Pop-Anthologie (117)

Die Madonna, umsonst

Von Jan Wiele
22.05.2021
, 09:11
Bob Dylan und Joan Baez 1965: ein lebendiger Mythos? Für kurze Zeit ja.
Bob Dylan hat viele Lieder geschrieben. Zum Achtzigsten, den er bald feiert, interpretieren wir eines, das für ihn geschrieben wurde: von Joan Baez. „Diamonds and Rust“, eine große Liebesballade, ist Würdigung und harte Abrechnung zugleich.

Ein paar Lichtjahre her: So weit weg wirkt alte Liebe. Und dann kommt ein Anruf, der einen wie der Blitz trifft. Die Person am anderen Ende, ist sie wirklich da - oder ist das ein Geist? In dieser Situation fand sich Joan Baez Mitte der siebziger Jahre. Der Anruf kam von Bob Dylan, mit dem sie gut zehn Jahre zuvor das Traumpaar des Folk gebildet hatte - nur kurz. Denn bald darauf wollte er nichts mehr von ihr wissen.

Der Tiefpunkt: Während Dylans umnebelter Englandtournee 1965, die in D.A. Pennebakers Film „Don't Look Back“ festgehalten ist, wollte er nicht einmal mehr mit ihr auftreten, es soll ihr sogar der Zutritt zu seinem Hotelzimmer verweigert worden sein. Dabei hatte in einem Hotel alles angefangen zwischen den beiden:

Now I see you standing
With brown leaves falling all around
And snow in your hair
Now you're smiling out the window
Of that crummy hotel
Over Washington Square

Aus dem Erinnerungsnebel tritt diese Szene wohl fast zu schön hervor - eben weil die Sängerin inzwischen schon um das böse Ende weiß. In ihrem Memoir „And a Voice to Sing With“ ergänzt Joan Baez die Liedstelle prosaischer: „Das schäbige Hotel am Washington Square kostete 12 Dollar die Nacht. Es hatte keinen Zimmerservice, und Junkies verkehrten dort regelmäßig (…). Es zog mich runter, während Bob sich ganz zu Hause fühlte.“

Aber auch die ausführlichere Erinnerung im Buch hat verklärende Züge, so dass sie sich gut in das heute oft etwas geschönte Bild des New Yorker Folk Revivals zu Beginn der sechziger Jahre einfügt. Es zeigt ein Künstlerpaar, das sich gegenseitig ermutigt und erfindet, sogar ausstattet.

Ein fragiles Sonntagskind?

„Ich kaufte ihm eine große schwarze Anzugjacke, die beinahe passte“, schreibt Baez, „und als Krönung: ein Paar Manschettenknöpfe, die aus undurchsichtigen lila Klunkern gemacht waren.“ Diese sind die süßen Madeleines der Erinnerung, die hell wieder aufscheinen, als Jahre später der besagte Telefonanruf aus dem Nichts kommt:

Ten years ago
I bought you some cufflinks
You brought me something
We both know what memories can bring
They bring diamonds and rust

Auch Bob Dylan hat ihr also etwas zurückgegeben. Nie habe sie sich ihm näher gefühlt als damals in New York, schreibt Baez. Sie, die ja vor ihm berühmt war und ihn erst mit bekannt machte, indem sie ihn mit ihr auftreten ließ, fühlte sich wie eine Mutter, zugleich wie eine mystische Schwester, sah ihn als „fragiles Sonntagskind“ in der von ihr gekauften Ausstattung – zusammen seien sie ein „lebendiger Mythos“ gewesen. Alles schien perfekt. Und das kommt im Lied auch noch einmal heraus: „Speaking strictly for me we both could have died then and there.“

Aber das eben nur damals – denn im Lied hat der Mythos schon Rost angesetzt, wie man hört. Eben deswegen ist das Lied so gut, es ist die Darstellung einer großen Liebe und zugleich ihr Abgesang. Der hohe Ton, den man von Baez kennt, wird hier gebrochen, gleich beim Einstieg schon mit einem für sie ungewöhnlichen Fluch („I’ll be damned“), so wie der Einfluss von Bob Dylans krauser, rücksichtsloser Bildsprache in seinen manisch nachts in die Schreibmaschine gehackten Songtexten auch die Vorstellung von einer edlen, ernsten Folkmusik gebrochen hat, die Baez bis dahin gesungen hatte.

