Pop-Anthologie (141)

Die Schaumkrone am Freitagabend

Von Philipp Krohn
28.04.2022
, 19:57
Riecht wie Teen Spirit: dEUS in den frühen Neunzigern
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Die Indie-Band dEUS hat Belgien auf die Landkarte des Pop gesetzt. Ihre eklektizistische erste Single „Suds & Soda“ wurde Mitte der neunziger Jahre schnell zum „Smells Like Teen Spirit“ für Flamen und Wallonen.
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Belgische Popsongs von Weltrang: Das waren bis zum Jahr 1994 die Trennungsballade „Ne me quitte pas“ von Jacques Brel und der Tanzklassiker „Nah neh nah“ von Vaya Con Dios. Doch seit Anfang der neunziger Jahre hatte sich in der vielfältigen Hafenstadt Antwerpen eine Szene junger unkonventioneller und von keinen Genregrenzen limitierter Musiker gebildet, die allmählich reif für die internationale Karriere waren.

Im Zentrum stand dEUS, für die das viel und wenig sagende Etikett Alternative Rock noch die beste Schubladenaufschrift war, weil andere Begriffe nicht passten. In den Anfangstagen war es nicht einfach, die kaum zu kategorisierende Musik ihrer Urheber in britischen Musikformaten unterzubekommen. Eine Zeitlang wurde sie als Art Rock bezeichnet. Doch was da zu hören war, reichte von amerikanischem Independent wie Pavement, Nirvana und Pixies über Experimentalpop von Zappa, Captain Beefheart und Tom Waits bis zu Noise-Attacken à la Sonic Youth. Die Einflüsse der fünf Bandmitglieder reichten von Folk bis House, von Jazz bis zu Progressive Rock.

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Sie locken auf falsche Fährten

Auf den ersten drei Alben der bald europaweit erfolgreichen Band bildeten die beiden Songschreiber, Gitarrist Tom Barman und Bassist Stef Kamil Carlens, das Spannungsfeld. Ihre musikalischen Vorlieben zwischen Alternative und Experimental Rock wurden in den wichtigsten Songs von dEUS immer wieder neu ausgehandelt. Gitarren-Schichten wurden übereinandergelegt und zu Klang-Infernos gesteigert – manchmal nachdem leichte Folk-Arrangements eine ganz falsche Fährte legten.

Songs wie „For the Roses“ oder „Instant Street“ beziehen ihren Reiz daraus, dass der Hörer im Verlauf davon euphorisiert wird, dass die Band immer noch eine weitere Schippe drauflegen kann. Andere Höhepunkte des Bandkatalogs wie „Little Arithmetics“ oder „Disappointed in the Sun“ leben davon, dass sie diverseste Einflüsse durch schlüssiges Songwriting und unverwechselbare Melodien zusammenführen und dass sie irgendwann noch einen Widerhaken bereithalten.

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Doch der Über-Hit der belgischen Alternative-Band ist und bleibt ihre erste Single „Suds & Soda“, mit der sie sich einst auf die Suche nach einem Plattenlabel begaben. Sie ist gewissermaßen das belgische „Smells Like Teen Spirit“ – ein Song, der die Atmosphäre Mitte der neunziger Jahre einfängt, das Publikum seit jeher elektrisiert, Höhepunkt eines jeden Konzerts der Band ist. Es ist auch das Zentralgestirn ihres Debütalbums „Worst Case Scenario“, auf dem auch noch weitere Klassiker wie „Hotellounge“ oder „Via“ enthält.

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© Youtube

Neben dem Zusammenspiel von Carlens und Barman tritt ein weiteres Bandmitglied in den Vordergrund: der Geiger Klaas Janzoons, der zu Beginn ein Motiv vorgibt, das sich durch den Song zieht und im Kontrast zu den Geigen eine enorme Spannung erzeugt, die sich jeweils im Refrain („It is always something in the Air…“) und im Instrumental-Freak-out auflöst und von Neuem aufbaut. Der lauteste, wildeste und treibendste Rock, den man hören konnte, seit Musiker in T-Shirts und Flanellhemden statt in artifiziellen Kostümen und mit Schminke auftraten.

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Das häufigste Wort des Songs lautet „Friday“. In den Transkriptionen des Textes wird es meist erst zum Ende hin erwähnt. Dabei ist es wie das Geigen-Motiv ein zweites stilprägendes Element der Komposition: Der erste Abend des Wochenendes wird geradezu beschworen. Es geht in dem Song ums Ausgehen, womöglich um den Moment, in dem dEUS zu dem wurden, was sie sind: eine Band, die alle Einflüsse um sich herum aufsaugte und zu konsistenten Kunstwerken verschmolz. Der Freitagabend als Initiation zum Künstlerwerden, zum Erleben von Musik, Kunst und Gemeinschaft. „Teen Spirit“ auf Antwerpisch. Allerdings auch mit Kommunikationsproblemen.

