Pop-Anthologie (114)

Rock als Rettung aus der Teenager-Ödnis

Von Philipp Krohn
08.04.2021
, 06:21
Nicht immer einer Meinung: Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwhistle und Keith Moon (von links) als The Who, 1975
„Baba O’Riley“ ist einer der programmatischen Songs der großen Rock-Ära. Eskapismus, Gemeinschaft und Spiritualität sind die Themen dieses Klassikers von The Who. Pete Townshend würdigte damit seine wichtigsten Vorbilder: den Komponisten Terry Riley und den indischen Guru Meher Baba.

Wer das Plattencover von „A Rainbow In Curved Air“ von Terry Riley zwischen die Finger bekommt, weiß zunächst nicht, was er davon halten soll. Über eine grüne Wiese und einige Baumreihen ist das lächelnde Gesicht des amerikanischen Komponisten in einen orange-violetten Himmel montiert. New-Age-Kitsch? Doch wenn man die Musik hört, merkt man sofort, dass das wenig mit Esoterik zu tun hat, sondern dass die amerikanische Minimal Music von Riley, Steve Reich oder Philip Glass eine wichtige Inspirationsquelle für den Avantgarde-Rock der frühen siebziger Jahre war. Repetitive Synthesizer-Klänge, die sich mit der Zeit leicht verändern und mit der Zeit eine fast spirituelle Wirkung entfalten.

Can-Gründer Irmin Schmidt, einer der weltweit meistgeachteten deutschen Rockmusiker, sagte der F.A.Z. einmal, welche Wirkung Riley schon ein halbes Jahrzehnt zuvor auf ihn gehabt hatte: „Eigentlich verdanke ich Steve Reich und Terry, dass ich kapiert habe, worum es da ging.“ Von da an waren alle Unterscheidungen zwischen E- und U-Musik für Schmidt obsolet, und er fand als klassisch ausgebildeter Pianist und Dirigent seinen Weg zum Rock.

Riley hat viele Rockmusiker stark beeinflusst. Das „Pop- und Rocklexikon“ von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos schreibt ihm eine Wirkung auf Laurie Anderson, Talking Heads, Soft Machine und Mike Oldfield zu. In der Enzyklopädie finden sich eigene biographische Einträge zu Riley, Reich und Glass. Erwiesenermaßen groß und vielfach dokumentiert war auch der Einfluss von Riley auf Pete Townshend, den Gitarristen, Songschreiber und Vordenker von The Who. Die zwei vielleicht größten und regelmäßig am Ende ihrer Shows aufgeführten Songs „Won’t Get Fooled Again“ und „Baba O’Riley“ sind Experimente mit der Kompositions- und Synthesizertechnik Rileys. Jeweils sehr markante Loops, tatsächlich allerdings auf einer Lowrey-Orgel gespielt und unter dem direkten Eindruck von „A Rainbow In Curved Air“ komponiert, werden während der gesamten Dauer der Stücke unterlegt und erzeugen eine Grundspannung, die dem hymnenhaften Bandsound zusätzliche Kraft verleiht.

Experimente am Synthesizer: Komponist Terry Riley
Experimente am Synthesizer: Komponist Terry Riley Bild: Picture-Alliance

Der Titel von „Baba O’Riley“ deutet es an: Neben Riley gibt es noch eine zweite Inspirationsquelle für den Song. Seit 1967 hat sich Townshend intensiv mit dem indischen Guru Meher Baba beschäftigt. Dieser vertrat die Auffassung, das Universum sei eine Illusion und nur Gott, der in jeder Seele wohne, existiere wirklich. Zudem vermittelte er den in seinem Land verbreiteten Glauben der Reinkarnation. Seine Religion war ein Amalgam von Buddhismus, Islam und Christentum. Der Song „Don’t Worry Be Happy“ des Jazz-Sängers Bobby McFerrin von 1988 ist nach „Baba O’Riley“ die zweite berühmte Hommage an den vor allem in Amerika beliebten Guru, der von 1925 bis zu seinem Tod 1969 schwieg und sich nur durch Buchstabentafeln und Bücher verständigte.

Eine spirituelle Geschichte

Townshend ist ihm nach eigener Auskunft nie begegnet. Aber The-Who-Klassiker wie „I Can’t Reach You”, „Pinball Wizard“, „The Seeker“, „Let’s See Action” oder „Love Reign O’er Me“ sind nach seinen Worten stark durch Meher beeinflusst. Und sein meistbeachtetes Werk: „Ich denke, ich wurde durch ihn dazu inspiriert ‚Tommy‘ als eine spirituelle Geschichte zu schreiben“, wird Townshend auf seiner Homepage zitiert.

