Pop-Anthologie (139)

Frieden vor der Flimmerkiste

Von Kai Sina
31.03.2022
, 17:00
Morgenmantelfrische: Bernd Begemann in seiner Küche in den Neunzigern
Video
Wer sich den neunziger Jahren weiterhin nahe fühlt, wird sich diesen Song nicht ohne Nostalgie anhören: Bernd Begemanns „Fernsehen mit deiner Schwester“ ermöglicht eine Reise in die mediale Welt von gestern.
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Seine Lieder begleiten mich schon seit vielen Jahren, aber vor einigen Monaten hat die Sache einen ganz neuen Dreh bekommen: Bernd Begemann sprach in dem Literatur-Podcast „Das Lesen der Anderen“ über die Lektüren seines Lebens – von der „Odyssee“ in der von Walter Jens übersetzten Fassung für junge Leser über Hal Forsters Prinz Eisenherz-Comics und Ursula Le Guins Kurzgeschichte „Die Omelas den Rücken kehren“ bis zu Harald Jähners historischer Studie „Wolfszeit“. Lange hatte ich niemanden in der Öffentlichkeit so geistreich, berührend, witzig und obendrein kenntnisreich über Literatur sprechen hören wie ausgerechnet diesen Songwriter, und man kann nur hoffen, dass irgendein weitsichtiger Literaturredakteur beim Fernsehen oder Radio von diesem Gespräch ebenfalls Notiz genommen hat.

Das in seiner Größe und Vielfalt fast unübersehbare Gesamtwerk an Songs, das Begemann seit den späten achtziger Jahren geschaffen hat, höre ich seither mit noch größerer Aufmerksamkeit für die Lyrics. Ohne es wirklich begründen zu können, reizen mich dabei diejenigen Lieder eher weniger, deren Verse so anspruchsvoll sind, dass sie problemlos auch für die stille Lektüre geeignet wären, also etwa „Deutsche Hymne ohne Refrain“ oder „Der brennende Junge“. Bewegender sind für mich solche Stücke, in denen es Begemann gelingt, mir den Alltag in seiner ganzen Komplexität und Komik zu entschlüsseln, und dafür wiederum ist „Fernsehen mit deiner Schwester“ ein besonders gutes Beispiel. (Ja, ich weiß, für Fans ist diese Wahl nur allzu erwartbar, aber seiʼs drum, mit diesem Song wurde ich auf Begemann zuerst aufmerksam, und seither komme ich immer wieder auf ihn zurück.)

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Lügen aus Mitgefühl

Alles in diesem Songtext ist auf ‚mittel‘ eingestellt, das fällt als erstes auf. Dass die Schwester der Freundin mit vor dem Fernseher hockt, obwohl man eigentlich lieber „zu zweit“ wäre, ist zwar nicht wünschenswert, aber doch „okay“. Auch wenn die Schwester „noch ein bisschen“ an ihrem Ex-Freund hängt, bewegt sich ihr Schmerz mittlerweile im erträglichen Bereich. Und während die Meinungen beim „Palm Beach Duo“ klar auseinandergehen, findet man mit „Deep Space Nine“ rasch einen gemeinsamen Nenner. Nein, es gibt in diesem Song keine überspannten Gefühlszustände, sondern nur gelassene Akzeptanz und freundliches Entgegenkommen, gipfelnd in dem, was Amerikaner eine White Lie nennen, also eine Lüge aus Umsicht und Mitgefühl: „Sie drängt sich ein bisschen auf / und fragt, ob sie sich aufdrängt, / und wir sagen: nein!“

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© Youtube

An die Stelle der großen Emotionen, von deren meist gekünstelter Beschwörung konventionelle Popmusik lebt, tritt in „Fernsehen mit deiner Schwester“ ein kleines Gefühl, das vielleicht nie so zärtlich und zugleich nüchtern besungen worden ist: das halb freundschaftliche, halb familiäre Beisammensein, das niemandem das gibt, was er oder sie eigentlich will, aber gerade darin einen für alle spürbaren Wärmezustand bewirkt. Mit seinem Song gibt Begemann ein Beispiel dafür, dass der Menschen „auf Vizelösungen, auf die zweitbesten Möglichkeiten“ angewiesen ist, wie es der Philosoph Odo Marquard formuliert hat – und dass man, indem man dies einsieht und annimmt, „mit der eigenen Wirklichkeit seinen Frieden macht“. Begemanns wie Marquards Botschaft ist eine des Trostes.

