Pop-Anthologie (123)

Bryan Ferrys Lied für Europa

Von Joe Paul Kroll
05.08.2021
, 13:03
Bryan Ferry im Jahr 1974
Diese Hymne, inspiriert vom alljährlichen Song Contest, ist eher ein Abgesang auf Europa. Mit einer Hommage an den Schlager im Stil einer Mini-Oper versuchte Roxy Music, sich von Brian Eno abzunabeln.

Am 1. Januar 1973 wurde das Vereinigte Königreich Mitglied in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft; am 1. November desselben Jahres erschien mit „Stranded“ das dritte Album von Roxy Music. Es enthält – vorbehaltlich aller Subjektivität des Urteils – vielleicht drei Stücke, die im Kanon der Band als „klassisch“ bezeichnet werden dürfen, nämlich „Amazona“, „Mother of Pearl“ und „A Song for Europe“. Hinter dem Titel des letzteren mag der Leser zunächst ein Gastgeschenk des Neuankömmlings vermuten; einen näherliegenden Bezug, den Bryan Ferry, Sänger und Texter des Stücks, hergestellt hat, bildet indessen der Eurovisionswettbewerb mit seiner alljährlichen Suche nach einem „Lied für Europa“.

„Stranded“ war das erste Album, das Roxy Music ohne Brian Eno aufnahmen; es markiert damit einen Abschied und einen Neuanfang zugleich. Wie vielleicht sonst nur im Fall von The Velvet Underground waren die ersten beiden Alben von Roxy Music geprägt von der kreativen Spannung nicht zwischen zwei Songwritern – à la Lennon/McCartney oder Jagger/Richards –, sondern zwischen einem Rocksänger mit einem Talent für Hooks und Melodien (Bryan Ferry/Lou Reed) einerseits und andererseits einem Spezialisten für avantgardistische Klangeffekte, der so gar nicht in die Welt des Rock & Roll zu passen schien: dort der mit allen Wassern der neuen Musik gewaschene Multiinstrumentalist John Cale, hier der an der Kunstakademie ausgebildete, auf seine Amusikalität stolze, damals noch ohne Vorname firmierende Eno.

Eno bemerkte später dann auch nicht ohne Hintersinn, „Stranded“ sei sein Lieblingsalbum von Roxy Music gewesen, obwohl er gar nicht mehr dabei war – „doch lag darin auch der Keim ihres Untergangs, denn allmählich wurde alles sehr glatt und enthielt keine neuen Einfälle mehr.“ Der Sound der Band blieb wiedererkennbar, doch ohne Eno an den Reglern verloren die Synthesizer ihre Dominanz. Hatten sie zuvor stets gedroht, jederzeit in den Song einzubrechen und ihn zu sprengen, ordneten sie sich nun konventionelleren Strukturen unter. In seinem Buch über die Band („Unknown Pleasures: A Cultural Biography of Roxy Music“, 1998) vermerkt Paul Stump, „A Song for Europe“ sei „bis zu diesem Zeitpunkt in ihrer Karriere der konventionellste Versuch [gewesen], einen Popsong zu schreiben.“ Der dreisprachige Text und die Dynamik des Stückes verdecken diese Konventionalität etwas, aber im Vergleich zu beiden Alben mit Eno lässt sich der Befund nicht leugnen. Mit „A Song for Europe“ bringen Ferry und der Saxophonist Andy Mackay dem europäischen Schlager eine Hommage dar, allerdings im Stil einer Mini-Oper mit dem Bombast Phil Spectors.

Auf der Brücke der Seufzer

Was Ferrys selbst angeht, so bildet „A Song for Europe“ einen Meilenstein seiner Verwandlung in den Jetset-Melancholiker „Byron Ferrari“ – ein Beiname, der damals aufkam. Die schrillen Kostüme, in denen die Band auftrat und sich für die ersten beiden Alben fotografieren ließ – am schrillsten waren dabei stets jene Enos –, der mitunter dick aufgetragene Camp, die Persiflage von Nachtlokal-Diven und frühem Rock & Roll, all dies wurde nun abgestreift zugunsten eines Bildes, das ausnahmsweise das überstrapazierte Wort „ikonisch“ rechtfertigt. Es ziert das Cover von Ferrys zweitem Soloalbum, „Another Time, Another Place“, erschienen im Folgejahr (1974) und zeigt Ferry im weißen Dinnerjacket am Pool stehend, vielleicht in der Morgendämmerung nach der Party, in einer Hand die schon abgebrannte Zigarette.

