserer Informationsgesellschaft.“ Laurie Anderson will noch immer das geheime Wesen der Technik, die Seele des Rechners enträtseln. Die süße Melancholie von „Landfall“ lässt den Hörer mit dem paradoxen Gefühl einer atemberaubenden Ohnmacht zurück.

Quelle: F.A.Z.
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