Pop-Anthologie (129)

Ein Leben lang kämpfen

Von Martin Andris
28.10.2021
, 13:34
Zum poeta laureatus erklärt er sich nicht, bietet aber für Kenner zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten: Kendrick Lamar
In Kendrick Lamars Song „Alright“ zeigt sich die große Kunst dieses Rappers: Unter Aufbietung verschiedener Stimmen verbindet er literarischen Anspielungsreichtum mit der Härte afroamerikanischer Realität.
ANZEIGE

Er ist ein Entwachsener. Kendrick Lamar hat für das Ringen mit der prekären Herkunft, den Schmerz des Milieuwechsels Worte gefunden wie kein anderer. Abstoßung von zu Hause, Einsamkeit im neuen sozialen Umfeld, die Angst, wieder zurückzumüssen – sein Album „How to pimp a butterfly“ beschreibt eine Metamorphose. Den Protestierenden von „Black Lives Matter“ wurde es 2015 zur Parabel auf den steinigen Weg der Emanzipation und Selbstermächtigung. Inzwischen ist Lamar Grammy-Gewinner und Pulitzerpreisträger. „Alright“ gilt längst als der Song der 2010er Jahre. Kendrick Lamar wird an Universitäten diskutiert, seine Texte finden Eingang in Anthologien.

ANZEIGE

Aber was soll man überhaupt mit dieser Phrase anfangen, die Pharell Williams, der auch den Beat produziert hat, in der Hook immer wieder vorträgt – „We gon’ be alright“? Bricht hier das „Age of Aquarius“ an? Ist Lamar ein rappender Geschichtsphilosoph? Die Welt auf dem geraden Weg Richtung Besserung? Natürlich nicht. Lamar schenkt uns keinen ökumenischen Imagine-All-the-People-Moment. Hier geht es um religiöse Selbstbeschwörung. Polizeigewalt ist für Schwarze eine reale Gefahr, und Lamar hat Angst vor seinen eigenen Entscheidungen, aber das Vertrauen in Gott könnte, nein: es muss einfach Ordnung in das ganze Chaos bringen:

And we hate po-po
Wanna kill us dead in the street fo sho’
I’m at the preacher’s door
My knees gettin’ weak, and my gun might blow
But we gon’ be alright

Zwischen Ghetto und Musikbranche zerrieben?

Auf dem Album ist „Alright“ in ein strukturgebendes Gedicht eingebettet („I remember you was conflicted“). Jedem Vers entspricht ein Song. Kendrick Lamar hat Compton verlassen, den ikonischen Vorort südlich von Los Angeles, der bis heute von Gangkriminalität geprägt ist. Jetzt schläft er in Hotels, erhält künstlerische Anerkennung, finanzielle Freiheit und Einfluss. Aber das Ghetto und die Musikbranche stoßen in Lamar aufeinander, zerreiben ihn. Existenzängste wird man nicht einfach los, sie verlagern sich: Nicht mehr die nächste Polizeikontrolle sorgt für Grübeln und Gedankenkreisen, sondern die Steuerfahndung. Und wie soll jemand mit Macht umgehen lernen, der immer nur Ohnmacht kannte (Sometimes I did the same / Abusing my power, full of resentment)?

Als Ende 2010 die Runde machte, dass Dr. Dre mit einem jungen Rapper aus Kalifornien zusammenarbeitet, hielt die Szene kurz den Atem an. Denn Dre hat in den letzten 30 Jahren zusammen mit dem Interscope-Executive Jimmy Iovine eine ganze Reihe von Superstars protegiert: Snoop Dogg, Eminem, 50 Cent. Alle sehr einflussreich, alle eher Blockbuster als Arthouse. Bei Lamar konnte also schnell eine falsche Erwartungshaltung aufkommen. Noch dazu kommt er aus Los Angeles, einer Stadt die man nicht direkt mit verkopften Raptexten assoziiert. Spätestens seit „Good Kid, M.A.A.D City“ (2012) war klar, dass hier jemand das Gangsta-Rap-Korsett seiner Heimat sprengen wollte. Aber wie hat er das gemacht?

