Pop-Anthologie (118)

I Got You, Babe

Von Jens Buchholz
03.06.2021
, 14:04
Sonny & Cher
Was als unkonventionelle Liebeserklärung begann, entwickelte sich im Lauf seiner Interpretationsgeschichte zur Ikone der Queer-Bewegung: „I Got You, Babe“ von Sonny & Cher.

Jeden Morgen wird der miesepetrige Wettermann Phil Conners vom Radiowecker mit „I Got You, Babe“ von Sonny & Cher geweckt. Und jeder Morgen ist der 2. Februar 1993. Immer wieder. Denn Conners steckt in einer Zeitschleife fest, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt. Jeden Morgen „I got you, babe“. Wenn man der Zählung der Kinozeitschrift Cinema glauben will, dann wacht der von Bill Murray gespielte Conners im Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ 8 Jahre, 8 Monate und 16 Tage zu dem Hit von Sonny & Cher auf. Anfangs reagiert er gleichgültig, dann immer genervter, schließlich zertrümmert er beim ersten Ton des Songs das Gerät. Mal mit der bloßen Faust, mal indem er es auf den Boden schmettert. Schließlich nimmt er den Song mit matter Resignation hin. Und dann setzt seine Verwandlung ein. Er verliebt sich in seine von Andie McDowell gespielte herzensgute Kollegin Rita Hanson. Und Stück für Stück entdeckt er die Liebe. Am Anfang des Filmes ist Phil ein lustloser Zyniker. Aber durch die nette Rita entdeckt er nicht nur die romantische Liebe, er wird auch zum Menschenfreund. Am Ende erobert er seine Angebetete mit Musik. Und als er endlich, endlich am 3. Februar aufwacht, da läuft im Radio tatsächlich wieder „I Got You, Babe“. Und endlich stimmt es, denn jetzt liegt sein Babe neben ihm und er ist erlöst.

„I Got You, Babe” enthält eine Art Selbstentwicklungsplan für Phil, an den er jeden Morgen aufs Neue erinnert wird.

“I got you to hold my hand

I got you to understand

I got you to walk with me

I got you to talk with

I got you to kiss goodnight

I got you to hold me tight”

Und genau das alles beherzigt er schließlich. Er wird lustig, verständnisvoll, zum Begleiter und schließlich zum Liebhaber. Er erfährt die Liebe im Tun. An jedem einzelnen der mehr als 3000 Tage „2. Februar“ wird er etwas mehr zum Liebes-Praktiker. Man könnte das frei nach den beiden Ethnologen Candace West und Don H. Zimmerman „Doing Love“ nennen. Und das Script dazu liefert ein Popsong. Genau genommen ist das, was Phil widerfährt, so eine Art „Love Mainstreaming“. Er fügt sich ein in ein Zusammenspiel aus sozialen Praktiken und Sprechweisen, die ein Feld von bestimmten Erwartungen, Normen, Regeln, Verhaltensweisen und Institutionen strukturieren. Er betritt ein Feld aus Geschlechterstereotypen und Begehrensformen. Es ist ein Struktur-Modell für das Zusammenleben, das „I Got You, Babe“ anbietet. Nicht nur für Phil, sondern für alle, die den Song hören.

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„Liebe“, meint die Soziologin Eva Illouz, sei seit der Mitte des 19. Jahrhunderts eine emanzipatorische Kraft, die es jungen Menschen ermöglicht habe, sich aus den engen Familienbanden und zweckmäßig arrangierten Ehen zu lösen, um ein eigenes Leben leben zu können.

Es ist diese emanzipative Kraft, die gerade in den Popsongs der sechziger Jahre oft zur Geltung kommt. Es gibt keine belastbaren Zahlen. Aber gefühlt bestehen mindestens 60 Prozent des Popmusikoutputs aus Liebesliedern. Nehmen wir als Beispiel das große Erfolgsalbum von Sonny & Cher, das 1965 erschienene „Look at us“: Von zwölf Songs sind elf Liebeslieder – für ein Liebespaar, das als singendes Duo auftritt, wie maßgeschneidert.

