Pop-Anthologie (119)

Hat die Spinne auch Angst vor mir?

Von Manfred Prescher
17.06.2021
, 11:25
Wie üblich etwas am Rand: John Entwistle (ganz rechts) neben Roger Daltrey, Keith Moon und Pete Townshend
Rocktexte über Spinnen sind ziemlich rar, sich in eine hineinzuversetzen, ist noch seltener. Der Bassist von The Who widmete dem Gliederfüßer Boris einen seiner wenigen Songs. Mit Erfolg.

Nein, John Entwistle schrieb keine Liebeslieder. In manchen Songs, etwa in „My Wife“ aus dem Jahre 1971, ging es allerdings um den Moment, wenn eine vormals innige Verbindung zweier Menschen in Eifersucht und Nachstellungen gipfelt. Aber auch solche Stücke sind in seinem Autorenwerk für The Who selten, was hauptsächlich daran liegt, dass Entwistle sowieso kaum als Komponist oder Texter in Erscheinung trat: Für seine Band verfasste er zwischen 1964 und 1984 gerade mal etwas mehr als 20 Songs als alleiniger Schöpfer, zusätzlich wird er bei ein paar Liedern als Co-Autor genannt. Bekanntermaßen war es das Genie von Pete Townshend, das für die großen Hits von „My Generation“, über „Substitute“ und „Pinball Wizard“ bis zu „Join Together“ verantwortlich zeichnete.

Anders als etwa dem Beatle George Harrison, der zwar im Schatten von Lennon/McCartney stand, aber eben doch eigene Hits haben durfte, blieb Entwistle dies verwehrt: Eine Single mit eigenem Track war bei The Who, zumindest in Europa und Nordamerika, nicht vorgesehen. Bereits bei Gründung anno 1964 stand die kreative Hierarchie der Band fest – sie änderte sich auch später nicht, als LPs im Zentrum des Bandinteresses standen.

Im Jahr 1966 lief das so: Aus der zweiten Who-LP „A Quick One“ wurde in Großbritannien überhaupt keine Single ausgekoppelt. Der sechs Tage vor dem Album erschienene Top-5-Hit „Happy Jack“ ist tatsächlich nur auf der US-Version von „A Quick One“ zu finden – und die heißt deshalb auch „Happy Jack“. Die LP enthält aber zwei Songs von John Entwistle: „Whiskey Man“ und „Boris The Spider“. Beide wurden live immer wieder gespielt und gehören bis heute zu den Favoriten des Who-Anhangs. Und schließlich schaffte es das dynamische Entwistle-Duo doch, wenn auch hierzulande nur von Hardcore-Fans bemerkt, gemeinsam auf eine Single: Im Frühsommer 1967 erschien „Whiskey Man“ mit der B-Seite „Boris The Spider“ exklusiv in Japan.

Über die Angst vor Spinnen singen?

John Entwistle wurde im Oktober 1944 im Londoner Ortsteil Chiswick, geboren. Es hätte eine behütete Kindheit in einem der für diese Gegend typischen Backsteinreihenhäuschen werden können. Aber die Entwistles ließen sich, ungewöhnlich für die 1940er Jahre, kurz nach Johns Geburt scheiden. Der Junge wuchs bei den Großeltern im nahen Acton auf. Für sein späteres Leben war das eine glückliche Weichenstellung. Denn in der Schule befreundete er sich mit einem anderen Jungen aus Chiswick, mit Pete Townshend. Der stieg später in Entwistles Dixie-Band ein, womit sich die Keimzelle von The Who bildete. Doch zurück zu Oma und Opa: Zum Anwesen in Acton gehörte auch ein kleiner Garten. Vermutlich krabbelten dort auch allerlei Spinnen herum und fanden hin und wieder den Weg ins Zimmer des kleinen John. Und der litt, so wird kolportiert, unter Arachnophobie.