Das ungewaschene Phänomen

Eben der Gegensatz zwischen der Wohlerzogenen, fast heilig wirkenden Joan und dem jungen Wilden Bob (sie nannte ihn trotzdem Bobby) machte den Reiz des Paares aus. Aber während sie damals seine genialische, aufmüpfige Art und Inszenierung bewunderte, hat in ihrem Erinnerungslied auch diese Bewunderung einen Knick bekommen. Die Zuschreibungen für den jungen Dylan, der mit seiner Chuzpe zur Selbsterfindung in die New Yorker Szene einschlug, kaum angekommen und doch „already a legend“, schillern zwischen freundlicher und beißender Ironie: „the unwashed phenomenon“, „the original vagabond“. Dieser Ungewaschene schlurchte der Sängerin direkt in die Arme und fand dort Halt: „You strayed into my arms / and there you stayed“.

Die dann folgende Textstelle ist von Stolz und Bitterkeit geprägt:

Temporarily lost at sea
The Madonna was yours for free
Yes, the girl on the half-shell
Could keep you unharmed

Dylan ist hier der Verlorene auf hoher See, Baez einerseits mütterliche Madonna (die er umsonst hätte haben und damit zum Heiland werden können) – und zugleich doch die sexuell wie intellektuell inspirierende Venus (das „Mädchen auf der Muschelhälfte“ spielt auf Darstellungen wie jene von Botticelli an): ein durchaus selbstbewusstes Bild, das die Sängerin hier wählt, aber eben das meint wohl der „lebendige Mythos“, von dem sie spricht.

Sein Sündenfall

Dass Dylan dann doch abtrünnig wurde, das Geschenk ihrer Liebe nicht annahm, wird im Lichte dieser Textstelle als Versehrung, als Sündenfall gedeutet: Er blieb eben nicht „unharmed“, sondern wurde vom bösen Rock ‘n‘ Roll verführt, der Strom-Judas. Die selbsternannte Gottesmutter blieb mit ihrer Akustikgitarre zurück – aber auch nur vorerst. Denn die Aufnahme von „Diamonds and Rust“ sowie das gleichnamige Album von 1975 stellen ihrerseits eine musikalische Entwicklung dar, die man zehn Jahre zuvor von Joan Baez nicht unbedingt erwartet hätte: mit Einflüssen, die über den psychedelischen Rock hinaus zu Country und Jazz reichen. Zu dem Zeitpunkt, als sie dieses Album schrieb und aufnahm, war aus Joan Baez also auch längst eine andere geworden, die zwar nicht wie Dylan völlig mit den Überzeugungen des Früh-Folk gebrochen hatte, aber durchaus auch als „Sell-Out“ gelten konnte, denn auch sie hat die Musikindustrie nicht rundheraus abgelehnt. Baez hat, wie sie einmal sagte, zwar wenige Hit-Singles gehabt, aber den finanziellen Schub, den sie bedeuteten, wenn sie doch mal kamen, gerne mitgenommen. Bob Dylan macht heute Werbung für Autos oder Whisky, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die selbstbewussteste Stelle in ihrem bitterschönen Lied, das man ohne weiteres als eine der großen Balladen der Siebziger bezeichnen kann, ist die, an der sich Liebe und Spott, hoher Ton und Sarkasmus auf engstem Raum begegnen:

As I remember your eyes
Were bluer than robin's eggs
My poetry was lousy you said
Where are you calling from?
A booth in the midwest

Die konventionelle Metapher, die Dylans Augenfarbe mit der von Rotkehlcheneiern vergleicht, wird, so kann man interpretieren, als Inbegriff von Joan Baez’ frühem Folkgesang zunächst Ziel von Dylans Spott: lausig schlechte Poesie in dessen Augen. Aber dann kommt der Gegenangriff: „Where are you calling from“? Das kann man vordergründig nur als Frage in dem besagten Telefongespräch deuten: Von wo aus rufst du an? Aber die Antwort – aus einer Telefozelle irgendwo im mittleren Westen – soll hier wohl ihrerseits Ziel des Spotts werden. Baez sagt damit also: Was fällt Dir Hinterwälder aus Minnesota ein, mich zu kritisieren?

Dass Joan Baez sich dichterisch mit Dylan messen will, mag man für verrückt halten. Mit diesem Lied könnte sie es aber. In ihren Memoiren hat sie keinen Hehl daraus gemacht, dass sie ihn für den vielfach Begabteren hielt, und das kann angesichts ihrer beider Werke heute auch niemand ernsthaft bestreiten. Aber hier ist es vielmehr die Geste, die zählt: Die, der ja ohnehin das Herz gebrochen wurde, und die sich nicht schämt, das zehn Jahre später unumwunden zuzugeben, sagt hier nochmal, um Stolz zurückzugewinnen: Was willst Du eigentlich?

Ständige Vagheit

Noch einmal zurück zum Anfang: Nun also erklärt sich der Schmerz, die Erschütterung, die der Anruf aus der Vergangenheit bedeutet.

And here I sit
Hand on the telephone
Hearing a voice I'd known
A couple of light years ago
Heading straight for a fall

Die Wunde ist noch offen, und bleibt es auch am Schluss. Die letzte Strophe wirft die Frage auf, warum Dylan überhaupt angerufen hat, wenn nicht aus Nostalgie. Und rückt noch eine weitere seiner lyrischen Eigenheiten ins Licht: die ständige Vagheit.

Now you're telling me
You're not nostalgic
Then give me another word for it
You who are so good with words
And at keeping things vague

Joan Baez wünscht sich solche Vagheit, denn sie, im Gegensatz dazu, hat völlige Klarheit:

It's all come back too clearly
Yes, I loved you dearly

Für die Diamanten der Erinnerung, ebenso wie für den Rost (ein Sprachbild, das vielleicht bewusst nicht aufgehen, nicht schön sein soll), hat sie bereits bezahlt, heißt es am Schluss.

Aber so traurig das Lied endet, war es im Leben doch noch nicht das Ende für Joan und Bob. Wie in einer farcehaften Wiederholung ihrer Geschichte kamen sie auf seiner „Rolling Thunder“-Tournee doch noch einmal zusammen, zumindest auf die Bühne – und lebten dort sowie in dem dabei entstandenen experimentellen Langspielfilm „Renaldo and Clara“, konzipiert von Dylan und Sam Shepard, noch einmal ganz andere mythische Formen durch. Der Film wurde ein totaler Flop.

Diamonds and Rust

Well, I'll be damned
Here comes your ghost again
But that's not unusual
It's just that the moon is full
And you happened to call
And here I sit
Hand on the telephone
Hearing a voice I'd known
A couple of light years ago
Heading straight for a fall

As I remember your eyes
Were bluer than robin's eggs
My poetry was lousy you said
Where are you calling from?
A booth in the midwest
Ten years ago
I bought you some cufflinks
You brought me something
We both know what memories can bring
They bring diamonds and rust

Well, you burst on the scene
Already a legend
The unwashed phenomenon
The original vagabond
You strayed into my arms
And there you stayed
Temporarily lost at sea
The Madonna was yours for free
Yes, the girl on the half-shell
Could keep you unharmed

Now I see you standing
With brown leaves falling all around
And snow in your hair
Now you're smiling out the window
Of that crummy hotel
Over Washington Square
Our breath comes out white clouds
Mingles and hangs in the air
Speaking strictly for me
We both could have died then and there

Now you're telling me
You're not nostalgic
Then give me another word for it
You who are so good with words
And at keeping things vague
'Cause I need some of that vagueness now
It's all come back too clearly
Yes, I loved you dearly
And if you're offering me diamonds and rust
I've already paid

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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