Pop-Anthologie (127)

Der allerschönste Unfall der Welt

Von Uwe Ebbinghaus
30.09.2021
, 20:40
Verausgabung als Liebeserklärung: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi auf der Bühne
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Der Song „Tango im Treibsand“ von Käptn Peng alias Robert Gwisdek ist ein großer Wurf. Text und Performance treffen sich in skurrilem Rätselsprechgesang über eine Liebe, die nicht sterben soll.
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Das Lied beginnt mit einer schüchternen Kennenlernszene:

Wir standen voreinander wie Kinder im Wald
Die Nacht war ohne Mond und der Winter war kalt

Märchenhaft klingt das, der Zuhörer sieht, von einem erratischen Bass begleitet, zwei einsame Waisenkinder in unwirtlicher Gegend vor sich, eigentlich ein recht unwahrscheinliches Setting für das Erwachen der großen Liebe. Andererseits: Wenn sich zwei in solcher Situation zueinander hingezogen fühlen, muss es etwas Ernstes sein. Die Liebeserklärung findet dann aus heiterem Himmel statt, überraschend mechanisch, fast fühlt man sich an kleine Blechfiguren erinnert, die nach dem Münzeinwurf oder dem Aufgezogenwerden eines ihrer Körperteile in Bewegung versetzen.

Ich habe dich mit zuen Augen angeguckt
Und dir mein schlafendes Herz in deine Hand gespuckt

Während die erste Zeile die kindliche Intuition beschwört („zue Augen“), verknappt die zweite einen Akt größter Vertrautheit und Wechselseitigkeit. Denn das Herz kann ja überhaupt nur dann in die Hand des Gegenübers „gespuckt“ werden, wenn dieses seine Hand schon geöffnet bereithält. Nach einem derart intimen Vorgang ist eine anschließende Distanzierung kaum mehr möglich. Hier haben sich zwei gefunden, die nicht mehr zurück können. Glücklicherweise verstehen sie sich blind; zu tropfenden Tönen (aus der Gitarre?), die an frühe Computerspiele erinnern, heißt es weiter:

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Du hast es aufgehoben, aufgesogen
Deinen Käfig aufgebogen, mich aus meinem rausgezogen

Neue Räume öffnen sich; die beiden immer noch schweigenden Kreaturen verlassen ihre metaphorischen Gefängnisse. Der Sänger, der den drastischen Text bis jetzt fast somnambul heruntergesungen hatte, wird plötzlich munter, erwacht zum Leben, klingt fast ein bisschen närrisch, wenn er auf „aufgesogen“ und „rausgezogen“ „Unsere Tarnungen sind aufgeflogen“ reimt und anzüglich-pubertär die Zeile „Wir waren verkleidet, doch dann haben wir uns ausgezogen“ betont.

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© Youtube

In die zuvor suchende, vom Bass und schillernder Percussion dominierte Musik sind jetzt auch die Drums eingestiegen, die Band ist komplett, die Tentakel von Delphi wechseln in einen stark hängenden Offbeat. Klang der Sänger eben noch kindlich, wird er jetzt selbstbewusst. Käptn Peng haut die erste virtuose, in einem lässigen „Yeah“ ausgroovende Doppelzeile raus:

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Wir blieben jahrelang nackt
Wie Geschenke, nur in uns'ren Armen verpackt, yeah

Ein großartiges Bild! Auf die Idee mit den durch Arme verschnürten Geschenken muss man erst einmal kommen. Das Ganze ist ungewöhnlich körperlich gedacht – wie man sich den gesamten Text fast zwangsläufig sehr lebendig und in 3-D vor Augen führen muss. Doch jetzt ist erst einmal Freestyle mit allen möglichen Innen-, Außen- und Wiederholungsreimen („lassen/lassen“) angesagt, artistisch-vokalgleich und ausgelassen:

Dieser Augenblick, wenn ich in deine Augen blick'
Ich bin ein Taugenichts, doch zeig dir einen Zaubertrick
Ich habe unsere Anziehsachen verschwinden lassen
Wir sind ab jetzt versteckt, bis wir uns wieder finden lassen

Doch jedes Versteckspiel hat einmal ein Ende. Eine gefällige Spieluhr-Melodie, die irgendwie an Vorabendserien denken lässt, hatte sich zum Schluss in den Offbeat eingeschlichen. Der Blick wird geweitet, ein Gefühl von „Wir“ beginnt sich durch den Vergleich mit „den anderen“ zu formieren.

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Wir übersteigen jede Erwartung
Wir küssen, die ander'n machen Mund-zu-Mund-Verarschung

Zugleich lässt die vollmundige Doppelzeile aufhorchen: Sind sich die beiden nicht mehr genug, da sie sich solch distinktiven Gedanken hingeben? Doch bevor sich dieser Verdacht erhärten kann, schwelgt das Ich schon wieder in starken poetischen Bildern, wobei die tanzende Bewegung, die dabei beschrieben wird, schon auf den fatalen „Tango im Treibsand“ verweist:

Wir haben das Möbiliar [sic!] in Scherben getanzt
Und dabei Mosaike in die Erde gestampft

Tränen aus Blut, Gelächter und Ziegeln [oder heißt es „Zielen“?]
Die in ihrem Muster die Geschichte uns'rer Liebe spiegeln

Das ist schon eine ungewöhnliche Form des Hip-hop, die sich dem Zuhörer hier präsentiert: instrumental bewusst „hausgemacht“ klingend (einige Instrumente sind aus dem Baumarkt), eigensinnig, verspielt, metaphernreich (diese Form von Rap hatte LL Cool J ja schon Mitte der Neunziger verspottet). In einer Anmoderation sprach Robert Gwisdek alias Käptn Peng einmal von „Rätselsprechgesang“, was aber eher auf die meisten anderen, oft sehr verkopften Songs der Band zutrifft. Dieser hier ist ungewöhnlich erzählerisch und expressiv.

