Neues Album von Wolf Alice

Ist das Englands letzte große Band?

Von Elena Witzeck
10.06.2021
, 15:15
Dieses Album gehört in die Playlist des Sommers: Ellie Rowsell, Sängerin der Band Wolf Alice, spricht über unmöglich zu organisierende Konzertreisen und die Verantwortung, den Jüngeren Zuversicht zu geben.

Wie es schon anfängt: mit einem dumpfen Trommeln. Im Rhythmus heranschwappend, sich auftürmend, eine Gischt aus Klang und eine Stimme, Ellie Rowsells, die in der Brandung einen Salto macht. Dann wird der Teppich für die Hymne in den Sand gerollt: „Let me off, let me in. Let others battle.“ Ein Angebot, eine ausgestreckte Hand. Und schließlich bricht der Song sehr unvermittelt ab. Alte Indie-Tradition.

Das Streitfeld um Lob und Verdammung des Indie-Genres soll hier nicht neu eröffnet werden. Eine gewisse Sentimentalität lässt sich in diesen Zeilen allerdings schwer verstecken. Die hier vertretene Ansicht: Kritiker verstanden nicht oder wollten nicht akzeptieren, dass es sich auch nur um eine weitere, beinahe so vielseitige Spielart des Rock handelte. Daher der Vorwurf der Gefühlsduselei und Selbstzufriedenheit an eine Generation der leider hin und wieder auch zu Recht als unpolitisch Gescholtenen.

Diese Zeiten sind vorbei. Nun, da der Sommer heranrollt wie die Soundwelle in „Beach“, dem ersten Song auf dem neuen Album von Wolf Alice, dieser zeitgenössischsten aller britischen Bands, wünscht man sich fast einen neuen Begriff für diese mit Hingabe und Anspruch produzierte Musik, um sie der Indie-Ecke zu entziehen und hinauszuposaunen in alle Parks und Stadien, wenn es die Band schon selbst nicht darf. So entrückt und voller Zuversicht ist das, was man von ihr zu hören bekommt, ein Aufruf zur Befreiung aus dem Einerlei vor allem für die Jüngeren.

Sie fühlen mit den Jungen

Das mit den Jungen sieht Ellie Rowsell auch so. Für die Kids, sagt sie im Digitalinterview, singe sie zuallererst, am liebsten auf einem Festival wie Leeds oder Reading, wo die wirklich jungen Briten sonst zusammenkommen. „Ich fühle zurzeit mit vielen Menschen“, sagt sie, „aber besonders leid tut es mir für die Jugendlichen.“ Abgesehen davon war eigentlich klar, dass sich Rowsell, Sängerin, Songwriterin und Gitarristin von Wolf Alice, nicht so leicht greifen lassen würde. Nicht in einem spontanen Videointerview („Haare nicht gemacht“), nicht mit der Indie-Etikettierung oder der Pandemiepsychologie über große Veränderungen. „Ich werde bald dreißig. Was sich in dieser Zeit alles tut! Nur weil es eine Pandemie gibt, ist doch nicht jede Veränderung damit verbunden.“

Das Draußen hat sich allerdings verändert. Vor zehn Jahren gründete sie mit dem Gitarristen und Sänger Joff Oddie die nach einer Kurzgeschichte von Angela Carter benannte Band, dazu kamen Theo Ellis am Bass und Joel Amey am Schlagzeug. Spätestens seit 2018, als sie für ihr zweites Album „Visions Of Life“ den Mercury Prize gewannen und für einen Grammy nominiert waren, gelten Wolf Alice international als Hoffnung der Gitarrenmusik. Mit „Blue Weekend“ könnte es nun weitergehen. Aber bevor die Rede auf unmöglich zu organisierende Konzertreisen kommt, auf Papierkram und Politik ohne Rücksicht auf die Musikindustrie, auf Regeln, die es einer britischen Band verbieten, mit großer Entourage mehr als eine Handvoll Spielorte in Europa anzufahren – ein Umstand, der Rowsell zum Fluchen veranlasst –, bevor es also wieder frustrierend realistisch wird, soll es um die elf neuen Songs gehen, die Rowsell noch vor der Pandemie geschrieben hat, die Wolf Alice in einem Haus in Somerset vertont und in aller Ruhe mit dem Arcade- Fire-Produzenten Markus Dravs perfektioniert haben.