Ein Gegenstück zu „It ain’t me, babe“

Sonny & Cher waren ein unkonventionelles Paar. Salvatore „Sonny“ Bono sah sich selber als Songwriter, als er 1962 Cherilyn „Cher“ Sarkisian kennenlernte. Tatsächlich war er Assistent bei dem legendären Produzenten, Komponisten und Gewalttäter Phil Spector. Der 1936 geborene, relativ kleine Bono war schon Ende zwanzig und verheiratet. Die baumlange und etwas burschikose Sarkisian war 16 und wollte Schauspielerin, zur Not auch Sängerin werden.

Es gelang Bono, sie als Backgroundsängerin in verschiedenen Produktionen Spectors unterzubringen. Unter einem Pseudonym veröffentlichte sie die obskure Beatles-Liebeserklärung „Ringo, I love you“, die aber kein Erfolg wurde. Inspiriert durch den Cleopatra-Film mit Liz Taylor, traten Bono und Sarkisian als Cesar & Cleo zusammen auf. Ohne nennenswerten Erfolg.

Im Jahr 1964 heirateten die beiden angeblich in Mexiko. Es gibt allerdings keine Behörde, die das bestätigen kann. Aber die Fake-Hochzeit machte es immerhin möglich, dass die beiden in den konservativen USA zusammen als Liebespaar auftreten konnten. Jetzt nannten sie sich Sonny & Cher. Ein erstes, 1965 veröffentlichtes Album fand keine Beachtung. Auch die beiden ersten Singles versackten im unteren Bereich der Charts. Aber im Juni 1965 entwickelte sich die Single „I Got You, Babe“ zu einem riesigen Erfolg. In den USA und Großbritannien erreichte sie Platz 1 und auch in Europa wurde die Platte ein Hit. Spitzenposition in Deutschland war Platz 3.

Der Song wurde von Bono geschrieben. Angeblich hatte ihn der Bob-Dylan-Song „It Ain’t Me, Babe“ inspiriert. „You say you're lookin' for someone / Who's never weak but always strong / To protect you and defend you / Whether you are right or wrong / Someone to open each and every door / But it ain't me, babe”, singt Dylan da. Der Song beginnt wie ein typisches Liebeslied, das sagt, „du suchst jemanden, der für dich stark ist, dich beschützt“. Und dann knallt Dylan sein „Aber ich bin’s nicht“ raus. Bono fand das zynisch und schrieb ein Gegenstück dazu. Sein Text reiht ein Liebesgeständnis an das nächste und ist von Beginn an für ein singendes Liebespaar konzipiert.

Bonos Song schaukelt, für einen Popsong eher ungewöhnlich, im 6/8-Takt dahin. Er folgt dem Muster Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Bridge-Strophe-Refrain, und wird von einem sich immer weiter steigernden Hin und Her der Liebesgeständnisse mit einer Vollbremsung beendet. Das Arrangement richtete der legendäre afroamerikanische Musiker Harold Battiste ein. Von ihm stammt auch die Idee für die Oboe im Refrain. Verwirklicht wurden Battistes Vorgaben von der berühmten Wrecking Crew. Das war ein loser Zusammenschluss von Profistudiomusikern, die in den Sechzigern bei unzähligen Hits mitspielten.

Verschobene Rollenmuster

Der Pophistoriker Bodo Mrozek bezeichnet das Jahr 1966 als Wendepunkt der Popgeschichte. Erstmals sei Pop allgemein als positiv betrachtet worden, als „Chiffre eines kulturellen Wandels“. Es ist eine Zeit der Ausdifferenzierung verschiedenartiger individualisierter Lebensstile. „I Got You, Babe“ war ein Vorbote dieses Wandels. Konservative Konventionen dominierten das gesellschaftliche Leben. 1965 war Homosexualität noch strafbar. Anzug und Krawatte für Männer waren eine Selbstverständlichkeit. Die British-Invasion hatte die Popmusik fest im Griff. Amerikanische Girl Bands sangen unterwürfige Lieder über den „Leader of the Pack“.

