Pop-Anthologie (105)

Nur ein Gerücht in unserer Stadt

Von Cornelius Dieckmann
03.12.2020
, 13:34
Immer stilbewusst: Elvis Costello 1982 bei einem Auftritt in New York
Bis Weihnachten wieder zuhause? In „Shipbuilding“ besingt Elvis Costello die Bedeutung des Falklandkrieges für seine Heimat. Zugleich erzählt das Stück ein Kapitel Musikgeschichte: Bevor Chet Baker 1983 sein Trompetensolo für den Song einspielte, hatte er von Costello noch nie gehört.

Wir sehen Elvis Costello in Hoodie und Sonnenbrille zu Hause in Vancouver, wo er mit seiner Frau, der kanadischen Jazzmusikerin Diana Krall, lebt – und jetzt in die Zoom-Kamera blickt. Anfangs wirkt er etwas mürrisch, hellt aber bald auf. Am Ende des Gesprächs sagt er: „Ehrlich gesagt wollte ich nicht Sänger werden. Ich wollte Songwriter werden.“ Davor reden wir über „Shipbuilding“, seine 1983 erschienene Nebelballade über den Falklandkrieg. Der Songwriter Costello schrieb den Text ursprünglich für Robert Wyatt, der ihn in einer eher dünnen Version auch als Erster vertonte, bevor der Sänger Costello das Lied für sein Album „Punch the Clock“ doch selbst aufnahm. Zwei Geschichten stecken darin – eine politische und eine musikhistorische.

Über Costello und die Politik der Thatcher-Ära kann man ein ganzes Buch füllen. In „Tramp the Dirt Down“, einem in keltische Schönheit gekleideten Folksong, sang Costello, er wolle einst die Erde auf dem Grab der Premierministerin festtrampeln. „Shipbuilding“ geht subtiler vor. Wie Mark Knopflers Falklandkriegslied „Brothers in Arms“ schweigt es von den politischen Akteuren. Weder Kriegsparteien (das Vereinigte Königreich und Argentinien) noch -schauplatz (die von beiden Regierungen beanspruchten Falklandinseln im Südatlantik) finden Erwähnung. Die Zeilen „The boy said, ‚Dad, they’re going to take me to task / But I will be back by Christmas‘“ erinnern allenfalls leise an den Ersten Weltkrieg. 1914 hieß es im Königreich, bis Weihnachten Weihnachten seien alle wieder zu Hause. Es stimmte bekanntlich nicht. 1982 stimmte es nur teilweise. In dem zweieinhalb Monate andauernden Konflikt starben 255 Menschen auf britischer und 649 auf argentinischer Seite.

Is it worth it?

A new winter coat and shoes for the wife

And a bicycle on the boy’s birthday

It’s just a rumour that was spread around town

In „Shipbuilding“ ernährt der Krieg nicht den Krieg. Er ernährt die Hafenstädte, deren Werften aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden. Die Royal Navy brauche Schiffe, heißt es, bald werde es wieder Arbeit geben. Oder ist das nur Gemurmel, das sich in der Stadt verbreitet wie ein Wunsch? Schon träumt man vom neuen Wintermantel für die Frau, vom Fahrrad für den Jungen.

Is it worth it? Der argentinische Erzähler Jorge Luis Borges bezeichnete den Falklandkrieg als „Streit zweier glatzköpfiger Männer um einen Kamm“. Die in Buenos Aires regierende Militärjunta wollte die Falklandinseln, deren Bewohner sich fast ausnahmslos als Briten sahen, unter ihre Herrschaft bringen, um von einer Wirtschaftskrise abzulenken und die Zustimmung der Bevölkerung zu vergrößern. London hatte sich ohnehin lange nicht sonderlich für den ein Weltmeer entfernten Archipel interessiert. Die schmerzlos gebilligte Rechnung der Labour-Regierungen, die vor Margaret Thatcher an der Macht waren, besagte, dass die Inseln innerhalb der nächsten Jahrzehnte geordnet an Argentinien gehen würden. Erst nachdem Argentinien 1976 durch einen Militärputsch (wieder) zur Diktatur geworden war, änderte London langsam seine Haltung. An eine Terrorherrschaft wollte man kein Gebiet abtreten – jedenfalls noch nicht. Als Argentinien am 2. April 1982 überraschend zur Annexion blies, mobilisierte Thatcher die Marine.

Within weeks they’ll be re-opening the shipyard

And notifying the next of kin

Once again

It’s all we’re skilled in

We will be shipbuilding

Verglichen mit der Hampelmann-Coolness, die Costello in Songs wie „(What’s So Funny ’Bout) Peace, Love and Understanding“ verkörpert, ist „Shipbuilding“ ungewohnt bedeutungsschwer. Die düstere Klaviermusik und die Melodie stammten von Clive Langer, der vorrangig als Plattenproduzent renommiert war und „Punch the Clock“ später auch gemeinsam mit Alan Winstanley produzieren sollte. Unzufrieden mit dem eigenen Text, bat er Costello, sich daran zu versuchen, mit dem designierten Interpreten Robert Wyatt im Hinterkopf.

