Pop-Anthologie (110)

Wie wird es schmecken, dich zu vergessen?

Von Uwe Ebbinghaus
11.02.2021
, 11:37
Chavela Vargas
Sie war die Geliebte Frida Kahlos, zog sich nach Alkoholexzessen von der Bühne zurück, bis ihr zwei Filmleute zum Comeback verhalfen. In diesem Abschiedslied singt sich Chavela Vargas die Seele aus dem Leib.

Als Chavela Vargas im Jahr 1995, damals war sie Mitte siebzig, das Olympia in Paris betrat – es war ein Traum der lateinamerikanischen Volkssängerin, einmal in diesem europäischen Liedertempel aufzutreten – war sie sehr ängstlich. Es war nicht die Angst, die sie vor allen ihren Auftritten, ob in Bars oder größeren Hallen Mexikos, über Jahrzehnte hinweg mit „ein paar Tequilas“ heruntergespült hatte (seit wenigen Jahren war sie abstinent). Es war eine sehr rationale Sorge: „Ich hatte Angst, dass sie nicht verstehen, was ich singe.“ Wobei die Sängerin dabei wohl nicht über die Fremdsprachenkenntnisse ihrer französischen Zuhörer spekulierte, sondern an der Durchsetzungsfähigkeit ihrer inneren Stimme, der Universalität ihrer Performance zweifelte.

Noch besorgter wäre sie wohl gewesen, hätte sie gewusst, dass Pedro Almodóvar, der sie als seine Muse betrachtete und ihre Musik in vielen seiner Filmen einsetzte, ihr den Auftritt nur ermöglicht hatte, indem er den Veranstaltern versprach, persönlich in Paris über mehrere Tage hinweg die Werbetrommel zu rühren. Chavela Vargas kannte in Frankreich eigentlich niemand. Auch in Madrid, wo ihr Comeback im Jahr 1992 gehörig an Fahrt aufnahm, war sie anfangs mehr ein Insidertipp gewesen. Die traditionelle lateinamerikanische Musik galt in Spanien lange als „altmodisch und sentimental“, wie Alomodóvar in einem Interview sagte, und hatte tiefliegende Vorurteile zu überwinden.

In Paris schienen sich 1995 die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Wenige Tage vor Vargas' Auftritt war kaum eine Karte verkauft worden. Almodóvar wirbelte, telefonierte, erpresste mit all seinem Charme Freunde und Bekannte, und als der Vorhang an dem entscheidenden Abend hochging, so wird es in dem Film „Chavela“ (2017) von Catherine Gund und Daresha Kyi am Ende dargestellt, war jeder Platz besetzt. Das Publikum war begeistert, sodass Vargas anschließend befriedigt feststellen konnte: „Aber sie verstanden mich, denn nach dem Konzert betrank sich das gesamte Publikum. Vier Stunden zuvor kannte mich dort niemand. Aber nach dem Konzert sprach ganz Paris über mich.“

Es ist eine bemerkenswerte Verständigungstheorie, die Chavela Vargas hier entwickelt: Wenn die Zuschauer, die meine Sprache nicht sprechen, sich nach meinem Auftritt betrinken, haben sie mich verstanden. Der pure Behaviorismus, könnte man sagen, und man könnte die Theorie noch fortspinnen. Denn auch drei Jahre zuvor in Spanien hatte man Chavela Vargas trotz der gemeinsamen Sprache nur in einem Teilbereich ihrer Persönlichkeit und dessen, wofür sie eintrat, verstanden. Sie, die in Mexiko zeitlebens für das Recht auf Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung gekämpft hatte, musste erleben, dass ihr Publikum in Madrid diese Freiheit längst nicht mehr in Frage stellte, wie der Sänger und Schauspieler Miguel Bosé in „Chavela“ bemerkt. Vargas' Musik, ihre Texte, ihre Sprache, ihre Stimme, wirkten auf anderer Ebene. Almodóvar, der sie schon in jungen Jahren verehrt hatte, schildert es so: „Sie war eine Art Priesterin“. Und in dem Interview-Band mit Frédéric Strauss bringt er Vargas' vermeintliche Religion dann mit seiner eigenen in Verbindung: „Der Schmerz bewegt mich, er ist eine Religion, eine Religion, die jedem zu kommunizieren erlaubt, weil jeder weiß, was Schmerz ist.“

