Pop-Anthologie (115)

Im Zeichen des Drudenfußes

Von Lorenz Jäger
22.04.2021
, 16:33
„Pentangle“ mit Jacqui McShee
„She moves through the fair“ ist eine Schauerballade aus dem 19. Jahrhundert, die „Fairport Convention“ und „Pentangle“ ins Medium der Popmusik übertragen haben. Die Wirkung bleibt herzzerreißend im Zeitsprung.

Keine Mode und keine Moderne ist lang aus sich allein heraus lebensfähig. Jede schafft sich ihre eigene historische Tiefe, sie assimiliert sich Stoffe und Techniken von allen Ecken und Enden und prüft schon mit dem ersten Blick, was sie sich einverleiben kann. „Tradition“ ist ebenso eine Gabe wie eine Aufgabe. So gingen auch in den Rock ‘n‘ Roll, als die fünfziger Jahre einmal zu Ende waren, andere Fermente bereichernd ein: alles nur Mögliche wurde angesaugt, um den musikalischen Gehalt zu erweitern, die Sache gewichtiger zu machen, mit der Fracht neuer Bedeutungen aufzuladen.

Die Afroamerikaner steuerten Tamla Motown bei, den Blues (im Gesang, in der Gitarrentechnik) und Soul. Ein spezifisch weißes, nämlich der Idee nach germanisch-keltisches Element dagegen, eine Vergangenheit voll poetischer Schätze, die neu zu strahlen begannen, kam vom britischen Folk der späten sechziger Jahre. Vom britischen, nicht vom amerikanischen.

Auch in den Vereinigten Staaten gab es seit Anfang der Sechziger eine starke Folk-Strömung. Sie hatte ihre Paten in Woody Guthrie und Pete Seeger, die vom Sozialprotest herkamen und ihre Wurzeln in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger und im linken Pazifismus der fünfziger Jahre hatten. Aber auch dieses Reservoir war begrenzt und nicht mehr viel weiter zu entwickeln. Joan Baez konserviert es bis heute auf hohem Niveau, Bob Dylan begann seine Odyssee durch die ganze Breite amerikanischer Gesangstraditionen. Britannien dagegen bot eine reiche mittelalterliche Überlieferung und mit den Minstrels, den Spielmännern, sogar soziologisch fassbare Projektionsfiguren. Nicht zu vergessen das neugeschaffene geheimnisvoll Alte: den Mittelerde-Mythos von Tolkien. Dass einer der maßgeblichen Londoner Clubs Ende der sechziger Jahre den Namen „Middlearth“ trug, ist bezeichnend. Schließlich gab es die englischsprachige, frühneuzeitliche Tradition der Ballade, des erzählenden Gedichts.

Die eigentümliche Stimmung eines britischen Christentums

Das war der Sternenstand, unter dem sich in den späten sechziger Jahren zwei Bands bildeten, die im Grunde die ganze Tendenz zusammenfassten: „Fairport Convention“ und „Pentangle“. In beiden Gruppen spielten Sängerinnen mit charakteristisch reinen, am Bild mittelalterlicher Musik geformten Stimmen bald die richtunggebende Rolle: Sandy Denny (1947 bis 1978) in der ersten, Jacqui McShee (*1943) in der zweiten. Nicht amerikanische Rauhheit wie bei Grace Slick oder Janis Joplin, schon gar nicht die gesungenen Sünden und Sinnlichkeiten von Billie Holiday prägten den Stil, sondern eine Art virtuoser Jungfräulichkeit, ein glockenheller Gesang zog in die Popmusik ein. Die beiden Bands waren einander ähnlich; nach dem frühen Tod von Sandy Denny sang Jacqui McShee zeitweise bei „Fairport Convention“. Von der Band „Lindisfarne“, benannt nach einer heiligen Insel und dortiger keltisch-christlicher Überlieferung, kam ein Gitarrist zu „Pentangle“. Nachdem Sandy Denny bei „Fairport Convention“ aufgehört hatte, gründete sie die Band „Fotheringay“ – benannt nach Fotheringhay Castle, einem mittelalterlichen Schloss, in dem Maria Stuart hingerichtet worden war. Von dieser Band gingen wiederum einige Mitglieder zu „Pentangle“.

Und auch der Name dieser Gruppe gehört zu dem dichten Anspielungsnetz auf das alte England, das im britischen Folk die entscheidende Rolle spielte. Er bedeutet „fünfzackiger Stern“, Pentagramm, Drudenfuß. Man hatte ihn aus dem spätmittelalterlichen Epos „Sir Gawain and the Green Knight“ genommen, das zu den Geschichten um den König Artus gehört. Hier finden wir die eigentümliche Stimmung eines britischen Christentums, das sich mit der Verführung, dem Abenteuer und dem Geheimnis legiert und damit neue epische Möglichkeiten schafft. Sir Gawain hat einen mit dem fünfzackigen Stern verzierten Schild. Es ist das erste Mal in der europäischen Literaturgeschichte, dass wir von diesem Zeichen hören. Es geht, wie das Epos sagt, auf den König Salomon zurück – „hit is a syngne þat salamon set sumquyle“ – aber nicht so, wie die Märchen von Tausendundeine Nacht ihn gesehen hatten, als den Weisen, der mit magischen Siegeln die Geister in Flaschen bannt. Die Symbolik wird vielmehr ganz ins Christliche verwandelt, sie weist, so sagt der Dichter, auf die fünf Leiden Christi und die fünf Freuden Mariens. „þat is þe pure pentaungel wyth þe peple called“ – dies ist das reine Pentangel, wie es die Leute nennen. Rein war die Stimme von Jaqui McShee. Fünf Mitglieder hatte die Band, auch insofern passte der Name.

