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Rapper in Mexiko

Poeten in Tunneln

Von Airen
 - 22:11
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Irgendetwas stimmt nicht. „In diesen Zug nicht“, flüstert Nefasto, sein Blick fliegt den Bahnsteig hinauf und bleibt bei zwei Polizisten hängen, die vor den haltenden Waggons warten. Dann ertönt das Warnsignal – und richtig: Die Uniformierten springen im letzten Moment ins Abteil, die Türen schnappen zu, der Zug entschwindet im Dunkel der Schächte.

Mittlerweile kennt Nefasto das Katz-und-Maus-Spiel auf den Bahnsteigen der Metro von Mexiko-Stadt. Seit zehn Jahren rappt er in den Nahverkehrszügen, immer das Gesetz im Nacken. Hätte er gerade nicht den richtigen Riecher gehabt, wäre er mal wieder für 36 Stunden in einer Zelle gelandet oder hätte den Untersuchungsrichter schmieren müssen.

Der 31-Jährige mit den kurzen Rastazöpfen und dem Azteken-Tattoo auf dem rechten Unterarm ist Teil eines Rap-Kollektivs, das die Probleme der Vorstadt in die Herzen der Metropole trägt. Damit wird er nicht berühmt, aber er verdient sein Geld mit der Musik, die er liebt, und mit Texten über seinen Alltag in den Außenbezirken, den sogenannten „Barrios“. Für seine Darbietung im Stadtzentrum reist Nefasto jeden Tag aus Nezahualcóyotl an. „Neza“, das ist der graue Gigant im Osten, ein Meer aus Zement, in dem 1,1 Millionen Menschen auf engstem Raum leben, mehr als in Köln. Mit 18000 Einwohnern pro Quadratkilometer gehört das Viertel zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt.

Doch hier, oberhalb der blauen Linie, auf der der Vorstadt-Rapper heute seine Runden zieht, herrscht eine andere Welt. Im historischen Zentrum, das in den letzten Jahren mit Steuermillionen aufwendig saniert wurde, leuchten die Fassaden, Stadtparks blühen, es gibt Fahrradwege und Elektrobusse, die lautlos durch die Straßen surren. Mexiko hat in den letzten Jahren viel Geld in die Stadtentwicklung gesteckt, Hipster-Viertel wie La Condesa und Roma stehen ihren europäischen Vorbildern in nichts nach. Hier unten, zwischen Dämmerlicht und schwarzen Fliesen, ist davon wenig zu spüren. „Die Metro ist eine Stadt für sich“, sagt Nefasto mit dem gedehnten Slang der Unterschicht. Und da kommt schon der nächste Zug.

Was ist das für ein Leben, von dem Nefasto da singt?

Diesmal ist die Luft rein, der Rapper schleppt seinen Lautsprecher ins Abteil. Es ist Freitag, Feierabendverkehr, die Menschen sind abgekämpft, ihre Gesichter versteinert. Keiner achtet auf die verwaschenen Klavierklänge, die aus der Box klimpern, dann setzt ein schleppender Jazz-Rhythmus ein, und Nefasto nimmt sein Mikrofon vor den Mund und skandiert: „Ich bin genauso wie du, ich will auch nur glücklich sein! Ich will raus aus diesem Wellblechleben, wo sich meine Freunde im Klebstoffrausch verlieren!“

Akzentuiert wie Platzpatronen spuckt er die Silben ins Mikrofon, sein Stil rundgeschliffen von den unzähligen Stunden, die er auf der fahrenden Bühne verbracht hat. Im Abteil heben sich die Blicke, da ein erstes Kopfnicken, dort ein Teenager, der seine Kopfhörer abnimmt. Nach drei Stationen schaltet Nefasto die Box aus und sammelt Münzen ein. „Nicht schlecht“, sagt er, als er wieder auf den Bahnsteig tritt: „Wenn die Sonne scheint, geben die Leute mehr.“

Was ist das für ein Leben, von dem Nefasto da singt? Wie geht es zu in den Barrios am Rand der Metropole, wo Stadt und Bundesstaat Mexiko längst zu einer wuchernden Megalopole verschmolzen sind?