ANZEIGE

Dem Teufel entkommen

Lamars handwerkliche Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Vor ihm unterschied man in eigentümlicher Taxonomie zwischen technischen, flow-orientierten Rappern und „Lyricists“. Lamar hat diese beiden Blöcke zerpulvert. Vor ihm bewunderte man Rapper für ihre charakteristische Stimmfarbe, Lamar hat ein ganzes Reservoir an verschiedenen Stimmen und Sprechweisen. Allein in „Alright“ changiert er unter anderem zwischen Aufrührer (Wouldn’t you know / We been hurt, been down before), lächelndem Crooner (Tell the world I know it’s too late / Boys and girls, I think I’ve gone cray) und Rezitator (Lucifer was all around / So I kept running / Until I found my safe haven).

In den afroamerikanischen Communities wurde teilweise der Vorwurf laut, Lamar schiele mit seinem High-Concept-Rap zu stark in die Richtung weißer Elitenkultur. Die Ehren und Würden, mit denen diese ihn überhäuft hat, haben diesem Verdacht sicher erhärtet. Er selbst jedenfalls ist auch von dieser Frage besessen: Wann werden aus Ambitionen unkritische Affirmationen? Aufstiegswille innerhalb des Systems zeigte sich im Rap ja nie bloß durch die Anhäufung von ökonomischem, sondern auch von kulturellem Kapital. Rakim war Ende der 1980er Jahre mit Goldketten und Bling-Bling längst nicht am Ziel seiner Träume. Ihm genügte es nicht, Rapper zu sein, er wollte die Dichterkrone (I’m not a regular competitor, first rhyme editor / Melody arranger, poet, etcetera). KRS-One strebte die Rolle des „Teachers“ an (You must learn!), GZA sah sich als „Scientist“. Bereits Kendrick Lamars Albumtitel bringt ein ungutes Gefühl gegenüber solchen Aufwertungsstrategien zum Ausdruck. „How to pimp a butterfly“ kann heißen: das Beste aus einem Schmetterling herausholen oder: ihn „zur Nutte“ machen.

ANZEIGE

Zum Mitrappen und Mitdenken

Kendrick Lamars Lösung liegt in einer Art doppelten Optik. Zum poeta laureatus erklärt er sich nicht, aber für den Connaisseur bieten sich zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten. Vielleicht hört man nur auf den treibenden Beat, an dem neben Pharell auch Sounwave beteiligt war. Man bemerkt, dass die Background-Sänger sich gleich zu Beginn als Synthesizer ausgeben. Oder man wird vom sonnenglitzernden Altsaxophon Terrace Martins vereinnahmt. „Alright“ lädt zu beidem ein: zum mitrappen und mitdenken. Lamars Anspielungen weisen in unterschiedliche kulturelle Sphären. Sieht man, wie Regisseur Colin Tilley den Rapper im Video durch die Luft fliegen lässt, denkt man an Paul Austers „Mr. Vertigo“ – oder an das Video zu „Top of the World“ von Brandy mit dem immer reizenden Mase. Lamar hat seine Einflüsse in einem solchen Maße verinnerlicht, dass die Dringlichkeit einer Line wie „Alls my life, I has to fight“ auch deutlich wird, wenn man gar nicht versteht, dass es sich um ein Zitat aus „The Color Purple“ handelt.

Wahrscheinlich liegt hier auch ein Grund für den Erfolg Lamars in der weißen Mehrheitsgesellschaft: Er fängt zwar „die Komplexität des modernen afro-amerikanischen Lebens“ ein, wie die Jury des Pulitzerpreises schrieb. Aber er überfordert Außenstehende nicht. „Black Lives Matter“ hat zu einer neuen internationalen Solidarität mit der afro-amerikanischen Emanzipationsbewegung geführt. Natürlich liegt es auch daran, dass Hip-Hop institutionell und publizistisch flankiert wird wie noch nie. Für die Musikrichtung hat mit „Alright“ vielleicht eine Geschichte von Neugier und Vereinnahmung eingesetzt, die der Jazz schon längst hinter sich hat.

