Pop-Anthologie (104)

Der Strand als Utopie

Von Andrea Diener
Aktualisiert am 21.11.2020
 - 10:16
Was bleibt in diesem Leben schon, als sich ans Meer zu wünschen? RodBelaFarin (von links).
„Manchmal schließe ich die Augen, stell’ mir vor ich sitz’ am Meer“, sangen Die Ärzte einst über Westerland. Das Meer als Sehnsuchtsort spielt auch in ihrem neuen Lied „Ich, am Strand“ eine wichtige Rolle.

Der Strand als punkutopischer Abhängort in den Texten der Ärzte wäre einmal eine eigene literaturwissenschaftliche Betrachtung wert – ganz abgesehen davon, dass das Motiv kontemplativen Geseufzes am Meeressaum in der deutschen Kulturgeschichte ohnehin solide verankert ist. Aber „solche Sehnsucht“ ist wirklich bemerkenswert:

„Manchmal schließe ich die Augen / Stell’ mir vor ich sitz’ am Meer / Dann denk’ ich an diese Insel / Und mein Herz das wird so schwer“

heißt es etwa in „Westerland“ über jenen Ort, der zwar etwas teurer ist, an dem man aber unter sich bleibt – ein ironischer Seitenhieb auf den üblichen Sylturlauber mit Hang zum exklusiven Schickimickitum. Die Legende weiß, dass der Text ursprünglich einmal die Insel Helgoland besingen sollte, unter anderem wegen des Sylter „Abschiedkonzerts“ (ha, von wegen!) der Band im Jahr 1988, das sämtliche Behörden der Insel heillos überfordern sollte, dann aber auf „Westerland“ umgewidmet wurde. Helgoland, Westerland, Hauptsache Strand.

Man muss allerdings gar nicht so weit zurückgehen im Œuvre der Band, allein auf der neuesten Platte mit dem schön doppeldeutigen Titel „Hell“ – Hölle oder Anwesenheit von Licht? man weiß es nicht! – finden sich zwei Stücke, die die helldunkle Kippfigur des Titels wieder aufnehmen. Einmal „Das letzte Lied des Sommers“ („Hitze, Palmen, Hängematten – weißt du noch, wie schön wir es hatten?“) und schließlich als dunkler Zwilling das grandiose „Ich, am Strand“, das ein ganzes, wenn auch kurzes Leben in Momentaufnahmen erzählt und einen genaueren Blick verdient.

„Ich, neugeboren – gar nicht süß, aber Mama ist anscheinend zufrieden / ich mit zwei, was guck ich fies – meine Eltern sind schon geschieden“

beginnt dieser fotografisch erfasste Lebenslauf schon leicht unharmonisch knirschend, doch Sentimentalität oder gar Kitschverdacht wehren die Ärzte immer wieder mit schlagfertigen, leicht humoresken Zeilen ab – ein ziemlich erfolgreiches Verfahren. Der Text hangelt sich weiter durch die klassischen Genres der Familienalbum-Fotografie mit Geburtstagstorte, Opas Hund, Erstem Schultag und bildet als Coming-of-Age-Roman im Schnelldurchlauf praktisch die erzählökonomische Antithese zur „Great American Novel“. Zack, zack, zack: Zwischen den wie mit Blitzlicht erhellten, zunächst statischen Szenen werden Sprünge eingebaut, die das, was zwischendrin passiert, der Phantasie des Hörers überlassen, was oft eine durchaus komische Wirkung hat. Auf diese Weise werden Diptychen gebaut wie etwa erste Unfälle:

„Ich zu Besuch im Boxverein / ich mit gebrochenem Nasenbein.“

Oder das Pubertätsdrama um den ersten Liebeskummer:

„Ich mit Nina, Hose beult / ich ohne Nina, schwer verheult“.

