Pop Anthologie (147)

Jimi Hendrix: „All Along the Watchtower“

Von Gisela Trahms
21.07.2022
, 18:23
Jimi Hendrix im Februar 1969 in der Royal Albert Hall in London
Video
Hendrix covert Dylan – das ist, als hätte sich Wagner eine Mozart-Arie vorgeknöpft. Ein Schock, der die Dylan-Fans nach dem Album „John Wesley Harding“ nur noch mehr durchrüttelte.
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Bob Dylan, jung und berühmt, hat gerade sein Doppelalbum „Blonde on Blonde“ veröffentlicht, als er im Juli 1966 einen Motorradunfall hat. Von einem Tag auf den andern wird aus dem umschwärmten Idol mit dichtem Terminplan ein stiller, aufs Land geflüchteter Rekonvaleszent, der sich seiner Familie widmet, die Bibel studiert und Gedichte schreibt – poems, keine lyrics, was schon daran zu erkennen ist, dass die Texte keinen Refrain besitzen. Dennoch macht er sie zur Grundlage eines neuen Albums, das er im November 1967 in den Columbia Studios in Nashville aufnimmt. Das Album „John Wesley Harding“ erscheint am 27. Dezember, „All Along the Watchtower“ ist der vierte Titel. Das Echo ist zwiespältig: „Blonde on Blonde“ hatte Dylan auf dem Weg zum Rockstar gezeigt, „John Wesley Harding“ wirkt wie eine Rückkehr zu konservativem Folk: schlichte Melodien, karge Instrumentation, gebremste Vortragsweise. Auch hat der Unfall Dylans Stimme verändert, sie klingt flach und näselnd.

Währenddessen ist Jimi Hendrix nach ersten Erfolgen weiter unterwegs zu musikalischen Experimenten. Er sucht verwendbares Material für das Großprojekt einer Doppel-LP. Als ihm der befreundete Michael Goldstein, der für Dylans Manager Albert Grossman arbeitet, die neuen Dylan-Tapes noch vor der Veröffentlichung zuspielt, fasziniert ihn der „Watchtower“ sofort. In den Londoner Olympic Studios beginnt die „Jimi Hendrix Experience“ (Hendrix, Noel Redding, Mitch Mitchell) eine eigene Version zu entwickeln. Die Sessions sind chaotisch, Besucher fluten die Räume, nicht wenige wollen gern mitmachen. So trägt der Sage nach Jimis Freund Brian Jones, Gründer der Rolling Stones, allerlei Percussion-Elemente und ein Piano-Solo bei, das später wieder hinausgemixt wird. Am 26. Januar ist erstmal Schluss, aber die „Experience“ setzt die Arbeit im Frühsommer 1968 in New York fort, monatelang, bis im Herbst endlich „Electric Ladyland“ erscheint, der Meilenstein. Es ist Hendrix’ letztes Studio-Album und sein erfolgreichstes.

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„All Along the Watchtower“, die vorletzte Nummer, wird als Single ausgekoppelt und erreicht Platz 5 der United Kingdom-Charts, in den USA immerhin Platz 20 der „Top Forty Hits“. Einen Monat später schickt Dylan sein Original ebenfalls als Single auf die Rennbahn, doch es floppt, was er mit Gleichmut erträgt. Hendrix’ Version hat ihn „überwältigt“, bei seinen Live-Auftritten nach 1974 figuriert „All Along the Watchtower“ in so gut wie jeder Playlist. Heute ist Bob, das Langzeitwunder, immer noch auf Never-Ending-Tour, während Jimi, das Feuer, das sich selbst verbrannte, ewig jung aus dem Voodoo-Dschungel grüßt – beide schätzten sich selbst und ehrten den anderen ohne Neid.

