Pop-Anthologie (101)

Nur ich und du

Von Jan Wiele
08.10.2020
, 17:28
Tamara Danz (1952 bis 1996)
Songs aus der DDR werden oft nur auf ihren politischen Gehalt hin gehört. Das ist eine verengte Sichtweise. Könnte „Schlohweißer Tag“ von Silly nicht einfach eine Liebesballade für die kalte Moderne sein?

Der Festakt zur deutschen Einheit in Potsdam hat gerade wieder gezeigt, dass man sich für ostdeutsche Lieder aus der Zeit der Teilung nur noch wenig interessiert, selbst wenn es geradezu zwingend erschiene, sich an einige zu erinnern. Der ausstrahlende Sender des Festakts, der RBB, hätte, um diesen ein bisschen historischer und interessanter zu gestalten, sogar auf eine eigene Veröffentlichung zurückgreifen können. Das „Radio Eins“ des RBB hat nämlich im vergangenen Jahr ein Box-Set mit den „100 besten Ost-Songs“ herausgegeben, das ein Ohrenöffner mit vielen wohl nicht nur für Nachgeborene erstaunlichen Titeln ist. Nun gut, Manfred Krug, Karat und die Puhdys sind vielleicht doch noch manchen bekannt – aber wie steht es mit der Renft-Combo, der Horst-Krüger-Band oder der Punkband Schleim-Keim?

Die Sammlung offenbart noch etwas: Dass man von heute aus die Songs fast automatisch daraufhin befragt, wie brav oder wie kritisch sie waren. Aber das ist ungerecht, weil es der Musik keinerlei ästhetischen Eigenwert mehr zugesteht. Ist ein Song aus der DDR also nur in der Hinsicht interessant, welche politischen Inhalte er transportiert oder welche er verschweigt? Ist ein (scheinbar) unpolitischer Song schon als systembejahend zu charakterisieren, nur weil er das System nicht – so weit das denn unter der Zensur möglich war – kritisiert?

Der Sanddorn sticht

Es wird beim Nachhören schnell deutlich, dass viele Ostsongs zumindest eine Dimension des vagen Widerstandes, des Eskapismus aufweisen. Wenn man etwa den von Kurt Demmler geschriebenen Text des Schlagers „Du hast den Farbfilm vergessen“, den Nina Hagen 1975 mit der Band Automobil sang, ein bisschen aufmerksamer liest, vielleicht auch mit dem Wissen um den Nimbus der Aussteigerinsel Hiddensee, der durch Lutz Seilers Bestseller „Kruso“ heute vielen bekannt ist, dann könnte man auch in dem Farbfilm-Lied, so vordergründig banal es klingt, schon eine Fluchtutopie hören: „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee / Micha, mein Micha, und alles tat so weh.“

Dass man mit gesungenen Fluchtgedanken leicht zu weit gehen konnte, zeigt hingegen der Fall von Renft: Eben noch mit dem Segen des Komitees für Unterhaltungskunst der DDR zum Aushängeschild gemacht, wurde die Gruppe bald darauf plötzlich verboten, weil sie eine „Ballade vom kleinen Otto“ sang, die eine gescheiterte Republikflucht mit anschließendem Suizid beschreibt. Das war 1974. Zehn Jahre später, Mitte der Achtziger, sahen die Welt und die DDR schon anders aus. So war es möglich, dass 1989 sogar der Song „Verlorene Kinder“ der Band Silly offiziell erschien, in dem es hieß: „In die warmen Länder würden sie so gerne fliehn / Die verlornen Kinder in den Straßen von Berlin“.