Ikonisches Cover von Ferrys zweitem Soloalbum
Ikonisches Cover von Ferrys zweitem Soloalbum Bild: Archiv

Neun von zehn Stücken auf dem Album sind Coverversionen, eine typisch heterogene Mischung aus Schlagern, Country- und Soul-Nummern, mit den denen sich Ferry mit einem Bein in die Welt Bob Dylans stellt, mit dem anderen in jene des „Great American Songbook“. Der Bruch mit den sich bereits verhärtenden Konventionen des Rock, den ein solcher Auftritt und eine solche Wahl der Bezüge bis in die 1920er Jahre zurück bedeutete, ist nicht geringer, wenn auch sicherlich anderer Art als der Avantgardismus Enos. Nicht zuletzt aber vermittelt dieses Foto Ferrys eine Art Glamour, die man in England mit dem „Kontinent“ zu assoziieren pflegt, mit Sehnsuchtsorten wie Capri, der Riviera oder der Côte d’Azur (der Engländer alter Schule legt das weiße Dinnerjacket allerdings erst südlich von Gibraltar an). Die Verfallsform solchen Glamours sollte in unseren Tagen mit dem Epitheton „Eurotrash“ belegt werden.

Lord Byron ist eine jener Gestalten, deren Magie selbst in Unkenntnis des Werkes im bloßen Namen wirkt. Doch als lyrisches Ich in „A Song for Europe“ unterwegs auf dem Kontinent ist nun ein veritabler Byronscher Held. Die Landschaft des Songs ist jene von Postkartenbildern und entfaltet sich wie ein Musikvideo im Kopf des Zuhörers. Es gibt zwei Schauplätze: Paris im Schatten von Notre-Dame und Venedig in der Gondel unter der Ponte dei Sospiri. Deren englische Bezeichnung soll übrigens Byron selbst geprägt haben: „I stood in Venice, on the Bridge of Sighs“, hebt der vierte Gesang von „Childe Harold’s Pilgrimage“ an; schon dort findet sich die Klage über die „dying glory” der Stadt, die seit je als Projektionsfläche für Untergangsvorstellungen dient. Byron war englischer Dichter und europäisches Phänomen zugleich, als solches für Goethe Napoleon vergleichbar und an Verfeinerung überlegen. „Von seinem Leid entlastete er sich durch das Schauspiel das er den Augen Europas bot“, schreibt dazu der Germanist Friedrich Gundolf.

Bei der Obsession, die den fahrenden Melancholiker im Song von Stadt zu Stadt treibt, handelt es sich vordergründig um eine verflossene Liebe – die Schauplätze an Seine und Rio di Palazzo tun das ihre, um dieses Dahinfließen bildhaft werden zu lassen. Doch es fehlen Topoi des Lovesongs, es finden sich weder Entschuldigung noch Selbstbezichtigung und auch kein Flehen um Versöhnung. Es bleibt bei der Klage und bei der Erinnerungsarbeit, beim Nachsinnen auf „all those moments, lost in wonder, that we’ll never find again” – und dies in drei Sprachen: auf Englisch, der Sprache von heute, von Weltwirtschaft und Popkultur, von atlantischem Ausgriff und Verbund; auf Latein (das hier womöglich für den Schauplatz Italien einsteht), der Sprache der Gelehrsamkeit, der Westkirche und Roms – die Sprache mithin, in der sich Europa herausbildete, in der sich der Westen konstituierte; schließlich auf Französisch, über Jahrhunderte Verkehrssprache von Diplomatie und guter Gesellschaft.