„Blue Weekend“ klingt, als hätten Wolf Alice aus Gitarrenrock, Punk, Dream-Pop, Folk gerade die richtigen Nuancen zusammengemischt, sodass sich etwas Anspielungsreiches (The Sounds), Unvorhersehbares („Riders on the Storm“!) ergeben konnte. Etwas, was sich in den Geschichten spiegelt, die Rowsell auch weit über die verlangte Streaming-Songlänge hinaus erzählt: „Can I belong here, the vibes are kind of strong here“, fragt sie jambisch wispernd in „Delicious Things“ und entfächert die Szenerie einer Gartenparty in den Hollywood Hills mit Drinks und Flirts und Gefälligkeiten und Stars, deren Allüren sie amüsieren. Überhaupt amüsiert sie einiges, auch der „Last Man on Earth“, der so nach dem Rampenlicht giert, dass er nichts mehr um sich wahrnimmt. Was Rowsell in der Zwischenzeit mit ihrer Stimme macht, wie sie sie hinaufschraubt in die Höhe und sie dann wieder hart und metallisch klingen lässt, das lässt die Vergleiche mit Feist und Courtney Love vertretbar erscheinen.

Zu vielen solchen Überlegungen sagt Ellie Rowsell in typischer Popstarattitüde „I don’t know“, stellvertretend für: genug der Entzauberung. „Als Musiker können mir doch Dinge wichtig sein, ohne dass ich alle Antworten kenne – oder?“ Immerhin berichtet sie von dem Vorhaben, mehr Sachbücher zu lesen, als Inspiration, weil sie „einen daran erinnern, dass man nicht nur ein Sack Gefühle ist“. Für sie ist das neue Album kein Aufbruch, keine Absage an das, was vorher war. Eher eine Fortsetzung mit größerer Selbstsicherheit.

In der Anfangszeit, als sich Wolf Alice von Queens Of The Stone Age inspirieren ließen und nach Grunge klangen, als Rowsell noch mit Vampirlächeln auf der Bühne stand und E-Gitarren in Videos als Prügel eingesetzt wurden, pflegte die Band ein Image aus Defätisten-Punk und britischem Snobismus („Smile“ ist auf der neuen Platte eines dieser Rückbleibsel aus frühen Zeiten). Das alles konnte nur schwer über ihre Schüchternheit hinwegtäuschen. 2015 drehte der Regisseur Michael Winterbottom einen Film über die Band, ihre erste große Tour samt Tourbus-Liebesgeschichte, und mit ihr wurde die Herausforderung des plötzlichen Ruhms und der Rollenkonflikte greifbar. Beim Anblick der Konzertszenen wird einem erst in aller Härte bewusst, was es für so eine Band bedeuten muss, wenn es plötzlich eineinhalb Jahre keine Bühne mehr gibt. 187 Shows spielten Wolf Alice bei ihrer zweiten, der Welttournee. Heute hat Rowsell Hunderttausende Follower in den sozialen Netzwerken – und traut ihnen dennoch nicht. „Darin steckt auch viel Voyeurismus. Ich folge ja auch den Kardashians.“ Auf einem Konzert sähe sie nur einen Bruchteil davon, aber sie stünden vor ihr.

Wohin geht das ganze Geld?

Die Sunday Times fragte im Februar: „Will Wolf Alice be Britains last big band?“ Es klang nach Endzeitstimmung. Wäre es schöner gewesen, in den Neunzigern berühmt zu werden? Man wäre jedenfalls „fuck a lot richer“ gewesen, sagt Rowsell. Und hätte als Band im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden. Das ist jetzt nicht mehr so; jedenfalls fühlt es sich nicht mehr so an, schon wegen der mangelnden Transparenz der Labels und Streamingplattformen. „Wohin geht das ganze Geld eigentlich, wenn nicht an uns?“

Es gibt noch eine Veränderung, die Leuten wie Rowsell Sorge bereitet: Als junge britische Band muss man immer noch nach London, um gesehen und gehört zu werden. Aber das Leben und die Bühnen der Hauptstadt sind so teuer, dass viele aufgeben. Wenn schon die Grenzen nach außen dicht sind, so sollte politisch wenigstens genug für die kleinen Musikclubs in der Peripherie getan werden, findet Rowsell. „Unsere Regierung sollte sie als kulturelle Hotspots sehen, die sie sind. Räume für junge Leute. Keine Nationaltheater.“ Schließlich sei ihr Land noch immer stolz auf seine Musikgeschichte.

Auch deshalb heißen die neuen Lieder von Wolf Alice „Feeling Myself“, „No Hard Feelings“ und „Safe From Heartbreak“. Sie träumen und schweben und verbreiten Hoffnung und wecken Erinnerungen an den letzten glücklichen Sommerregen, an Lächeln zwischen Unbekannten, an das Sich-Vergleichen und das Im-Moment-Sein, das vorübergehend verlernt scheint. Auch deshalb ist „Blue Weekend“, dieses Album mit dem irreführenden Namen, eines der großen Alben dieses Sommers.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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