Neues Westernhagen-Album

Der Angstblüte beim Wachsen zuhören

Von Edo Reents
20.05.2022
, 13:37
Seine Proletarierphase liegt schon länger zurück: Marius Müller-Westernhagen
Video
Die Verzweiflung eines Rock'n'Rollers: Marius Müller-Westernhagen liefert mit seinem neuen Album „Das eine Leben“ einen unerwarteten Vitalitätsbeweis.
ANZEIGE

Es war Martin Walser, der das aus der Botanik bekannte Phänomen der Angstblüte mit einem gleichnamigen Roman in Erinnerung gerufen und aufs Menschliche übertragen hat; da gehört es auch hin. Was man, mit dem Gestus besserwisserischen Ekels, als „Altherrenerotik“ aus dem Bereich selbst des künstlerisch Sagbaren heraushalten will, ist eine mal rührende, mal lächerliche, in jedem Fall eine ernste Äußerung (gefühlt) niedergehender Vitalität, bei den vom Verdursten bedrohten Pflanzen eben in Gestalt von Blüten oder Blättern; beim Menschen, eigentlich nur beim Mann, als noch einmal dramatisch verstärkte, bisweilen vom Hang zur Zote oder zur Übergriffigkeit begleitete Vereinigungssehnsucht, vorzugsweise mit einer Jüngeren. Man kann sich darüber lustig machen, davon angewidert sein, es ganz einfach ablehnen – ein Spaß ist das alles schon deswegen nicht, weil dabei Biologie im Spiel ist, die in ihrer schlechthinnigen Unhintergehbarkeit doppelt gnadenlos scheint: als Alterungsprozess und als nicht nachlassendes Begehren, allgemeiner auch als Erlebnishunger. Für den, der es kann, ist Sublimierung in Gestalt eines Alterswerks nicht der schlechteste Ausweg.

Marius Müller-Westernhagen hätte seine neue, 23. Studioplatte also, mit Martin Walsers freundlicher Genehmigung, gut und gerne „Angstblüte“ nennen können. Die Befürchtung, nicht genug erlebt zu haben und dass jetzt auch nicht mehr viel kommt, ist darauf mit Händen zu greifen. „Das eine Leben“ (Sony Music Germany) trifft es aber genauso: „Achterbahngedanken foltern meinen Kopf. Krankenhausgestalten am lebensverlängernden Tropf. Ich will reisen, reisen!, die Zeit verrinnt wie Sand. Mit allen schönen Frauen schlafen, im Schlaraffenland. Und ’ne Krone will ich haben aus Gold oder sogar aus Dornen der Rose geflochten, das wäre wunderbar. Das Leben ist das Leben und nicht das Paradies.“ Etwas anderes hat auch nie jemand behauptet. Die Frage ist bloß, ob man diese Einsicht nicht schon früher haben kann.

Video starten04:40
© Youtube

Es wäre leicht verdientes Geld, sich über so etwas lustig zu machen – „das tut dem alten Mann doch weh!“, könnte man mit dem Hit sagen, der 1989 aus allen Radios kam und der von der vollständigen Besessenheit eben dieses nicht mehr jungen Mannes von einer gewissen „Sexy“ handelt, die ihn am ausgestreckten Arm . . . na, Sie wissen schon. Man könnte auch andere, erheblich wuchtigere Hauptlieder wie „Ich will raus hier“, das natürlich von Corona handelt, oder „Zeitgeist“, eine mit Videos routiniert unterlegte Attacke auf die falsche Vorbildlichkeit der Reichen, Mächtigen und Schönen, von den Kardashians bis hin zu Gerhard Schröder und sogar Putin, als den Opportunismus abtun, der eben zum Geschäft gehört, wenn man noch etwas verdienen will; Peinlichkeiten wie „Die Kraft in meinen Lenden zerfloss in meinen Händen“, für die sich jeder Dirty-old-man-Schriftsteller zu fein wäre, inbegriffen. Denn textlich ist es seit dem von der Platte „Geiler is’ schon“ (1983) markierten Ende der ja wirklich rotzfrechen Proletarierphase ein ausgemachtes Westernhagen-Problem, dass dem Willen zur Sinnstiftung oft eine Anfälligkeit zum Ungereimten, ja, Sinnwidrigen in die Quere kommt. Da sind die Tautologien (jetzt „Das Leben ist das Leben“, „Es geht immer nur so weit, wie es geht“) das geringere Übel. Dass er im Modus der Unverschämtheit immer noch am besten ist, hört man auch jetzt wieder.