So einfach wird man in der Kindheit erworbene Ängste nicht wieder los. Gut vorstellbar auch, dass John Entwistle im Alter von zehn oder elf Jahren auf dem Weg zur Schule oder beim Herumstreunern an einem jener prächtigen Lichtspielhäuser Londons vorbeikam, möglicherweise am „Rialto“ oder „Granada“, und dort hingen eines Tages Plakate und Bilder von „Tarantula“ in den Schaukästen. Angesichts des sehr groß geratenen Monsters mit rotumrandeten Augen könnte seine Angst einen zusätzlichen Schub erhalten haben. Vielleicht war John auch so mutig, sich mit einem Kumpel in die Nachmittagsvorstellung zu schleichen und der Gigantenspinne dabei zuzusehen, wie sie Angst und Schrecken über einen ganzen Landstrich verbreitet. Joseph Gerhensons reißerischer Soundtrack unterstrich die Gefahr, die von Tarantula ausging, noch drastisch.

Wäre es für einen Erwachsenen eine gute Idee, von dieser angestauten Spinnenfurcht zu singen? Warum eigentlich nicht! Wenn man die Gabe dazu hat, ist es eine gute Bewältigungsstrategie und würde von wohlwollenden Psychologen vermutlich als „therapeutisches Geschenk“ bezeichnet werden.

Das fatale Ende für Boris

Im Lied „Boris The Spider“, das Entwistle auch selbst singt, krabbelt Boris mit seinen acht Beinen über dem Kopf des Erzählers herum, lässt sich zu Boden fallen, versteckt sich, wird unsichtbar, läuft vielleicht unbemerkt ins Schlafzimmer. Er ist ein kleines, haariges Monster. Aber vielleicht, fragt sich Entwistle, „hat es vor mir genauso Angst wie ich vor ihm?“ Das ist gut möglich, aber was hilft diese Erkenntnis dem Menschen, der den Horror erlebt und sich nicht ins Bett traut, solange das Untier, „creepy, creepy, crawly, crawly“, fast lautlos herumstrolcht und überall sein könnte? Da Angst bekanntlich angriffslustig macht, wird Boris, bevor er zubeißen kann, mit einem Schmöker erschlagen.

Vermutlich weiß die menschliche Hauptfigur des Liedes, dass Spinnen im Grunde nützliche Wesen sind, weil sie pro Tag so einiges an Schädlingen verputzen. Hätte der Sänger keine Angst, würde er Boris sicher als Mitbewohner akzeptieren und ihn sein gefräßiges Tagwerk verrichten lassen. Wäre die Furcht weniger groß, würde er das Tierchen wahrscheinlich mit Hilfsmitteln ins Freie schaffen. Doch John Entwistle, der auf der Bühne selbst dann stoisch blieb, wenn die anderen um ihn herum alles zu Bruch hauten und im Rock’n’Roll-Zirkus die Raubtiere gaben, mochte den winzigen Boris lieber nicht lebendig um sich haben.

In „offiziellen“ Interviews hat John Entwistle nie bestätigt, dass er wirklich unter einer Spinnenphobie litt. Tatsächlich präsentierte er in Stow-on-the-Wold, seinem hochherrschaftlichen Anwesen in der Grafschaft Gloucestershire, neben verschiedenen mehr oder weniger seltsamen Ausstellungsstücken auch in Glas gerahmte Taranteln, Schwarze Witwen und andere Giftspinnen. Angeblich soll er eine Zeitlang auch ein Terrarium mit lebenden Achtbeinern der haarigeren Art besessen haben. Sollte John Entwistle als Kind tatsächlich unter Spinnenphobie gelitten haben, gelang es ihm, sie als Erwachsener zu überwinden. Vielleicht trug „Boris The Spider“ ein klein wenig dazu bei, die Angst zu besiegen.

Möglicherweise trug auch der Erfolg einer anderen Spinne zur Existenz des Songs bei. Comic-Fan Entwistle, der selbst auch zeichnete, mochte die Bildgeschichten von Stan Lee und Jack Kirby – und deren „The Amazing Spider-Man“-Reihe war die erfolgreichste Serie des Marvel-Verlags während der „Silver Age“-Jahre des Superhelden-Genres. Übrigens: The Who bekamen bei Marvel 1975 zur Filmversion der Rockoper „Tommy“ ein eigenes Sonderheft.

