Visionär Pharrell Williams

Der amerikanische Traum, leicht gekürzt

EIN KOMMENTAR Von Jan Wiele
22.08.2020
, 18:41
Er hat Verständnis für manche Denkmalstürze und sucht neue Vorbilder: Pharell Williams
Pharrell Williams hat eine neue Definition von schwarzer Revolution: Afroamerikaner sollen erfindungsreich den Kapitalismus umarmen, um endlich die Gerechigkeit zu erlangen. Dies feiert das Musikvideo „Entrepreneur“.
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Der Popstar Pharrell Williams hat im Gegensatz zum Kollegen Kanye West noch keine Ambitionen auf das Amt des amerikanischen Präsidenten geäußert – aber sein neues Projekt hat alle Züge einer Kampagne. „Entrepreneur“ heißt das Lied, das er am Freitag gemeinsam mit dem Rapper Jay-Z veröffentlicht hat. Es ist engagierte Musik mit klarer Botschaft: Schwarze in den Vereinigten Staaten sollen erfolgreiche Unternehmer werden, um ihr Leben zu verbessern.

Das Video zeigt dazu lauter Vorbilder und blendet Informationen zu ihrem Erreichten ein. Der optimistische „Yes We Can“-Werbespot wird flankiert von journalistischen Texten mit mehr Schärfe: Zeitgleich erscheint ein „Time“-Magazin mit dem Titel „The New American Revolution“, zu dem Williams den Aufmacher beisteuert. Der im Bundesstaat Virginia Gebürtige kritisiert darin den Gründungsmythos, der die dort im Jahr 1607 gelandeten Kolonisten als „Abenteurer“ bezeichne: Sie haben kein Interesse an Freiheit und Gerechtigkeit gehabt, sondern wollten am Sklavenhandel reich werden.

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In dieser Wiege Amerikas geboren zu sein, bedeutet für Williams eine lebensprägende Ambivalenz: „I am both the promise of America and a product of its shameful past.“ Gerechtigkeit habe es für Schwarze in Amerika nie gegeben, daher zeigt Williams Verständnis für die jüngsten Denkmalstürze: „Wenn ich sehe, wie Menschen die Denkmäler sezessionistischer Verräter niederreißen, die ihre eigene weiße suprematistische Nation gründen wollten, sehe ich Patrioten, die im Dienste dieses Landes handeln.“ Dies erinnere ihn an die Demonstranten, die 1776 zum Abriss der Statue des britischen Königs George III. schritten, inspiriert von einem Brief Thomas Jeffersons.

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Musikvideo
Pharrell Williams – „Entrepreneur“
Video: Pharrell Williams, Bild: Pharrell Williams

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung habe diesem revolutionären Aufbegehren Würde verliehen – nur sei Unabhängigkeit für Schwarze nie erreicht worden. In diesem Sinne stellt „Entrepreneur“ ihnen neue Denkmäler auf. Die neue Revolution, die „Time“ noch mit weiteren schwarzen Protagonisten avisiert, steht in maximaler Abgrenzung von der antikapitalistischen Revolutionsidee der Black Panthers. Das Lied dazu wird samt Noten und Text, also in erkennbar didaktischer Absicht, mit veröffentlicht, nebst einer weiteren Erklärung des Komponisten: „Es heißt immer, der amerikanische Traum drehe sich um Haus und Gartenzaun, Frau und zwei Kinder. Seien wir ehrlich: Es ging immer um Geld und eine Gelegenheit.“

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Auch wenn das so angepriesene Unternehmertum aus der Popmusik eine teils ekelhafte Kulturindustrie macht, denkt man etwa an Beyoncés als Musikvideos verbrämte Dauerwerbesendungen, ist es für die einfachen Menschen dunkler Hautfarbe ein materialistisch-erdendes Gegengewicht zur fast schon schwärmerischen Rede, die Joe Biden im Sinne amerikanischer Heilung und Versöhnung gerade gehalten hat. Aber viele Schwarze in Amerika sind sehr unversöhnt mit ihrem Leben. Vielleicht sollte Pharrell Williams eine Partei gründen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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