Pop-Anthologie (112)

All die kleinen Einfamilienschachteln

Von Cornelius Dieckmann
11.03.2021
, 21:05
The Womenfolk im Jahr 1965 mit dem Gastgeber in Der Ed Sullivan Show.
Mit einer Länge von 62 Sekunden war „Little Boxes“ von The Womenfolk ein halbes Jahrhundert lang der kürzeste Song in den Billboard Hot 100. Eine Zufallsbegegnung mit der Sängerin Barbara Cooper in New York.

Es war schon später Nachmittag, unsere Beine wurden schwer. Den ganzen Tag hatten wir das architektonische Zuviel der Stadt erkundet, neugierig und überfordert wie alle, die zum ersten Mal nach New York kommen. Nur einige Klischees: Bagelfrühstück im Central Park, geschichtsbewusstes Passieren der Carnegie Hall, Begutachtung von Bauhausmöbeln und van Goghs „Sternennacht„ im Museum of Modern Art. Der Trump Tower, totalitäre Monstrosität aus Glas und Gold, die wir umvölkert von Grinsenden in roten Kappen vorfanden, gab uns den Rest. Wir wünschten Pluralismus und wanderten weiter zum Hauptquartier der Vereinten Nationen, einer riesigen Cornflakes-Schachtel, die sich an diesem Tag im April 2019 als nicht besuchbar erwies.

Weil noch etwas Zeit blieb, bis wir mit einem Freund in Chinatown verabredet waren, machten wir Rast im Tompkins Square Park, einem grünen Quadrat inmitten von Häuserblocks. Es war T-Shirt-Wetter, zudem ein Freitag, was die Menschen ins Freie trieb. Eine Jazzband spielte.

Nach ein paar Minuten nahm neben mir auf der Parkbank eine ältere Frau mit kurzen Haaren und ernstem Gesicht Platz. Sie sprach mich an, offenbar plauderlustig, und wir betrieben Smalltalk. Ich erkundigte mich, in welchem Teil Manhattans wir uns befänden. Im East Village, klärte meine Sitznachbarin mich auf, was mir nicht viel sagte, außer dass es einwandfrei nach New York klang, mir also behagte, zumal ich jetzt wohl mit einer echten New Yorkerin sprach.

Nun, erklärte die Frau, eigentlich komme sie aus Kalifornien, lebe aber seit 1979 in New York. Das erste Mal sei sie allerdings schon 1965 hier gewesen, um mit ihrer Band in der „Ed Sullivan Show“ aufzutreten. Jetzt war ich fasziniert. Das war die Fernsehsendung, in der ungefähr zur selben Zeit die Beatles vor einem Millionenpublikum die British Invasion lostraten. War meine Gesprächspartnerin eine berühmte Musikerin?

Kritik an amerikanischer Mittelschicht war auch Selbstkritik

Es stellte sich heraus, dass sie tatsächlich Musikerin, der Ruhm jedoch ein Rühmchen gewesen war. Während des Folkrevivals habe sie in der Band The Womenfolk gesungen. Sie seien damals viel auf Tour gewesen, auch in Clubs im Greenwich Village hätten sie gespielt. Das kam mir sagenhaft vor, erst tags zuvor war ich historisch gelaunt durch das einstige Folkie-Viertel spaziert, doch mehr als ein ehrliches „Wow“ brachte ich jetzt nicht hervor, ich kannte die Band ja nicht, und sowieso mussten wir gleich zu unserer Verabredung in Chinatown aufbrechen. Ich fragte meine neue Bekanntschaft noch nach ihrem Namen – Barbara, sagte sie, und wir gaben uns die Hand.

Am Abend googelte ich und erfuhr, dass The Womenfolk ein von 1963 bis 1966 aktives Quintett war, dessen allesamt weibliche Mitglieder sowohl Gitarre spielten als auch sangen. Die ursprünglich aus Memphis, Tennessee, stammende Barbara „Babs“ Cooper, Jahrgang 1941, und ihre vier Kolleginnen waren zunächst an der Westküste als Solokünstlerinnen aufgetreten. 1963 wurden sie von zwei Produzenten aus Los Angeles zur Band formiert, woraufhin sie drei Studio- und zwei Livealben für das Label RCA Victor aufnahmen. Neben Coverversionen von Folksongs wie „A Hundred Miles“ oder „The Last Thing On My Mind“ (mit Glen Campbell an der Leadgitarre) sangen sie auch eigene Kompositionen. Ihren einzigen Hit aber landeten sie mit dem Song „Little Boxes“ der mit ihnen befreundeten Songwriterin Malvina Reynolds.

Mit einer Länge von 62 Sekunden war die Womenfolk-Fassung mehr als fünfzig Jahre lang das kürzeste Lied, das je in den Billboard Hot 100 stand. Im April 1964 rangierte es auf Platz 83 der bedeutendsten Single-Charts des Landes.

One, two, three, let’s all sing! Der vergnügliche Auftakt atmet unverkennbar den etwas biederen Geist des Hootenanny. Ironisch? Schwarzhumorig? Jedenfalls ist spürbar, dass die Kritik des Songs an der amerikanischen Mittelschicht auch eine Selbstkritik war, was den Folkboom der frühen sechziger Jahre vielleicht nicht schlecht beschreibt; man denke auch an das manierliche Auftreten der Zeitgenossen Peter, Paul and Mary oder The Kingston Trio.