Sonny & Cher passten auf den ersten Blick hervorragend in dieses Umfeld. Denn einerseits reproduzierten sie Geschlechterstereotype und Liebesklischees, wie sie in der damaligen Popmusik üblich waren. Wenn man aber andererseits genauer hinschaut, verschiebt „I Got You, Babe“ auf sehr subtile Weise eine Reihe von Rollenmustern.

Das beginnt mit der Performance des Songs im Fernsehen. Bono tritt als kleiner Mann in einer großen Ziegenfellweste auf. Ein bisschen sieht er aus, als sei er ein älterer Bruder der damals in den vereinigten Staaten populären Fernsehband The Monkeys. Die im Vergleich zu Sonny sehr jugendlich wirkende Cher trägt ein cremefarbenes Protohippiekleid mit Schlaghosen. Schon damals setzt sie ihren mondsüchtigen Blick auf. Sie entspricht keinem der gängigen Schönheitsideale der sechziger Jahre, wirkt eher wie eine Pharaonentochter. „Wir haben schon seltsam ausgesehen, bevor wir absichtlich versucht haben, seltsam auszusehen“, erzählt Cher in der Dokumentation „Behind the Music: Cher“. Die beiden wackeln unsicher grinsend vor sich hin und lächeln sich dabei manchmal an. Bei der Textstelle „So let they say your hair's too long”, fasst Cher in Sonnys Monkeys-Frisur. Die beiden präsentieren sich als unkonventionelles Ehepaar. Sie singen nicht einfach ein Liebeslied, sie leben das Liebeslied.

Ein emanzipiertes Außenseiterpärchen

Popmusiker seien für die Fans von Interesse, „…weil sie Möglichkeiten zu leben vorführen…“, erklärt Diedrich Diederichsen. Popmusiker, meint Diederichsen, „sind die, die von sich selbst sprechen, sich selbst meinen und dafür dennoch all die Formen verwenden, die das Abendland für die Fiktion reserviert hat: Narrationen, Lieder, lange und kurze Filme, ikonische Bilder.“ Für die Popmusik sei es konstitutiv, dass ununterscheidbar werde, „ob der Protagonist eine wirkliche oder eine erfundene Figur ist.“ Das sei zwar auch bei anderen Medien so, aber: „Der Unterschied zu den konventionellen Stars aus Film und Fernsehen liegt darin, dass Pop-Musiker realer sind.“ Und das macht das „Testimonial“ des Popstars aus. Wenn Sonny & Cher ihre Liebe besingen, dann ist es die fiktionalisierte „echte“ Liebe des Paares Salvatore Bono und Cherilyn Sarkisian. Popmusik verkauft 1965 Platten, Poster und Merchandisingprodukte, aber vor allem verkauft Pop einen neuen und unkonventionellen Lifestyle. Und Sonny & Cher verkaufen das Außenseiterpärchen, das sich durch seine Liebe emanzipiert.

Die Zweierbeziehung, meint der Soziologe Stefan Hirschauer, sei eine zugespitzte Form der Individualisierung. Zwei Individuen hielten sich einen Spiegel vor, der ihre Einzigartigkeit zur Geltung bringe. „Der romantische Liebesbegriff“, schreibt Hirschauer, „sagt: Ich bin so einzig auf der Welt, dass nur ein einziger anderer, ‚nur Du‘, dieser Spiegel sein kann.“ Wenn man das liest, denkt man sofort an Sonny & Cher. Aber bei aller Unkonventionalität halten Sonny und Cher an der Konstellation „monogames, heterosexuelles Paar“ fest. Hirschauer betont, dass die heterosexuelle Zweierbeziehung auch Geschlechterdifferenzen produziere. Etwa in Form der klassischen Ehe, die aus den Partnern „Mann“ und „Frau“ mache.

