Nachtleben in Corona-Zeiten

Keimfrei tanzen

Von Johanna Dürrholz, Elena Witzeck, Philipp Krohn
21.03.2020
, 09:58
So sind es DJs gewöhnt. Jetzt lesen sie in leeren Clubs auf.
Video
Etwas einsam, aber es hilft: Jetzt trifft sich die Tanzkultur zum Streamen und Spenden im Netz, während DJs in leeren Clubs stehen. Zu dritt auf Tour.
ANZEIGE

Das muss die härteste Prüfung des DJs sein: hinter dem Mischpult im Club vor einer leeren Tanzfläche zu stehen und nichts an der Leere ändern zu können. Aufzulegen, ohne anhand der Reaktionen der Tanzenden, die in dieser Musikkultur immer das Erlebnis mitbestimmen, das Programm gestalten zu können. Der lesende Blick in den Raum, er geht ins Nichts und dann schnell wieder nach unten.

Ein Abend im Watergate an der Spree. Auf der Website steht: „Ohne in der Schlange zu stehen – access all areas“. Hinter dem Mischpult stehen namhafte DJs, Platz ist für 700 Gäste. Und als es um neunzehn Uhr, reichlich früh für eine Berliner Nacht, beginnt, filmt nicht nur das Team von Arte concert, das den Clubs bei diesem Experiment zur Seite steht. Es filmen auch die DJs und Musiker und Clubgänger aus ihren leeren Wohnzimmern für Instagram. „Oh my god“, schreiben sie, „Watergate in my kitchen“. Da läuft der Livestream auf einem großen Fernsehbildschirm, da hat jemand Diskolichter angemacht, da tanzt eine in Pantoffeln auf dem Teppich. So sieht Nachtleben in Zeiten von Social Distancing aus.

ANZEIGE

Die Berliner Clubcommission, Vertreter der Betreiber in der Hauptstadt, hat dafür gesorgt, dass in den kommenden Wochen jeden Abend Programm aus Berliner Clubs zu sehen ist. Wie andere Musiker, Orchester und Bands haben die Produzenten elektronischer Tanzmusik, die DJs, die von ihren Liveacts leben, keine andere Wahl. Natürlich geht es um Spenden. Etwa 9000 Mitarbeiter und mehrere tausend Künstler sind ohne Beschäftigung. Einige Clubs haben schon Insolvenz angemeldet. Bis Stadt und Land über den erbetenen Zehn-Millionen-Euro-Rettungsfonds entscheiden, soll das Spendengeld von Fürsprechern aus der ganzen Welt helfen.

Ein Kammerkonzert braucht kein physisch anwesendes Publikum, um zu gelingen. Wie ist er also, der Abend im digitalen Club? (elwi.)

Dunkel und einsam, aber es hilft: Am Mittwoch im Watergate
Dunkel und einsam, aber es hilft: Am Mittwoch im Watergate Bild: Screenshot

Das Streaming beginnt kurz nach dem Abendessen. Soll keiner erwarten, dass man da schon vorzeigbar für die Hipster auf der Tanzfläche ist. Aber die sehen einen ja nicht, vielleicht haben sie selbst gerade den Staubsauger weggestellt. Angenehm: Einlasskontrolle entfällt, Kleiderordnung ausgesetzt.

ANZEIGE

Das Gute an einem solchen Abend ist, dass kein Babysitter bestellt werden muss, denn das Geschehen an den Mischpulten kann in der angespannten geomedizinischen Lage nur im Wohnzimmer oder in der Küche verfolgt werden. Heimlich und unbemerkt lässt sich das Essen verräumen, während die beiden DJs von Gheist sich gerade mit ihrem Elektrobeat-Set aufwärmen. Als der Bergkäse verpackt ist, stürzt der Stream auf einmal jäh ab. Als er wieder läuft, ist die Aufregung dahin. Aber immerhin: Eine interessante sensorische Verbindung zweier Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben.

Monika Kruse ist eine von denen, die den Erfolg bewahren konnten. Schon Mitte der neunziger Jahre formte sie das Münchner Nachtleben mit und zählt noch immer zu den besten ihrer Zunft. Als sie die Regie hinterm Pult übernimmt, fängt die Kamera die urbane Kulisse an der Oberbaumbrücke ein, die Kreuzberg und Friedrichshain verbindet. Eine U-Bahn überquert das Bauwerk, dann wechselt die Perspektive. Kruse mit schwarzem Top, dazu stampfende Beats und zurückhaltende Bewegungen. Noch nie hat man so intensiv einem Facharbeiter beim Erzeugen der Sounds zugesehen. Wenn man sich früher von Soundkünstlern wie LTJ Bukem oder Carl Craig akustisch fernsteuern ließ, blieb später nur die Erinnerung an ferne Figuren hinter einem Pult. Haben sie gelächelt, mit dem Publikum kommuniziert? Die Wahrnehmung ist verblasst.

