Pop-Anthologie (149)

Warten auf den Regen

Von Jan Wiele
18.08.2022
, 19:15
Die ewigen Doors: John Densmore, Robby Krieger, Ray Manzarek und Jim Morrison
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„Riders on the Storm“ von den Doors ist einer der meditativsten Popsongs aller Zeiten. Er kann in Trance oder in Ekstase versetzen – und ist dabei in jeder Sekunde eine musikalisch virtuose Feier des Regens.
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Das letzte Gewitter ist fast vier Wochen her, und während das nächste in der Wettervorhersage beständig um noch ein paar Tage verschoben wird, hat sich, wie von selbst, ein Ritual des Daraufwartens eingestellt: Jedes abendliche Kochen beginnt mit „Riders on the Storm“ als Soundtrack. Es plinkert und pluckert, rauscht, zischt und kracht: eine musikalische Beschwörung des Regens, den alles Leben so dringend braucht, und der andererseits auch gefährlich werden kann.

Es ist wohl einer der meditativsten Popsongs schlechthin, grundiert von großem Wetterdrama und dieses auch musikalisch aufführend. Der Gewittersturm wirkt dabei aber weniger bedrohlich als einlullend, von den ersten Takten an ist dem Hörer klar, dass er dieser Übermacht sowieso ausgeliefert ist, sich fügen muss. Man kann dazu auch autofahren, trinken, rauchen, schreiben oder sonstwas tun: höchstwahrscheinlich mit dem Effekt, dass diese Tätigkeit veredelt wird, überzogen mit einem diffusen, womöglich trügerischen Gefühl der Bedeutsamkeit oder zumindest dem, genau in diesem Moment genau das Richtige zu tun (und was könnte besser sein als das?).

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Also etwa: Im Viervielteltakt des einsetzenden Liedes Gemüse schneiden. Schnitt, Schnitt, Schnitt Schnitt. Sich dann bei den schleifenhaften Achtelläufen von Bass und Schlagzeug zu doppelter Hackgeschwindigkeit bei den Zwiebeln inspirieren lassen: Tack-tack, Tack-tack, Tack-tack, Tack-tack. Und wenn dann die Sechzehntel von Ray Manzareks Regenklavierlauf vom Himmel herabperlen, vielleicht schon zum ersten Schütteln ansetzen: Ekstase, bevor Jim Morrison auch nur ein Wort gesungen hat.

Riders on the storm
Riders on the storm
Into this house we're born
Into this world we're thrown
Like a dog without a bone
An actor out on loan
Riders on the storm

Braucht man hier große Erklärungen über das Indieweltgeworfensein? Über Theater- und Hundemetaphern der Existenz? Nein, es erklärt sich alles von selbst im Moment des ersten Hörens, jeder versteht es. Interessant vielleicht aber, woher es kommt: Angeblich spielten die Doors bei den Aufnahmen zu ihrem Album „L.A. Woman“ an Stan Jones‘ Country-Klassiker „Ghost Riders in the Sky“ herum (Yippie-ai-eh…), wobei dann ein neues Lied entstand. Von fern schimmert das Erstere noch durch. Fast belustigend wirkt zunächst die drastische Verlangsamung des neuen Songs gegenüber der galoppierenden Geisterreiter-Vorlage angesichts einer Band, die im kollektiven Gedächtnis wohl wie kaum eine andere mit berauschten Trance-Erfahrungen verbunden ist. Aber die Schnelligkeits-Ekstase liegt hier eben nicht im Liedtempo, sondern in den aberwitzig-jazzigen Soli Ray Manzareks auf dem Rhodes-Piano, die vor den rigiden Klangstrukturen von Bass, Gitarre und dem unbeirrbaren Schlagzeugspiel von John Densmore umso krasser hervortreten.

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© Youtube

Die Lyrics wirken wie montiert aus ganz verschiedenen Notizbüchern des, so wird ja oft kolportiert, riesigen Textreservoirs Jim Morissons, der sich in erster Linie als Schriftsteller verstand, auch wenn das vielleicht nicht alle Welt so sehen mochte und möchte. Der große Gewinn von „Riders on the Storm“ ist aber die maximale Verdichtung. Es sind im Grunde nur drei Strophen Text mit ganz unterschiedlichen Themen. Nach der existentialistischen ersten Strophe folgt eine, die das Lied reportagehaft auf die Straße bringt:

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There's a killer on the road
His brain is squirmin' like a toad
Take a long holiday
Let your children play
If you give this man a ride
Sweet family will die
Killer on the road, yeah

In diese Zeilen ist schon vieles hineingelesen worden – womöglich zurecht. Laut der Morisson-Biographie von Stephen Davis hat der Sänger darin Jugenderinnerungen verarbeitet – an eine Zeit, in der er an der Universität von Tallahassee in Florida studierte, seine damalige Freundin aber im fast dreihundert Meilen entfernten Clearwater lebte. Morisson sei also oft per Anhalter zu ihr gefahren, und dabei hätten ihn die einsamen Highways inspiriert – „on fire with lust and poetry and Nietzsche and God knows what else - taking chances on redneck truckers, fugitive homos, and predatory cruisers“.

