Elektropop-Band Shortparis

Russischer Drahtseilakt

Von Artur Weigandt
28.05.2020
, 22:20
Gewalterwartung als Markenzeichen: Die Petersburger Band Shortparis posiert in stilisierten NS-Uniformen für ihr Album „Wie der Stahl gehärtet wurde“.
Prophetische Botschaften an Europa: Wie sich die angesagte Petersburger Elektropopgruppe Shortparis auf die nächste Saison vorbereitet.
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In Youtube-Videos tanzt Nikolay Komyagin wie besessen im roten Anzug über die schummrige Bühne. Weißes Licht bescheint seinen rasierten Kopf, während er mit hoher, tremolierender Stimme von Ehrlichkeit, von Ewigkeit und Angst singt. Seine Band Shortparis versetzt mit dem treibenden Rhythmus dumpfer elektronischer Störgeräusche und Gitarrenriffs das Publikum in Ekstase. Dann mischt die filigrane Gestalt Komyagins sich unter seine Anhänger, berührt Köpfe, streicht über Wangen. Der Sänger der russischen Band wirkt wie ein Prophet, der seinen Anhängern eine Botschaft übermitteln will.

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Diese Botschaft ist in Europa angekommen. Jedenfalls sieht die britische Pop-Zeitschrift „New Musical Express“ überall in Deutschland neue Bands aus Osteuropa die Bühnen erobern. Zu ihnen gehört Shortparis aus Sankt Petersburg, laut dem Kultursender Arte die derzeit beste russische Liveband. Mit einer Melange aus Rock, Pop Noir, Underground, Art Punk und Folk ziehen die Künstler ein studentisches Publikum, aber auch die russischsprachige Diaspora an. Zwar wurden ihre Auftritte an der Berliner Volksbühne und auf dem Berliner Fusion Festival abgesagt. Doch in Petersburg, wo die Musiker jetzt strenge Quarantäneregeln befolgen müssen, bereiten sie sich auf die Herbstsaison vor.

Der Sadismus des Systems

Die Musik von Shortparis ist radikal, brutal und verstörend. Die Hauptfigur ihres jüngsten Musikvideos „Kak sakaljalas stal“ („Wie der Stahl gehärtet wurde“) ist ein patriotischer junger Rekrut, der die russischen Armeeregeln lernen muss. Zu schnellen Beats, gesampelten Störgeräuschen und brutalen Gitarrensounds wird man in eine Ausbildungshalle versetzt, wo Soldaten den Nahkampf trainieren – unter den Augen von Kommandeuren und einem Banner mit dem lateinischen Spruch: „In hostem omnia licita“, gegen den Feind ist alles erlaubt. Der Neuling gerät in Rage, schlägt um sich, verprügelt Kameraden und freundliche Passanten. Maskulin und manieriert zugleich wiederholt Komyagin den Titelrefrain – bis der Held in der Wohnung der Eltern Harakiri begeht und sein Blut sich über die Karte Russlands ergießt.

Der Titel des neuen Albums und der Single verweist auf den gleichnamigen sowjetischen Erziehungsroman von Nikolai Ostrowski. Darin geht es um einen bolschewistischen Bürgerkriegskämpfer, der trotz Invalidität und Erblindung für die Befreiung der Unterdrückten weiterfechten will. Im Lied von Shortparis ist es anders: Der junge Soldat wird von dem hierarchischen Sadismus des Systems traumatisiert, er wendet die Aggression erst gegen andere, dann gegen sich selbst. Ist das Musikvideo auch ein Kommentar zu den „stählernen“ Strukturen in den russischen Sicherheitsorganen und den Großmachtansprüchen des Kremls?

