Pop-Anthologie (102)

Hier bin ich geborn, hier werd ich begraben

Von Uwe Ebbinghaus
22.10.2020
, 15:23
Zelebriert mit Affenpower Gassenhauer: Peter Fox
Die Musik von „Haus am See“ wollte Peter Fox eigentlich mit Cee-Lo Green betexten. Doch daraus wurde nichts. Den Hit schrieb er dann selbst und traf 2008 einen Nerv. Was macht den Song bis heute so erfolgreich?

„Hier bin ich gebor'n und laufe durch die Straßen“: Es gibt nur wenige deutsche Pop-Songs, die mit einer derart eingängigen Zeile beginnen. Fast jeder kann sie mit einem klaren Bild der Gegend, in der man aufgewachsen ist, mitsingen; es gibt kaum eine Aussage, die so unbestreitbar ist wie die, dass man geboren wurde. Bei Peter Fox alias Pierre Baigorry, der sein erstes und bisher einziges Soloalbum 2008 „Stadtaffe“ genannt hat und dessen „Haus am See“ sich siebzig Wochen in den Charts hielt, denkt man bei dem ersten „Hier“ an Berlin, denn da hat er das Licht der Welt erblickt. Außerdem kennt man das Video zu dem Song, in dem ein Straßenkonzert vor dem Berliner Dom eingespielt wird.

Die Situation, dass sich jemand in den Straßen seiner Heimat langweilt, kennt man aus vielen Pop- und Rocksongs.

Kenn' die Gesichter, jedes Haus und jeden Laden
Ich muss ma weg, kenn jede Taube hier beim Namen

Allerdings ist die Ausgangssituation meist eine andere als in „Haus am See“. Normalerweise langweilt man sich als Halbwüchsiger vor allem auf dem Land und will in die Stadt. Bei Peter Fox, der in der Entstehungszeit des Liedes schon Mitte dreißig war und der den Text zusammen mit David Conen („The Krauts“) schrieb, ist es anders. Er will offenbar von der Stadt in die Randlage. Seine Fluchtphantasie ist auch deswegen so bemerkenswert, weil sie einen Trend vorweggenommen hat: die Landflucht vieler Berliner Kreativer ins Umland, nach Brandenburg oder in die Uckermark, die in den vergangen fünf Jahren auch in zahlreichen Romanen beschrieben wurde („Unterleuten“ von Juli Zeh, „Der große Garten“ von Lola Randl).

Der „Daumen raus“ in der nächsten Zeile lässt an Udo Lindenbergs „Daumen im Wind“ denken. Die Tatsache, dass das Song-Ich „auf 'ne schicke Frau mit schnellem Wagen“ wartet, ist hingegen so etwas wie die Umkehr eines Song-Klischees des Hip-Hop.

Die erste Strophe macht nicht nur durch die schnoddrige Betonung der Endsilben, sondern auch dadurch einen geschlossenen Eindruck, dass die Wörter am Ende der Zeilen sämtlich zweisilbig sind und die Vokale „a“ und „e“ enthalten (Straßen/Laden/Namen/Wagen). Das gibt den Zeilen etwas Quasi-Gereimtes, einen irgendwie stimmigen Klang – aber auch eine begrenzte Anmutung.

Es folgt ein abrupter Orts- und Perspektivwechsel, Reimartiges rückt in weite Ferne, das Song-Ich ist mitten im Aufbruch, das Wort „Welt“ häuft sich:

Die Sonne blendet, alles fliegt vorbei.
Und die Welt hinter mir wird lang-sam klein.
Doch
die Welt vor mir ist für mich gemacht! (hmm)
Ich weiß, sie wartet und ich hol sie ab!

Der Optimismus ist kaum noch zu steigern, eine typische Popsong-Stimmung breitet sich aus: Den aufgerufenen „Rückenwind“ kennt man von Thomas D, die Straßen sind voller Musik.

Ich hab den Tag auf meiner Seite, ich hab Rückenwind!
Ein Frauenchor am Straßenrand, der für mich singt! (yeah)

Schließlich, nach all der Bewegung, ein romantisches Einhalten und das reine Urvertrauen:

Ich lehne mich zurück und guck ins tiefe Blau,
Schließ' die Augen und lauf einfach geradeaus.

Was jetzt im Refrain folgt, ist ein Traum, ein Blick in die Zukunft. Der Beginn der ersten Zeile klingt prophetisch, die Orangenbaumblätter verbreiten eine eigentümliche Exotik:

Und am Ende der Straße steht ein Haus am See.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön. (hmm)
Alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehn.

Ein schillernder Refrain ist das. Zunächst denkt man an Thoreaus genügsame Hütte am Walden-Pond, dann, da sich der Refrain immer stärker bevölkert, an die Familienidyllen in Kinofilmen, die allerdings – gerade in Häusern am See – meist zerbrechen. Die Übertreibung mit den zwanzig Kindern schafft eine erste Distanz zum Kitsch. Die Berliner Schnoddrigkeit, mit der Peter Fox in den ersten Strophen die Silben verschluckt, kehr in der dritten Zeile des Refrains zurück.

Der Umstand, dass es das Song-Ich zu schätzen weiß, zum Feiern nicht mehr rausgehen zu müssen, ist ein lustig übersteigerter Hedonismus, der in Corona-Zeiten etwas bitter wirkt. Doch insgesamt klingt alles, getrieben von den suchenden Drums und den dienstbaren Streichern, nach ungetrübter Lebensfreude. Mit dem Refrain hat das Song-Ich eine Kehrtwende hingelegt. Wollte es zu Beginn nur weg, ist es jetzt, „am Ende der Straße“, plötzlich angekommen – und „alle“ sind schon da.

Was ist geschehen, was liegt zwischen Traum und Wirklichkeit? Die dritte Strophe schließt unmittelbar an die zweite an, die Wörter am Zeilenende sind, wie schon in der ersten Strophe, durch Zweisilbigkeit und die Vokale „a“ und „e“ geprägt.

Ich suche neues Land mit unbekannten Straßen,
Fremde Gesichter und keiner kennt mein'n Namen!

Der Text wird komplexer, fast sprichwörtlich.

Alles gewinn‘ beim Spiel mit gezinkten Karten.
Alles verlier‘n, Gott hat einen harten linken Haken.

Auch damit kann sich jeder Hörer identifizieren: das Leben ist hart, der Unehrliche gewinnt, das Schicksal schlägt zurück. Die Verknappung dieser altbekannten Lebensweisheiten in zwei Zeilen ist beeindruckend.

Nach diesem Schnellkurs in „den Härten des Lebens“ scheint das Song-Ich sich in eine Märchenwelt flüchten zu wollen, die Reime werden plötzlich reiner, die Interjektionen an den Zeilenenden („uh“, mmh“) klingen wie Ermunterungen. Inhaltlich findet eine Annäherung an das Traumgesicht des Refrains statt.

Ich grabe Schätze aus im Schnee und Sand, (uuh)
Und Frauen rauben mir jeden Verstand!
Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt (hmm)
Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold.

Die „Taschen voll Gold“ oder „Geld“ sind dabei ein Märchenmotiv, das sowohl in Schlagern als auch in Rock- und Pop-Songs (Achim Reichel) vorkommt. Und so erstaunt es nur bedingt, dass Udo Lindenberg auf dem Album „Zeitmaschine“ (1998) ein Lied von Karel Gott mit den Anfangszeilen „Einmal um die ganze Welt / Und die Taschen voller Geld“ nachgesungen hat. Heino hingegen scheitert mit seiner rührselig-schluchzenden Version von „Haus am See“ vollständig an der Schnoddrigkeit der Vorlage.

In dem Song „Stadtaffe“ textet Peter Fox: „Mit meiner Affenpower zelebrier ich Gassenhauer“ – und wenn man den Musiker am Telefon auf diese Formulierung anspricht (ein Gesprächsprotokoll, in dem Fox die Entstehung von „Haus am See“ schildert, findet sich am Ende des Textes) und ihn fragt, ob das sein Ziel gewesen sei, „Gassenhauer“ zu schreiben, antwortet er: „Hallo? Gassenhauer – das sind Lieder, die jeder kennt. Ein Künstler will natürlich ein möglichst großes Publikum haben“.

Die Strophe ist noch nicht zu Ende. Es folgt eine wichtige Gelenkstelle des Songs. Der verlorene Sohn kehrt Heim und gibt selbstbewusst, fast ein wenig herablassend (der Reim „ein“/“wein’n“ ist der mutwilligste im ganzen Lied), ein Fest. Die Situation ist eine Mischung aus Altem Testament (auch in den Geschlechterrollen) und rückhaltlosem Amusement der Clubkultur:

Ich lad' die alten Vögel und Verwandten ein. (uuh)
Und alle fang'n vor Freude an zu wein'n.
Wir grill‘n, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps.
Und feiern eine Woche jede Nacht. (yeah)

Jetzt stimmt auch der Anschluss zum Refrain, der zunächst leicht variiert wird, bevor er im zweiten Anlauf seine ursprüngliche Form zurückerhält:

Und der Mond scheint hell auf mein Haus am See.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön. (hmm)
Alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehen. (wuuh)

Und am Ende der Straße steht ein Haus am See.
Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg.
Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön. (hmm)
Alle komm'n vorbei, ich brauch nie rauszugehen.

Geschafft, könnte man sagen, Chor und Sänger stimmen einen Freudengesang an.

Uuh
Yeah, yeah, yeah, yeah

Doch der Song gibt sich noch nicht zufrieden mit diesem Zustand. Fast scheint das Ich sichergehen zu wollen, dass der Hörer die Fiktion auf keinen Fall mit der Wirklichkeit verwechselt. Geschlagen wird zum Abschluss – die erste Strophe und ihr Zeilenende-Schema („a“ und „e“) wird abermals aufgenommen – der ganz großen Bogen ins hohe Alter. Ein Lebenskreis schließt sich in den vorletzten Zeilen, der in der Popkultur wohl nie eindrucksvoller dargestellt wurde als am Ende von Coppolas „Der Pate I“ und „Der Pate III“, an dem die jeweiligen Hauptfiguren nach all den aufreibenden Überlebenskämpfen im Garten sitzen und dort sterben:

Hier bin ich gebor'n, hier werd ich begraben.
Hab taube Ohr'n, 'nen weißen Bart und sitz im Garten.
Meine 100 Enkel spielen Cricket auf'm Rasen.