Für Hip-hop-Verhältnisse recht spät wird es jetzt zum ersten und einzigen Mal explizit: „Du bist in mir“, singt Peng geschlechtslos und befreit seufzend, nur um nach vorauseilender Abwehr jeglicher Kitsch-Vorwürfe („Das hier ist kein Spruch“) recht konventionell romantisch fortzufahren: „Mein Herz trägt deinen Namen und mein Körper dein' Geruch“. Warum das Ich inzwischen nach Worten ringt und gleich zweimal auf engem Raum das verlegene Wort „Herz“ bemüht, wird erst im Folgenden deutlich: Auf einmal steht da eine (bereits vollzogene) Trennung im Raum:

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Mein Gott, ich werd' dich so vermissen
Ich hab dich in mein Herz geschlossen und die Schlüssel weggeschmissen

Das schlafende Herz, das am Anfang den Platz gewechselt hatte, ist wieder zurück. Es nimmt die alte Liebe als Geisel und drückt auf Dauerschleife, wechselt in einen trotzigen Ewigkeitsmodus. Aber eine ewige Liebe ohne Erwiderung – geht das? Was ist eigentlich passiert? In der Hook wird die Vorgeschichte zumindest angedeutet; bis zum Ende des Songs häufen sich von nun an die existenziellen „Dochs“. Die Bänder der Geschenke sind zerrissen, die Geliebte hat sich mit aller Macht befreit, der „Tango im Treibsand“ hat einen fatalen Lauf genommen, zurück bleiben zwei Verlierer. Die Drums sind jetzt hart und auf dem Punkt, in der letzten Zeile des Refrains steigert sich Käptn Peng zu rockstarmäßiger Rebellen-Attitüde:

Doch wir sind uns entglitten, uns're Bänder sind zerrissen
Du hast dich von innen nach außen durch meinen Brustkorb gebissen
Doppel-K.O., das Ende vom Zweikampf
Du und Ich, das war Tango im Treibsand

Das Glockenspiel hat wieder eingesetzt, selbst ein gleichmütiges Pfeifen ist zu hören. Auf engstem Raum begegnen sich gesanglich nun kurze A-Capella-Phasen mit punkiger Heftigkeit. Eine Armee von nicht sonderlich gesuchten Paradoxien wird aufgefahren, die wohl die Lebensweisheit „Gegensätze ziehen sich an“ bestätigen könnten, wenn da nicht die letzte Zeile wäre, die von Untergang spricht.

Du sagst, ich wär' zu leise, ich sag, du bist zu laut
Du behauptest, ich bin blind, und ich behaupte, du bist taub
Wir haben uns zu Großtaten beflügelt
Und uns gegenseitig ständig uns're Scheiße aus dem Leib geprügelt
Du bist mein liebster Feind, du bist mein bester Freund
Wir haben so wunderschön uns're Lügen geträumt
Wir sind ein gottverdammtes Wunder
Doch gingen leider elegant aneinander unter

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Das Herz wird wieder angerufen, der Ton wird sentimentaler, die „Dochs“ immer bitterer.

Mein Herz, was haben wir bloß gemacht
Wir war'n die pure Freude, doch dann haben wir uns totgelacht
Vom Licht geblendet, im Strudel gefang'n
Du weißt, ich hätte für dich jede Kugel gefang'n
Mit den Zähnen, Baby, doch jetzt ist es zu spät
Wir wollten uns beschützen, doch haben uns gegenseitig angesägt
Wir hörten nicht auf, einander anzuschießen
Ich will deine Pflanze füttern, du willst meine Katze gießen

Besonders präzise, fast rezitativ wird die Performance in den folgenden vier Zeilen, die so etwas wie die Quintessenz des gesamten Songs darstellen. Jeder Ton sitzt hier, das „Egal“ klingt maximal egal, die Schlusszeile trotzig verklärend. Selbst Fremdsprachler könnten erahnen, worum es hier geht.

Wir sind gegen jede Logik
Doch wir sind für immer ineinander verknotet
Egal, ob uns das gefällt
Wir zwei sind der allerschönste Unfall der Welt

Allerdings erwacht im Zuhörer eine bange Frage: Sieht das im „Wir“ verhaftete „Du“ die Lage eigentlich genau so wie das „Ich“, das von seiner Beschwörungszeremonie nicht ablässt? Vom Schlagzeug bestätigt singt es „Keiner ist wie wir, das weißt du genau / Ich bin dein Mann und du bist meine Frau“, bevor es mit einer Einladung zum nächsten Tanz am Abrund den textlichen Schlusspunkt setzt.

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Komm, wir suchen unser'n Einklang
Und tanzen noch ein bisschen Tango im Treibsand

Gerade bei Live-Konzerten fällt auf, wie bewusst das Lied seinen wirklich letzten Akkord hinauszögert. Zunächst wird das Publikum eingeladen, in einen sich immer wieder hochschraubenden „La la la la“-Gesang einzustimmen, der zuweilen von einem herausgeschrienen „Warum?“ von Käptn Peng konterkariert wird. Die Musik macht Hoffnung, doch der Schmerz ist noch lange nicht überwunden. Die Musik ist vielleicht aber auch klüger als Text und Sänger, denn sie zieht, allen beschwörenden Zaubersprüchen zum Trotz, irgendwann einfach einen Schlussstrich. Die Liebe hört vielleicht nie auf, jeder Song aber schon.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Ebbinghaus, Uwe
Uwe Ebbinghaus
Redakteur im Feuilleton.
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