Und da haben wir jetzt also im Jahr 1965 den Mann Sonny & die Frau Cher, die sich auf diese individualisierte Weise lieben und ein Lied darüber singen.

Cher

They say we're young and we don't know

Won't find out till we grow

Sonny

Well I don't know why that's true

'Cause you got me baby, I got you

Sonny & Cher

Babe, I got you babe, I got you, babe

Chers Part etabliert mit „they“ ein „Wir zwei gegen die Welt“. Der Antagonismus beruht darauf, dass die Älteren sagen, Sonny und Cher seien jung und hätten keine Ahnung. Sonnys Part sagt im Grunde: Was weiß denn ich, Hauptsache, wir haben uns. Das Emanzipationsmotiv des liebenden Paares ist also schon nach vier Versen gesetzt. Das Motiv des „die Jungen gegen die Alten“, oder „die Unkonventionellen gegen die Arrivierten“ ist typisch für die sechziger Jahre.

Die Ehe sollte eigentlich den Eintritt in die vernünftige Welt der Erwachsenen darstellen. Sie sollte die Grundlage für den Wohlstand und das Gedeihen der mit dieser Ehe begründeten Familie sein. Aber bei Sonny & Cher sieht es anders aus.

Cher

They say our love won't pay the rent

Before it's earned our money's always spent

Sonny

I guess that's so, we don't have a lot

But at least I'm sure of all the things we got

Sonny & Cher

Babe, I got you babe, I got you, babe

Die Erwachsenen sagen, dass sie mit ihrer Liebe keine Miete bezahlen könnten, singt Cher. Und Sonny bestätigt das, aber das Wichtigste sei eben, dass sie einander hätten. Eine klare Spitze gegen die als spießig empfundene Ehegemeinschaft.

Sonny

I got flowers in the spring

I got you, to wear my ring

Cher

And when I'm sad, you're a clown

And if I get scared you're always around

Sonny mag Blumen, was eigentlich eher weiblich konnotiert ist, und er macht den Clown, um seine Liebste aufzuheitern. Ein klassisch heteronormatives Motiv ist die Frau, die den Ring des Mannes trägt, der sie schützt und tröstet, wenn sie Angst hat.

Cher

So let they say your hair's too long

I don't care, with you I can't go wrong

Sonny

Then put your warm little hand in mine

There ain't no hill or mountain we can't climb

Sonny & Cher

Babe, I got you babe, I got you babe,

I got you babe

Sonny hat zu lange Haare. Ein typisches Merkmal jugendlicher Rebellion in den Sechzigern und Merkmal vieler damaliger Popstars. Sonny dagegen besingt hier ein weiteres Mal ein heteronormatives Klischee: Die kleinen, warmen Hände seiner Frau. Hand in Hand mit ihr gebe es kein Hindernis, das sie nicht überwinden könnten.

Sonny

I got you to hold my hand

Cher

I got you to understand

Sonny

I got you to walk with me

Cher

I got you to talk with

Sonny

I got you to kiss goodnight

Cher

I got you to hold me tight

Sonny

I got you I won't let go

Cher

I got you to love me so

Am Ende des Songs gibt es dann noch ein paar Geschlechterklischees dazu, die sich allesamt darum drehen, was Männer und Frauen füreinander tun können. Die Frau hält Händchen, der Mann versteht, der Mann begleitet, die Frau gibt den Gutenachtkuss, der Mann hält sie fest, die Frau lässt ihn nicht los, und der Mann liebt. Aus heutiger Sicht ist das alles etwas betulich, aber aus damaliger Sicht ist dieser Liebesgeständnissong die Ansage einer Revolte des Liebespaares. Ein Motiv, das sich in der Popkultur der Sechziger weiter fortsetzen wird.