Als der Krieg ausbrach, blickte Costello aus weiter Ferne auf seine Heimat. Mit Langers Kassette im Gepäck war er mit seiner Band, den Attractions, nach Australien geflogen. Dennoch befand er sich „in einem Land, in das Rupert Murdoch seine Giftzähne geschlagen hatte, also sparten die Berichte nicht mit grellen Spekulationen oder grausamen Details“, wie Costello in seiner Autobiographie „Unfaithful Music“ (Berlin Verlag, 2015) schreibt. Nachdem 323 Argentinier an Bord des von britischen Truppen versenkten Kreuzers General Belgrano gestorben waren, titelte Murdochs „Sun“ in Großbritannien mit der menschenverachtenden Schlagzeile: „Gotcha!“ – „Erwischt!“

Costello, der keine Geduld für Empire-trunkenen Nationalismus hatte und sich sowieso eher mit seinen irischen Wurzeln identifizierte, versetzte sich in die Gegend des Vereinigten Königreichs zurück, die er nichtsdestotrotz liebte. Die Familie von Declan MacManus, der damals schon seit fünf Jahren unter seinem großspurigen Pseudonym die New Wave ritt, stammte aus Birkenhead, einer kleinen Industriestadt am Mersey, der sie von Liverpool trennt. Anfang der achtziger Jahre ging es Birkenhead und anderen Hafenstädten im Norden Englands, deren Schiffbautradition zusehends verblasste, wirtschaftlich übel. Die Arbeitslosigkeit war hoch.

„Shipbuilding“ hüllt den ersehnten Ruf an die Arbeit in einen ominösen Dunst, der sich in Costellos Text noch verdichtet. Er beschreibt gewissermaßen das Dilemma eines Tischlers, der den gut dotierten Auftrag erhält, seinem Sohn einen Galgen zu zimmern. Die verbotene Ahnung kommt schleichend: Wenn heute der Arbeitsvertrag auf dem Tisch liegt, kann morgen schon „a telegram or a picture postcard“ an „the next of kin“ die Nachricht vom Tod des Kindes überbringen.

Somebody said that someone got filled in

For saying that people get killed in

The result of this shipbuilding

Der Krieg ging vorüber. Die Falklandinseln blieben britisch. Thatcher frohlockte und gewann im nächsten Jahr die Wahl. Tatsächlich hatte die Royal Navy während des Krieges 45 Handelsschiffe requirieren müssen, doch letztendlich war der Konflikt schneller vorbei, als sich neue Schiffe bauen ließen. „Shipbuilding“ blieb Fiktion – „just a rumour that was spread around town“.

Hier beginnt das musikhistorische Kapitel des Songs. In ihm wird lesbar, dass die Produktionsbedingungen wuchtiger Kunst nicht immer künstlerischer Natur sind. Im Frühjahr 1983, als Costello an seinem achten Album arbeitete, war der Falklandkrieg längst vorbei. Trotzdem sollte „Shipbuilding“ mit auf „Punch the Clock“. Zunächst, schreibt Costello in seinem Buch, habe er von einem Gastauftritt seines Columbia-Labelkollegen Miles Davis geträumt, „wenngleich ich mich das nicht laut zu sagen traute“. Es kam anders.

„Es war“, erinnert sich Elvis Costello 37 Jahre später, „eine Reihe sehr glücklicher Umstände, die mit einem Streit zwischen zwei Musikern begann und mit einer Einigung zwischen zwei Musikern aufhörte. Ich träumte von einem Trompeten-Part für unsere Aufnahme von ‚Shipbuilding‘. Und was für ein Glück: Chet Baker war gerade wie durch Zufall in London gelandet! Er war mit Stan Getz auf Tour gewesen, und die beiden hatten sich verkracht. Ich habe keine Ahnung, was die Umstände waren, jedenfalls verließ Chet die Tour und spielte stattdessen ein kurzes Engagement in London.“

Mutmaßlich ging es bei dem Streit zwischen den Jazzstars Stan Getz und Chet Baker um kollidierende Egos auf Drogen. Der trinkende Saxophonist Getz ertrug es nicht, dass der heroinabhängige Trompeter Baker auf der gemeinsamen Tour so viel Applaus bekam. Baker flog raus – und kurzfristig nach England. Costello erkannte die Gunst der Stunde: „Ich ging in den Club, wartete auf die Pause zwischen den Sets, stellte mich vor und fragte ihn, ob er bei unserer Session mitspielen würde.“ Sofern man Costellos Autobiographie beim Wort nehmen darf – im Gespräch nennt er sie „a romantic fiction based on fact“ –, hatte Baker von dem jungen Musiker, der ihm da gegenüberstand, zwar noch nie gehört, sagte aber ohne zu zögern zu. Als Costello ihn fragte, welche Kosten denn auf ihn zukämen, verlangte Baker den gewerkschaftlichen Mindestlohn. Costello zahlte das Doppelte.