ANZEIGE

Sein Rick Rubin heißt Larry Campbell

Musikalisch ist das im wesentlichen Hausmannskost, aber die ist ja nahrhaft genug. Unter den drei großen Deutschsprachigen ist Marius Müller-Westernhagen der am wenigsten deutsche, weniger jedenfalls als Lindenberg und Grönemeyer; er war den Rolling Stones früh erlegen und ist es wahrscheinlich immer noch. Von ihnen hat er gelernt, wie man sich über die Jahrzehnte mit einem relativ homogenen Musizierstil behaupten kann, auch auf die Gefahr hin, irgendwann selbst „Schnee von gestern“ zu sein, wie eines der überzeugendsten neuen Lieder heißt. Seit seinem unübertroffenen Meisterwerk „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (1978) sucht er sich seine Musiker und Produzenten sorgfältig aus. Dass Rick Rubin, der Johnny Cash noch einmal aus dem Schaukelstuhl gehievt und Neil Diamond unter die Arme gegriffen hat, sich noch bei ihm meldet, darauf kann er vermutlich lange warten. Sein Rick Rubin heißt Larry Campbell, ein auch an den Reglern versierter Multiinstrumentalist, der als Gitarrist immerhin für Bob Dylan gut genug war und mit dem Westernhagen schon auf „Williamsburg“ (2009) zusammengearbeitet hat, einem vielleicht etwas zu programmatischen Album, dem abzuhören war, dass Westernhagens alte Liebe zum Bluesrock von diesem nicht durchweg erwidert wird. Die kalte Schulter hat ihm der Bluesrock allerdings auch nie gezeigt. Das passierte nur bei den ganz auf empfindsam getrimmten Sachen, am denkwürdigsten auf „Nahaufnahme“ (2005), wo schon die wichtigtuerische Präsentation im Ruhrgebiet nach hinten losging.

ANZEIGE

Demütig sei der Musiker, ehrlich und bescheiden

Aus solchen, das würde wohl auch er selbst nicht bestreiten: Fehlern hat er die Nutzanwendung eines spürbar verringerten Aufwands gezogen. Nach seinem Abschied von Warner Music hält er es in der Regel so, dass er erst die Platte fertigmacht und sie dann anbietet. „Gute Musiker“, behauptet er, „spielen mit Demut und Bescheidenheit. Das ist einfach berührender und ehrlicher.“ Beides stimmt wahrscheinlich gar nicht, aber es ist gut gemeint. Und Westernhagen scheint sich davon eine Scheibe abgeschnitten zu haben, sonst hätte er seine neue Platte, die als erstaunlicher Vitalitätsbeweis alles andere als ungelegen kommt, womöglich etwas großspuriger angekündigt. Einst als „Armani-Rocker“ aus der Gerhard-Schröder-Entourage gescholten, wird er sich sagen, dass er so etwas auch gar nicht mehr nötig hat, dass aber ein Armani-Rocker immer noch besser ist als ein C&A-Rocker.

Man kann (und muss vielleicht) von den gemachten Einschränkungen absehen. Denn wenn man aus dem erwartbaren Themenkatalog und aus der insgesamt überraschend zupackenden Musik – auf eine Klavierballade kommen zwei Rockkracher – etwas herauspräparieren darf, dann ist es dieses nur zu begreifliche Klammern ans Dasein. Das eine Leben – mehr hat auch Marius Müller-Westernhagen nicht, und es berührt, wie er diese alles andere als neue, aber jeden, den sie einholt, dann doch jäh erschütternde Tatsache zum Ausdruck bringt, als, wenn wir richtig gerechnet haben, derzeit ältester noch wirklich produktiver deutscher Rock’n’Roller. Martin Walser war 79, als „Angstblüte“ herauskam, Westernhagen ist jetzt 73. Adenauer wurde da erst Kanzler.

ANZEIGE
Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE