Pop-Anthologie (116)

Ob Ost, ob West, kalten Kriegern die Pest!

Von Andrea Diener
06.05.2021
, 06:40
Auf der Bühne am Tag der Bonner Friedensdemonstration: Hinweise darüber, was diese zwei Hutträger da zusammen sangen, nimmt die Redaktion gern entgegen.
Die kurze Karriere von Joseph Beuys als Popsänger kulminierte in einem denkwürdigen Auftritt in der ARD-Sendung „Bananas“. Er sang den Protestsong „Sonne statt Reagan“ – wie konnte es dazu kommen?

Sagen wir es gleich vorab: Das hier ist kein Meisterwerk, weder musikalisch noch textlich. Aber erstens steht da Joseph Beuys höchstpersönlich und tut zum Glück gar nicht erst so, als könne er singen oder tanzen. Und zweitens ist es schon bemerkenswert, wie rührend naiv einige kulturelle Produkte der Friedens- und Umweltbewegung der frühen Achtziger Jahre heute anmuten – erinnert sich noch jemand an Karl, den Käfer? Genau.

„Doch wir wollen: Sonne statt Reagan
Ohne Rüstung leben!
Ob West
Ob Ost
Auf Raketen muß Rost!“

Das Leben in der Bundesrepublik war ja nicht nur golden. Überall kam saurer Regen auf die Wälder hernieder, die allenthalben starben oder abgeholzt wurden. Dazu kam der ewige kalte Krieg, die Bedrohung von haufenweise Pershing-II- und sonstigen Raketen, die von beiden Seiten, Amerikanern wie Sowjets, zwischen den Fronten, also in Mitteleuropa stationiert waren. Die Front verlief irgendwo zwischen Hessen und Thüringen, und natürlich „macht das was“ mit den Menschen, wie man so schön sagt, nämlich vor allem ein ziemlich mulmiges Gefühl. Überall wurde demonstriert. Gegen Startbahnen und für den Frieden vor allem. Und diese Massen, die da demonstrierten, gründeten ziemlich bald eine neue Partei und nannten sie „Die Grünen“. Mittenmang war ein gewisser Professor Beuys, international anerkannter Künstler mit gerade erfolgreich absolvierter Retrospektive im Guggenheim.

Im November 1982 bei der Bundeskonferenz der Grünen in Hagen: Beuys begrüßt Petra Kelly.
Im November 1982 bei der Bundeskonferenz der Grünen in Hagen: Beuys begrüßt Petra Kelly. Bild: Picture-Alliance

Und nun steht dieser honorige Mann also am 25. Mai 1982 in der ARD auf der Bühne der Quatschsendung „Bananas“, hüpft herum, schwingt das Mikro und sprechsingt schlechte Wortspiele. Gut, viel schlechter als der beliebte Slogan „Petting statt Pershing“ war das auch nicht. Trotzdem. Wer sind diese Leute, und wie kam es dazu?

Am 19. April 1982 nahm, soviel weiß man, Beuys dieses Stück Zeitgeschichte im Auftrag der Grünen auf und veröffentlichte es als Single. Gelb auf braun steht der Titel da, der Interpret gleich darunter, in Form einer Signatur. Das hier, so versteht es jeder Käufer, ist ein Stück Beuys, ein aktionistisches Kunstwerk, eine soziale Plastik, wenn man so will, signiert vom Meister höchstselbst. Die Musik schrieb Klaus Heuser, Gitarrist der Band BAP. Der Text mit den schlechten Wortspielen stammte von einem Werbetexter namens Alain Thomé, und BAP-Mann Manfred Boecker hat auch daran mitgeschraubt.

Ende Mai kam es zum ersten großen Auftritt, nämlich in besagter ARD-Sendung mit einer Band, die sich „Die Deserteure“ nannte. Vor dem Fernseher saß ein entgeisterter Wolfgang Niedecken von BAP und gab der Kunstzeitschrift „ART“ später folgende Reaktion zu Protokoll: „Irgendwann schalte ich den Fernseher ein, um die Sendung „Bananas“ anzugucken, und sehe da unseren Gitarristen, unseren Bassisten, unseren damaligen Percussion-Spieler, der plötzlich am Schlagzeug saß, zwei Chordamen, von denen eine Ina Deter war und die andere die Ex-Freundin unseres Gitarristen. Das war eine Frau, die im Chlodwig-Eck, unserer Stammkneipe, bediente und bei der Band Nyloneuter sang. Wolf Maahn war offensichtlich der Bandleader dieser Geschichte. Und Joseph Beuys stand da und sang diesen grottenschlechten Text.“

Die Kunstwelt war einigermaßen entgeistert, die Musikwelt war einigermaßen entgeistert, doch wir können uns zurücklehnen, in uns hineinkichern und denken: Hat er’s wieder mal geschafft, der alte Fuchs! Wenn die Fettecken und Filzgebilde schon im Guggenheim hinter Glas präsentiert werden, dann muss man in der ARD in seltsamen Quatschsendungen im Rahmenprogramm mit Kim Wilde und Foreigner auftreten und alle, wirklich alle verbliebenen Kunstschnösel gegen sich aufbringen. So geht „soziale Plastik“. Bravo!

Nun war das nicht der letzte Auftritt von Beuys und diesem Song. Eine zweite Darbietung gab es anlässlich des Besuches von Ronald Reagan beim NATO-Gipfel in Bonn. Riesenauflauf, Sonderzüge der Bahn, gesperrte Autobahnen, Hunderttausende auf den Rheinwiesen, bislang größte Friedensdemo Deutschlands, großer Aufstand gegen Nachrüstungspläne. Die ganze junge grüne Partei versammelt. Überall diese Friedenstauben, weiß auf blau. Natürlich gab es auch eine Bühne mit Musikprogramm. Und da tritt Joseph Beuys auf, begleitet von der Band BAP, und gibt „Sonne statt Reagan“ zum Besten.

„Aus dem Land, das sich selbst zerstört
Und uns den „way of life“ diktiert

Da kommt Reagan und bringt Waffen und Tod

Und hört er Frieden, sieht er rot.
Er sagt als Präsident von USA
Atomkrieg? – Ja“

Auch hier ist Wolfgang Niedecken wieder Zeitzeuge. Inzwischen hat er sich mit „dem grottenschlechten Text“ offenbar versöhnt, denn er schreibt in seiner Autobiographie „Für 'ne Moment“: „Ich wollte nicht, dass der Moment, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen, schneller als nötig vorüberging, daher forderte ich ihn während der Zugaben nochmal auf, seinen Platz im Gras zu verlassen: ‚Kumm eropp, Beuys, arbeide!‘ (…), und Beuys sang einen Text von Bob Dylan. Zumindest den Teil davon, der sich ihm am schnellsten einprägte: ‚Nack, nack, nack‘.“

Damals in den Rheinauen: Neuys (unten rechts) mit Gert Bastian und Bundeswehrsoldaten.
Damals in den Rheinauen: Neuys (unten rechts) mit Gert Bastian und Bundeswehrsoldaten. Bild: Picture-Alliance

„Sonne statt Reagan
Ohne Rüstung leben!
Ob Ost
Ob West
Kalten Kriegern die Pest!“

Ist dieser Song nun antiamerikanisch? Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Blicken wir einmal auf den Tag in Bonn, wie er damals beschrieben wurde: „Fast hunderttausend Bundesbürger kamen, am vorletzten Samstag von der Unionsopposition gerufen, um Ronald Reagan in den Himmel zu heben. Viermal so viele versammelten sich am Donnerstag darauf aus alternativer Opposition, um ihn zur Hölle zu wünschen“, schreibt der „Spiegel“ in einer hübsch anschaulichen Reportage im Juni 1982. Und weiter: „In Wahrheit aber stand das jeweilige Amerika-Bild als Chiffre für das Selbstverständnis zweier tief in ihren Wünschen, Werten, Lebensweisen und Lebenszielen voneinander getrennten Gesellschaftsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland. Daß beide Seiten einander Anti-Amerikanismus vorwarfen, ist ein Witz – amerikanischer ist in Deutschland wohl selten demonstriert worden als an diesen beiden Tagen in Bonn.“ Die einen sangen „America the Beautiful“ und schwenkten Stars-and-Stripes, die anderen zelebrierten ein nicht minder amerikanisch inspiriertes Love-and-Peace-Woodstock. Das, was Reagan vertritt, ist nicht unbedingt das, was alle Amerikaner wollen. Oder, in den Worten von „Sonne statt Reagan“:

Dieser Reagan kommt als Mann der Rüstungsindustrie

But the peoples of the States don't want it – nie!”

Nun legte man gerne solchen, denen die Bundesrepublik im Detail zu konservativ war, den schönen Satz: „Geh doch nach drüben!“ ans Herz. Aber auch da war nicht alles Friede, Freude, Blini, denn das sowjetische Pendant zu den Pershing-Raketen hieß „SS20“. Theoretisch konnten nun die in Europa stationierten Pershing-Raketen Moskau treffen, und die Vergeltungsschläge träfen dann nun wieder Westeuropa. Wenn es Krieg gibt, so erklärte uns damals Anfang der Achtziger Jahre unsere Grundschullehrerin, fallen uns hier alle Raketen aufs Dach, deshalb müssen wir ganz stark für den Frieden sein, in unserem eigenen Interesse. Das haben dann sogar 23 Steppkes mit sehr durchmischtem Bildungshintergrund im Westen Frankfurts kapiert.

„Er will die Säcke im Osten reizen
Die auch nicht mit Atomen geizen“

Am 8. Dezember 1987 vereinbarten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow dann übrigens die „Doppel-Null-Lösung“. Innerhalb von drei Jahren sollten alle in Europa stationierten amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen verschrottet werden. Die Vereinigten Staaten zerstörten 846 Raketen, die Sowjetunion 1846. Das erlebte Joseph Beuys leider nicht mehr.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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