Das besondere Verständigungsphänomen „Vargas“ erlaubt es dann auch, dass hier jemand über ihre Texte, ihre Sprache und Stimme schreibt, der selbst kein Spanisch spricht – und bei der Übersetzung ihrer Texte daher auf Filmuntertitel, Google Translator und Übersetzungshilfen aus dem Familienkreis zurückgreift. Es ist ja ohnehin ein bekanntes Merkmal der populären Musik, dass sie das Lebensgefühl ihrer Hörer auch dann verändern kann, wenn diese den Text kaum oder fast gar nicht verstehen. Oft heitert im Pop schon die sinnfreie Oberflächlichkeit von Lyrics den Zuhörer auf. Bei Vargas ist es anders, ihre Stimme wirkt geradezu pantomimisch, forciert rezitativ, eine ungewöhnliche Tiefe dringt aus ihr hervor, die befremdet und fasziniert.

Temperamentvoll bis zur Entäußerung

Als wir zum ersten Mal durch einen Spotify-Algorithmus „En el último trago“ hörten, zog uns das Lied allein durch seine übersteuerte, gelegentlich fast das Schmierentheater streifende Rezitation in den Bann – ohne, dass wir auch nur einen Vers komplett verstanden hätten. „Último trago“, was, wie wir später herausfanden, den „letzten Schluck“ meint, klang irgendwie nach „ultimativer Tragik“, und darum geht es in dem Lied in gewissem Sinne auch – wie bei so vielen Interpretationen von Chavela Vargas. Sie handeln von Tragik und Läuterung, vom Überleben, das sich dem Durchleben innerer Konflikte in der Musik verdankt.

Man muss freilich nicht zur Flasche greifen, um dem Schmerz, der aus dieser Musik spricht, angemessen zu begegnen. In Chavela Vargas' Umgebung tat man es jedenfalls, und nicht selten schuf der Alkohol Probleme, die dann wieder im Alkohol ertränkt wurden. José Alfredo Jiménez, ein guter Freund von Chavela Vargas, vom dem der Text zu „En el último trago“ stammt, richtete sich mit seiner Lebensgier und seinen Alkoholexzessen schon mit Ende vierzig zugrunde. In seiner meist heiteren Musik klingt der blauäugige, in den erhaltenen Aufnahmen äußerst charismatisch wirkende Frauenschwarm wie ein unverbesserlicher Lebemann. Seine Lieder, meist Rancheras, sind dabei oft eine interessante Variante vieler Country- und Blues-Texte: Bei Jiménez wird die Frau, die den Sänger verlassen hat, nicht etwa aggressiv betrauert oder verflucht, stattdessen wird ihr fürs weitere Leben viel Glück gewünscht – ein Ansatz, der freilich auch dem Sänger die nächste störungsfreie Liebelei erleichtert.

Chavela Vargas, die Jiménez sehr verehrte, zusammen mit ihm jahrelang auftrat und sich nach den Auftritten mit ihm so lange betrank, bis beide umfielen – so erzählt sie es im Dokumentarfilm –, gibt Jiménez' Texten eine andere Dimension. Sie war nicht nur die erste Frau, die in Mexiko Hosen trug, sie war auch die erste, die Liebeslieder sang, welche zuvor nur Männern vorbehalten waren. Ihre Stimme klingt dabei selbst oft so tief und grollend wie die eines Mannes. Im nächsten Moment ist sie temperamentvoll bis zur Entäußerung, verzweifelt klagend. In den eindrucksvollsten Momenten aber ist sie vollkommen entschlossen. Der erhobene Zeigefinger, der keinen Widerspruch duldet, war neben den weit ausgebreiteten Armen ihr größtes Markenzeichen.