Das alte Europa ist verflossen

Das Europa, das Ferry hier besingt, ist weniger das zeitgenössische Europa Brüssels als jenes Byrons und der Grand Tour, wie es so viele Engländer im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert geradezu miterfunden hatten. Solche Reisen mussten Anfang der 1970er Jahre umso phantastischer erscheinen, als zu jener Zeit in Großbritannien Beschränkungen bei der Ausfuhr von Devisen galten, die erst 1979 unter Margaret Thatcher wieder abgeschafft wurden. Ferrys „kontinentalen“ Glamour muss man auch vor dem Hintergrund des von Arbeitskämpfen und Abstiegssorgen geprägten Großbritannien jener Jahre verstehen.

Auf die Idee, wir könnten es hier mit einem fröhlich europaseligen Schlager zu tun haben, der Britanniens Ankunft als gleichberechtigter Partner in einem zuversichtlich seiner Einheit entgegensehenden Europa feiert, gibt also nur die Koinzidenz von Titel und Jahr Anlass. Es ist dies weniger eine Europahymne als eine Elegie, ein Abgesang und zwar einer ohne Hoffnung auf einen guten Ausgang, ein Trauern um das verschwundene Glück mit der Geliebten, wenn es denn je der Erinnerung gewachsen gewesen wäre. Vor allem aber ist es ein Abgesang auf das alte, in zwei Weltkriegen zerstörte Europa, in dem Byrons Trauer über die verflossene Pracht Venedigs nachhallt:

Doch meine Seele Schweift. Heim ruf’ ich sie,
Zu grübeln über Trümmer; festgebannt,
Ruine vor Ruinen, suche sie
Begrabne Hoheit, Herrschaft, die entschwand

Der Einwand, solche Nostalgie habe es zu allen Zeiten gegeben, geht zu leicht von der Hand. Der Verlust wirkt dadurch nicht weniger schwer; die Trauer lässt sich nicht relativieren. Im Bild Venedigs im 19. Jahrhundert erkennen wir nunmehr ganz Europa. Ferrys Zeilen von den unwiederbringlichen, verzauberten Augenblicken mögen manchem in den Sinn gekommen sein, als 2019 Notre-Dame brannte; seufzen wird, wer an die schwimmenden Freizeitparks in der Lagune Venedigs denkt. Das alte Europa ist verflossen, es liegt im langen Schatten seiner Geschichte. Ob es unter der Last seiner Geschichte ächzt (wie Nietzsche schon in 19. Jahrhundert mutmaßte) oder diese Geschichte der einzige Schatz ist, der ihm bleibt? Die Frage kann man mit Blick auf „A Song for Europe“ nur mit halbem Ernst stellen, denn selbstverständlich haben wir es hier auch mit einer Stilisierung, einer Persiflage solchen Ernstes zu tun – der aber vielleicht nur in solcher Brechung sich noch ungehemmt entfalten darf.

Roxy Music: „A Song for Europe“

Here as I sit
At this empty café
Thinking of you
I remember
All those moments
Lost in wonder
That we’ll never
Find again
Though the world
Is my oyster
It’s only a shell
Full of memories
And here by the Seine
Notre-Dame casts
A long lonely shadow

Now, only sorrow
No tomorrow
There’s no today for us
Nothing is there
For us to share
But yesterday

These cities may change
But there always remains
My obsession
Through silken waters
My gondola glides
And the bridge, it sighs

I remember
All those moments
Lost in wonder
That we’ll never
Find again
There’s no more time for us
Nothing is there
For us to share
But yesterdays

Ecce momenta
Illa mirabilia
Quae captabit
In aeternum
Memor
Modo dolores
Sunt in dies
Non est reliquum
Vero tantum
Comminicamus
Perdita

Tous ces moments
Perdus dans l’enchantement
Qui ne reviendront
Jamais
Pas d’aujourd’hui pour nous
Pour nous il n’y a rien
A partager
Sauf le passé

Tous ces moments
Perdus dans l’enchantement
Qui ne reviendront
Jamais

(Ferry/Mackay)

Quelle: FAZ.NET
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