Ab Mitte der Sechziger beginnt die Zeit der starken Paare. „Bonnie and Clyde“ stehen im gleichnamigen Hollywoodfilm 1967 gegen den Rest der Welt. Ebenso Dustin Hoffmann und Katharine Ross in „Die Reifeprüfung“. Werner Enke und Uschi Glas befummelten sich in „Zur Sache, Schätzchen!“. Serge Gainsbourg und Jane Birkin stöhnen „Je t’aime“. John Lennon und Yoko Ono verschmelzen zu einer künstlerischen Symbiose und predigen der Welt Liebe und Frieden. Die Pop-Szene ist durchdrungen von dem Motiv des unverheirateten, starken Paares. Das konservative Eheklischee wird Mitte der Sechziger also popkulturell durchbrochen. Das Ideal ist jetzt ein unverheiratetes Paar, das jenseits bürgerlicher Spießigkeit nach Selbstverwirklichung sucht. Trotz aller emanzipatorischer Kraft ist das aber immer noch ein heteronormatives Ideal.

Schon kurz nach Erscheinen des Songs parodierten die Rolling Stones bei einem Auftritt in der Show „Ready, Steady, Go!“ Sonny & Cher. Mick Jagger und der damalige Stones-Manager Andrew Loog Oldham strichen sich zärtlich durch die Haare, schmachteten sich an und hielten Händchen. Der Song lässt das zu. Denn außer „you“ und „they“ enthält er keine Personalpronomen. Er funktioniert auch für gleichgeschlechtliche Paare.

Es ist dann David Bowie, der den Song ernsthaft als Gender-Polysem entdeckt. Er und Marianne Faithful performen ihn 1973 gemeinsam. Bowie betritt die Bühne, komplett im Fummel seiner androgynen Ziggy-Stardust-Phase. Neben ihm steht die als Sado-Maso-Nonne kostümierte Marianne Faithful, als käme sie gerade vom Set von Ken Russels „Die Teufel“. Ein Jahr zuvor hatte Bowie sich gegenüber dem Melody Maker als schwul geoutet. In den Siebzigern ein Erdbeben, dessen weitreichende Auswirkungen der Kulturhistoriker Darryl Bullock in seinem Buch „David Bowie Made Me Gay“ beschreibt. Holly Johnson erzählt darin von der befreienden Wirkung Bowies auf sein Leben: „I was desparatIy searching for some kind of gay identity when I was a teenager. … I used to tell people, „Oh I’m bisexuell, just like my hero David!”“. Bezeichnender Weise übernimmt bis zur Bridge Bowie Chers Part, während Faithful Bonos Text singt. Ab der Bridge folgen die beiden dann dem Muster von Sonny & Cher. Bei einem Künstler wie Bowie ist das kein Zufall. Musikalisch ist die Bowie/Faithful-Version lieblich mit Flöten und Chor. Aber die Performance der beiden baut eine eher schwüle, sexuelle Spannung auf. Und auch für diese beiden Freaks funktioniert der Text, wobei der Song hier endgültig seine Hetero-Unschuld verliert. Faithful räumte dann übrigens in ihrer Autobiographie aus dem Jahr 1994 ein, bisexuell zu sein.

Unterdessen wurden die Hits für Sonny & Cher seltener. Dafür produzierten sie eine erfolgreiche Fernsehshow, die „Sonny & Cher Hour“. Aus dem Hippiepärchen wurde ein glitzerndes Las-Vegas-Duo, das sich für keine bizarre Verkleidung zu schade war. 1974 präsentierten sie als Glamour-Paar in ihrer Show eine Las-Vegas-Version ihres Hits, zusammen mit ihrer Tochter. Sonny im Frack, Cher im goldglitzernden Bustier. Von den Hippies keine Spur mehr.