Ein kleines Wunder

Anders als bei Jiménez war der Alkoholkonsum bei Vargas, diese Deutung legt der Film „Chavela“ fast überdeutlich nahe, vor allem Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems. Schon als Teenager floh die als Isabel Vargas Lizano in Costa Rica Geborene aus ihrem Elternhaus, in dem sie nicht geliebt und in ihrer Andersartigkeit verachtet wurde. Den Schmerz, in ihrer Homosexualität nicht akzeptiert zu werden, ertränkte sie nach eigener Rechnung in 20.000 Litern Tequila. Ein kleines Wunder, dass sie das überlebt hat.

Auf der Bühne duldete man Vargas' Bekenntnis zur gesellschaftlich geächteten Homosexualität gerade noch, abseits davon traf die Sängerin die blanke Verachtung. Als „Scheißlesbe“ bezeichnet zu werden, war, wie in „Chavela“ gesagt wird, im Mexiko des zwanzigsten Jahrhunderts alltäglich.

Poncho und Hosen bestimmten schon früh den Stil von Chavela Vargas.
Poncho und Hosen bestimmten schon früh den Stil von Chavela Vargas. Bild: Arsenal Filmverleih

Im Privaten und Halböffentlichen gingen Vargas' Liebschaften, darunter auch eine dreijährige Liaison mit Frida Kahlo, in die Dutzende, wenn nicht Hunderte. Frauen und Männer waren, wie nicht nur sie selbst sagt, „verrückt“ nach der attraktiven Sängerin mit der umwerfenden Vitalität, doch auf die großen Bühnen des Landes kam sie nie. Ihre immer ernster werdende Alkoholsucht, die sie auch nach dem Tod des Freundes José Alfredo Jiménez nicht ablegte, führte schließlich dazu, dass sie keine Engagements mehr bekam und sich pleite und gesundheitlich angeschlagen aus dem Geschäft zurückziehen musste. Zwölf Jahre verbrachte sie in einer Art Gartenhütte fern der Metropole. Auch dort ging sie weitere Affären ein, bis sie schließlich, von ihrer jüngsten Liebe verlassen (sie hatte deren Sohn angetrunken das Schießen auf Spinnen mit der Pistole beigebracht), ihre Sucht von einem Schamanen austreiben ließ. Ob das stimmt, weiß niemand, zuzutrauen wäre es Vargas, die nach eigener Aussage an „die alten Götter Mexikos“ glaubte.

Etwa zur selben Zeit ließ Werner Herzog, der sie in dem Film „Cerro Torre: Schrei aus Stein“ besetzen wollte, nach ihr suchen, zudem ergab sich wieder die Möglichkeit zu ersten kleinen Auftritten als Sängerin, bei denen sich die mexikanischen Zuschauer darüber wunderten, dass Vargas nicht schon lange tot war. Damals, zu Beginn der neunziger Jahre, war sie Anfang siebzig, ging zum ersten Mal in ihrem Leben ohne Tequila auf die Bühne und hatte in ihrer zweiten Karriere noch fast zwanzig weitere Jahre vor sich, bevor sie 2012 mit 93 Jahren starb.

Der Gesang widerspricht dem Text

Das Lied „El último trago“ (Liedtext im Kasten unten), das bei Jiménez insgesamt eher wie eine Galanterie im Walzertakt klingt, ist das einzige, das in der Dokumentation „Chavela“ dreimal vorkommt. In wechselnden Umständen passt es immer wieder aufs Neue zu der Biographie der Sängerin. Wer möchte, liest in den Text die Trennung von Frida Kahlo hinein, aber auch als Nachruf auf den Freund Jiménez oder als Auseinandersetzung mit dem Alkoholismus, scheint das Lied wie geschaffen. Je nach Lesart gibt es einige Verse, die weniger gut passen, immer aber treffen einige der Kernaussagen ins Schwarze.

Chavela Vargas in ihrer zweiten Karriere
Chavela Vargas in ihrer zweiten Karriere Bild: Arsenal Filmverleih

Die ersten beiden Liedzeilen – „Tómate esta botella conmigo / Y en el último trago nos vamos // Trink diese Flasche gemeinsam mit mir / Und nach dem letzten Schluck lass uns gehen“ – sind der Angelpunkt des Liedes. Mit ihnen beginnt in leichter Variation („Und beim letzten Schluck küsst du mich“) auch die dritte Strophe (die Grenzen zwischen Refrain und Strophe sind hier fließend) und das Lied endet mit ihnen, wodurch die Doppelzeile nach den Gesetzen des Ranchera einen effektvollen und tragfähigen Abschluss setzt.

