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Julien Bams Märchen-Parodien

Bruder, was los?

EIN KOMMENTAR Von Tilman Spreckelsen
 - 14:14
Rotkäppchen unterwegs: Julien Bams Videoserie „Märchen in asozial“ frischt klassische Texte auf.

Oma, was geht?“, fragt Rotkäppchen, und „Digga, zu spät“, antwortet der Wolf im Großmutterbett. Die großen Ohren und Hände, der große Mund? All das dient dem Rappen, teilt der Wolf mit und enthüllt seinen Plan für den Wald: „Es wird einfach jeder gefressen, dann gibt’s keine Probleme. Ich bin der Wolf, und mein Atem ist einfach länger, jeder Vers von mir ein Banger, aber dein Style lausig, was soll das hier mit deinem peinlichen Outfit“ und so weiter. Nach dem Diss kommt heraus, warum sich der Wolf so sicher fühlt: „Was willst du machen, denn ich steh bei Peta unter Schutz.“

So ist es in der Serie „Märchen in asozial“ zu sehen, von der bisher vier etwa viertelstündige Folgen erschienen sind. Julien Bam, der Urheber, erreicht über seinen Youtube-Kanal knapp 5,7 Millionen Abonnenten, und die Begrüßung von Wolf und Rotkäppchen – „Bruder, was los?“ „Bruder, muss los!“ – ist längst auf den Schulhöfen etabliert. Das Video vom 16. März dieses Jahres wurde bisher mehr als 15 Millionen Mal angesehen und steht damit, wie am Wochenende bekannt wurde, in der Rangliste der deutschen Youtube-Videos für 2019 an zweiter Stelle hinter Rezos Angriff auf die CDU.

Rotkäppchen im Iglu

Warum? Dass man Märchen fort- und neuerzählt, dass man sie ausschmückt oder auf sie anspielt, liegt in der Natur der Gattung. Die meisten Stoffe kommen aus dem mündlichen Erzählen und wurden mündlich weitergetragen, irgendwann verschriftlicht und dann wieder vorgelesen oder frei erzählt. Märchenmotive wandern über die ganze Welt, und nicht selten haben Forschungsreisende fern der Heimat am Lagerfeuer oder im Iglu Märchen gehört und aufgezeichnet, deren Handlung sie aus der eigenen Kultur gut kannten.

Auch Märchenparodien gibt es seit mindestens zweihundert Jahren, die entsprechenden Comics prägten die Zeitschrift „Mad“, in den Bühnenshows wie in den Kinofilmen von Otto Waalkes spielen sie eine Rolle, und eine Reihe von Fernsehserien basiert auf Märchenelementen, die mal lustig, mal gruselig herbeizitiert werden, immer aber mit Blick auf die Möglichkeit, an aktuelle Diskussionen anzuknüpfen.

Und wo sind die Pointen?

Julien Bam und sein Team suchen diese Berührungspunkte auch jenseits des Wolfs, der sich auf den Tierschutz beruft, wenn etwa Schneewittchen die Gaben der bösen Königin mit Hinweis auf allerlei Lebensmittelunverträglichkeiten ablehnt und die Zuwendung der guten Fee für einen Prinzen mit dem Gleichstellungsgebot begründet wird. Entscheidend für den Bezug zur Gegenwart aber ist, dass überall ausgiebig gerappt wird, was etwa in der Adaption der „Bremer Stadtmusikanten“ so liebevoll in Szene gesetzt wird wie nichts sonst in diesem Video. Das ist oft inspirierter als die eigentliche Märchenadaption, die sich – besonders in den späteren Folgen – zu sehr auf die Tatsache verlässt, dass parodiert wird, während es an Pointen mangelt.

Schön ist immerhin der Running Gag, entscheidende Utensilien der Märchen durch Börek zu ersetzen. Beißt man hinein, breitet sich der riesige Rauchpilz einer Explosion über den Bildschirm, einfach so. Von dieser anarchischen Wucht hätte man gern mehr gesehen.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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