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Bootlegs von Dylan

Hundert Jahre Zweigleisigkeit

Von Edo Reents
22.09.2021
, 18:38
Der Folk-Vagabund in der Ästhetik des Pop: Bob Dylan Bild: Sony Music
Zum Glück hat er nichts weggeschmissen: Die neuen Bob-Dylan-Bootlegs widerlegen nun wohl auch die Letzten, die meinen, die achtziger Jahre könne man bei ihm vergessen.
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Die Achtzigerjahre hätten für viele Große günstiger verlaufen können. Aber wie? MTV und das Digitale konnten auch sie nicht aufhalten. Alles, was eine Fender Stratocaster in Händen hielt, sah sich mit dieser klirrend-hallenden, im Nachhinein nur als schlimm zu bezeichnenden Produktionsweise konfrontiert, wenn die Gitarre nicht gleich ganz untergebuttert wurde. Warum hätte es Bob Dylan da besser ergehen sollen? Das Jahrzehnt gilt als sein schlechtestes, verschenktes. Hört man aber genauer hin, stellt man fest, dass ihm eigentlich nur „Knocked Out Loaded“ (1986) so richtig missriet; rein klanglich hätte dieser Mist auch von Level 42 sein können. Aber sonst? Leider konnte der unlängst verstorbene Musikwissenschaftler Richard Klein mit seiner These, auch oder gerade die 1981 endende Gospelphase sei hochwertig, nie recht durchdringen.

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Sie lässt sich neuerlich belegen. Die sechzehnte Bootleg-Lieferung deckt die Zeit von 1980 bis 1985 ab und dokumentiert im Wesentlichen die Sessions zu „Shot Of Love“ (1981), gerne als Ende mit Schrecken der Gospel-Trilogie abgetan und doch voller Kraft und Hingabe; zu „Infidels“ (1983), als vermeintliche Neuorientierung mit Erleichterung aufgenommen, hier und da sogar als die beste seit „Blood On The Tracks“ (1975) gehandelt; und zu „Empire Burlesque“ (1985), als Dylan mindestens noch genauso gut in Form war, bevor es dann tatsächlich für eine Weile bergab ging mit ihm.

Was für ein Spaß

Wer sich einen ersten Eindruck von der profunden Musikalität des hier abgeschöpften – in der Fünf-CD-Ausgabe 57 Titel, 54 bisher unveröffentlicht – umfassenden Materials verschaffen will, sollte zunächst die Liner Notes (von Damien Love) auf sich wirken zu lassen: „Diese Probeaufnahmen erinnern einen daran, welchen Spaß Musik machen kann.“ Sie entstanden in einer Zeit, als auch der letzte Studiogehilfe feststellen musste: Die besten Lieder kommen ja gar nicht auf die Platte. Zum Glück hat Dylan nichts weggeschmissen oder wenn doch, dann wissen wir es nicht.

Fangen wir mit dem Besten an: „To Ramona“, vertreten schon auf „Another Side Of Bob Dylan“ (1964), ist, sicherlich auch dank Fred Tacketts (kennt man von Little Feat) Mandolinenspiel, herauszuheben. Dieser warme, bodenständige Walzer ist zum Steinerweichen, da ist selbst die Version der Flying Burrito Brothers von 1971 nicht mehr besser. Dylan singt, wie meistens in jener Zeit, um sein Leben, dringlich, sensibel, oft etwas gequetscht, wahrscheinlich aus innerer Not. Eine Überraschung ist das Fremdmaterial, bei dem er es unterhalb der Klassikerebene selten tut. Der zähflüssige Swamp-Blues von „Mystery Train“; Neil Diamonds „Sweet Caroline“, dem Dylan alles Triumphale entzieht und zu einer gedehnten Klage werden lässt; bewegend der Motown-Liebesschmerz von „I Wish It Would Rain“ und der Dr.-Hook-Heuler „A Couple More Years“; unnötig allenfalls die Schnulze „Abraham, Martin and John“.

Die „Bootleg Series Vol. 16: Springtime in New York 1980–1985“ (Sony Music) kostet in der einfachen 19,99, in der limitierten Edition 114,99 Euro. Bild: Sony Music

Nie wieder eine gute Platte?

Bis hierhin handelt es sich um Aufnahmen vom Herbst 1980 und vom Frühjahr 1981. Danach hätte Dylan fast hingeschmissen. „Mir war nicht mehr nach aufnehmen, es war ermüdend. Ich mochte die Sounds damals nicht, weder meine eigenen noch die anderer. Ich dachte, selbst wenn ich es hundert Jahre versuchte, würde ich nie wieder eine gute Platte machen.“ Nach zwei Jahren Pause legte er sich für „Infidels“ mithilfe der Gitarreros Mick Taylor und Mark Knopfler sowie der Rhythmusmaschine Sly Dunbar und Robbie Shakespeare ein neues Federkleid zu. Frischer Wind kam herein. Dylan, zur Besinnung gekommen auf Segeltörns in der Karibik, ließ, nach der genial-scheppernden Wurschtigkeit von „Shot Of Love“, nun wieder konzentrierter arbeiten und wollte für die Produktion etwas ganz Besonderes haben; anfangs geisterten sogar Namen wie Zappa und Bowie herum.

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Aber dann machte es Knopfler. Dessen Band, die Dire Straits, waren damals ein Synonym für digitale Klänge, und diese Sterilität färbte natürlich ab. Dennoch kam Außerordentliches dabei heraus, das, man begreift es wirklich nicht, Dylan dann einfach wegließ, auch das zu Herzen gehende „Tell Me“, das druckvoll federnde „Foot of Pride“ und, für einige Kritiker sogar das Allergrößte, der Klavierblues „Blind Willie McTell“; alle drei in wiederum anderen, überlegenen Fassungen bereits auf dem ersten Bootleg von 1991 vertreten. Zwischendurch und immer wieder ließ er den Draufgänger raushängen, der sich in schnörkellosem Rock immer noch am wohlsten fühlte („Need a Woman“) und dann wieder kongenial Jimmy Reed anstimmte.

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Neues Selbstvertrauen

Schließlich „Empire Burlesque“. Dylan muss das Vertrauen in seine songschreiberischen Fähigkeiten zurückgewonnen haben, die von der Kritik bei dieser Gelegenheit auch ausdrücklich hervorgehoben wurden; denn er sortierte wenig aus. Umso mehr fällt der damals weggelassene Zwölfminüter „New Danville Girl“ jetzt auf. Insgesamt gilt, was auch für jede einzelne Phase gilt: Es ist alles immer da – in Gestalt eines Stils wie hier Blues, Country, auffallend viel Reggae und komischerweise auch Reminiszenzen an die Texmex-Klänge nach Art von „Romance in Durango“ (von „Desire“, 1975); und genauso in Gestalt einzelner Lieder, die Dylan grundsätzlich wie lebendige Wesen behandelt, zum Beispiel jetzt „Señor“, einen dieser geheimnisträchtigen Titel von „Street Legal“ (1978), mit dem er offenbar nicht mehr ganz zufrieden war und den er im Oktober 1980 noch einmal aufnahm.

Die Studio-Besetzungen sind ein Kapitel für sich. Beim Schlagzeug geht es von Ringo Starr und Jim Keltner an kaum abwärts; bei den übrigen Instrumenten ist es entsprechend und alles nachzulesen. Bleibt höchstens die Frage, ob der Background-Chor, in dem auch Clydie King mitmacht, hier und da nicht etwas dezenter hätte abgemischt werden können. Ansonsten aber: unbedingt kaufen, das ganze Zeug!

Quelle: F.A.Z.
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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