Pop-Anthologie (142)

Alles so schön bunt hier

Von Christiane Wiesenfeldt und Dirk von Petersdorff
12.05.2022
, 07:41
Nina Hagen, 1978
„TV-Glotzer“ aus dem Jahr 1978 begründete Nina Hagens Ruf als Stimmwunder und „Godmother of Punk“. Aus einer amerikanischen Vorlage macht sie den vielleicht ersten nihilistischen Songtext deutscher Sprache.
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Als Angela Merkel im Dezember 2021 mit dem Großen Zapfenstreich aus ihrem Amt verabschiedet wurde, war indirekt auch Nina Hagen anwesend: als Sängerin des Liedes „Du hast den Farbfilm vergessen“, das die Bundeskanzlerin sich für diesen Anlass ausgesucht hatte. Mit diesem ironischen Schlager war Nina Hagen in der DDR der 1970er-Jahre berühmt geworden, aber er führte auch zu einem ersten Zerwürfnis mit diesem Staat. Denn während der Besichtigung einer Firma, die Farbfilme herstellte, kritisierte Nina Hagen die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen und den geringen Lohn der Arbeiter, und das in der ihr eigenen Deutlichkeit: „Dett is Ausbeutung, Herr Parteisekretär“, schrie ich quer durch die Halle, „schlimmer wie im Kapitalismus“, so berichtet sie in ihrer Autobiographie „Bekenntnisse“. Bis dahin war die „staatlich geprüfte Schlagersängerin“ mit ihrer Band „Automobil“ ein Jugendstar der DDR gewesen.

Auch politisch geriet sie zunehmend in Distanz zum sozialistischen Staat, denn sie gehörte zu einer Gruppe um Wolf Biermann, der ihr Ziehvater wurde. Wie für viele Künstler und Intellektuelle in der DDR stellte die Niederschlagung des Prager Frühlings einen entscheidenden Einschnitt dar. Denn damit war die Hoffnung, den Sozialismus und Freiheitsrechte des modernen Individuums zu verbinden, gescheitert. Nach einem Konzert vor SED-Funktionären traf sie Egon Krenz im Fahrstuhl. „Steif wie ein gefrorener Hering blickte er durch uns hindurch“, erzählt sie. „Na, Jugendfreund Krenz, wann dürfen wir ooch mal in’n Westen fahren, wie die Puhdys und Karat?“ Die Antwort wird so überliefert: „Frau Hagen, wenn Sie Ihr Verhältnis zum Sozialismus geklärt haben und mit dem Klassenfeind Biermann gebrochen haben, reden wir noch einmal miteinander.“

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Im Rebellieren bleibt sie sich treu

Im Dezember 1976 verlässt sie die DDR und geht zunächst nach Hamburg. Das Leben im Westen sagt ihr aber nichts: „Doch ich konnte das Riesengroße, Kaltbunte der Hamburger Welt zunächst gar nicht richtig verarbeiten: die krachenden Einkaufsstraßen, die anonyme Geschäftigkeit, mit der die Leute aneinander vorbeihasten, den weiten Hafen, der in die Welt aufsprang.“ Sie reist nach London weiter, das sie ebenfalls als kalten Moloch empfindet, vom Kommerz zerfressen. Aber in dieser Welt gibt es eine Insel des Guten, und das ist der Punk. Hier wird sie heimisch und tritt mit der Frauenpunkband „The Slits“ auf. Aus der Rückschau schildert sie es so: „Die Punks inszenierten sich einfach als kreative Kotzbrocken, um nicht gefressen zu werden. Göttlich! War da nicht etwas vom Lieben Gott? Hatte der uns nicht als Originale erschaffen? War diese kapitalistische Stanzmaschine, die uns nicht nur vorschrieb, was wir wie zu essen hatten, wie wir uns kleiden, was wir lieben und verachten müssen – war diese controlfreakige Snobmachine, die sogar die Seelen, die Herzen, die Kunst in gleichgeformte Scheiße verwandeln wollte – war sie nicht eine Erfindung des Teufels?“