Das Bier und die Mischung

Musikalisch ist „Suds & Soda“ eine Art Blaupause für die lärmigeren Songs im späteren Oeuvre der Belgier. Nach einem Takt Geigenmotiv setzt ein Gitarrenarpeggio ein, nach vier Takten kommt eine verzerrte Gitarre mit Powerakkorden hinzu. Nach vier weiteren Takten setzen Bass und eine dritte Gitarre mit Powerakkorden ein, nach abermals vier Takten dann Gesangsstimme und eine weitere Stimme, die durchgängig „Friday“ ins Mikrofon brüllt.

Der Text der Gesangsstimme ist hochgradig assoziativ und auf mal besser, mal schlechter funktionierende Reime ausgelegt. Es wirkt fast wie Dada, wären da nicht einige Schlüsselbegriffe, die Hinweise auf eine Interpretation lieferten. Das stetig wiederholte Wort „Freitag“ deutet darauf hin, dass es um den Start ins Wochenende geht. Im ersten Vers wird der Kopf eines Protagonisten als tot und verschwunden bezeichnet, das habe so auch schon länger (die ganze Woche?) gesagt werden können.

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„Suds“ und „Soda“ heißen übersetzt Seifenlauge und Mineralwasser, „Suds“ ist überdies ein nordamerikanisches Slangwort für Bier oder für den Schaum auf dem Bier, „Brain decoder“ ist eine humorvolle Wortschöpfung für eine Übersetzungsvorrichtung dessen, was im Hirn vorgeht. Hier stehen also Kommunikationsschwierigkeiten im Fokus. Auf so ein Gerät wolle der Protagonist warten. „Get off get up“ lässt sich als Aufforderung zum Aufbruch verstehen. Ein Licht von unten leuchte hell nach oben. Die Aussicht auf eine aufregende Nacht. Abermals werden „Suds and Soda“ als die Getränke eingeführt, diesmal wird die Übersetzungsmaschine fürs Lächeln („smile decoder“) ins Spiel gebracht. Und nun fragt das lyrische Ich, ob es bekommen könne, was es bestellt hat – das wohlverdiente Suds and Soda.

Und es geht um Wut

Der Refrain wird eingeleitet von einem Power-Riff. Erstmals beendet die Band die zuvor durchgängige Klangschicht aus Violine, drei Gitarren, Bass und Schlagzeug. „And there's always something in the air – sometimes, suds & soda mix ok with beer – Can I, can I break your sentiment“ lautet der Text. Immer hänge etwas in der Luft. Manchmal vermischen sich Bier und Bier gut. Ob der Protagonist eine Empfindung oder Stimmung brechen könne, fragt das lyrische Ich. Das Wortspiel „Suds and Soda mix ok with beer“ deutet darauf hin, dass die Songschreiber bewusst mit der Doppeldeutigkeit des Worts „Suds“ spielen.

Zum Abschluss des Refrains heißt es: „You're just a monument – can't see no precedent – Just wanna shout what the fuck“. Es lässt sich vermuten, dass diese Zeilen mit dem „brain decoder“ und „smile decoder“ korrespondieren. Hier scheint es um die Undurchdringlichkeit eines Gegenübers („a monument“) zu gehen. Dafür gebe es keinen Beispielfall. Und es geht um Wut. „What the fuck“ würde das lyrische Ich am liebsten ausrufen.

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In der zweiten Strophe wird es wieder dadaistisch-assoziativ: Mit Jimmy Dean ist der Schauspieler James Dean gemeint, ein Inbegriff für Coolness und Jugendlichkeit. Er wird mit dem Halloween-Fest gleichgesetzt und mit dem Brennstoff Kerosin verglichen, der für eine „Dee Dee Scene“ genutzt wird. Ob es sich dabei um die amerikanische Jazzsängerin Dee Dee Bridgewater oder einen Szene-Slangbegriff handelt, wird nicht klar. Die breite kulturelle Vorprägung von dEUS lässt beide Interpretationen zu. Einige Jahre später gründete sich eine belgische Tanzformation mit dem Namen Dee Dee.

Kaum zu übertreffende Dynamik

Nun soll das Suds-and-Soda-Getränk – man weiß nicht, das wievielte – ausgesetzt werden. Der Hirn-Dekoder ist wieder im Einsatz, später in dieser Strophe kommt auch noch ein Vibe-Dekoder – also ein Übersetzer für die besonderen Schwingungen einer Nacht – ins Spiel. Die Zeile „Get off get up“ wird wiederholt. Die ungebremste Dynamik der Nacht geht weiter. Am Ende der Strophe geht es wieder darum zu bekommen, was bestellt war. Auf den zweiten Refrain folgt eine instrumentale Passage mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und einem übersteuerten Keyboard, das die ohnehin kaum zu übertreffende Dynamik des Songs noch einmal steigert.