Indischer Mystiker, der die letzten 44 Jahre seines Lebens schwieg: Meher Baba
Indischer Mystiker, der die letzten 44 Jahre seines Lebens schwieg: Meher Baba Bild: Picture-Alliance

Nach dem großen Erfolg von „Tommy“, durch das The Who in Abwesenheit der Beatles, der Rolling Stones und Bob Dylans auf dem Woodstock-Festival in Amerika zu den Stars des Hippie-Happenings wurden, wollte Townshend daran anknüpfen. Sein Nachfolgeprojekt „Lifehouse“ sollte ein Multimediaprojekt über die Kraft der Musik werden. Es zählt neben „Smile“ von Brian Wilson zu den großen nie realisierten Alben der Rockgeschichte. Doch einige der besten Kompositionen des Projekts, so auch „Baba O’Riley“ bildeten das Fundament der schlanken Platte „Who’s Next“, rückblickend einer der besten Rockplatten der siebziger Jahre. Erstmals seien Synthesizer-Loops zum integralen Bestandteil der Kompositionen geworden, schrieb der Rock-Dokumentar Ernst Hofacker in der „Sounds“-Ausgabe „Die Besten der Besten“ zur von einer Jury gewählten drittbesten Platte der Siebziger: „Und doch blieb all dies trotz aller Kunstfertigkeit in jeder Sekunde roher, höchst vitaler Rock’n’Roll, gespielt von der vielleicht besten Rockband aller Zeiten auf der Höhe ihres Schaffens.“

Tatsächlich spielt Keith Moon auf der Platte so gut Schlagzeug wie selten davor und danach jemand, John Entwistle glänzt als Begleiter am Bass genauso wie als Lead-Sänger („My Wife“), und Roger Daltrey ist die Inkarnation eines Rock-Sängers, oft kopiert, kaum erreicht.

„Baba O’Riley“ ist mit gut fünf Minuten Dauer der Opener der Platte. Gemessen daran, dass es eine der prägenden Rockhymnen der Epoche ist, überrascht es bei wiederholtem Nachhören, dass erst nach 1:40 Minuten die Gitarre das erste Mal zu hören ist und Orgel, Klavier und Violine maßgeblich für den Rocksound des Songs verantwortlich sind. „Lifehouse“ war als Geschichte angelegt, in der Technologie ihr Versprechen einhält. „Das Versprechen von Technologie war immer, dass Unterhaltung die Religion ersetzt“, erklärt Townshend seinen ideengeschichtlichen Hintergrund Anfang der siebziger Jahre.

Out here in the fields I farm for my meals
I get my back into my living
I don't need to fight to prove I'm right
I don't need to be forgiven


Don't cry
Don't raise your eye
It's only teenage wasteland

Sally, take my hand
Travel south cross land
Put out the fire
Don't look past my shoulder

The exodus is here
The happy ones are near
Let's get together
Before we get much older

Teenage wasteland
It's only teenage wasteland
Teenage wasteland
Oh, oh, teenage wasteland
They're all wasted

Die Internetseite Songfacts.com beschreibt das Setting der Handlung von „Lifehouse” als eine Epoche, in der ganz England eine verschmutzte Ödnis (der zentrale und oft fälschlicherweise als Titel des Songs verstandene Begriff lautet „Teenage Wasteland“). In einer weiteren Selbstauskunft erläuterte Townshend weitere Details: „Eine Selbstversorger-Aussteiger-Familie, die in einem abgelegenen Teil von Schottland farmt, entscheidet, in den Süden zurückzukehren.“ Gerüchte eines subversiven Konzertevents locken sie. Dieses könnte die apathische Bevölkerung aufrütteln. Die Eltern Ray und Sally hoffen, ihre Tochter Mary wiederzutreffen, die weggelaufen ist, um das Konzert zu erleben. Mit einem Wohnmobil fahren sie durch die vernarbte Ödnis Mittelenglands.

Woodstock: ein Ende oder ein Anfang?

Mit dieser Interpretationshilfe durch den Autor fällt es nicht mehr schwer, den Text zu interpretieren. Ein Landwirt, mutmaßlich Ray, der in den Feldern für sich und seine Familie anbaut, hat seinem ehemaligen Leben den Rücken gekehrt. Kämpfen muss er nicht, um zu wissen, dass er richtig liegt. Vergeben muss ihm niemand. Seine Begleiter sollen nicht weinen und nicht die Augen erheben. Vor ihnen liege nur eine Ödnis für Teenager. Dann spricht er seine Frau direkt an: Sally solle seine Hand nehmen und gen Süden reisen, sie solle das Feuer löschen und nicht über seine Schulter zurückblicken. Die Zeile „The Exodus Is Near“ beschreibt die Hoffnung, dass Gleichgesinnte, die ebenfalls wieder glücklich sind, gemeinsam ein Ziel ansteuerten. Mit ihnen sollten sie bald zusammenkommen, noch bevor sie älter würden. Die „Teenage Ödnis“ wird wiederholt besungen. Die Lyrics enden mit dem schillernden Satz „They’re all wasted“.