Aber ein Pop-Song, an dem am Ende reich gestorben wird? Das würde dann doch der immer wieder angedeuteten Ironie des Textes zuwiderlaufen. Wie kommt Peter Fox aus dieser Sackgasse heraus? Geschmeidig – so wie sich der Text und vor allem die Musik die ganze Zeit über präsentiert haben. Die letzte Zeile singt Fox hörbar unsicher, und auch das „so“ und das „eigentlich“ des Texts schaffen Distanz zu jeder Form von Finalität:

Wenn ich so daran denke, kann ich's eigentlich kaum erwarten.

Am Schluss hallt dann lange der Schlussakkord des Orchesters nach. Fragend klingt er, bevor er plötzlich abbricht. Und das Video zu „Haus am See“ hat an dieser Stelle gar eine Gegengeschichte ganz eigener Art zum Songtext erzählt. Dort sitzt Peter Fox am Ende – Erinnerungen an das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ werden wach – alt und vereinsamt vor einer Bruchbude am See. Es gibt keine Kinder, keine schöne Frau und kein „Cricket auf dem Rasen“.

Das ist das Moderne an den richtig guten Pop-Songs: Sie schaffen es, anders als der Schlager, nicht, auch nur den Ansatz einer Lebenslüge aufrechtzuerhalten. Am Ende sind alle Bestimmtheiten aufgehoben und der Hörer wird in die Freiheit entlassen. Die Idylle wird dargestellt und zugleich hinterfragt – jeder kann daraus ziehen, was er möchte.

Peter Fox zur Entstehung von „Haus am See“, Interviewprotokoll vom 19.10.2020

Die Musik von „Stadtaffe“ war ursprüngliche für Cee-Lo Green gedacht. Ich wollte damals diese besondere Art von Musik machen, mit Orchester und Marching-Band-Drums. Eigentlich sollte Cee-Lo Green darauf singen, ich war schon mit ihm für das Projekt verabredet. Doch dann hatte er den für ihn unerwarteten Erfolg mit Gnarls Brakley und „Crazy“ und die Plattenfirma wollte von ihm sofort das zweite Album. Das ist ja auch verständlich. Deswegen wurde es nichts in dem Zeitraum, den wir angedacht hatten. Ich musste mir etwas Neues überlegen. Ich wollte eigentlich gar nicht singen, nur produzieren. Das Musikbett war fertig, es mussten noch die Songs drauf geschrieben werden. Dann habe ich angefangen, selbst auf die Beats Sachen zu schreiben.

„Haus am See“ fällt ein wenig raus aus der Platte, schon vom Beat her hat es nicht so viel mit Clubmusik zu tun. Es hat eher so einen leichten Latino-Swing-Vibe. Der Grossteil der Platte sollte schon urban klingen. Der Song ist mit das Mildeste und Bekömmlichste, das sich auf der Platte findet. Das Lied tröpfelt vor sich hin, hat einen schönen Text, sehr nett. Ich selbst finde inzwischen, es kommt ein bisschen gediegen und spießig rüber. Der Traum vom Eigenheim, dann hat man es geschafft. Das Thema kam durch Zufall: Ich war mit David Conen, mit dem ich damals viel zusammen getextet habe, am Griebnitzsee in Potsdam spazieren. Da standen überall diese Häuser am See, und wir dachten: wär schon ok, hier zu wohnen. Daraus wurde dann der Text, dass man eigentlich immer abhauen will aus seiner Stadt, seiner alten Sauce, und dann irgendwann zurückkommt. Das Lied tut keinem weh, es ist ja auch so: Jeder will eine glückliche Familie und seinen Hafen finden. Die Vorstellung ist sehr allgemeingültig, es ist nichts Falsches daran. In dem Lied ist auch viel Romantik: Von einem der auszog, sein Glück zu finden. Man kommt zurück und feiert dann mit seinen alten Freunden. Vielleicht war es deshalb so erfolgreich, weil es eigentlich niemanden ausgrenzt, auch wenn es eher aus einer Jungsperspektive geschrieben ist. Ich weiß nicht, ob Frauen sich auch so gut damit identifizieren können. Es geht auch nicht nur um das Haus am See, soo materialistisch war ich nun auch nicht drauf. Ein Haus bedeutet ja noch kein Glück, obwohl es schon cool ist im Eigenen zu wohnen. Es geht darum, mit Frau, Kindern und vielen Freunden sein Leben zu verbringen. Aber ich muss heute sagen: Es knallt mir eigentlich nicht genug. Es fehlt ein bisschen die Kante. Es zeigt meine spießige Seite.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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