ANZEIGE

Was fehlt, warum die Leere? Die physische soziale Interaktion ist das eine. Das andere: Im Kühlschrank steht noch eine Flasche Cola, drei Wochen alt, die Kohlensäure ist weg. Zum polnischen Wodka passt sie nicht. (pik.)

Queen of DJing: Monika Kruse
Queen of DJing: Monika Kruse Bild: AnalogUK

Der Club fehlt. Es fehlt das Gefühl, endlich drinnen zu sein, aus der Berliner Nacht hereingestolpert zu kommen in diese andere Berliner Nacht, in der es neblig ist und raucht, in der sich die anonyme Menge im Rausch der Musik nur für diese eine Nacht zusammenfindet, in der niemand an den Morgen denkt, höchstens an die Afterhour. In der es dunkel ist und wummert und Technobeat so laut schlägt, dass es ist, als pochte da unendlich verstärkt das eigene Herz. In der die Musik ballert.

Denn auch das macht einen guten Club aus: die Anlage. Streamt man die Musik an diesen Abenden auf dem Fernseher, gerät der Sound dürftig. Auf einer Anlage mit Bluetooth-Kopplung ist der Klang zwar schon besser, aber in der Regel nicht mehr synchron zur Fernsehübertragung. So laut wie im Club wagt ohnehin niemand die Musik aufzudrehen – selbst wenn es technisch möglich ist. Die Nerven der Nachbarn will man in Zeiten wie diesen nicht überstrapazieren. Ohne eine gute Anlage macht elektronische Musik wenig Spaß. Blecherne Töne aus den Laptopboxen bringen bestimmt keine Clubatmosphäre ins Wohnzimmer.

Auch die Nähe zum DJ fehlt. Legt Monika Kruse sonst auf, blickt sie in ein Meer aus Menschen, die Arme in ihre Richtung gereckt. Der DJ ist ein Künstler, der da oben zum Greifen nahe steht und seine Kunst mit der Masse teilt. Der nichts Fertiges von zu Hause mitbringt, sondern spontan bleibt, in den besten Momenten spürt, was die Tanzenden spüren – und sich darauf einstellt. Auch das funktioniert an einem virtuellen Clubabend nicht. (jdhz.)

Video starten Video
Berliner Clubszene
„Wir sind keine Bordelle oder Spielhöllen“
Video: F.A.Z., Bild: F.A.Z.

Die Liste derer, die in diesen Tagen in großen und kleinen, aber weitbekannten Clubs wie dem Tresor, dem Sisyphos und der Griessmühle auflegen (tags darauf werden es der Technokünstler Headless Horseman sein, das Duo Minimal Violence und der mit Klangbildern experimentierende Holländer Delta Funktionen), ist doch ziemlich ungewöhnlich, kein Programm für einen normalen Abend in der Hauptstadt. Denn gerade jetzt geht es nicht um die Nische, für die Partytouristen und Berliner sie lieben, es geht um Bandbreite, um die Vielfalt elektronischer Musik. Sie wird auf dem Stream sichtbar, wenn der Kanadier Mathew Jonson, der mit Marching Bands und Jazz groß wurde, mit der Niederländerin Isis Drum-’n’-Bass-Rhythmen variiert und Becken donnernd widerhallen. Das alles ist ein Statement: Wir sind keine süchtigen Hedonisten ohne Sinn für Musikkultur. Wir orchestrieren. Und die ganze Welt soll zusehen können.

ANZEIGE

Blickt man nun auf die Zukunft des Streamings, auf Wohnzimmer-Klavierabende und die Popkünstler, die gerade für Rücksicht und Mäßigung werben und die Anliegen von Regierung und Medizinern im Umgang mit dem Virus auf ihren Kanälen an Fans und Bewunderer verbreiten, stellt sich die Frage: Was kann ein Stream, was kann die Digitalisierung von Live- und Tanzmusik bieten, wenn schon kein Konzerterlebnis? Was lässt sich zeigen, das den Zuschauern in der Menge verborgen blieb? Bewegte Bilder aus den erfolgreichsten Clubs der Bundesrepublik waren bislang jedenfalls nicht gerade im Überfluss vorhanden. Und wie vereint man das Publikum? Der Chat, diese Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen zu anderen einsam Tanzenden daheim, er ist eine Chance. Über den Videodienst Zoom könnten sich Menschen zusammenschließen, um virtuell gemeinsam gegen die Stille der Isolation anzutanzen. Es wird noch genug Zeit sein, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. (elwi.)

Am Ende steht man wäschefaltend auf der Tanzfläche. Monotone Beats, frischer Geruch. Alles ist jetzt irgendwie zu sauber. Immerhin kann sich keiner beschweren, wenn man um elf geht. Und den Heimweg hat man sich auch gespart. (pik.)

Jeden Abend Programm aus Berliner Clubs: www.unitedwestream.berlin

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Duerrholz, Johanna
Johanna Dürrholz
Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
Twitter
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
EBook
E-Book-Reader im Test
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE