Pop-Anthologie (131)

Der denkbar übelste Mordgrund

Von Manfred Prescher
26.11.2021
, 12:37
Johnny Cash als Häftling – Aufnahme aus dem Nachlass von Saul Holiff
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Johnny Cash hat viele Songs über Mörder geschrieben. Doch ein Lied ragt aus seinem düsteren Œuvre heraus: der „Folsom Prison Blues“, für den sich der Man in Black bei einem anderen Künstler bediente.
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Am 13. Januar 1968 trat Johnny Cash im Folsom Prison auf. Seine Karriere schleppte sich zu diesem Zeitpunkt mehr schlecht als recht dahin. Doch der Konzertmitschnitt wurde zu einem riesigen Erfolg. Zum Höhepunkt der beiden Shows im kalifornischen Hochsicherheitszuchthaus wurde der wie maßgeschneidert passende Song „Folsom Prison Blues“. Aber auch, wenn es so wirkt – das Lied entstand nicht für die Auftritte im Folsom State Prison. Denn 1968 hatte der Song bereits 13 Jahre auf dem Buckel. Er war als B-Seite von „So Doggone Lonesome“ erstmals am 15. Dezember 1955 von Elvis-Entdecker Sam Phillips als Cashs zweite Single auf dem Sun-Label veröffentlicht worden. Das Lied erreichte damals immerhin Platz 4 in den US-Countrycharts und gehörte fortan zum Standardrepertoire bei den Konzerten von Cash. Die Liveaufnahme aus dem Folsom Prison schaffte es dann später sogar auf Platz Eins in der Country-Hitliste – und rückte so, mit der Verspätung von fast eineinhalb Jahrzehnten, in den Fokus von Gordon Hill Jenkins.

Jenkins hatte 1953 eine Art Operettensuite mit dem Titel „Seven Dreams“ veröffentlicht. Der auf der Platte ungenannte „Crescent City Blues“ ist Teil des zweiten Traums – „The Conductor“ („Der Schaffner“), zu hören ab Minute 5:20. Angeblich, so berichtet es zumindest Michael Streissguth in seinem Buch „Johnny Cash at Folsom Prison: the making of a masterpiece“ hatte Cash das Stück von Jenkins gehört, als er im oberbayrischen Städtchen Landsberg am Lech als Funker und Abhörspezialist bei der US-Army im Einsatz war. Der Song „Folsom Prison Blues“ soll bereits damals entstanden sein. Das Kopieren von Melodien und ganzen Textpassagen war gerade im Umfeld von Country, Hillbilly und Blues seinerzeit durchaus üblich. Das Urheberrecht hatte, so Götz Alsmann in seinem Buch „Nichts als Krach: die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik, 1943-1963 “ speziell im ländlichen Raum keine große Bedeutung.

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Angeblich, so Streissguth, war es der Sun-Mogul Sam Phillips gewesen, der auf die Credit-Angabe zu Ungunsten von Jenkins verzichtete. Als das Lied 1968 zum zweiten Mal ein Hit wurde, erstritt sich der eigentliche Autor immerhin einen Tantiemenscheck über nicht gar so üppige 75.000 Dollar.

Ein echtes Plagiat in doppelter Hinsicht

Im Artikel „Roots of Cash’s hit tunes“ erzählt Johnny Cash dem Journalisten Robert Hilburn im August 2006, dass er zumindest beim Schreiben des „Folsom Prison Blues“ die Tragweite seines Handelns nicht im Kopf hatte: „At the time, I really had no idea I would be a professional recording artist; I wasn't trying to rip anybody off.“ – „Zu dieser Zeit hatte ich wirklich keine Ahnung, dass ich ein professioneller Aufnahmekünstler werden würde; ich habe nicht versucht, jemanden abzuzocken.“ Dieses Statement deckt sich auch mit dem, was er anno 1998 bei der mit seinem Kumpel Willie Nelson aufgenommenen, von Rick Rubin produzierten CD der „VH-1 Storytellers“-Reihe in der Anmoderation zum „Folsom Prison Blues“ erzählte: „I hope someday I could sing on the radio, you know. … I never thought about recording a song when I wrote it. But I wrote it, I tried to write it as I was a criminal“ – „Ich hoffe, dass ich eines Tages im Radio singen kann, weißt du. … Ich habe nie daran gedacht, einen Song aufzunehmen, als ich ihn schrieb. Aber ich habe es geschrieben, ich habe versucht, es zu schreiben, als wäre ich ein Verbrecher.“ Laut Willie Nelson – nachhörbar bei der „VH1 Storytellers“-Aufnahme – ist ihm das auch gelungen. Aber Cash kupferte nicht nur die Melodie ab, er bediente sich auch beim Text des im Original von Jenkins' Ehefrau Beverly Mahr gesungenen Liedes.

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Von Sehnsuchtszügen

Strophe 1 – „Crescent City Blues”

I hear the train a-comin', it's rolling ‚round the bend
And I ain't been kissed lord since I don't know when

Strophe 1 – „Folsom Prison Blues“

I hear the train a-Comin', it's rollin' 'round the bend,
And I ain't seen he the sunshine since I don't know when

Zwei Mal Sehnsucht – einmal nach einer Liebe, nach Küssen, die man schon lange nicht mehr bekommen hat, einmal nach der Sonne, die der Verbrecher durch die Gitterstäbe und das kleine Mauerloch kaum zu sehen bekommt. Beide Male ist der Zug das Sehnsuchtsobjekt, aber nur einmal ist eine Reise ins Glück eine mögliche Option. Überhaupt: Die Eisenbahn ist das Fahrzeug in den riesigen USA, das in den Liedern mit Heimat und Glück, aber auch mit Flucht und Einsamkeit verbunden ist. In drei Wellen zogen immer mehr Menschen aus dem Süden in die vermeintlichen Boomtowns, vor allem nach Chicago oder in die Autostadt Detroit – zunächst während der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert und der Folgejahrzehnte, dann während der Weltwirtschaftskrise und im Zuge des „New Deal“ von Franklin D. Roosevelt – und schließlich in Folge des massiven Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg.

© Youtube

Die Eisenbahn brachte die Leute in die Metropolen, aber viele Menschen träumten von einer Rückkehr in die oft verklärte, überhöhte Heimat. So auch in unzähligen Songs wie etwa im durch Dean Martin bekannt gewordenen Country-Song „Little Ole Wine Drinker Me“ von Hank Mills und Dick Jennings: Ein Arbeiter sitzt allein in einer Kneipe, mitten in einer abweisenden Großstadt und betrinkt sich, weil er Heimweh hat und keinen Anschluss findet.

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Oder man denke an das 1971 von Steve Goodman geschriebene Lied „City Of New Orleans“, welches die Stilllegung der US-Fernverkehrsstrecken anprangert – „guten Morgen Amerika, wie geht es dir? Kennst du mich nicht mehr, deinen eigenen Sohn?“ Der „City Of New Orleans“ fährt heute für den Amtrak-Konzern und ist längst zum Mythos geworden. Cash hat den Song ebenfalls aufgenommen – er findet sich auf der 1975 veröffentlichten Kompilation „Riding The Rails“, gemeinsam mit weiteren „Zug-Klassikern“, etwa „Orange Blossom Special“, „Going To Memphis“ oder dem Frühwerk „Hey Porter“.

Mutter ist sehr gegen Gewalt

Strophe 2 – „Crescent City Blues“

When I was just a baby my mama told me, Sue
When you're grown up I want that you should go and see and do

Strophe 2 – „Folsom Prison Blues“

When I was just a baby, my mama told me, son
Always be a good boy, don't ever play with guns