Die dritte Strophe variiert Elemente, die in den vorherigen zwei Strophen zuvor schon vorgekommen sind. Nach einer durchzechten und durchfeierten Nacht ist es nun nicht mehr der Kopf, sondern das Gesicht, das „dead and gone“ (tot und verschwunden) ist. Am interessantesten ist hier, dass der Dekoder variiert wird durch einen „Devoter“ – eine Wortschöpfung, die wohl mit der Bedeutung des englischen Verbs to devote spielt: jemand, der sich hingibt. Der Rest ist Variation. „So can I break your sentiment, so can I break your sentiment“, fleht das lyrische Ich. Das Monument bleibt unerreichbar. Die Band setzt aus und startet noch einmal neu. Die Sentiment-Passage wird bald durch ein verzerrtes Mikrofon gehechelt, das durchs ganze Lied hindurch gebrüllte Friday wird lauter, setzt aus, die Schichten aus Geige, Gitarren, Bass, Keyboard und Schlagzeug beenden nach 5:14 Minuten den Song.

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Obwohl er nicht einfach zu deuten ist, lässt sich der Song als Reminiszenz an die frühen Jahre der Band in der unglaublich bunten Musikszene von Antwerpen in diesen Jahren lesen. In Interviews haben Bandmitglieder die Atmosphäre dieser Zeit beschrieben. Wie man zunächst durch Kneipen, dann durch Rockclubs und schließlich durch House-Etablissements zog, überall Gleichgesinnte traf, Bands gründete, wieder auflöste. Ein kreativer Schmelztiegel, aus dem eine der kreativsten Alternativmusik-Szenen Europas entstand. Bands und Seitenprojekte der dEUS-Musiker wie Kiss My Jazz, Zita Swoon, Dead Man Ray, Moondog Jr., Vive La Fête, Radical Zero und Nachfolger wie Millionaire, Creature With The Atom Brain (mit dem jüngst verstorbenen Mark Lanegan) oder Flying Horseman zeigen das.

Die klassische Besetzung von dEUS ist nach drei Alben, von denen mindestens das zweite („In A Bar Under The Sea“) und das dritte („The Ideal Crash“) zu Klassikern des Neunziger-Jahre-Alternative zählen, auseinandergegangen. Sie haben Zappa und Mingus mit King Crimson und Pavement zusammengeführt. Während Barman und Janzoons den Weg zu etwas übersichtlicherem, bombastischem Indie-Rock gingen, lebte Carlens mit seiner Band Zita Swoon seine experimentellen Vorlieben in einer Mischung aus Indie, Disco und Weltmusik aus. dEUS haben die Geschichte der Rockmusik mit ihrem hemmungslosen Eklektizismus, den sie den Straßen, Bars und Clubs Antwerpens abgehört haben, auf eine einzigartige Art bereichert. Und einen Staat auf die Landkarte des Pop gesetzt, der bis dato nicht durch Gitarren aufgefallen war.

Suds & Soda

Your head come on is dead and gone it might as well be said so long
It's suds and soda a brain decoder and can I wait for my decoder
Get off get up you son of pop the light below is bright on top
It's suds and soda a smile decoder and can I get yeah what I ordered?
And there's always something in the air, sometimes, suds & soda mix ok with beer
Can I, can I break your sentiment
You're just a monument, can't see no precedent
Just wanna shout what the fuck
Jimmy Dean is Halloween like kerosene for dee dee scene
It's suds and soda a brain decoder and can I skip this thing I ordered
Get off get up you son of pop the light below is bright on top
It's suds and soda a vibe decoder and can I get yeah what I ordered?
And there's always something in the air, sometimes, suds & soda mix ok with beer
Can I, can I break your sentiment
(To me) you're just a monument, can't see no precedent
Just wanna shout what the fuck
And there's always something in the air
Your face come on is dead and gone, you might as well be said so long
It's suds and soda a brain decoder and can I wait for my devoter
Get off get up you son of pop the light below is bright on top
It's suds and soda a smile decoder and can I skip yeah what I ordered?
And can I break your sentiment?
So can I break your sentiment, so can I break your sentiment
So can I break your sentiment, so can I break your sentiment
So can I break your sentiment, so can I break your sentiment
So can I break your sentiment, so can I break your sentiment
So can I break your sentiment, so can I break your sentiment Friday, Friday, Friday, Friday,
Friday, Friday, Friday

Quelle: Faz.net
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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