Familie Silly

Die Lieder von Silly aber scheinen ein besonderer Fall zu sein, den wir in dieser Folge der Pop-Anthologie etwas genauer anschauen wollen – weil sie schillern und ganz ambivalent auslegbar sind. Als Silly sich 1978 in Ostberlin gründen wollte, soll die zuständige Aufsichtsbehörde nach einer Anekdote verfügt haben, den als subversiv empfundenen Bandnamen nur in der Gestalt der „Familie Silly“ zuzulassen. Er wurde dann aber doch in Silly geändert, und wenige Jahre später war die Formation um die flamboyante Sängerin Tamara Danz eine der angesagtesten, wenn nicht die angesagteste Popgruppe der DDR. Die Texte stammten teils von Danz, teils von dem Songschreiber Werner Karma, der viele bekannte Liedtexte der DDR geschrieben hat, darunter auch solche von Holger Biege. Silly hatten – im Gegensatz, sagen wir, zu den Puhdys oder City – etwas Weltläufiges, sie waren musikalisch wie äußerlich von der New Wave inspiriert. Als Höhepunkt ihres Schaffens gilt das 1986 erschienene Album mit dem französischen Titel „Bataillon d’Amour“. Man könnte es vielleicht als Konzeptalbum der ums Überleben kämpfenden Liebe bezeichnen.

Mehrere Stücke handeln von Paaren zwischen Anziehung und Abstoßung, schon die Titel „Panther im Sprung“ oder „Josef und Maria“ fächern sehr unterschiedliche Arten der Beziehung auf. Im Lied „Bataillon d‘ Amour“ geht es um sehr junges Begehren: Ein Mädchen, das „kaum 13 Jahr“ alt ist, wird auf der Straße von einem Jungen berührt und hat „schon Nacht im Haar“. Das Setting dafür ist zumeist die „kalte Großstadt“, die hier aber nicht als Spezifikum der DDR, sondern der Moderne an sich ausgestellt wird: das eben wirkt weltläufig, auch in den Industrial-Klängen und Synthesizer-Einlagen des Albums.

Ein besonders charakteristisches Setting hat das Lied „Schlohweißer Tag“. Es scheint sich nur in einem Zimmer abzuspielen, durch die Nacht hindurch und bis zum nächsten Morgen. Es ist ein Lied von zwei Menschen, die die Welt ausgesperrt haben: Der „Schlohweiße Tag“ ist draußen, sie sind drinnen, und später wird über diesen Tag resigniert festgestellt: „Du bist so früh ergraut.“

Die Neonröhre röhrt leis dazu

Das Lied beginnt mit einem großen Ennui, der sich textlich wie musikalisch äußert. Textlich in den aus Zigarettenpapier gefalteten Vögeln, musikalisch in dem wie eine Uhr tickenden Schlagzeug – bis plötzlich aus heiterem Himmel Power-Chords auf der Gitarre angeschlagen werden: Rocker-Gesten, die aber sogleich wieder verklingen. Auch das lyrische Ich, für kurze Zeit Panther im Sprung, sinkt zurück in die ironisierte Tatenlosigkeit, bei der es am liebsten schon im Dunkeln säße: „Ich ruf uns 'n Taxi und schick es nach Bier / Im Kühlschrank brennt Licht, wo bin ich denn hier?“. Die dann folgenden Zeilen sind das Programm des Liedes, vielleicht des Albums:

Ist alles so kalt
Ist alles so leer
Ich mache mich hin
Ich mache Verkehr
Die Neonröhre
Röhrt leis dazu

Und in diesem Moment kippt das Lied, aus den terzlosen, daher tonfarblich unbestimmten Power-Chords wird endlich frohes Dur: „nur ich, nur ich und Du“. Es ist, nach der sorgsam inszenierten Kälte und Leere, ein überaus wärmender Moment, wenn die Stimme von Tamara Danz hier plötzlich Hoffnung spendet. Es ist die universelle Hoffnung der Popmusik, egal in welchem Land man lebt: Wenn wir zwei nur zusammen sind, kann uns nichts passieren. Und doch geht auch dieser Moment schnell wieder vorüber, denn draußen droht der schlohweiße Tag zu ergrauen.

Dann wird der Text rätselhafter. „Du öffnest Dir 'ne Dose Kompott / Der Saft rinnt auf das Laken, mein Gott!“ Ist das die Neusachlichkeit der DDR und geht es wirklich nur um Kompott – oder ist darin eine sonderbare Metapher für sexuelle Selbstermächtigung versteckt? Zum irgendwie auch an den „hard boilded“-Sound gemahnenden Stil des Textdichters Werner Karma würde das schon passen.