Die Trennung ist in diesem Lied offenbar für beide Seiten nicht leicht, denn sie erfolgt nicht eindeutig, weil zwei Menschen aufgehört hätten, sich zu lieben. Am Ende der ersten Strophe stellt das lyrische Ich fest: „Wie schwer es ist, dich gehen zu lassen / Ohne das Gefühl zu haben, dass du mich nicht mehr liebst“. Textlich hat es sich mit einer Trennung abgefunden und verbindet sie bereits mit einer gewissen Neugier („Wie es wohl schmeckt, so wie du zu vergessen?“), doch Chavela Vargas tut sich in ihrem Gesang, anders als José Alfredo Jiménez, hörbar schwer, den Text zu verarbeiten. Sie klingt verhalten, bewegt, nur bei der Frage nach dem Geschmack des Vergessens wird ein Aufbegehren laut.

Religion des Schmerzes

Dieser Zwiespalt bleibt auch in der zweiten Strophe erhalten, in der herauskommt, dass das lyrische Ich die Situation, in der es sich befindet, bereits gut kennt. Es macht, wie es zugibt, immer die gleichen Fehler und weint wegen derselben alten Schmerzen.

Dass im Lied eine heimliche Liebe beendet wird, verrät die dritte Strophe. Und auch dieser Passage verleiht Chavela Vargas eine besondere Bitterkeit. Die Geliebte soll das lyrische Ich, sollten sie einander wieder begegnen, am besten förmlich behandeln – damit die Leute nicht tuscheln.

Während José Alfredo Jiménez an dieser Stelle die zweite Strophe wiederholt und etwas anzüglich seine Unbelehrbarkeit hervorhebt, seine Neigung, nach einer Phase des Schmerzes schnell wieder mit Fremden zu trinken, lässt Chavela Vargas die Strophe in ihrer Interpretation einfach aus und schließt mit den tapfer geschmetterten Anfangszeilen.

Für den Zuhörer, ob er den Text nun versteht oder nicht, ist dabei gar nicht so entscheidend, welches Geschlecht hier in welcher Konstellation genau besungen oder verlassen wird. Allein am Gesang von Chavela Vargas hört er, dass hier jemand etwas durchmacht, das ihn bis ins Mark erschüttert, bevor er endlich, im Verlauf des Liedes, Mut und Stimme findet, um sich entschlossen einem Neuanfang zuzuwenden.

Im Lied sucht der Schmerz das Einvernehmen mit den Zuhörern. Die Musik und vor allem die Deklamation werden zu einer Art Ritus, aus dem, wie im antiken Drama oder den Trauerfeiern bestimmter Kulturkreise, alle gestärkt hervorgehen sollen. Auf einer Pressekonferenz hat es Chavela Vargas einmal folgendermaßen formuliert, und hier schließt sich ein Kreis zu Almodóvars „Religion des Schmerzes“: „Ich gebe meinen Schmerz weiter an mein Publikum. Und das ist schön.“ Eine verblüffend einfache Ästhetik.

„En el último trago“

Tómate esta botella conmigo
Y en el último trago nos vamos
Quiero ver a qué sabe tu olvido
Sin poner en mis ojos tus manos
Esta noche no voy a rogarte
Esta noche te vas que de veras
Qué difícil tener que dejarte
Sin que sienta que ya no me quieras

Nada me han enseñado los años
Siempre caigo en los mismos errores
Otra vez a brindar con extraños
Y a llorar por los mismos dolores

Tómate esta botella conmigo
Y en el último trago me besas
Esperamos que no haya testigos
Por si acaso te diera vergüenza
Si algún día sin querer tropezamos
No te agaches ni me hables de frente
Simplemente la mano nos damos
Y después que murmure la gente

Tómate esta botella conmigo
Y en el último trago nos vamos

(Text: José Alfredo Jiménez)

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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