Pop-Anthologie (124)

Ich fühle mich wie Marlon Brando

Von Manfred Prescher
19.08.2021
, 18:11
Wer bestimmt hier wen? Szene aus David Bowies Video zu „China Girl“
Eigentlich ist „China Girl“ von Iggy Pop und David Bowie ein tragisches Liebeslied, das Fernost-Klischees auf die Schippe nimmt. Das später gedrehte Video von Bowie muss einen schmalen Grat beschreiten.

Der Aufnahme von „China Girl“, die auf David Bowies Hitalbum „Let’s Dance“ erschienen ist, hört man nicht an, dass sie bereits während der legendären „Berliner Phase“ von Bowie entstanden ist. In den späten 1970er Jahren lebte und arbeitete der als David Robert Jones in London geborene Künstler bekanntlich in der Mauerstadt. Eine späte Reminiszenz an diese Jahre stellt der Song „Where Are We Now?“ von Bowies 2013 erschienenem, vorletztem Album „The Next Day“ dar. Schon das Cover der Platte verweist auf diese Zeit, denn es verwendet das Foto der in Berlin entstandenen LP „Heroes“.

Drei Alben – „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ – waren das Ergebnis jener Epoche. Sie gelten als Meilensteine in der turbulenten Karriere des „Thin White Duke“, wie er sich noch kurz vor dem Umzug nach Deutschland nannte. In Berlin entdeckte er Can und Kraftwerk, arbeitete mit dem damals von Roxy Music und Glamrock zur Avantgarde wechselnden Keyboard-Genie Brian Eno oder mit Robert Fripp von der Progressive-Rock-Formation King Crimson zusammen.

Drogen spielten zu jener Zeit eine große Rolle. Als Bowie, ausgemergelt von vielen Tourneen, Albenproduktionen und chemischen Substanzen in Berlin strandete, war er, so Iggy Pop im Februar 2016 im „Tagesspiegel“, am Ende. Während Bowie sich aber neu erfand und wieder aufblühte, verfiel sein Freund Iggy Pop zur gleichen Zeit und am selben Ort: „Ich kam kerngesund nach Berlin und ging als Wrack“, sagte Pop, Urvater des Punk und Gründer der ikonischen Band The Stooges in jenem Artikel. Auch künstlerisch konnte man das sehen: Während Bowie sich der Avantgarde näherte, versuchte James Newell Osterberg, wie Pop mit bürgerlichem Namen heißt, die Popwelt zu erobern.

Der verspätete Hit

Dass Party und Drogen Iggy Pops Berliner Alben „The Idiot“ und „Lust For Life“ beeinflussten, wie Julia Maehner 2008 im Magazin „Rolling Stone“ vermutete, ist sehr gut möglich. Sicher ist aber, dass die Zeit damals noch nicht reif für den neuen, mit Industrial-Sound kombinierten Pop eines Künstlers war, den man entweder für andere Sounds schätzte oder gar nicht wahrnahm. Radikale Imagewechsel konnte sich wohl nur Bowie leisten, der seine Existenz als künstlerisch-künstliches Chamäleon perfektionierte. Wer einmal die neun LPs, die von 1971 bis 1977 veröffentlicht wurden, in chronologischer Reihenfolge, also von „Hunky Dory“ bis „Heroes“, durchhört, erkennt die steten Stilwechsel, die Bowie in kurzer Zeit durchexerzierte.

Dass Pops Berliner Platten durchaus zu Bowies zeitgleich realisierten Werken passten, ist möglicherweise heute besser erkennbar als in den 1970er Jahren. Man vergleiche zum Beispiel die schwarzweißen Cover-Artworks von „The Idiot“ und „Heroes“ – beide wurden vom 1917 angefertigten Holzschnitt „Roquairol“ des deutschen Expressionisten Erich Heckel (1883 bis 1870) inspiriert. Doch während Bowies Alben aus jener Schaffensphase besonders geschätzt und verehrt werden, fällt die Reaktion auf Iggy Pops Werke eher zwiespältig aus. Einige seiner Songs, etwa „The Passenger“, sind heute Klassiker, weil sie Bands wie Ministry oder Sisters Of Mercy beeinflussten. „Nightclubbing“, „Lust For Life“ oder „Tonight“, das Bowie als Duett mit Tina Turner aufnahm, entstanden im gemeinsamen kreativen Prozess. Das gilt auch für „China Girl“, das im Mai 1977 als zweite Single von „The Idiot“ ausgekoppelt wurde – und floppte.

