Pop-Anthologie (140)

Jetzt musst du fliegen

Von Lorenz Jäger
14.04.2022
, 14:25
Eigentlich ist sie ein Inbegriff kalifornischer Popmusik, hier wirbt sie für New Orleans: Die Band It’s a Beautiful Day 1972
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Die Gruppe It’s a Beautiful Day zählt zu den Pechvögeln der Pop-Ära um 1967. Ihr melancholisches Lied „White Bird“ wurde trotzdem zu einer Hymne des fortdauernden Hippiesommers.
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Die Band hieß It’s a Beautiful Day. Das passte zu Kalifornien im Allgemeinen, wo die Mitglieder lebten, es passte im Besonderen zum Hippie-Summer-of-Love des Jahres 1967, als die Formation sich gründete. Auch dazu, dass standardisierte Bandnamen – The Platters, The Everly Brothers – nun durch surreal verrätselte Erfindungen abgelöst wurden. Jefferson Airplane (als Imperativ zu übersetzen, dann ergibt sich der Sinn: Heb ab!) genoss damals große Autorität, hier also hieß es sinngemäß: Schöner Tag an der Westküste heute, entspann dich. Darin lag ein Versprechen, wie überhaupt das Jahr ’67 ein unendliches Versprechen gab. Aber es wurde nicht gehalten, aus der Gruppe wurde einer der wenigen echten Pechvögel dieser Jahre.

Zum großen (und fast einzigen) Erfolg des schönen Tags wurde paradoxerweise ein Lied an der Grenze zur Depression, das in den süßesten, schönsten, zartesten Melodien eine traurige Winterzeit schildert: die eines gefangenen weißen Vogels im goldenen Käfig. Gold und weiß sind an sich die edlen, festlichen Farben, beliebt in liturgischen Zusammenhängen. Hier treten sie auseinander, dem Vogel ist die weiße Unschuld eigen, der Käfig ist der goldene des Wohlstands der sechziger Jahre. Und vor allem: Draußen regnet es, der Vogel ist allein. Abgefallene Blätter werden die lange schwarze Straße entlang geweht, ein dunkler Himmel zürnt. Inzwischen sitzt der weiße Vogel – nun mit dem Pronomen „she“ angesprochen – weiter ungekannt im Käfig. Sie muss fliegen oder sie wird sterben. „Fly“ reimt sich auf „die“: Heb ab oder stirb, so lautet das Echo auf Jefferson Airplane. Der Vogel träumt von den Espen (man nennt sie auch Zitterpappeln, „Zittern wie Espenlaub“ ist eine geläufige Redensart), deren sterbende Blätter sich golden verfärben und der Käfigfarbe antworten. Der Vogel wird im Käfig alt. Sonnenuntergänge kommen und gehen, Wolken ziehen vorbei, die Erde selbst altert. Die Augen des jungen Vogels hören nicht auf zu glühen. Noch einmal: Sie muss fliegen oder sie wird sterben.

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Erwartung und Enttäuschung um 1967

Das Lied, Ende 1967 komponiert, wurde 1969 veröffentlicht. Es brachte einen weichen, kalifornischen Klang, bei dem eine süße Melancholie nicht zu überhören war, eine durch künstlerische Arbeit angeeignete Depression. Die Versprechen von vor zwei Jahren haben sich nicht erfüllt und die Geschichte der Band bildet eigentlich den kurzen Weg von der Erwartung zur Enttäuschung nach. Gemanagt wurde die Gruppe von Matthew Kaatz, der auch Jefferson Airplane unter Vertrag hatte und heute nicht nur seine schlechte Geschäftsführung berüchtigt ist, sondern für regelrecht sittenwidrige Praktiken, die den Interessen der Bands direkt zuwiderliefen; bis in die 2000er Jahre hinein gab es bittere Rechtsstreitigkeiten zwischen Kaatz und den Gruppen, die er betreut hatte. „It’s a beautiful day“ hielt er von Auftritten in San Francisco ab – die Band sei noch nicht reif, meinte er. Stattdessen überzeugte er sie, ihr Glück zuerst im weit nordwestlich gelegenen Seattle zu versuchen, zufällig in einem Club, der ihm gehörte. Die Band lebte dort im Norden nun in ärmlichen Verhältnissen. Man war deprimiert, hungrig, fror – da kam die Geburtsstunde des Lieds.

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© Youtube

Zum Pech der Gruppe gehört auch, dass das legendäre Cover ihrer ersten LP, die so hieß wie die Band – es zeigt eine junge Frau im Sommerkostüm des neunzehnten Jahrhunderts, auf einem Gipfel, über sich Sonne, strahlend blauen Himmel und ein paar prachtvoll weiße Wolken – heute wegen Copyright-Problemen nicht mehr verwendet werden darf; im Netz kann man es immerhin noch finden. Ein heute übliches Cover zeigt eine weiße Taube, die dem goldenen Käfig entkommt.