Der Abend, an dem „Boris The Spider“ entstand

Wie es tatsächlich zu „Boris“ kam, kann man sich leicht ausmalenn – zumindest die englische und deutsche Wikipedia sind sich im Hergang einig: Eines feuchtfröhlichen Abends saß John Entwistle mit Bill Wyman, dem Bassisten-Kollegen von den Rolling Stones, zusammen und goss sich einige Hochprozenter aufs Zäpfchen. Zusehends heiterer suchte man nach lustigen Namen für seltsame Tiere und im Verlauf des kindlichen Spiels kam Entwistle auf Boris. Die Spinne hätte natürlich auch „Wilhelm“ oder „Jacques“ heißen können, vielleicht stand das auch kurz zur Debatte. Am Ende entstand das in der LP-Version von „A Quick One“ gerade mal knapp zweieinhalb Minuten lange „Boris The Spider“ in geringfügig weniger Zeit.

Als das Lied am 4. Oktober 1966 in den Londoner PYE-Studios aufgenommen wurde, sang John Entwistle nicht nur die Hauptstimme, sondern auch den schrägen Chor. Dazu verfiel er in eine für ihn ungewöhnliche Stimmlage, den Basso profondo, also eine tiefe Bassstimme, wie sie etwa der Baron Ochs auf Lerchenau in Richard Strauss‘ Hofmansthal-Oper „Der Rosenkavalier“ verkörpert. Erwähnt sei hier, dass nicht nur der Fürst im Singspiel „Ochs“ heißt, sondern die anderen Who-Mitglieder die englische Form „Ox“ als Spitznamen für ihren stoisch-sturen Bassisten wählten, aber das nur nebenbei.

Musikalisch steht „Boris The Spider“ auf einer Stufe mit „My Wife“, „Cousin Kevin“ oder der 1971er Single-B-Seite von Townshends „Let’s See Action“ – dem wunderschön-intensiven Rückblick „When I Was A Boy“.

Im Rückblick ist „Boris“ die bekannteste Spinne in einem Popsong, aber beileibe nicht die einzige. Auch Katie Melua („Spider‘s Web“), Alice Cooper („I Am The Spider“), die Barenaked Ladies („Spider In My Room“), Oingo Boingo („Spider“), die Flaming Lips („The Spiderbite Song“) oder auch die Rolling Stones mit Bill Wyman („The Spider And The Fly“) machten die Achtbeiner mal zum Thema. Doch nur Entwistle spann ein so zeitlos schönes Spinnennetz zu einem Lied. „Boris The Spider“ wurde sogar von Jimi Hendrix geadelt – er bezeichnete das gesungene Gekrabbel als seinen Lieblingssong der Who. Das behauptete zumindest Pete Townshend in seinem langen Kommentar zur Who-Kompilation „Meaty, Beaty, Big And Bouncy“, die im Dezember 1971 im amerikanische Rolling Stone erschien. Man kann den Artikel im Internet nachlesen – es lohnt sich. Da konnte der hochbegabte Townshend also noch so genial über „Magic Bus“ oder die eigene Generation schreiben, der vermutlich größte „Axemann“ aller Zeiten hatte sein Geschmacksurteil gesprochen.

Boris The Spider

Look, he‘s crawling up my wall
Black and hairy, very small
Now he's up above my head
Hanging by a little thread
Boris the spider
Boris the spider
Now he‘s dropped on to the floor
Heading for the bedroom door
Maybe he‘s as scared as me
Where‘s he gone now, I can‘t see
Boris the spider
Boris the spider
Creepy, crawly
Creepy, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
There he is wrapped in a ball
Doesn‘t seem to move at all
Perhaps he‘s dead, I‘ll just make sure
Pick this book up off the floor
Boris the spider
Boris the spider
Creepy, crawly
Creepy, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
Creepy, creepy, crawly, crawly
He‘s come to a sticky end
Don‘t think he will ever mend
Never more will he crawl ‘round
He‘s embedded in the ground
Boris the spider
Boris the spider

Quelle: FAZ.NET
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