Es wirkt so, als würde Bowie hinter jede Phase seines Schaffens den sprichwörtlichen „Haken“ setzen und mit einem „kann ich, also weiter voran auf der Lebensbahn“ versehen. Nach der Berliner Zeit näherte er sich dem Pop und den Charts. Das Album „Scary Monsters (And Super Creeps)“ hatte mit der „Major-Tom-Fortsetzung „Ashes To Ashes“ und „Fashion“ zwei große Hits und auch die LP verkaufte sich deutlich besser als das in Deutschland entstandene Trio. Bowie kollaborierte mit Queen („Under Pressure) und Georgio Moroder („Cat People“) und setzte für seinen vielleicht generalstabsmäßigen Angriff auf die Charts der Welt auf Nile Rodgers, den Gitarristen der in den späten 1970er und in den frühen 1980er Jahren schwer angesagten Formation Chic.

Bowie kommt zur rechten Zeit

Rodgers, der auch Madonna, Duran Duran oder Jagger produzierte und für Sister Sledge den Hit „We Are Family“ schrieb, saß bei Bowies Album „Let’s Dance“ (1983) an den Reglern – also auch bei Bowies Version von „China Girl“. Während das Original eher rau und ungeschliffen klingt, ist Bowies Variante elegant, schafft durch das Gitarrenspiel des 1990 früh, im Alter von knapp 36 Jahren verstorbenen Texaners Stevie Ray Vaughan einprägsame Momente. Die Wucht des von Omar Hakim bearbeiten Schlagzeugs gibt den Takt vor. Auf solche Ingredienzien und den funkigen Groove, den Rodgers unterlegt, verzichtete die Aufnahme von Iggy Pop gänzlich.

Wie „The Passenger“ von Iggy Pop in dem 1980er Jahren verspätet zum Hit in den „Schwarzkittel“-Discos wurde, hat der Autor dieses Textes als DJ selbst erlebt. Iggy Pop kam einfach zu früh, aber er verdiente an Bowies Hit. Immer wieder wird kolportiert, dass er sich von den Tantiemen, die er für „China Girl“ bekam, erstmals ein kleines Häuschen kaufen konnte. Ob Bowie seinem klammen Freund bewusst helfen wollte, und deshalb den Song aufnahm, kann man nur vermuten. Das Potential des Stücks dürfte er aber erkannt haben.

Seine Version – und das komplette Album „Let’s Dance“ – fallen genau in die richtige Zeit. Denn Pop war plötzlich die neue Avantgarde. Im Magazin „Sounds“ diskutierte die Gruppe um Diederich Diederichsen über die gesellschaftliche, ja revolutionäre Relevanz von Popmusik und Popstars. Nachlesen lässt sich das auch in Diederichsens Buch „Sexbeat“. Unzweifelhaft ist, dass „Let’s Dance“, als es Mitte April 1983 veröffentlicht wurde, mitten in eine Ära unglaublicher Pop-Alben fiel. Rund vier Monate vorher kam – fast zeitgleich mit dem Prince-Doppelalbum „1999“ – Michael Jacksons „Thriller“ auf den Markt, ABCs „The Lexicon Of Love“ war ein Geniestreich, George Michael und Andrew Ridgeley wurden als Wham! – auch in „Sounds“ – im Sommer 1983 hymnisch für ihre LP „Fantastic“ gefeiert. Bowie hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Bei den Grammys musste er sich 1984 allerdings Jackson geschlagen geben.

Wie war das mit der Chinesin?

In der lesenswerten David-Bowie-Biografie „Starman“ erzählt Paul Trynka, dass „China Girl“ von der Vietnamesin Kuelan Nguyen handelt, in die Pop in den 1970er Jahren eine Zeit lang verliebt war. Das wird auch in „American Walhalla“, der sehenswerten Iggy-Pop-Doku von 2017 deutlich. Gleichzeitig transportiert der Song aber auch noch eine andere Ebene. Und die beschreibt David Bowie im Mai 1983 im amerikanischen „Rolling Stone“ gegenüber Kurt Loder als „sehr einfaches, sehr direktes“ Statement gegen Rassismus. Es war eine Parodie auf „asiatische weibliche Stereotypen“. Die „Washington Post“ zitiert Bowie mit der Aussage: „It’s wrong to be a racist!”, es ist grundsätzlich falsch, ein Rassist zu sein. Im Lied stolpert der Erzähler durch die bunte Vielfalt der modernen Welt, hat aber noch altes Gedankengut – „visions of swastikas“ (Visionen von Hakenkreuzen) und kolonialen Machtanspruch im Kopf.

I‘ll give you television
I‘ll give you eyes of blue
I‘ll give you men
Who want to rule the world

Das bittere Fazit: „I‘ll ruin everything you are“ – „ich zerstöre alles, was dich ausmacht“. Er rät ihr daher, sich nicht auf ihn einzulassen und warnt sie davor, sich mit ihm anzulegen: „You shouldn‘t mess with me“.

