Pop-Anthologie (106)

De-de-de-deh, de-de-de-deh

Von Victor Sattler
17.12.2020
, 15:58
Suzanne Vega in den achtziger Jahren
Ein Besuch in „Tom’s Diner“ genügte Suzanne Vega, um diesen Songtext niederzuschreiben. Zum Welthit und zur ersten Nummer Eins im wiedervereinigten Deutschland wurde er erst Jahre später – durch einen Rechtsbruch.

Wer kann es sich leisten, seinen Arbeitsplatz dauerhaft in Cafés und amerikanische Diners zu verlegen? Zu arbeiten, wo andere zum Vergnügen hingehen, ist noch utopischer, als es das Homeoffice für viele Menschen war. Zwar gibt es mittlerweile eigene Ratgeber, die das Arbeiten in Café-Umgebung zum Thema machen. Doch auch diese können nicht garantieren, dass man dort mehr Geld verdienen wird, als man für Kaffee und Essen - also indirekt für die Miete des Sitzplatzes - ausgibt. So fällt das fragwürdige Wunschbild sehr schnell in sich zusammen. Die Vorgesetzten müssen hier durch eine eiserne Selbstregulation ersetzt, der Konflikt mit ihnen in die eigene Psyche verlagert werden: Jetzt bloß nicht abdriften und aus dem Fenster gucken, sonst ist die Konzentration beim Teufel.

Der amerikanischen Singer-Songwriterin Suzanne Vega ist dieses Kunststück gelungen. Ihr Lied „Tom’s Diner“, das sie 1987 auf ihrem zweiten Album veröffentlichte, schrieb Vega bereits 1981 in einem New Yorker Diner namens „Tom’s Restaurant“. Von diesem handelt der Song auch. Gleich zu Beginn des Lieds wird das Setting ausgebreitet:

I am sitting in the morning
At the diner on the corner
I am waiting at the counter
For the man to pour the coffee

Vega starrt an diesem Morgen im Restaurant eigentlich nur Löcher in die Luft, notiert sich Banales. Sie ist die Urmutter des Abwartens und Teetrinkens. Der Lauf der Zeit spielte ihr in die Hände. 1990, also erst neun Jahre später, legten zwei englische DJs einen soghaften Beat unter „Tom’s Diner“ und vertrieben die Version an Diskotheken. Vega war nicht gefragt worden, aber später mehr als einverstanden mit dieser Urheberrechtsverletzung. Ihre Plattenfirma kaufte den Remix, um ihn selbst zu veröffentlichen. Die Rechnung ging auf, „Tom’s Diner“ wurde zu einem Welthit. Er begründete Vegas weitere Karriere und ging vor dreißig Jahren als erster Nummer-Eins-Hit des wiedervereinigten Deutschlands in die Geschichte ein.

Der Remix erst machte das Lied massentauglich und tanzbar. Suzanne Vegas ikonisches „De-de-de-deh, de-de-de-deh“, das eigentlich am Ende des gesamten Texts folgt und ihn abrundet, dient im Remix als Refrain, den noch heute viele auf Anhieb erkennen. Die restlichen Lyrics wurden in Strophen aufgebrochen. Kritiker heben den Mehrwert des Remixes gegenüber dem Original hervor. Und tatsächlich hat die A-Cappella-Version einen ganz eigenen Reiz.

So kommt der eigentümliche Gesang Vegas darin besser zur Geltung. Karlheinz Brandenburg, ein Entwickler des mp3-Formats, fand ihre Stimme so ungewöhnlich warm, dass er „Tom’s Diner“ sogar zum Prüfstein für den Fortschritt von mp3 erklärte. Hinzu kommt, dass die besondere Sprechsituation im Original authentischer hervortritt. Vegas Strophen sind derart gleichförmig und ihre Intonation ist so streng, als sagte sie Trochäen für den Schulunterricht auf. So wirkt der Song gleichzeitig verspielt und improvisiert. Vega zählt Silben wie Zuckerwürfel ab, hüpft sie wie Kästchen aus Straßenkreide aus. Sie füllt den Rhythmus mit Beobachtungen aus dem Diner, die nur scheinbar trivial, nur vermeintliche Lückenbüßer sind.

I am waiting at the counter
For the man to pour the coffee

And he fills it only halfway
And before I even argue
He is looking out the window
At somebody coming in

Was für ein schlechter Service. Vegas Tasse wird an diesem Morgen nur zur Hälfte gefüllt, aber sie bekommt gar keine Gelegenheit, das zu beanstanden („And before I even argue“). Der Kellner lässt sie links liegen, er wird von einer anderen Person („somebody coming in“) abgelenkt. Normalerweise dient einsamen Gästen das Personal als Anlaufstelle und als Trostspender. Dieses Motiv findet sich nicht nur bei Thomas Mann, sondern in unzähligen anderen Gastronomie-Geschichten. Hier wird dieses Klischee sehr schnell enttäuscht.