Die Mama als Ratgeberin – sie ist es in beiden Songs. „Don’t Take Your Guns To Town“ könnte man den mütterlichen Satz in „Folsom Prison Blues“ mit dem Titel von Cashs 1958er Countryhit umschreiben. Auch bei „Don’t Take Your Guns To Town“ ist das Ende – vorhersehbar – tödlich: Der junge Billy lässt sich provozieren und wird schließlich erschossen. Das erinnert an die Geschichte von Lee Shelton, berüchtigt als „Stagger Lee“. Der vielbesungene Zuhälter aus St. Louis ermordete am Heiligabend seinen Kumpel Billy Lions. In der Version von Nick Cave & The Bad Seeds heißt es zum Schluss: „Well Billy Dilly dropped down and slobbered on his head and Stag filled him full of lead. Oh yeah“ – „Nun, Billy Dilly ließ sich fallen und sabberte auf seinem Kopf und Stag füllte ihn mit Blei. Oh ja.“

Das ist zynisch, aber Cash trieb es in „Folsom Prison Blues“ auf die Spitze. Bei seiner VH1-Anmoderation am Ende von Willie Nelsons „Always On My Mind“ erzählt er: „I thought about what is the most evil thing a man, an evil reason a man could do for killing somebody and I figured ‚just to watch him die‘. It might be a pretty good evil reason.“ – „Ich dachte darüber nach, was das Böseste für einen Mann ist, ein böser Grund, den ein Mann haben könnte, um jemanden zu töten. Und ich dachte mir ‚einfach so, um ihn sterben zu sehen‘. Das könnte ein ziemlich guter böser Grund sein“: „I shot a man in Reno just to watch him die“.

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Mord und Gewalt gehören in der Countrymusik – wie im verwandten Blues – zu den wiederkehrenden Hauptmotiven, bei Cash findet man Bluttaten unter anderem im (ebenfalls von Cave gecoverten) „The Long Black Veil“, in „Hardin Wouldn’t Run“ oder in seiner späten Version des Traditionals „Delia’s Gone“. Das sind, wenn man so will, lauter böse Songs, aber keiner ist wie der „Folsom Prison Blues“ mit seinem besonders üblen Mordmotiv.

Reiche Leute und arme Hobos

Strophe 3 – „Crescent City Blues“

I see the rich folks eatin' in that fancy dining car
They‘re probably having pheasant breast and eastern caviar

Strophe 3 – „Folsom Prison Blues“

I bet there's rich folks eatin' in a fancy dining car
They're prob'ly drinkin coffee and smokin' big cigars

Hier hätte Cash eigentlich die zweite Zeile des Originals komplett übernehmen können. Denn auch bei Jenkins geht es um den reichen, weißen Mann, der sich im Speisewagen den Bauch mit edlen Gerichten, mit Fasanenbrust und Kaviar vollschlägt. In beiden Songs ist die Hauptfigur ewig weit weg vom Reichtum des Wirtschaftsgewinnlers. Die Verlierer, die Gelegenheitsarbeiter und Tramps („Hobos“) fahren allerhöchstens als blinder Passagier im Güterwaggon mit oder stehen sich zusammen mit eingepferchten Rinderherden die Füße platt. Züge geben Hoffnung, wenn man sie sich leisten kann. Die Eisenbahn führt aber auch ins Nirgendwo oder an Orte, in denen überhaupt nichts besser ist.

Cash, der 1932 in Kingsland/Arkansas als viertes von sieben Kindern geboren wurde, dürfte die karge Art zu reisen kennen. Denn während des New Deal zog die Familie auf eine Baumwollfarm ins 400 Kilometer entfernte Dyess/Arkansas. Die Roosevelt-Administration stellte das Land günstig zur Verfügung und gab eine finanzielle Starthilfe. Das Staatsdarlehen reichte sogar für ein Radio des Versandkaufhauses Sears Roebuck, und der junge Johnny war begeistert, wie er in seiner 1999 erschienenen Autobiografie schreibt: „Ich kann mich noch an den ersten Song erinnern, den ich in diesem Radio gehört habe, ‚Hobo Bill' Last Ride‘ von Jimmie Rodgers, und wie real, wie vertraut mir das Bild des Mannes erschien, der einsam und allein in einem kalten Güterwaggon starb.“

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Jimmie Rodgers, der „Singing Brakeman“, der „singende Bremser“, kannte die Eisenbahn aus der Sicht des Bremserhäuschens und sang darüber, aber er hatte auch blutige Moritaten und Gefängnissongs im Repertoire, so zum Beispiel „Pistol Packin' Papa“ oder „In The Jailhouse Now“. Rodgers starb bereits 1933, im Alter von nicht einmal 36 Jahren, aber er beeinflusste Hank Williams, Cash und fast alle, die ihm nachfolgten.