Im Medium des Punk gelingt es Nina Hagen, ihrer kritischen Position zum Westen eine Stimme zu geben und in ihrem Leben Kontinuität zu finden. Denn eine Punkerin war sie schon in der DDR, wo sie ebenfalls gegen die „einherbretternde Dummheit der Normen“ aufbegehrt hatte. Auch der Westen wird von Normen regiert, gegen die es zu rebellieren gilt. Im Rebellieren bleibt sie sich treu. Es kommt aber auch zu Veränderungen: Die ältere DDR-Intelligenz deutete das westliche Lebensmodell als sinnentleert, weil es auf billige Vergnügungen, ohne jeden Glauben an etwas Höheres aus gewesen sei. So hatte es paradigmatisch Christa Wolf in ihrer Erzählung „Der geteilte Himmel“ dargestellt. Nina Hagen weicht von diesem Muster ab, weil sie im Westen immerhin Räume entdeckt, in denen man selbstbestimmt leben und sich größeren Ideen öffnen kann, philosophischen oder künstlerischen. Musikalische Experimente liefen hier nicht so rasch Gefahr, hinterfragt oder gar verboten zu werden, Systemkritik konnte und durfte explizit werden, und nicht zuletzt gab es beinahe unbegrenzten Raum für Individualismen in musikalischem Stil, Ausdruck und Performance. Hier konnte eine überdrehte Theatralität ausgelebt werden, die die ganze Kunst- und Medienfigur Hagen seitdem bestimmt.

Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch.
Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch. Bild: Reclam

In die Phase des Übergangs von Ost nach West gehört der Song „TV-Glotzer“, der 1978 das Album „Nina Hagen Band“ eröffnete. Er begründete Nina Hagens Ruf als „Godmother of Punk“. Der Song ist ein Cover des kalifornischen Songs „White Punks on Dope“ der Rockband „The Tubes“ von 1975. Darin singt ein gelangweilter Sohn einer reichen Hollywooder Familie von Drogenkonsum und Suizidfantasien: „Other dues are living in the ghetto / But born in Pacific Heights don’t seem much betto“. In Hagens Version wird „We’re white punks on dope“ zu „Ich schalt’ die Glotze an“: Aus dem „wir“ wird ein „ich“, die Männergruppe wird zu einer Frau, die Sprechweise einer West Coast-Upper Class zum überzeichneten Untere-Mittelschichts-Dialekt: „Hab’s bei allen verschissen“. Der gesprochene Prolog im gutturalen Modus einer Anmoderation im ostdeutschen Fernsehen tut sein Übriges, um das kalifornische Original vergessen zu lassen: „Einen recht schönen guten Abend, meine Damen und Herren.“

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Punk als Ausdruck des Göttlichen in einer dämonischen Ordnung

Der Song ist nihilistisch, aber nicht deshalb, weil die Sängerin an nichts glaubt, sondern weil die Welt um sie herum so sinnentleert ist. Was diese Welt im Kern anzubieten hat, ist das TV-Glotzen und das Naschen von Süßigkeiten. Diese Diagnose gilt dem Osten und Westen gleichermaßen, denn das Ich im Song glotzt „von Ost nach West“, sitzt also noch im Osten und schaut die Fernsehprogramme des Westens. Das exzessive Fernsehen tötet die Phantasie, führt zur Vereinsamung und lässt verdummen. Interessanterweise und für einen Punk-Song eher ungewöhnlich wird die Literatur als Gegenwelt genannt, von der sich die TV-Glotzer verabschiedet haben. In der Welt der Literatur und mit den Songs von Brecht, Biermann und Dylan war Nina Hagen groß geworden, jetzt aber muss sie feststellen: Das alles hat keine Bedeutung, an diese Stelle treten die „Daltons, Waltons“, austauschbare Fernseh- und Comicserien.

Wenn man sich solche Formulierungen genauer ansieht, muss man bedenken, dass es Ende der 1970er-Jahre mit Ausnahme von Udo Lindenberg kaum originelle deutschsprachige Songtexte gibt. Nina Hagen aber besitzt die Fähigkeit zu ungewöhnlichen Kombinationen: „Ich fühl mich alt / Im Sumpf wie meine Omi.“ Sie kann pointieren, wenn auf den Ansagetext des Anfangs nur das hinausgeschmetterte „Allein“ folgt. Sie kann Diagnosen mit umfassendem Anspruch stellen, die aber mit Ironie versetzt sind: „Happiness, Flutsch-Flutsch, Fun, Fun!“ – das ist die Welt des späten 20. Jahrhunderts. Und sie mischt auch entspannt einen Reim unter: „Ich schalt die Glotze an / Die Daltons, Waltons, everyone“. Bemerkenswert ist auch das Stakkato am Schluss, wo die permanenten Wiederholungen von „Ich glotz“ und „TV“ die ewige Wiederkehr des Immergleichen hörbar werden lassen.