„It's always nice to see you“

Da sich Suzanne Vega 1981 in New York City befindet, darf man davon ausgehen, dass die Stadt um sie herum mindestens so pulsierend wie das Berlin in Paul Boldts Gedicht „Auf der Terrasse des Café Josty“ von 1912 ist. Aber anders als im Künstlercafé Josty kommt am Tresen von Tom’s Diner nichts von all der Aufregung an. Die Stimmung ist hier so lähmend, dass man an ein anderes Etablissement denken könnte: jenes Diner, in das Edward Hopper 1942 seine einsamen „Nachtfalken“ pinselte. Doch während bei ihm die Zeit einfach stillsteht, vergeht sie in Suzanne Vegas Lied in einer Art Zeitlupe.

"It is always nice to see you,"
Says the man behind the counter
To the woman who has come in
She is shaking her umbrella

And I look the other way
As they are kissing their hellos
And I'm pretending not to see them
And instead I pour the milk

Der Satz „It is always nice to see you“ ist die einzige direkte Rede im Lied. Als solche wurde er 2019 von der deutschen Band AnnenMayKantereit zum Kernstück ihres Covers von „Tom’s Diner“ gemacht. Dreizehn Mal wiederholen sie „It is always nice to see you“ ganz oder teilweise, meist mit theatralischer Herzlichkeit. Ein kurioser Weiterdreh der Original-Handlung.

Offenbar gibt es 1981 in New York Menschen wie diese Dame („the woman who has come in“), für die der Besuch in Tom’s Diner eine Gewohnheit darstellt („always“) und für die es sich um ein Stammlokal handelt. Menschliche Nähe und Zuneigung existieren hier durchaus („they are kissing their hellos“), doch das lyrische Ich ist davon ausgenommen.

Sie will da eigentlich gar nicht hinsehen

Auch innerhalb des Diners gibt es ein Drinnen und Draußen. Wobei Vega selbst die Chance auf zwischenmenschlichen Kontakt vereitelt, indem sie den Kellner konsequent zurück ignoriert („I look the other way“, „I’m pretending not to see them“). Das ist ihr gutes Recht. Aber es ist auch ironisch, dafür in ein Diner zu kommen. Das lyrische Ich widmet sich nun halbentschlossen der Zeitungslektüre

I open up the paper
There's a story of an actor
Who had died while he was drinking
It was no one I had heard of

And I'm turning to the horoscope
And looking for the funnies

Das Pathos eines Don McLean, der ebenfalls in der Zeitung über prominente Todesopfer las und 1971 darüber sang, bleibt hier aus. Die ausliegende Zeitung ist nichts als Ablenkung für Vega, und die Ablenkung von der Ablenkung lässt nicht lange auf sich warten:

When I'm feeling someone watching me
And so I raise my head

There's a woman on the outside
Looking inside
Does she see me?
No she does not really see me
'Cause she sees her own reflection

Es ist etwas Intimes, jemanden durch die Augen seines Spiegelbilds anzusehen. Die Frau auf der anderen Seite der Scheibe („on the outside“; man stellt sich am besten ein Glaspanorama wie bei Edward Hopper vor) denkt wegen der starken Reflexion, sie wäre dort mit sich allein („she does not really see me, ’cause she sees her own reflection“). Suzanne Vega sagte später, sie habe mit „Tom’s Diner“ ausdrücken wollen, wie es sich anfühlt, die Welt nur durch eine isolierende Glasscheibe erleben zu können.

And I'm trying not to notice
That she's hitching up her skirt
And while she's straightening her stockings
Her hair has gotten wet

Draußen im Regen richtet die Fremde sich den Rock, glättet sich die Strümpfe. Tom’s Diner ist ein Ort der Selbstbespiegelung. Das steht gar nicht im Widerspruch zur vorherrschenden Einsamkeit. Eine Zeile verdient dabei besondere Aufmerksamkeit. „I’m trying not to notice“, singt Vega, sie wolle da ja eigentlich gar nicht hinsehen.

Vega bestreitet mit der Zeile „I’m trying not to notice“, das Lokal auf der Suche nach einem Songtext betreten zu haben. Die Eindrücke in Tom’s Diner drängen sich ihr auf, sie kann sich vor lauter Material kaum retten, dass sie in der letzten Strophe mit einer vertrauten Stimme und einem mitternächtlichen Picknick verbindet. Das macht die Schönheit des Songs aus: Wie mühelos (wenn man Vega glauben will, entstanden die Lyrics wirklich noch an Ort und Stelle) die beiläufigen Details ein Bild des Restaurants zeichnen, wie geschickt die Liedzeilen das Diner als einsamen, aber an Zerstreuungen überreichen Ort schildern. Und als einen idealen Arbeitsplatz - zumindest, wenn man in Suzanne Vegas Branche arbeitet. Ansonsten könnte man hinter diesem Glas wohl glatt verzweifeln.

De-de-de-deh, de-de-de-deh
De-de-de-deh, de-de-de-deh

Quelle: FAZ.NET
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