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Es war einmal das Fernsehen

Ganz ohne nostalgische Gefühle hört man den Song heute allerdings nicht, und das liegt weniger an den erwähnten Serien, die Teil meiner eigenen medialen Sozialisation sind (wobei man dazu sagen muss, dass in einer späteren Fassung des Liedes an die Stelle des „Palm Beach Duo“ die „Gilmore Girls“ getreten sind). Es hat eher mit dem Fernsehen an sich zu tun. Als ich den Song das erste Mal hörte, nachdem ich mir die CD „Sag Hallo zur Hölle“ aus dem Jahr 2000 gekauft hatte, gab mir die Formulierung „rechtzeitig schalten wir um“ nicht weiter zu denken. Wieso auch? Dass man sich beim Fernsehen an der Uhr und am Programm orientieren musste, war mir ebenso selbstverständlich wie die Notwendigkeit, mich insbesondere mit meinen beiden älteren Geschwistern auf eine Sendung einigen zu müssen, die für alle „okay“ war. Die Stunden, die wir so vor der Mattscheibe verbracht haben, unfreiwillig einwilligend in unsere „Vizelösung“ von Serie oder Show, waren im Rückblick nicht die schlechtesten.

Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch.
Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch. Bild: Reclam

Das Streaming hat die Voraussetzungen fundamental geändert, von denen Begemann in seinem Song ausgegangen ist. Die zeitlich entkoppelte Verfügbarkeit und Individualisierung des Fernsehkonsums (sowohl was die Zugänglichkeit von streamingfähigen Endgeräten als auch die algorithmische Empfehlungslogik von Anbietern wie Netflix betrifft), nehmen dem gemeinsamen Schauen ihre Unumgänglichkeit. Wer sich vor den Bildschirm setzt, kann es, muss es aber nicht mehr gemeinsam mit einer anderen Person tun, und natürlich bedeutet dies zunächst eine Vereinfachung und Entlastung. Gleichzeitig muss man nicht allzu kulturkritisch gestimmt sein, um auch die mit dem Streaming einhergehenden Verluste zu erkennen: Eine Situation, wie sie von Begemann bezogen auf das lineare Fernsehen geschildert wird, ist heute zumindest nicht wahrscheinlicher geworden.

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Am Beispiel seines Songs lässt sich also ermessen, wie grundlegend sich im Laufe der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte die Medientechniken, aber wichtiger noch die mit ihnen verbundenen sozialen Praktiken gewandelt haben. Ähnliches fällt mir seit einiger Zeit in Filmen aus den neunziger Jahren auf: ein Sohn, der über eine Radiosendung nach einer neuen Partnerin für seinen vereinsamten Vater sucht; ein Journalist, der in einer Zeitschleife gefangen ist und sich jeden Morgen dieselben Wetternachrichten auf dem Radiowecker anhören muss; ein Mann, der vor seiner endgültigen Abreise die alles entscheidende Nachricht auf dem Anrufbeantworter verpasst. Wer heute Filme wie „Schlaflos in Seattle“ schaut oder Songs wie „Fernsehen mit deiner Schwester“ anhört, begibt sich zwangsläufig auf eine Reise in die mediale Welt von gestern – was, wenn man selbst in dieser Welt groß geworden ist, zu einer höchst ambivalenten Erfahrung werden kann: Sie lässt einen erkennen, dass die eigene Jugend endgültig vorbei ist, ja einer anderen Epoche angehört.

Fernsehen mit Deiner Schwester

Fernsehen mit deiner Schwester,
irgendwie gehört sie dazu,
und sie läßt uns in Ruh.
Es ist okay, wenn sie dabei ist,
wir können auch nicht die ganze Zeit zu zweit sein.

Sie mag das „Palm Beach Duo“ [in der Version von 2008: die „Gilmore Girls“],
das ist nicht so mein Fall,
doch rechtzeitig schalten wir um ins All,
auf „Deep Space Nine“ können wir uns einigen.

Wenn wir fernsehen mit deiner Schwester …

Sie ist gerad noch in einer Phase,
wo sie sich löst von ihrem Exfreund,
aber sie hängt noch ein bisschen an ihm,
ist aber nicht schlimm, bestellen wir doch Pizza.

Wenn wir fernsehen mit deiner Schwester...

Sie drängt sich ein bisschen auf
und fragt, ob sie sich aufdrängt,
und wir sagen: „Nein!“
Und ich mein das auch wirklich so,
ich war nie der Familientyp,
doch deine Schwester ist lieb,
und ich fühle mich ganz brüderlich,
fast genauso wie bei „Unsere kleine Farm“,
gemütlich und warm.

Wenn wir fernsehen mit deiner Schwester …

Quelle: Faz.net
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