Von der Fehde zwischen Getz und Baker profitierte nicht zuletzt eine Generation von Musikfans, denen Jazz bislang nichts sagte. „Als Chet ins Studio kam, auf dem Kopf sein Markenzeichen, den Hut, hatte ich keine Ahnung, wer das war“, schreibt der Pianist Gavin Greenaway per E-Mail. 1983 war Greenaway achtzehn und Aufnahmeassistent bei den Sessions in den Londoner AIR Studios. „Chet war sehr still und bescheiden. Erst hinterher meinte er sowas wie: ‚Der Song hat so eine seltsame Struktur!‘. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht zu hundert Prozent sicher war, was er da getan hatte. Ich schätze, er war außerhalb seiner Komfortzone.“

Baker spielte fast immer nach Gehör und fast immer meisterhaft. Auch seine einsamen Soli auf der Albumversion von „Shipbuilding“ klingen wie aus einem Guss. Tatsächlich bedurften sie sorgfältiger Chirurgie. Laut Greenaway spielten Costello und Baker das Stück mit der Band drei oder vier Mal komplett live ein, bevor der Ko-Produzent Alan Winstanley und Costello die besten Abschnitte der einzelnen Takes sondierten und, wie damals üblich, zur Rasierklinge griffen, um das Tonband zusammenzuschneiden. „Es war wie eine Hirn-OP“, erinnert sich Greenaway. „Ein falscher Schnitt, und die Aufnahme wäre irreparabel beschädigt gewesen.“

Es ging gut. Bakers Trompete klingt heute makellos. Nur: Warum musste es eigentlich unbedingt eine Trompete sein? Wer fragt, erfährt von der persönlichen Bedeutung des Instruments für Costello. Sein Großvater war klassisch ausgebildeter Trompeter und spielte Jazz auf Atlantikdampfern zwischen Liverpool und New York. Der Sohn tat es ihm ähnlich: „Mein Vater“, sagt Costello, „war nach dem Zweiten Weltkrieg in der Air Force. Trotzdem begann er, Trompete zu spielen. Eine Weile lernte er nach dem Lehrbuch, dann hörte er Bebop – zu einer Zeit, als man am Mersey höchstens traditionellen New-Orleans-Jazz kannte. Danach wollte er keine geschriebene Musik mehr spielen. Als ich geboren wurde, merkte er, dass seine Jazz-Ambitionen niemals würden eine Familie ernähren können und wurde Sänger. Das wurde zum Modell für mein eigenes Leben.“

Längst ist Costello auch Multiinstrumentalist, auf seinem etwas gewöhnungsbedürftigen neuen Album „Hey Clockface“, das im Herbst erschienen ist, spielt er auf drei Titeln sämtliche Instrumente. Die Trompete beherrscht er nicht. „Ich bereue das wirklich“, sagt Costello und klingt nachdenklich. „Ich wünschte, ich hätte Trompete oder wenigstens Posaune gelernt. Ich liebe das Saxophon, wie bestimmte Musiker wie Coleman Hawkins, Ben Webster und Lester Young es gespielt haben. Auf der Trompete liebe ich alles. Ich kann selbstverständlich Ewigkeiten Louis Armstrong zuhören, aber genauso gibt es eine Menge toller klassischer Trompetenmusik.“

Mit dem am Bebop geschulten Trompeter Chet Baker schloss „Shipbuilding“ einen Kreis. Und es öffnete neue Kreise: Ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1988 coverte Baker den einst von ihm inspirierten Costello-Song „Almost Blue“. Costello wiederum nahm 2013 zusammen mit der Hip-Hop-Band The Roots „Cinco Minutos Con Vos“ auf, ein Lied über den Falklandkrieg aus argentinischer Perspektive. Es war ein kurzer Krieg mit langem Nachhall: „With all the will in the world / Diving for dear life / When we could be diving for pearls“.

Shipbuilding

Is it worth it?

A new winter coat and shoes for the wife

And a bicycle on the boy’s birthday

It’s just a rumour that was spread around town

By the women and children

Soon we’ll be shipbuilding

Well, I ask you

The boy said, “Dad, they’re going to take me to task

But I’ll be back by Christmas”

It’s just a rumour that was spread around town

Somebody said that someone got filled in

For saying that people get killed in

The result of this shipbuilding

With all the will in the world

Diving for dear life

When we could be diving for pearls

It’s just a rumour that was spread around town

A telegram or a picture postcard

Within weeks they’ll be re-opening the shipyard

And notifying the next of kin

Once again

It’s all we’re skilled in

We will be shipbuilding

With all the will in the world

Diving for dear life

When we could be diving for pearls

Quelle: FAZ.NET
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