Spiel mit den Klischees

Die 1980er Jahre waren auch bei David Bowie die Zeit der großen und teuren Videoproduktionen. Der Clip zu „China Girl“ wurde von David Mallet im chinesischen Viertel von Sydney gedreht. Bowie, der mittlerweile in Australien lebte, spielte an der Seite des neuseeländischen Models Geeling Ng. Die damals 23-Jährige war gerade dabei, am Strand einen Salat zu essen, als sie von Bowie angesprochen wurde. Im Juni 2009 erzählte sie dem britischen „Q“-Magazin: „David war mein Idol. Als ich ihn traf, war es erschreckend.“ Sie erklärt, dass die den Mangel an Privatsphäre beim Videodreh belastend fand. Das mehrfach preisgekrönte Video wurde – etwa bei MTV – nur in einer zensierten Version gezeigt. Denn Ng und Bowie lagen nackt am Strand. Gegenüber „Q“ sagte Geeling Ng weiter: „Darf ich darauf hinweisen, dass David und ich entgegen der landläufigen Meinung keinen Sex am Strand hatten. Es wurde um 5 Uhr morgens gedreht, das Wasser war eiskalt und kein gutes Gleitmittel und wir wurden von einem Filmteam und Joggern beobachtet."

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Das Video, das in Anmutung und Stil Fred Zinnemanns Militärdrama „Verdammt in alle Ewigkeit“ von 1953 nachahmt, spielt mit Geschlechterstereotypen und Fernost-Klischees – und dazu passt auch die schon im Pop-Original verwendete Zeile „I‘m feeling tragic like I‘m Marlon Brando“, die sich auf dessen Rolle als Major Lloyd Gruver in dem 1957er Drama „Sayonara“ bezieht. Der Soldat verliebt sich während des Koreakrieges in eine Japanerin, was damals nicht funktionieren konnte.

Der Kurzfilm zu „China Girl“ beginnt damit, dass eine asiatisch gekleidete Frau von Stacheldraht gefangen gehalten und in einen Bilderrahmen gesteckt wird – eine exotische Zurschaustellung des Fremden, wie sie im 19. Jahrhundert in Europa üblich war. Später stehen mitten in der Wüste ein Offizier und ein Gentleman über der knienden, in grauem Gefängnisdrillich gekleideten Frau. Ihr wird über den Kopf gestreichelt, und als Zuschauer fragt man sich, ob sie in Kürze exekutiert wird. Es spielt sich alles im Kopf ab, in dem des Betrachters und dem von Bowie. Vielleicht auch der extralange Kuss.

Die Machtverhältnisse drehen sich schließlich um, als das China Girl mit Bowies Stimme „Oh baby, just you shut your mouth“ sagt und die Worte mit dem berühmten „shhh“ unterstreicht. So, wie man mit einem kleinen Kind spricht, das sich ruhig verhalten soll. David ist der Junge, der alberne Schlitzaugengrimassen zieht und sich über die Herkunft der Frau lustig macht. Aber es gibt nichts zu lachen, sondern nur zu verlieren. Eine kostbare Liebe nämlich. Denn die Königskinder dürfen auf keinen Fall zusammenkommen – „I’ll ruin everything you are“.

China Girl

Oh, little China girl
Oh, little China girl

I couldn‘t escape this feeling with my China girl
I feel a wreck without my little China girl
I hear her heart beating, loud as thunder
Saw these stars crashing

I‘m a mess without my little China girl
Wake up in the morning, where‘s my little China girl?
I hear her heart is beating, loud as thunder
I saw these stars crashing down

I‘m feeling tragic like I‘m Marlon Brando
When I look at my China girl
And I could pretend that nothing really meant too much
When I look at my China girl

I stumble into town
Just like a sacred cow
Visions of swastikas in my head
Plans for everyone
It‘s in the white of my eyes

My little China girl
You shouldn‘t mess with me
I‘ll ruin everything you are
You know
I'll give you television
I'll give you eyes of blue
I'll give you a man who wants to rule the world

And when I get excited
My little China girl says
"Oh, baby, just you shut your mouth"
She says, "Ssh"
She says "Ssh"
She says
She says

And when I get excited
My little China girl says
"Oh, baby, just you shut your mouth"
And when I get excited
My little China girl says
"Oh, baby, just you shut your mouth"
She says, "Ssh"
She says

Oh, little China girl
Oh, little China girl
Oh, little China girl
Oh, little China girl

Quelle: FAZ.NET
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