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Das Hirn, eine Kröte

All das habe Morrison zu einer wilden Phantasie angeregt, in der er sich vom selbst gefährdeten Tramper zu einem verwandelte, von dem die Gefahr ausgeht: eben zum „killer on the road“. Dass auf diese Zeile dann „His brain is squirmin‘ like a toad“ folgt, wirkt trotz der Drastik wiederum fast belustigend, wie ein allzu erzwungener Reim – und doch bleibt das Bild sofort haften, evoziert unter allen Highway-Killern den furchterregendsten, dessen Hirn sich im Schädelt windet wie ein Kröte. (Manche erkennen in der Kröte zudem eine Verbindung zu Morissons Figur des „Lizard King“, des Eidechsenkönigs.)

Unheimlich in dieser Hinsicht war ja auch die Wirklichkeit durchaus: Längst war das Ideal des Fahrens per Anhalter, das ja auch schon in Jack Kerouacs für die Doors vielfach inspirierenden Epochenbuch „On the Road“ kein Zuckerschlecken ist, auf den echten Straßen vom Horror eingeholt worden, in einem Amerika, in dem Serienmörder ihr Unwesen trieben und es keineswegs sicher war, einfach mal den Daumen rauszuhalten. Insofern steckt auch in dieser Strophe eine sehr verdichtete Kulturgeschichte: vom Freiheitstraum und seinem Kippmoment.

Bevor die dritte Strophe dem Lied einen optimistischeren Ausblick gibt, kommt es zu einem großartigen Gitarrensolo von Robby Krieger – großartig nicht im Sinne des sogenannten „Shreddings“ mancher Rockgitarristen, sondern in seinem scheinbar unspektakulären, aber sich eben völlig dem Gesamtbild des Songs anverwandelnden Spiel aus krummen Tonleitern und Bendings, die wabernde Vagheit unter zittrigem Gewitterhimmel ausdrücken, in dem es jeden Moment wieder krachen kann.

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Girl, you gotta love your man
Girl, you gotta love your man
Take him by the hand
Make him understand
The world on you depends
Our life will never end
Gotta love your man, yeah

Mit dieser letzten Strophe des letzten Liedes auf dem letzten Album der Doors bekommt alles einen Zug ins Mystische. Die romantische Wendung, dass nur in der Liebe Rettung naht, ist hier etwas überraschend, aber dafür umso wirkungsvoller, und die Formulierung „our life will never end“ hat viele Spekulationen über Todesahnungen und Vermächtnisgedanken Jim Morissons ausgelöst, der im Erscheinungsjahr von „L.A. Woman“ (1971) und wenige Wochen nach der Singleveröffentlichung von „Riders on the Storm“ in Paris gestorben ist.

Nach der dritten Strophe sind kaum erst drei von den sieben Minuten des Liedes um. In den verblieben vier Minuten besteht es aus Manzarek-Festspielen an den Tasten und einer auf dem Höhepunkt ihrer tightness spielenden Rhythmusgruppe, an der Manzarek mit einem Teil seines Spiels ja auch noch mitwirkt: hochvirtuose Programm-Musik in Verzahnung mit dem immer wieder einfließenden Theaterdonner und -regen. Es hat tatsächlich etwas von einem Vermächtnis, dass hier noch einmal minutenlang die Musik der Doors in einer Verdichtung von allem, was sie in den sechs wilden vorausgehenden Jahren so gut gemacht hat, zu sich selbst kommt, sich in Improvisationen steigert, einmal fast zum Erliegen kommt und dann noch einmal neu durchstartet, so dass man sich wünscht, sie würde tatsächlich niemals enden. Dass man auch nur auf die Idee käme, dieses Lied im Radio oder anderswo nicht voll auszuspielen, ist als Sakrileg nur zu vergleichen mit dem Abschneiden des Gitarrensolos bei „Hotel California“. Wer hier nicht das letzte Auströpfeln des Liedes abwartet, immer in der Hoffnung, diese Musik sei vielleicht (man denke an ein anderes großes Stück der Doors, „When the Music’s Over“) - doch noch nicht zuende, hebe vielleicht nochmal wieder an - der lebt nicht richtig.

Riders on the Storm

Riders on the storm
Riders on the storm
Into this house we're born
Into this world we're thrown
Like a dog without a bone
An actor out on loan
Riders on the storm

There's a killer on the road
His brain is squirmin' like a toad
Take a long holiday
Let your children play
If you give this man a ride
Sweet family will die
Killer on the road, yeah

Girl, you gotta love your man
Girl, you gotta love your man
Take him by the hand
Make him understand
The world on you depends
Our life will never end
Gotta love your man, yeah

Riders on the storm
Riders on the storm
Into this house we're born
Into this world we're thrown
Like a dog without a bone
An actor out on loan
Riders on the storm

Riders on the storm
Riders on the storm
Riders on the storm
Riders on the storm

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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