Kendrick Lamar: „Alright“ (Video-Version)

Ahhh! Ahhh!
I remembered you was conflicted
Misusing your influence
Sometimes I did the same
Abusing my power full of resentment
Resentment that turned into a deep depression
Found myself screaming in the hotel room
Lucifer was all around
So I kept running
Until I found my safe haven
I was trying to convince myself the stripes I got
Making myself realize what my foundation was
(In the room, and I run it)
(Bluh! Bluh! Bluh! Bluh!)
But while my loved ones were fighting the continuous war back in the city, I was entering a new one
A war that was based on apartheid and discrimination

Ay on my momma, nigga (R.I.P. Pat Dawg)
I’mma be the greatest to ever do this shit
On my momma, doe like...
On the dead homies
Aye Sounwave turn this shit up nigga
Turn this shit up! Soundwave, turn this shit up nigga
Tell me, who the bitch nigga hatin’ on me?
Jumping on my dick, but this dick ain’t free
To Pimp a Butterfly, another classic CD
Ghetto lullaby for every one-day MC
(Bluh! Bluh! Bluh! Bluh!)
Nigga, now R.I.P
My diligence is only meant to write your eulogy

Alls my life I has to fight, nigga
Alls my life I...
Hard times like, God!
Bad trips like, Yea!
Nazareth, I’m fucked up
Homie, you fucked up
But if God got us
Then we gon’ be alright

Nigga, we gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
We gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Huh? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright

Uh, and when I wake up
I recognize you’re lookin’ at me for the pay cut
But homicide be lookin’ at you from the face down
What Mac-11 even boom with the bass down
Schemin’, and let me tell you ’bout my life
Painkillers only put me in the twilight
Where pretty pussy and Benjamin is the highlight
Now tell my momma I love her but this what I like, Lord knows
20 of ’em in my Chevy, tell ’em all to come and get me
Reapin’ everything I sow, so my karma come
And heaven no preliminary hearing, so my record
I’m a motherfuckin’ gangster in silence for the record
Tell the world I know it’s too late
Boys and girls, I think I gone cray
Drown inside my vices all day
Won’t you please believe when I say

Wouldn’t you know
We been hurt, been down before
Nigga, when our pride was low
Lookin’ at the world like Where do we go?
Nigga, and we hate po-po
Wanna kill us dead in the street fo sho
Nigga, I’m at the preacher’s door
My knees gettin’ weak, and my gun might blow
But we gon’ be alright

Nigga, we gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
We gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Huh? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright

What you want, you a house, you a car?
40 acres and a mule, a piano, a guitar?
Anything, see my name is Lucy, I’m your dog
Motherfucker, you can live at the mall
I can see the evil, I can tell it, I know it’s illegal
I don’t think about it, I deposit every little zero
Thinkin’ of my partner, put the candy, paint it on the Regal
Diggin’ in my pocket, ain’t a profit big enough to feed you
Everyday my logic, get another dollar just to keep you
In the presence of your chico... ah!
I don’t talk about it, be about it, everyday I sequel
If I got it then you know you got it, heaven, I can reach you
Pat Dawg, Pat Dawg, Pat Dawg, my dog, that’s all
Bick back and Chad, I trap the bag for y’all
I rap, I black on track so rest assured
My rights, my wrongs; I write ’til I’m right with God

Wouldn’t you know
We been hurt, been down before
Nigga, when our pride was low
Lookin’ at the world like, Where do we go?
Nigga, and we hate po-po
Wanna kill us dead in the street fo sho
Nigga, I’m at the preacher’s door
My knees gettin’ weak, and my gun might blow
But we gon’ be alright

Nigga, we gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
We gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Huh? We gon’ be alright
Nigga, we gon’ be alright
Do you hear me, do you feel me? We gon’ be alright

I keep my head up high
I cross my heart and hope to die
Lovin’ me is complicated
Too afraid, a lot of changes
I’m alright, and you’re a favorite
Dark nights in my prayers

I remembered you was conflicted
Misusing your influence, sometimes I did the same
Abusing my power full of resentment
Resentment that turned into a deep depression
Found myself screaming in the hotel room
I didn’t wanna self-destruct
The evils of Lucy was all around me
So I went running for answers

Quelle: Faz.net
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE