Bruce Springsteen wird siebzig

Geboren, um abzuhauen

Von Jan Wiele
23.09.2019
, 11:01
Für die einen ist er ein singender Dichter, für andere der ehrlichste Arbeiter im Bergwerk des Rock`n`Roll. Dass er eine Chronik Amerikas geschrieben hat, ist unbestritten. Er ist der „Boss“. Heute wird Bruce Springsteen siebzig.

Im Jahr 1973 hätte man ihn fast für einen Beat-Dichter halten können. Zehn Jahre später machte Bruce Springsteen die muskulöseste Rockmusik der Welt, in einer Zeit, als Rock bereits das erste Mal totgesagt worden war, und noch einmal etwas mehr als zehn Jahre später, 1995, leitete er ein neues Folk-Revival ein. Seitdem kann man sich nicht mehr ganz sicher sein, was dieser Mann ist und will, wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Barack Obama immerhin war sich sicher: „Ich bin der Präsident – aber er ist der Boss.“

Wüsste man nicht, von wem sie stammen, würde man so verschiedene Alben wie Springsteens Debüt „Greetings from Asbury Park, New Jersey“, sein legendäres Fünffach-Vinyl „Live 1975-1985“ mit der E-Street-Band und eben das völlig heruntergedimmte „The Ghost of Tom Joad“ womöglich nicht demselben Künstler zurechnen, so unterschiedlich mutet bereits der Gesang an, von der Instrumentierung ganz zu schweigen.

Swingjazzklänge liegen unter dem delirierenden „Spirit in the Night“ vom ersten Album, röhrende Boss-Stimme und röhrendes Saxophon des bereits verstorbenen Clarence Clemons dominieren eine Aufnahme wie die von „Hungry Heart“ im Nassau Coliseum vom Silvesterabend 1980, und ein ohne Kopfhörer kaum richtig wahrnehmbares Gitarrenzupfen ist schon fast alles, was außer dem leisen Parlandogesang am „Highway 29“ auf dem Tom-Joad-Album noch stattfindet – in einer Song-Kurzgeschichte, die ganz ähnlich wie Ambrose Bierce' etwa hundert Jahre älterer „Zwischenfall an der Eulenfluss-Brücke“ womöglich halluzinierend von jemandem erzählt wird, der bereits im Sterben liegt.

Damit sind wir bei der Literatur. Dass Springsteen auch noch ein großer Dichter ist, scheint seit dem Nobelpreis für Bob Dylan keine allzu abwegige Einschätzung mehr – auch wenn Leonardo Colombati in seinem jüngst bei Reclam erschienenen Buch über Springsteens Songtexte beklagt, dass dieser noch nicht in der „Norton Anthology of American Literature“ vertreten sei. Aber dass die inzwischen weit über dreihundert Lieder eine Art amerikanische Chronik formen, würden wenige bestreiten.

Nach Übungen in babylonisch verwirrter Großstadtlyrik in Dylans Fußstapfen („Madman drummers, bummers and indians in the summer with a teenage diplomat“) ist Springsteen bald zum Meister des realistischen Vorort-Dramas geworden, bei dem allerdings noch in der größten Misere ein abfahrbereites Auto vor der Tür steht. „My car’s out back, if you’re ready to take that long walk / From your front porch to my front seat / The door is open, but the ride ain’t free“, heißt es in seinem vielleicht besten Stück „Thunder Road“, das so etwas wie den Inbegriff des Springsteen-Gefühls darstellt.

Colombati will in seinem Buch das Gesamtwerk Springsteens gar zu einem großen amerikanischen Roman ausdeuten, was allerdings wohl nur eine Metapher sein kann. Mit den Interpreten, die mitunter auch schon ganze Bücher über einzelne Alben veröffentlicht haben so wie etwa der Historiker Louis P. Masur über „Born to Run“, geht öfter einmal der Gaul durch, es gibt auch unter Akademikern viele Springsteen-Aficionados.

Während die Dylan-Philologie in Deutschland einige Bekanntheit erlangt hat, ist es für manche vielleicht noch überraschend, wie umfangreich auch die Springsteen-Philologie schon ist. Colombati selbst berichtet von einem Symposion in New Jersey mit 150 Rednern über Themen wie „Steinbeck und Springsteen“, „Springsteen und das puritanische Ideal des gelobten Landes“, „Das Automobil in den Schriften Flannery O’Connors und Bruce Springsteens“ oder „Eine marxistische Interpretation von ,Darkness on the Edge of Town‘“.

Denen, die in Bruce Springsteen vor allem einen ehrlichen Arbeiter im Bergwerk der Rockmusik sehen, ist das wahrscheinlich zu hoch, und tatsächlich darf dessen Würdigung nicht zu kurz kommen. Mit „Born to Run“ (1975) könne man einem Außerirdischen erklären, was Rock’n’Roll sei, hat Wolfgang Niedecken einmal gesagt: „Ein schmächtiger junger Mann hatte in einem kleinen Haus in West Long Branch, New Jersey, davon geträumt, der Beste zu sein, und er hatte es geschafft. Als er nach monatelanger Klausur aus dem Studio zurück ins Licht kroch und in den Tourbus stieg, hatte er zusammen mit seiner Band die größte Rock-’n’-Roll-Platte aller Zeiten aufgenommen.“

Das amerikanische Erfolgsstreben mit allen seinen Rückschlägen ist das, was viele in Springsteen prototypisch verkörpert sehen, und was natürlich auch allerlei Kritik auf sich zieht: zu weiß, zu männlich, würden manche sagen. Über Springsteens Songthemen oder über die Zusammensetzung seiner E-Street-Band kann man das freilich nicht sagen. Unter seinen Anhängern ist eher die Frage, ob man ihn denn lieber mit Band oder allein hört.

Von der ungeheuren Explosivität und Dauer seiner Konzerte schwärmen nicht nur Millionen Fans, sondern auch viele Musikerkollegen. So hat etwa Mick Jagger einmal beschrieben, was es für ein Hochgefühl war, Springsteen bei einem Heimspiel in der Meadowlands-Arena in New Jersey, von Anfang bis Ende schwitzen zu sehen. Kann man sich größeres Lob vorstellen?

Die Stimmung des epochalen „Born in the U.S.A.“ (1984), auf dem fast jedes Lied eine Hitsingle wurde, hat Springsteen auf einem Studioalbum mit Band vielleicht nie wieder erreicht, zumal in jüngerer Zeit auch die Produktion einiges verdorben und damit alles Raue genommen hat (wie man etwa auf „High Hopes“ von 2014 hören kann).

Mit dem 1987 erschienenen Soloalbum „Tunnel of Love“ hat Springsteen aber ohnehin eine Phase als Liedermacher eingeleitet, die sich mit „The Ghost of Tom Joad“ oder auch „Devils and Dust“ (2005) fortsetzte und ihren Höhepunkt in sage und schreibe 236 Alleinunterhalter-Shows am Broadway fand, die für ein Netflix-Spezial auch filmisch festgehalten wurden. Wie sich dabei Erzählpassagen aus seiner mittlerweile erschienenen Autobiographie übergangslos, teils auch sehr amüsant in gesungenes Erzählen mit Gitarre verwandeln, ist sehr beeindruckend – wenngleich die Rockfans natürlich nicht mit den Schmalspur-Versionen von gewissen ursprünglich bombastischen Liedern zufrieden sein können.

Wer ihn bei seinen jüngsten Auftritten, egal ob allein oder mit Bandbegleitung, gesehen hat, wird allerdings eines nicht abstreiten können: Unter seinen Altersgenossen ist Bruce Springsteen, der am heutigen Montag siebzig Jahre alt wird, mit Abstand der Frischeste.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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