Bei solchen Szenen identifizieren sich Zuhörer gern, das kennt man so oder ähnlich aus der eigenen Biografie. Als durchgehendes, strukturierendes Element zieht sich das Selbstbild vom Erzähler am Stand als Refrain durch den Song. Von „mein allererster Urlaub: ich am Strand“, dem Paradies der restfamiliären, aber als geborgen erlebten Kindheit, über eine erste Freiheit als junger Mann nach den Mühen der Schule –

„Ich mit Abi in der Hand, ich mit meinem Rucksack / ich am Strand“

bis hin zur finalen Szene, in der bereits klar ist, dass das Leben gescheitert ist. Auch dafür findet Farin Urlaub passende, wenn auch harsche Bilder:

„Ich unter einer dunklen Brücke / ich wie ich mich nach Kippen bücke.“

Dass es von diesen Lebensstationen Bilder gibt, ist natürlich unwahrscheinlich, denn ein solcher Absturz ist wenig präsentabel und kaum tauglich fürs Familienalbum – wann so ein Leben aufhört, familienalbumtauglich zu sein, darüber könnte man ja auch mal nachdenken. Doch das Durchhalten des Erzählverfahrens auch dann noch, wenn es absurd und schmerzhaft wird, ist durchaus effektiv in seiner Abgründigkeit. Und eröffnet dem Hörer nach all den schönen Identifikationsangeboten den Denkraum, dass es auch mit dem eigenen Leben nur glücklicherweise nicht unter die Brücke ging, sondern doch irgendwie weiter. Hier allerdings geht es zu Ende, und zwar so:

„Ich, wie ich im Winter frier – noch einmal seh ich alles vor mir:
ich als Kind an Mamas Hand, ich mit Nina, glücklich – ich am Strand.“

Man hat den Erzähler also bereits durch Kindheit, Schule, BWL-Studium, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit begleitet und wird schlussendlich in eine letale Erlösungsphantasie entlassen, in der die glücklichsten Momente noch einmal beschworen werden. Mama taucht auf, die geliebte Nina, die wohl mehr als ein pubertärer Schwarm war, und der Ort des größten Glücks, der Leichtigkeit und Unbeschwertheit, eben der Strand.

Dieser Ort bleibt, der Knappheit des Erzählgerüstes geschuldet, ein topografisch unbestimmter Ort. Es werden keine Palmen herbeizitiert, keine Hängematten, es gibt keine Ortsangabe, wo sich dieses Paradies genau befindet. Die Rolle der Ausschmückung übernimmt in diesem Fall die Musik, die wie der Text von Farin Urlaub stammt. Beide bilden eine konzise erzählerische Einheit. Der Galopp durch die Lebensstationen wird von einem dumpf getriebenen Beat begleitet, doch sobald der Strand ins Spiel kommt, setzen mariachibandartige Trompetenfanfaren ein, die ein diffus karibisches Lebensgefühl beschwören und das Tempo aus der Sache herausnehmen. Hier peitscht nichts mehr nach vorne, hier ist nichts und niemand gezwungen, weiterzugehen und Erfolg zu haben, hier ist man Mensch, hier darf man’s sein. Der Strand, ein Zwischenreich menschlichen Verschnaufens.

Das Gegenbild zu diesem Song bietet nun das ebenfalls auf dem neuen Album „Hell“ zu findende „Das letzte Lied des Sommers“. Hier ist das Lebensmodell einer soliden Angestelltenexistenz geglückt, die in “Ich am Strand“ mit dem BWL-Studium offenbar angestrebt worden war, doch von Glück kann keine Rede sein. Der Erzähler steht unter grauem Himmel mit einer soliden „kognitiven Dissonanz“ im Berufsverkehr herum, „statt Seeluft rieche ich nur Diesel, Dreck und Teer“, erinnert sich an den letzten Urlaub, der schon wieder viel zu lange her ist und pflegt Fluchtgedanken.

„Das Fernweh hält mich in der Hand, das macht es schwer / ich wünsche mir einen Hubschrauber.“

Es gibt in diesem verdammten falschen Leben anscheinend kein richtiges Handeln, und was bleibt, ist die Sehnsucht nach kurzen Phasen, in denen man sich am Strand, in Westerland oder sonstwo, frei fühlen kann. Zur Not auch Pauschalurlaub. Das ist entsetzlich traurig. Gesegnet sind vielleicht nur die, die ansatzweise den ärzteimmanenten Hang zur komplett enthemmten Albernheit teilen und es schaffen, sich ihm ab und zu hinzugeben. Das, und die Liebe natürlich.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Diener, Andrea
Andrea Diener
Redakteurin im Feuilleton.
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