Wie kam Johnny Cash auf das Folsom Prison?

Strophe 4 – „Crescent City Blues“

If I owned that lonesome whistle, if that railroad train was mine
I bet I'd find a man a little farther down the line

Strophe 4 „Folsom Prison Blues“

Well if they freed me from this prison, if that railroad train was mine
I bet I'd move on over a little farther down the line

Aus dem Zuchthaus von Folsom kann man nicht erfolgreich fliehen, die meisten Ausbruchsversuche scheiterten und endeten meist tödlich. Cash versucht zum Schluss des Liedes dennoch, eine Spur Hoffnung aufkommen zu lassen. Dazu verwendet er die Zeilen des Originals und tauscht nur den Ortsnamen „Crescent City“ durch „Folsom Prison“ aus. Aber warum entschied er sich ausgerechnet für dieses Gefängnis und nicht für eines der rund 5000 anderen, die es in den Vereinigten Staaten gibt? Auch zu „Folsom“ kam er während seiner Soldatenzeit in Bayern. Im Landsberger Army-Kino sah er das 1951 von Wilbur Crane geschriebene und gedrehten Noir-B-Movie „Inside The Walls Of Folsom Prison“ – deutsch: „Meuterei im Morgengrauen“. Der Streifen spielt in den 1920er Jahren und es herrschen menschenunwürdigste Zustände: Der Gefängnisleiter ist gewalttätig, er lässt Häftlinge quälen und sie sich gegenseitig bis zur totalen Unterwerfung prügeln. Cashs Song würde in den Streifen sehr gut hineinpassen, denn das, was in dem kalifornischen Zuchthaus passiert, lässt unbändig von der Freiheit träumen. Wie die genau aussehen soll, ist unrelevant. Der Mörder will einfach raus aus dem Knast, egal, wohin.

Johnny Cash sang immer wieder über Gefängnisse, etwa über das „Austin Prison“ oder das „New Orleans Parrish Prison“. Besonders populär ist der 1969 – für das zweite berühmt gewordene Gefängnis-Konzert – geschriebene Hit „San Quentin“. Aber der „Folsom Prison Blues“ überstrahlt alle anderen Zuchthaussongs. Die Karriere dieses urtypischen Genre-Liedes begann in Memphis, es gehört zum Kanon des legendären Sun-Labels, führte über Cashs Tourneen in den 1950er und 60er Jahre an den Ort der Handlung und verankerte sich aus all diesen Gründen besonders hartnäckig im kollektiven Bewusstsein. Davon zeugen auch die vielfältigsten Coverversionen, die von dem Rapper Everlast über das EBM-Projekt Accessory und die Britrock-Band Blyth Power bis hin zur Reggae-Formation Stick Figure reichen.

Folsom Prison Blues

I hear the train a comin’, it’s rollin’ ’round the bend
And I ain’t seen the sunshine since I don’t know when
I’m stuck in Folsom prison, and time keeps draggin’ on
But that train keeps a rollin’ on down to San Antone

When I was just a baby my mama told me, „Son
Always be a good boy, don’t ever play with guns“
But I shot a man in Reno just to watch him die
When I hear that whistle blowing, I hang my head and cry

I bet there’s rich folks eating in a fancy dining car
They‘re probably drinkin’ coffee and smokin’ big cigars
Well I know I had it coming, I know I can’t be free
But those people keep a-movin’
And that’s what tortures me

Well if they freed me from this prison
If that railroad train was mine
I bet I’d move it on a little farther down the line
Far from Folsom prison, that’s where I want to stay
And I’d let that lonesome whistle blow my blues away

Quelle: FAZ.NET
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