Townshend zählt zu den intelligentesten Songschreibern der Rockgeschichte. Er hat mit „Tommy“ und „Quadrophenia“ das Genre der Rockoper begründet. Sein rohes Gitarrenspiel und Bühnengebaren paart sich mit hoch allegorischen, symbolischen und spirituellen Songinhalten. So ist es auch bei „Baba O’Riley“. Die Familie, die er beschreibt, lässt sich interpretieren als die jugendliche Gemeinschaft der Rock-Bewunderer. Der Rockdrummer Jon Hiseman hat gegenüber der F.A.Z. einmal die britische zu Beginn der Rock-Ära als eine durch und durch viktorianisch geprägte Gesellschaft beschrieben, in der seit sechs bis sieben Jahrzehnten keine kulturellen Innovationen mehr zu beobachten waren. Darauf prallte die in den vierziger Jahren geborene Nachkriegsgeneration, die kulturell und technologisch offen für Neues war. Der Ödnis der Teenager lässt sich gemäß den Lyrics mit dem Gemeinschaftserlebnis eines allegorisch aufgeladenen Konzertereignisses verlassen. Vielfach ist auch ein Bezug zum Woodstock-Festival hergestellt worden, dem Höhe- und Schlusspunkt der Hippie-Ära, zu dem 400.000 Menschen zusammenkamen und drei Tage lang den Traum von Liebe, Freiheit und Frieden zu leben vorgaben. Doch Drogen- und Gewalterfahrungen, der Schmutz auf dem Festivalgelände und das künstlerische Verglühen von Rockstars der ersten Generation setzten gleichzeitig ein Ende dieser Epoche. Bilder aus der Film-Dokumentation vom Ende der drei Tage sehen zum Teil wirklich wie ein „Teenage Wasteland“ aus. Das Musikevent war gleichzeitig ein Abgesang wir auch Startpunkt für viele neue Superstars.

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Die Zeile „They are wasted“ hat wiederum Townshend ausgelegt. Die Wortbedeutung sei damals anders gewesen als heute. Der Begriff „wasted“ im Sinne von „verschwendet, ausgelaugt, kaputt“ wird seit der „No Future“-Haltung des Punk sehr existenziell verstanden. In den Worten des Songschreibers: „Wovor wir uns fürchten, ist, dass wir eine Gelegenheit verschwendet haben. Ich denke, dass ich für mein Publikum spreche, wenn ich das sage, das hoffe ich.“ Gemeinschaft ging verloren. Sänger Daltrey, der den Song inzwischen seit gut einem halben Jahrhundert eindrucksvoll vorträgt und mit Townshend nicht immer einer Meinung ist, gab einmal in einem Interview mit „Big Issue“ preis, „Baba O’Riley“ spreche für junge Generation auf junge Generation. „Wenn das nicht mehr über die neue Generation sagt, weiß ich nicht, was es tut“, sagte er. Jugendliche sollten aufpassen, wenn sie in soziale Medien hineingezogen würden. Die Sucht der jüngeren Generation könne in einer Katastrophe münden. Sie könne kontrolliert werden. „Dein Leben wird verschwinden, wenn du nicht aufpasst.“

Auf diese vieldeutige Textzeile folgt eine Gitarrenbridge und ein längeres Geigen-Solo des East-of-Eden-Frontmans Dave Arbus. Die Band aus Bristol hatte zunächst zwei frühe und sehr hörenswerte Progrock-Alben aufgenommen, bevor sie mit „Jig-a-Jig“ einen Instrumentalhit (und mutmaßlich den Startpunkt des Celtic Rock) landeten. Schließlich endet er nach fünf Minuten wieder mit dem sich ausblendenden Orgel-Loop, der während der gesamten Dauer des Songs unter das Spiel der Band gelegt ist. Zum hymnenartigen Effekt des Songs trägt der vom Klavier und später auch von der Gitarre angeschlagene sehr einfache Rockriff bei. Legionen von jüngeren Bands haben sich von diesem Effekt einnehmen lassen – am meisten wohl die amerikanische Band Pearl Jam, die „Baba O’Riley“ seit den frühen neunziger Jahren im Programm hat, aber auch eigene Songs mit ähnlichen trockenen Riffs (man denke an „Corduroy“ oder „Not For You“ vom Album „Vitalogy“) versehen hat. Damit huldigen sie ihrer neben Neil Young tiefsten Inspiration der sechziger Jahre – der unsterblichen englischen Rockband The Who. Ihr ist es gelungen, aus der Tradition der britischen Mod-Kultur, des afroamerikanischen Südstaaten-Soul, spiritueller Vorbilder wie Meher Baba und avantgardistischer Taktgeber wie Terry Riley einen unverkennbaren und bis heute vielfach kopierten Rocksound zu erschaffen und dabei den Songs eine rätselhafte, tiefere Bedeutung zu geben.

Quelle: Faz.net
Philipp Krohn  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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