„Little Boxes“ war 1962 zunächst von Reynolds selbst veröffentlicht worden. Nachdem Pete Seeger dem Lied im Jahr darauf weitere Bekanntheit verschafft hatte, kürzten The Womenfolk die gut zwei Minuten des Originals 1964 auf eine straffe Minute und wurden fast berühmt.

Geflügeltes Wort für minderwertiges Baumaterial

Schwerlich lässt sich auf solcher Kurzstrecke ein soziologisches Traktat entfalten. Die Müdigkeit des Einfamilienhaus-Konformismus, der in den Nachkriegsjahrzehnten mit dem Wohlstand der Mittelklasse einherging, leuchtet dennoch ein. (Barbara Cooper singt die Zeile: And there’s doctors, and there’s lawyers, and business executives.) Die Gesellschaft litt an einem versehentlichen Egalitarismus. Der Mensch – oder sagen wir: der Mann – wird erwachsen, lässt sich zum Arzt oder Anwalt oder Geschäftsführer ausbilden und betritt schnellen Schrittes die work force sowie eine suburbane Schublade in einer von vier Farben. Boxes made of ticky-tacky, and they all look just the same. Der Neologismus, den Reynolds von „tacky“ (geschmacklos) ableitete, wurde seinerzeit zum geflügelten Wort für minderwertiges Baumaterial.

Später hörte ich mir alle Womenfolk-Platten an, man findet sie im Internet. Musikalisch sind viele dieser Aufnahmen exzellent, die Gesangsharmonien zeugen von Meisterschaft. Man ahnt aber auch, welchen Marketing-Restriktionen sie unterlagen. Auf Plattencovern trugen die Sängerinnen identische Baumwollkleider in Bauernkaro, eines zeigt sie, wie sie mit Bändern an einem Mann zerren wie an einer Marionette. Subtext: Oh, ihr Weiberfolk! Auf der Plattenhülle des ersten Studioalbums (das auch „Little Boxes“ enthält) lobt Labelkollege Alex Hassilev von der Band The Limeliters gönnerhaft, dass The Womenfolk „nicht nur gänzlich feminine, geistreiche und charmante junge Frauen“ seien, „sondern auch wunderbar singen – und spielen – können“. Babs Cooper sei „an All-American blonde who undoubtedly makes the best apple pie in town when she’s not singing“. Damals wohl ein Kompliment.

1966 gingen The Womenfolk getrennte Wege. Barbara Cooper veröffentlichte noch einige selbst geschriebene Songs, darunter das schmachtend-schöne „What’s One More Tear“, das ein moderater Hit in der britischen Northern-Soul-Szene wurde und inzwischen von Raritätenjägern für mehrere hundert Euro gehandelt wird. Auf einem Fanblog erfuhr ich, dass sie eine Zeitlang Lieder und Texte für die Werbebranche schrieb, bevor auch ihre Musikkarriere endete. In den achtziger Jahren wechselte sie ins Immobiliengeschäft – ob sie little boxes an den Mann brachte? –, später in die juristische Textverarbeitung.

Den Titel des kürzesten Hits verlor „Little Boxes“ 2016 an das 45 Sekunden lange Meme „PPAP (Pen-Pineapple-Apple-Pen)“, das wiederum 2020 von Kid Cudis „Beautiful Trip“ (37 Sekunden) abgelöst wurde.

All das ist optionales Wissen. Barbara Cooper aber verdanke ich es, dass mir die Legendenhochburg New York auch als Stadt der außerplanmäßigen Lebensarchitektur begreiflich wurde. Auf der Website von The Womenfolk steht über Barbara: „Nachdem sie 1992 den Brustkrebs überlebt hat (…) sowie all die anderen zahllosen Probleme von Geld, Zeit & Energie, die wir alle kennen, ist sie noch immer erstaunt, entzückt und ein wenig verwirrt von der Wunderlichkeit des Ganzen. Sie gibt zu, dass die Kreativität sie noch juckt und freut sich darauf, weiterzumachen. Ihre Botschaft: Ich bin noch da und lerne nach wie vor, wie es gemacht wird. Durchhalten!“

The Womenfolk: „Little Boxes“

One, two, three, let’s all sing!
Little boxes on the hillside
Little boxes made of ticky-tacky
Little boxes on the hillside
Little boxes all the same

There’s a green one and a pink one
And a blue one and a yellow one
And they’re all made out of ticky-tacky
And they all look just the same

And the people in the houses
All went to the university
Where they were put in boxes
And they came out all the same

And there’s doctors, and there’s lawyers
And business executives
And they’re all made out of ticky-tacky
And they all look just the same

And they all play on the golf course
And drink their martinis dry
And they all have pretty children
And the children go to school

And the children go to summer camp
And then to the university
Where they’re all put in boxes
And they come out all the same

And the boys go into business
And marry and raise a family
In boxes made of ticky-tacky
And they all look just the same

Text: Malvina Reynolds

Quelle: FAZ.NET
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