Abgassteppe, Betonwüste, eine trostlose Dystopie

An einer Zufahrt zum Viertel steht ein „Módulo de Seguridad“, ein riesiger ausrangierter Wohncontainer, der in Polizeifarben gestrichen ist und anmutet wie ein monströser Panzer. Dahinter wuchern unverputzte Zementburgen aus dem Boden, gefolgt von ewigen Reihen identischer Reihenhäuser in Farben, die wohl das Aggressionslevel senken sollen. Der Volksmund nennt diese Wohnbunker „Hühnerställe“. Dahinter schießen die Gerüste überdimensionaler Reklametafeln in den Himmel, unterbrochen von gesichtslosen Einkaufszentren – Abgassteppe, Betonwüste, eine trostlose Dystopie.

Nezahualcóyotl ist eine Welt mit eigenen Regeln, in die nur selten ein Außenstehender seinen Fuß setzt. Schon bald nach ihrem Entstehen in den 1960ern war die Kolonie ein Habitat für die Ärmsten. Damals siedelten Wanderarbeiter aus allen Teilen des Landes auf dem Boden des ausgetrockneten Texcoco-Sees, einer versalzenen Staubwüste, die sich in der Regenzeit in ein schlammiges Desaster verwandelt. Der Außenbezirk war die dunkle Seite des „Mexikanischen Wirtschaftswunders“, ungebremst wucherte er über die Talhänge, eine Stadtplanung fand nie statt. Heute hebt Wikipedia unter der Rubrik „Fauna“ das vermehrte Aufkommen von Ratten, Fliegen und Schaben hervor. Die ursprüngliche Pflanzenwelt, heißt es dort weiter, sei ausgelöscht.

Nefastos Wohnung liegt in einer ungeteerten Nebenstraße. Die unverputzten Betonklötze drängen sich hier wie dicht gestreute Tetris-Blöcke, an den Mauern haften die Schmutzränder der Auspuffgase, auf den Dächern Verschläge aus Wellblech und Holz. Die Straßen sind numeriert, in den Ecken sammeln sich Schuttberge, Straßenhunde stöbern im Müll. Aus der Ferne dringt das Donnern von Flugzeugen, die Einflugschneise liegt nicht weit. Irgendein Zyniker hat dem Viertel den Namen „El Sol“ gegeben – „die Sonne“.

Sie sind auf der Straße groß geworden

Am Eingang zu Nefastos Wohnung flattert ein Laken in der morgendlichen Brise, die Fenster hat er mit Sperrholz vernagelt. Vielleicht zehn Quadratmeter misst der Verschlag dahinter, viel mehr als eine Matratze und einige Möbel aus Bananenkisten passen nicht hinein. Hier wohnt der Rapper mit seiner Frau und seinem vierjährigen Sohn. Den hat Nefasto gerade in den Kindergarten gebracht, die Mutter arbeitet seit den frühen Morgenstunden in einer Armenküche im Viertel.

Nun hockt der Rapper auf einigen Zementsäcken neben dem Eingang, daneben steht sein Kumpel Lenguas und raucht, ein korpulenter Junge mit tief ins Gesicht gezogener Stoffmütze, der mit seinem verträumten Blick aussieht wie ein bekiffter Buddha. „Nefasto“ und „Lenguas“, das sind Pseudonyme; zu ihrer Crew, den „Raperos del Metro“, gehört noch „El Artillero“, der früher mit einer Straßengang Leute ausraubte und heute einer Freikirche angehört, und „El Poeta Kris“, der seine Reime mit einer pinkfarbenen Plastikgitarre untermalt. Gemein haben sie eins: „Wir machen Musik fürs Bewusstsein“, sagt Nefasto.

Sie alle sind auf der Straße groß geworden, Nefastos Vater war Alkoholiker, zu Hause gab es nur Schläge. Er nahm früh Drogen, stahl Brieftaschen, begann zu rappen, Gangsta-Rap. Neza sei schon immer eine Brutstätte für Rapper gewesen, sagt er, und Hiphop die perfekte Musik für das Getto, weil er die Menschen und ihre Realität einbeziehe, anstatt sie davon abzulenken.