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Furcht vor Fremden

Die Bandmitglieder, die wir telefonisch in Petersburg erreichen, bestreiten das. Zwar sei die Arbeit an dem Video von „tragischen Zufällen“ begleitet worden, sagt der Gitarrist und Bajan-Spieler Alexander Ionin, womit er auf Schikanen junger Wehrdienstleistender durch Dienstältere anspielt, was im vorigen Herbst in Sibirien zu einem Amoklauf führte, wobei acht Soldaten starben. Doch Ionin betont, die Band betreibe keine Politik, sondern Sozialkritik. Es gehe um Gewalt. „Gewalt ist zu einem allgegenwärtigen Markenzeichen geworden, das unser Denken und Handeln prägt“, ergänzt Komyagin.

In dem bisher bekanntesten Musikvideo „Straschno“ („Furchterregend“) steht die Gewalt als Erwartung im Raum. Gekleidet in Jacken mit arabischen Aufschriften, dringen die kahlköpfigen Bandmitglieder in eine Schulturnhalle ein, wo zentralasiatische Flüchtlinge untergebracht sind. Dumpfe Bässe, elektronische Glissandi und Komyagins orientalisch mikrotonaler Gesang lassen an das blutige Geiseldrama in der Schule von Beslan 2004 denken. Doch dann feiern die Eindringlinge mit den Gastarbeitern eine bunte Party. Die arabischen Aufschriften und Untertitel sind nämlich Liebesbotschaften. Die Lehrer schauen verängstigt zu. So vergegenwärtigt das Musikvideo auch die nicht nur in Russland verbreitete Furcht vor Fremden und diversen Lebensformen.

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Wie eine Schlange im Plattenbauzimmer

Aber auch wenn viele Hörer die kritische Stoßrichtung der Gruppe schätzen, legen Ionin und Komyagin im Gespräch Wert darauf, dass sie Kunst und keine politischen Statements produzieren. Solche Zurückhaltung zahlt sich aus. Mit ihrem Lied „Straschno“, das ihnen leicht Verbote hätte einbringen können, trat die Band in der Late-Night-Show „Urgant am Abend“ im Ersten Staatskanal auf. Shortparis macht kritischen Untergrund-Punk – und gleichzeitig ziert die Band die Cover populärer russischer Magazine.

Die beiden Gründungsmitglieder der Band, Komyagin und Ionin, stammen aus dem sibirischen Nowokusnezk. Komyagin bildete sich an französischer Popmusik aus den siebziger und achtziger Jahren, insbesondere Mireille Mathieu, für ihn war diese Schönheit und romantische Leichtigkeit Hochkultur, eine Einführung in die moderne westliche Zivilisation. So spielte Shortparis, dessen Name ein „verkürztes Paris“ bedeutet, sein erstes Album „Dotscheri“ (Töchter) auf Französisch und Englisch ein. In dem Musikvideo „Amsterdam“ tanzt Komyagin im roten Kleid wie eine Schlange im engen Plattenbauzimmer, das mit Bett und Blümchentapete ausgestattet ist wie im Rotlichtmilieu. Mit hoher fragiler Stimme singt er ein schmerzliches französisches Lied, das von Schlagzeug, Gitarren-Riffs und elektronischen Rhythmen verfremdet wird, räkelt sich auf dem Boden, streckt die Füße zur Pointe, bemalt sein Gesicht mit Lippenstift – als erlebe er physisch die Leiden der käuflichen Frauen im fernen „Hafen von Amsterdam“.

Die französische Sprache war für die Musiker auch eine Ausdrucksform für ihr Anderssein. Inzwischen richten sie ihren Blick nach Russland. In Petersburg nehmen sie sich jetzt Zeit, um zu proben und neue Texte zu schreiben, sagt Komyagin. Es sei wie in einer Manufaktur, erst arbeite man für sich und dann gemeinsam. Wichtig sei es, die Pause zur Selbstreflexion zu nutzen. Die meisten russischen Pop-Künstler seien dazu nicht in der Lage, glaubt Ionin, der erwartet, das viele aufgeben werden. Der Kunst, meint er, werde das eher guttun.

Quelle: F.A.Z.
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