Das Ganze wird getragen von der Virtuosität einer Stimme, die spielend klassische Gesangstechniken mit Sprechen, Kreischen, Brüllen oder Schmettern über vier Oktaven in einer bis dato in der Popmusik unbekannten Intensität kombiniert. Die Musik wird zur Nebensache, zum Klangbett, auf dem sich Hagens Stimme genüsslich räkelt. „TV Glotzer“ ist musikalisch unaufregend genug, um das zu ermöglichen: Alles bleibt im 16-Takte-Schema, melodisch pendelnd zwischen D- und A-Dur, angetrieben von irisierenden Keyboard-Stakkati im Sechzehntelrausch.

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Spricht oder singt hier eigentlich ein Rollen-Ich, also eine Figur, die von Nina Hagen vorgeführt wird, oder identifiziert sie sich auch mit diesem Ich? Wahrscheinlich beides, denn einerseits sieht die wirkliche Nina Hagen offenbar nicht nur TV und hat dem Lesen abgesagt. Andererseits steckt auch Selbsthass in diesem Song. Das lässt sich biographisch sagen, denn von einer heftigen Liebe zu Süßigkeiten hat Hagen wiederholt berichtet. Der Ekel an den „ausgelaufenen Erfrischungswaffeln“ (Ost-Produkt) und am eigenen Körper wird zudem so anschaulich und drastisch dargestellt, dass man nicht an eine reine Rollenrede glaubt. Viel wichtiger noch: Der Ekel in einer sinnentleerten Welt zu leben, entspricht auch dem Lebensgefühl der Songwriterin wie dem des Punk.

Die Punker sind keine Nihilisten, sondern sie sezieren eine Welt, in der sie keine Bedeutung mehr finden können. Sie sehnen sich nach einer Wahrheit, die ihnen fehlt. So verstand jedenfalls Hagen den Punk, als Ausdruck des Göttlichen in einer dämonischen Ordnung. Sie selbst ist, auch als Kotzbrocken verkleidet, eine Wahrheitssucherin, wie man vielen ihrer Äußerungen anmerkt. Ganz rührend ist es etwa, wenn sie in ihrer Autobiographie ihre erste Liebeserfahrung schildert. Nina Hagen suchte das Absolute und wusste nur nicht, wo man es findet. Diese Suche hat sie später in seltsam esoterische Zusammenhänge getrieben. Aber das ist schon eine andere Geschichte, die nach „TV-Glotzer“ beginnt.

Nina Hagen: „TV-Glotzer“

Einen recht schönen guten Abend, meine Damen und Herren
Ich begrüße Sie recht herzlich zu unserem heutigen Fernsehprogramm
Und wünsche Ihnen einen recht guten Empfang

Allein
Die Welt hat mich vergessen
Ich hänge rum
Hab's bei allen verschissen
Ich sitz' zu Hause
Keine Lust zu gar nichts
Ich fühl' mich alt
Im Sumpf wie meine Omi

Ich schalt' die Glotze an
Die Daltons, Waltons, everyone
Ich glotz' von Ost nach West, 2, 5, 4
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier
Ich glotz' TV (sie glotzt TV)
Ich glotz' TV (sie glotzt TV)

Ich bin so tot
War das nun schon mein Leben?
Meine schöne Phantasie
Meine Schaltstellen sind hinüber

Ich schalt' die Glotze an
Happiness, Flutsch-Flutsch! Fun, Fun!
Ich glotz' von Ost nach West 2, 5, 4
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier!
Ich glotz' TV (sie glotzt TV)
Ich glotz' TV (sie glotzt TV)

Ich krieg 'ne Meise weil
Na, ich fass' kein Buch mehr an
Literatur?? Da wird mir übel, ürgh
Und die Arztromane hab' ich mit zwölf hinter mich gebracht
Mann, bin ich belesen, hey

Und die Erfrischungswaffeln sind ausgelaufen (würg, würg, würg)
Und diese scheiß Schokolade macht einen
Fetter und fetter und fetter und fetter und, ach!

Ich schalt' die Glotze an
Happiness, Flutsch-Flutsch! Fun, Fun!
Ich glotz' von Ost nach West, 2, 5, 4
Ich kann mich gar nicht entscheiden
Ist alles so schön bunt hier
Ich glotz' TV
Ich glotz' TV
Ich glotz' TV
Ich glotz' TV
Ich glotz'
Ich glotz' TV, TV, TV, TV, TV, TV, TV, TV
Ich glotz' TV

TV, TV, TV, TV, TV, TV, TV ist 'ne Droge
TV macht süchtig!
TV, TV, TV, TV

Quelle: FAZ.NET
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