Die Frage „Warum?“ wird nicht beantwortet

Über Dylans Text liegt eine Aura der Dämmerung. Aus dem Dialog des Beginns entwickelt sich keine Handlung, sondern eine Folge von Anspielungen und Bildern, die bedrohlich wirken. Joker und Dieb befinden sich in einer Zwangslage, aber in welcher, bleibt unklar. Auf jeden Fall haben sie die Epoche der Späße und Illusionen hinter sich gelassen, die Zeit wird knapp und verlangt ein klares Bewusstsein. Der Wachturm erinnert an ein Gefängnis, aber auch an Bibelverse (Jesaja 21, 6-9), die Atmosphäre wirkt apokalyptisch („the hour is getting late“), die Natur feindlich. „Joker“ und „Dieb“ sind traditionelle literarische Außenseiter, „all the women“, die da ein und aus gehen, könnten aus T.S. Eliots „Love Song of J. Alfred Prufrock“ herbeigeschlendert sein („In the room the women come and go/ talking of Michelangelo“) - sie müssten aber wohl, um in diesen Song zu passen, ihr Gesprächsthema ändern. Das Panorama-Bild der sich nähernden Reiter gleicht eher einer Western-Eröffnungssequenz als dem Schlussbild, wozu ein Statement von Dylan im Folk Music Magazine von Oktober ’68 passt: „In ‚All Along the Watchtower‘ … we have the cycle of events working in a rather reverse order.“ Die Frage „Warum?“ wird nicht beantwortet, aber Antworten sind nicht der Zweck, weder von Gedichten noch von Songtexten. Ihre Bilder müssen überzeugen, besonders wenn sie auf Narration verzichten.

© Youtube

Unter diesen Vorzeichen erobert Jimi Hendrix den Song. Aus einem eher monotonen Western-Happen von zwei Minuten macht er das doppelt so umfangreiche Signal eines Aufbruchs, einer Revolte. Die Möglichkeiten der E-Gitarre werden neu definiert. Was in Hendrix’ Version wie ein einziger, spontaner Sturm klingt, ist das Resultat unendlicher Kleinarbeit und Mühen im Studio. Immer noch einmal hat Jimi etwas auszusetzen, verlangt weitere Varianten, macht den Sound runder und voller und baut eine Spannung auf, die sich immer höher schraubt und nicht gelöst, sondern auf einem einzigen Ton gehalten wird, bis man es kaum noch aushält. Dazu singt er in schwer verständlichen Worten. So findet man statt der Dylan-Verse

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Businessmen, they drink my wine,
Plowmen dig my earth,
None of them along the line
Know what any of it is worth.

auf unterschiedlichen Webseiten ganz verschiedene Hendrix-Varianten:

None will level on the line
Nobody offered his word.
(LyricFind.com)

oder, bei LyriX.at:

None would ever compromise.
Nobody of this world.

Manifest falsch? Oder entgleitet der Text dem Sänger, da er ihn nur als Teil eines musikalischen Feuerballs nutzt? Es sind ja nicht die Worte, sondern der Klang, der Rhythmus, das Vorwärtstreiben, Intensivieren und Aufsteigen, was dem Hörer jene einzigartige „Experience“ beschert, die der Name der Band verspricht. Der Text, vorgetragen in einem Sprechgesang, der dem des frühen Dylan ähnelt, muss zur Musik passen, aber nicht aufs Wort. Simple Sprachfetzen wie „Hey Joe“, „Purple Haze“ oder „Voodoo Chile“ tun es auch.

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Damals spaltete Hendrix' Musik die Rock-Anhänger in ergriffene Fans und vehemente Gegner, heute wird ihr Klassik-Status von niemandem bezweifelt, wenn auch vielleicht nicht geliebt. „All Along the Watchtower“ wurde populär und blieb es. Die Leser des „Rolling Stone“-Magazins wählten den Song zur Nummer 1 der „Best Covers Ever“-Liste, mit deutlichem Abstand zur Nummer 2. Ich hoffe: Für immer.

Bob Dylan: „All Along the Watchtower“

„There must be some way out of here,“
Said the Joker to the thief,
„There’s too much confusion,
I can’t get no relief.
Businessmen drink my wine,
Plowmen dig my earth,
None of them along the line
Know what any of it is worth.“

„No reason to get excited“,
The thief, he kindly spoke,
„There are many here among us,
Who feel that life is but a joke.
But you and I, we’ve been through that,
And that is not our fate,
So let us not talk falsely now,
The hour is getting late.“

All along the watchtower,
Princes kept a view
While all the women came and went,
Barefoot servants, too.
Outside in the distance,
A wildcat did growl,
Two riders were approaching,
The wind began to howl.

Quelle: FAZ.NET
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