„Fairport Convention“ war 1966 noch unter einem anderen Namen gegründet worden. Erst 1969 stieß Sandy Denny dazu, als „She Moves Through The Fair“ aufgenommen wurde. Im Gedächtnis geblieben ist die Sängerin auch, weil sie später „Who Knows Where The Time Goes“ schrieb, eines der bewegendsten Lieder über Vergänglichkeit: Sie, der selbst kein Altern beschieden war.

Vierzig Jahre liegen zwischen den beiden hier besprochenen Versionen. Die erste beginnt noch ganz akustisch, dann setzt, samtweich im Klang, die Elektrogitarre von Richard Thompson (*1949) ein. Er war neben Sandy Danny eine der prägenden Figuren der Band und gilt heute als einer der großen Gitarristen der Epoche. Die Gitarre war um 1965 noch das Leitinstrument schlechthin, Virtuosen entlockten ihr unerhörte Klänge. Das gilt für Jimi Hendrix, aber auch für Musiker, die der akustischen Gitarre treu blieben wie Bert Jansch (1943 bis 2011) bei „Pentangle“; auch er heute hochgefeiert für seine Kunst. Um die richtige Gitarre – akustisch oder elektrisch – gab es Glaubenskämpfe. Hört man die „Pentangle“-Aufnahme von 2007, dann ist das kaum mehr vorstellbar. Für die immer noch eindrucksvolle Stimme von Jaqui McShee wird ein sympathischer Teppich ausgelegt, mehr muss man zu der Band (die nur noch so heißt wie die frühere) nicht sagen.

Wir ahnen den Untergang

„She Moves Through the Fair“ ist eine Schauerballade. Dabei handelt es sich um ein Lied oder ein Gedicht, in dem die Toten die Lebenden zur unheimlichen Hochzeit rufen, wie wir es im Deutschen von Gottfried August Bürgers „Lenore“ kennen: „Lenore fuhr um’s Morgenrot / Empor aus schweren Träumen: / ‚Bist untreu, Wilhelm, oder tot? / Wie lange willst du säumen?‘“ Das ging auf englische, irische, schottische Vorbilder zurück. Auf der Grundlage von Volksliedern wurde „She Moved Through the Fair“ von Padraic Colum (1881 bis 1972) verfasst. Er sammelte irische Volksweisen, wie Herder die „Stimmen der Völker in Liedern“ und Arnim und Brentano „Des Knaben Wunderhorn“. Im Gedächtnis geblieben ist Colum sonst nur mit der einzigen Zeile „As in wild earth a grecian vase“, die William Butler Yeats rühmte, wie Joyce im „Ulysses“ erzählt. Die Geschichte wird in den knappsten Umrissen erzählt, beide Liedversionen gehen frei mit dem Text um.

Seine Liebste trifft das lyrische Ich; die Eltern haben gegen die Hochzeit nichts mehr einzuwenden; auch der Vater hat den Widerstand gegen seine Herkunft aus niedriger sozialer Schicht („lack of kind“) aufgegeben. Nicht mehr lange wird es dauern! Sie geht über den Markt, den Messeplatz, den Jahrmarkt; er schaut ihr zärtlich nach, auch als sie nach Hause geht, folgt ihr sein Blick; nur ein einziger Stern steht am Himmel – wie der Schwan des Abends überm See.

Wir ahnen den Untergang, herzzerreißend in seiner Schönheit. Colums dritte Strophe lassen beide Versionen aus und verdichten das Unheimliche, indem sie die ausdrückliche Information (das Mädchen ist tot, es wurde von den Eltern umgebracht) streichen. Wir haben diese Strophe im Textkasten unten kursiv gesetzt.

Eines Nachts träumt er, sie komme in sein Zimmer, nur ihre Schritte geben keinen Laut! Sie nähert sich noch mehr – und wiederholt das Hochzeitsversprechen. Das ist Romantik, wie sie Friedrich Schlegel einst entworfen hatte: antiklassisch aufs Mittelalter zurückgehend, ungriechisch aus nördlicheren Breiten stammend, Wirklichkeitsverpflichtungen in Richtung Traum außer Kraft setzend, geprägte Form verlassend zugunsten ungewisser Übergänge und Grenzüberschreitungen.

Padraic Colum: „She moved through the fair“

My young love said to Me
My mother won‘t mind
And my father won‘t slight you
For your lack of kind
And she stepped away fom me
And this she did say It will not be long love
Till our wedding day

She stepp‘d away from me and she moved through the fair,
And fondly I watched her go here and go there,
Then she went her way homeward with one star awake,
As the swan in the evening moves over the lake.

The people were saying no two were e‘er wed,
But one has a sorrow that never was said,
And I smiled as she passed with her goods and her gear,
And that was the last that I saw of my dear.


I dreamt it last night that my young love came in,
So softly she entered, her feet made no din,
She came close beside me and this she did say,
„It will not be long, love, till our wedding day.“

Quelle: FAZ.NET
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Freier Autor im Feuilleton.
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