300 Pesos macht jeder am Tag

Das Umdenken begann im Knast. Sechs Monate saß er im berüchtigten Reclusorio Oriente, einer Haftanstalt weit draußen im Osten der Stadt. Warum? „Weil ich am Sonntag nicht in die Kirche gegangen bin“, sagt Nefasto mit einem Augenzwinkern, mehr will er nicht verraten. Aber am Ende wusste er, dass er etwas aus seinem Leben machen, einen Fußabdruck hinterlassen wollte.

Fünf Jahre ist das her, seitdem ist er clean, raucht nicht mehr, trinkt keinen Alkohol. Mit ein paar Gleichgesinnten trat er auf Märkten und in Stadtparks auf, statt das kriminelle Leben zu verherrlichen, erzählten sie jetzt von den Schattenseiten des Gangsterlebens. Ihre Texte handeln von dem kleinen Mädchen, dessen Eltern von Kartellsöldnern umgebracht wurden und das nun im Klebstoffrausch versinkt, von der jungen Frau, die als Prostituierte gutes Geld verdient, aber auf Speed ist und Aids hat, vom Dealer mit dickem Auto, der eines Tages tot auf der Straße liegt. Geschichten, wie sie Neza täglich schreibt.

Irgendwann kam die Idee, in der Metro zu rappen. Bislang grasten dort nur fliegende Händler die Waggons ab, ein unterirdisches Heer, das Kopfhörer, Kaugummis oder Kosmetika an den Mann bringt. Aber die Getto-Poeten kamen an mit ihrem Sprechgesang, um die 300 Pesos macht jeder von ihnen am Tag, sagt Lenguas stolz, umgerechnet 15 Euro.

Schmiergeld oder ein, zwei Tage Gefängnis

Mittlerweile steigen sie jeden Tag hinab in die U-Bahn-Schächte, die Musik ist ihr einziges Einkommen. „Wenn mich die Polizei nicht erwischt, komme ich über die Runden“, meint Nefasto. Und wenn doch, dann müsse er eben ein Schmiergeld bezahlen, 250 Pesos betrage die Gebühr, sonst gehe man für ein, zwei Tage hinter Gitter. Manchmal, wenn die Polizisten ihnen von hinten auf den Rücken tippten, würden die Passagiere so viel spenden, dass es reiche, um sich die Freiheit zu kaufen.

Wenn man sie einlädt, gehen die „Raperos del Metro“ in Schulen, sie machen Auftritte in Suchtkliniken, Krankenhäusern, Kirchengemeinden oder Kulturzentren. „Sozialarbeit“, nennt das Nefasto und betont: „Die Vorbildfunktion, die wir für viele haben, darf man nicht wegwerfen.“ Sie hätten das Leben auf der Straße hinter sich gelassen, den Kodex der Straße aber nicht vergessen, sagt er, das würde sie glaubwürdig machen hier im Viertel.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Dennoch – wenn man sein Haus sieht, die spärliche Kammer, die Tristesse auf der Straße, dann ahnt man, dass die Rapper aus Neza vielleicht in erster Linie für sich selbst singen, dass ihre Musik auch eine Form ist, dem Leben im Barrio einen Sinn zu geben. Und dass sie sich mit ihren Texten einen Rest Hoffnung bewahren, dem Ganzen doch irgendwann den Rücken zu kehren. Nefasto träumt davon, eines Tages nach Argentinien zu gehen, ein Freund hat ihm viel von dort erzählt, manchmal schaut er sich Dokus über das Land an. Und Lenguas, der mit seinen 23 Jahren gerade zum zweiten Mal Vater geworden ist, wünscht sich ein eigenes Lebensmittelgeschäft. „Ein festes Einkommen“, findet er „das wäre klasse.“

Es ist Mittag, Zeit zu „generieren“. Nefasto zerrt seinen Lautsprecher aus dem Zimmer, dann steigen die beiden in einen klapprigen Minibus, der sie nach Pantitlán bringt, einer Metro-Station im Osten der Stadt. Mit Box und Mikrofonen schlurfen die beiden dem Eingang zur U-Bahn entgegen. Vor dem Ticketentwerter sehen sie sich rasch nach allen Seiten um, dann schlüpfen sie unbemerkt unter dem Drehkreuz durch. Manche Sachen verlernt man nie.

Quelle: F.A.S.
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