1975 ließen sich Sonny & Cher nach einem fulminanten und öffentlich ausgetragenen Rosenkrieg scheiden. Cher hatte sich schon 1971 mit ihrem Hit „Gypsies, Tramps and Thieves“ als glamouröse Diva mit einem Herz für Außenseiter etabliert. Auf Sonny war sie nicht mehr angewiesen. In den achtziger Jahren wurde Cher Filmstar und gewann einen Oscar. Wie viele Schönheits-Operationen sie vornehmen ließ, ist nicht bekannt. Aber es waren einige. Sie setzte sich für LGBTIQ-Rechte ein und wurde zur Gay-Ikone. „Ich bin gerne eine Ikone für queere Menschen“, wird sie in dem Magazin „Mannschaft“ zitiert. „Meine Mutter hatte tonnenweise schwule und lesbische Freund*innen. Deshalb war es einfach normal für mich.“

Die postmoderne Einstellung, ihren Körper als offenes, frei gestaltbares Zeichen zu betrachten, hat sie gemeinsam mit vielen Gay-Icons wie Madonna oder Lady Gaga. Und auch ihr Hit „I got you,babe“ veränderte und erweiterte seine Bedeutung zusammen mit seiner Interpretin. Auf Youtube gibt es zahlreiche Drag-Performances des Songs. Der „Gay Mans Chorus of Los Angeles“ hat eine eigene Version gepostet. Vielleicht wirkt gerade deshalb die klinisch sauber vor sich hin tickende Hetero-Version von UB40 etwas kraftlos und langweilig?

Die Konstruktion des „Wir gegen sie“-Textes entfaltete in der LGBTIQ-Communitiy ein weiteres Mal emanzipative und hymnische Kraft. Und vielleicht haben Cher, David Bowie und „I got you, babe“ dazu beigetragen, das Love-Mainstreaming in Bezug auf Geschlechterstereotype zu öffnen. Jetzt grüßt aus dem Song nicht mehr die tägliche Heteronormativität wie noch 1965 oder am ewigen 2. Februar 1993 im Film. Jetzt grüßt das von Geschlechterstereotypen befreite, individualisierte Begehren. Doing Love ist nicht mehr das, was es 1965 war.

Sonny Bono wurde Politiker. Er legte die bunten Popstarverkleidungen ab, zog sich Anzug und Krawatte an, frisierte sich ordentlich, trat den Republikanern bei und wurde Bürgermeister von Palm Springs in Kalifornien. Er hofierte das konservative Leitbild Ronalds Reagan. 1992 scheiterte seine Kandidatur um einen Senatsposten, aber 1994 konnte er in das Repräsentantenhaus einziehen. Dort setzte er sich für den Urheberrechtsschutz ein. Aber Urheberrecht hin, konservativer Komponist Bono her, Popsongs gehören auch ihren Hörern und gewinnen ein Eigenleben.

„Keine andere Kunstform ist derart abhängig von der Aktualisierung des Rezipienten“, erklärt Ole Petras. Popmusik sei ein vernetzter Verweisungszusammenhang. „Mit Popmusik kann man etwas anfangen, sie lässt sich in den Alltag integrieren, die Bedeutung von Popmusik entsteht aus der Annahme, selbst zum Gelingen des Kunstwerks beizutragen.“ Als Bono 1998 bei einem Skiunfall starb, hatte sein größter Hit längst ein Eigenleben jenseits aller konservativen Einstellungen entwickelt. Die Grabrede hielt die LGBTIQ-Ikone Cher. Der Autor, schreibt Petras, sei allerhöchstens eine Schnittstelle im Popgewebe, Schöpfer oder Ursprung sei er nicht.

Sonny & Cher performten den Song ein letztes Mal 1987 in der David-Letterman-Show. Cher ist sichtlich überrumpelt, als Letterman die beiden bittet, ihren Hit zu singen. Als Bono ihre Hand nimmt, sagt sie: „I feel nothing!“ Aber dann lässt sie sich von Bonos Begeisterung mitreißen und die beiden singen Arm in Arm „I got you, babe“. Und hier nimmt der Song einen ganz persönlichen Moment in sich auf. Ein anrührender Moment. Ein Pop-Moment.

Ihre erste Performance des Songs nach Sonnys Tod war 2002 ein Duett mit Michael Stipe und seiner Band R.E.M. Stipe hatte sich gerade ein Jahr zuvor als „queer Artist“ bekannt. „I Got You, Babe“, ein offenes Kunstwerk.

Quelle: FAZ.NET
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