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LaFlamme trifft Beausoleil

Als den Genius der Band wird man den 1941 geborenen David LaFlamme nennen müssen, der mit seiner fünfseitigen elektrischen Geige den Klang recht eigentlich definierte. Er war aus Utah gekommen, aus einer Mormonenfamilie, hatte klassischen Geigenunterricht genossen und dann im Utah Symphony Orchestra gespielt. 1962 kam er nach San Francisco und schloss sich dem „Electric Chamber Orkustra“ an, das allerdings keine Schallplatten hinterließ. In diesem Zusammenhang stieß er auf Bobby Beausoleil, der mit ihm als Gitarrist musizierte. Dieser Junge (Jahrgang 1947) kam später zur Manson-Family und sitzt noch heute, wegen Mordes verurteilt, im Gefängnis. So zweideutig waren die Versprechungen der Entgrenzung, so nah das Abheben dem tiefsten Fall.

Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch.
Die Pop-Anthologie gibt es jetzt auch als Buch. Bild: Reclam

LaFlammes Geige ist es, die den in der Phantasie vorweggenommenen Vogelflug in ihren herrlich weiten Bögen erahnen lässt. In mehreren Schichten wurden die Tonspuren übereinander gelegt und gemischt. Auch dies gehört in die Epoche, die 1967 begann: Dass der Popmusik neue Kräfte aus Instrumenten zuwuchsen, die über die bisher obligaten zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug hinausgingen; neben der Violine sind Flöte und Sitar zu nennen. Die musikalische Evolution des Pop gabelt sich in einen motorischen und einen emotionalen Zweig. Motorik ist bei Motown zu Hause, „Dancing in the street“ wurde dafür der emblematische Song, und bei Michael Jackson wird sogar die Stimme noch Teil eines hundertprozentig motorischen Funktionszusammenhangs. Violine, Flöte und Sitar evozieren dagegen eher Stimmungen als dass sie Motorik provozierten, sie vertreten eine romantische, die Innerlichkeit anregende Linie. Mit LaFlamme singt die 1944 geborene Pattie Santos, die 1989 bei einem Autounfall ums Leben kam. Linda LaFlamme, als Keyborderin zur Gruppe gehörig, hatte das Lied zusammen mit ihrem Mann geschrieben. Das Ehepaar trennte sich schon 1970. Es gab danach mehrere Wechsel in der Besetzung, aber keine schöpferische Metamorphose in neue musikalische Gegenden, 1974 zerbrach die Band definitiv. Natürlich versuchte man in den folgenden Jahrzehnten, an die alten Erfolge anzuknüpfen, aber ein eigentlicher Neustart wie mit dem Übergang von Jefferson Airplane zu Jefferson Starship gelang in diesem Fall nicht.

So kann man von einem One-Hit-wonder sprechen. Wobei „Hit“ schon wieder übertrieben ist, Die LP (mit der etwa 6 Minuten langen Fassung) kam damals auf Platz 47, die etwas spätere, halb so lange Single auf Platz 118. Und doch ist das Lied geblieben, man kann sagen: Sein Ruf hört nicht auf, sich zu verbreiten. Es ist typisch für die Epoche seiner Entstehung und ragt doch in reiner Schönheit darüber hinaus. Eine so eigenwüchsige Künstlerin wie Judy Collins hat es in einer mehr vom Folk getönten Version gesungen. Auch in dem Film „King Richard“, in dem Will Smith den Vater der tennisspielenden Williams-Schwestern spielt, war „White Bird“ kürzlich wieder zu hören: Seltsamer Fall eines Werks, das sich, ohne jemals ganz vorne gelegen zu haben, mit seiner Qualität dauerhaft geltend macht. Es bewahrt die Stimmung jener Jahre wie kaum ein anderes.

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White Bird

White bird
In a golden cage
On a winter's day
In the rain

White bird
In a golden cage
Alone

The leaves blow
Across the long, black road
To the darkened skies
In it's rage

But the white bird
Just sits in her cage
Unknown

White bird must fly
Or she will die

White bird
Dreams of the aspen trees
With their dying leaves
Turning gold

But the white bird
Just sits in her cage
Growing old

White bird must fly
Or she will die
White bird must fly
Or she will die

The sunsets come
The sunsets go
The clouds roll by
And the earth turns old
And the young bird's eyes
Do always glow

She must fly
She must fly
She must fly

White bird
In a golden cage
On a winter's day
In the rain

White bird
In a golden cage
Alone

White bird must fly
Or she will die
White bird must fly
Or she will die
White bird must fly
Or she will die

Quelle: Faz.net
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Freier Autor im Feuilleton.
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