Du fragst nach der Uhrzeit, ich sage ja

In der dritten Strophe wird die die Wahrnehmung grotesker: Die Figuren aus dem Papier haben sich in Schweine verwandelt und „suhlen sich auf Deiner Haut“. Es handelt sich hier vielleicht um eine Wahrnehmung zwischen wachen und träumen; man hat das Gefühl, das Lied müsse sich auch langsam entscheiden und steuere auf eine Klimax zu. Die kommt dann auch in der besten Textstelle:

Ich seh aus'm Fenster
Die Stadt ist schon da
Du fragst nach der Uhrzeit
Ich sage ja

Einfacher kann man nicht ausdrücken, dass zwischen Zweien etwas losgehen soll, bedingungslos. Damit könnte es gut sein, der Refrain hat ja musikalisch ohnehin etwas sonderbar Triumphierendes, fast Marschmäßiges. Wie passt das zur Aussage: „Ich fühl mich hohl in meiner Haut“?

Eine weitere im Text angelegte Möglichkeit scheint zu sein, dass die Anrede eines „Du“ gar nicht an eine Person, sondern an den „schlohweißen Tag“ gerichtet ist - dann wäre es ein Dialog der Einsamkeit. Und die Liebe, die sich hier behaupten muss in der „Bataillon d'Amour“, wäre die Selbstliebe. Wie dem auch sei: Wir begegnen in „Schlohweißer Tag“ ziemlich offensichtlich einem Bewusstsein nahe an der Bipolariät, und eben das macht das Lied reizvoll und offen. Einerseits die Spätzeit, die ergraute, kalte Moderne. Andererseits die Power-Chords eines starken Ichs, dass sich dagegenstemmt: „Ich sage ja.“ Am Ende bleibt die Vagheit: Der Tag ist ein „leeres Blatt Papier“, das noch nach Belieben gefüllt werden kann mit Gutem oder Schlechtem. Das scheint in der Hand des Liebespaares beziehungsweise des einsamen Ichs zu liegen.

Gerade als man sich für diese einfache Deutung entschieden hat, die auch heute noch, über die Entstehungssituation des Liedes hinaus, seine Hörer ansprechen könnte, gerade in diesem Moment entdeckt man doch noch historische Widerhaken darin. Und auf einmal fällt einem auf, dass die Schlüsselworte der drei Strophen womöglich in sehr verdichteter Form eine Geschichte von vereiteltem Eskapismus in der DDR erzählen: Vögel – Schiffe – Schweine.

Schlohweißer Tag

Vögel aus Zigarettenpapier
Landen auf Deiner Haut
Ich ruf uns'n Taxi
Und schick es nach Bier
Im Kühlschrank brennt Licht
Wo bin ich denn hier
Ist alles so kalt
Ist alles so leer
Ich mache mich hin
Ich mache verkehr
Die Neonröhre
Röhrt leis dazu
Nur ich, nur ich und du.

Schiffe aus Zigarettenpapier
Kentern auf deiner Haut
Du öffnest Dir
'ne Dose Kompott
Der Saft läuft auf das Laken
Mein Gott
Sieh Dich doch vor
Sieh Dich doch an
Das schlürft und schleckt
Sich die Pfunde ran
Die Neonröhre röhrt leis dazu
Nur ich, nur ich und du.

Schlohweißer Tag
Du bist so jung ergraut
Schlohweißer Tag
Ich fühl mich hohl in meiner Haut

Schlohweißer Tag
Du leeres Blatt Papier
Schlohweißer Tag
Was fang ich an mit mir

Schweine aus Zigarettenpapier
Suhln sich auf deiner Haut
Ich seh aus'm Fenster
Die Stadt ist schon da
Du fragst nach der Uhrzeit
Ich sage ja
Ich füttre die Vögel
Ein gutes Werk
Mit Butterkeksen
Aus Radeberg
Die Neonröhre röhrt leis dazu
Nur ich, nur ich und du.

Schlohweißer Tag
Du bist so jung ergraut
Schlohweißer Tag
Ich fühl mich hohl in meiner Haut
Schlohweißer Tag
Du leeres Blatt Papier
Schlohweißer Tag
Was fang ich an mit mir

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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