Tara Nome Doyle

Die dunklen Seiten der Seele

Von Thomas Lindemann
26.01.2022
, 22:51
Kreuzbergerin, Weltbürgerin und womöglich auf dem Weg zum Star – die Musikerin Tara Nome Doyle
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Im Lockdown ist auch großer Pop entstanden. Zum Beispiel das Album „Vaermin“ der deutsch-irisch-norwegischen Sängerin Tara Nome Doyle.
ANZEIGE

Von wegen Liebeslieder! Wenn Tara Nome Doyle singt, geht es um Schnecken, Schlangen und Spinnen. In einem ersten Video zu ihrem neuen Album kriechen und krabbeln Insekten über Obst und nackte Arme. Und dazwischen steht diese junge Frau, schlank, groß, Arme verschränkt, Blick nach unten. Mit dem scharf geschnittenen Pony und dem langen Kleid sieht sie aus wie eine der Alltagswelt weit entrückte Kunstfigur, wie die Björk der Achtziger oder die junge Dolores O’Riordan von den Cranberries.

Ohne den Zorn natürlich. Oder ist der bloß versteckt? Die Musik von Tara Nome Doyle, deren Album „Vaermin“ Ende Januar erscheint, ist einerseits kluger Singer-Songwriter-Pop mit Klavier. Und sie ist andererseits ein psychologisches Vexierspiel: In den Texten geht es um Konzepte des Psychoanalytikers C. G. Jung. Um den Schatten und die Persona, die dunkle Seite der Seele und die von außen sichtbare und beider ständigen Widerstreit. Aber insgeheim sind es doch Liebeslieder: Manchmal denkt man bei diesen Lyrics, es gehe um eine Beziehung, in der zwei nie ganz zu­einanderkommen. „I’ll bleed – if you want me to – I’ll bleed“, singt sie, und zwar von Blutegeln. Oder doch von gebrochenen Herzen?

ANZEIGE

Kreuzbergerin und Weltbürgerin

„Die Kriechtiere und Würmer, um die es in den Songs vordergründig geht, sind ein Symbol. Für das, was wir ablehnen, was Ekel erzeugt – auch in uns drin“, sagt sie dazu. Beim Treffen in Berlin sitzt da auch keine Kunstfigur, sondern eine junge Frau, die schnell denkt und viel spricht. Die sich technischen Grübeleien um ihren Gesang hingibt, ihre Texte erklärt, immer wieder von Psychologie spricht, das Fach hat sie kurz studiert. Die sich dann aber ganz der Musik widmet, obwohl niemand in der Familie auch nur einen Ton gerade singt. Sie bringt sich alles selbst bei.

Sie wächst in fast nomadischen Verhältnissen auf: Ihre Eltern, ein Ire und eine Norwegerin aus Madagaskar, kommen nach der Wende nach Berlin. Dort wird Tara geboren, die Familie verbringt die Sommer in Stavanger oder in Irland. Doyle ist also eine Kreuzbergerin und eine Weltbürgerin. Mit elf Jahren beginnt sie, Lieder zu schreiben. Auch für Freundinnen aus der Berliner Schulklasse. Sie hat einen irischen Pass und spricht drei Sprachen. Ihre Heimat wird die Musik.

Insekten statt Liebe? In den Songs von Tara Nome Doyle geht es um Schnecken, Schlangen und Spinnen.
Insekten statt Liebe? In den Songs von Tara Nome Doyle geht es um Schnecken, Schlangen und Spinnen. Bild: Sonja Stadelmaier

Doyle ist heute 24 Jahre alt, und ihre Stimme klingt voll, erfahren, mal gebrochen, mal durchsichtig und mal unerträglich schwer – also nach vielen Jahren Musikerfahrung und nicht nach einer jungen Frau, die gerade erst in einem Jugendclub entdeckt wurde.

ANZEIGE

„Anderweltlich“ soll es klingen

Mit 19 Jahren sang sie in Berlin-Kreuzberg beim Abschlussabend eines Förderprogramms für junge Talente. Der Musikmanager Martin Hossbach war zufällig da, wollte eigentlich der Tochter eines Freundes zuhören. Hossbach verpflichtete Tara Doyle sofort für sein Label, nahm ein Extended Play, ein Minialbum, und dann ein Album mit ihr auf. Das waren Achtungserfolge, aber jetzt, mit der neuen Platte ist erst das Niveau von klugem internationalen Pop da.

ANZEIGE

„Anderweltlich“ solle ihre Musik klingen, sagt sie einmal, und das könnte jetzt ein schiefer Anglizismus sein („otherworldly“), aber es klingt eben auch nach Fantasy, „Herr der Ringe“, Druiden und Märchenwald. Das passt auch ein wenig zu Doyle. „Ich suche so ein losgelöstes Gefühl in der Musik“, sagt sie und erzählt, dass sie immer wieder auf die (hier kaum bekannte) Sängerin Susanne Sundfor komme, wenn sie Inspiration suche. Sundfor ist eine Art Kate Bush Norwegens, aber viel verträumter als Doyle selbst.

Sie braucht nur ein Klavier

Doyle hat einen viel kräftigeren, eigenen Sound. Vielleicht weiß sie es noch gar nicht so genau. Sie spricht davon, dass sie zu viel Kopfstimme eingesetzt habe, jetzt den volleren und lauteren Klang der Bruststimme ausprobiere, ständig weiter an sich arbeite.

Das Gespräch findet in ihrem Elternhaus statt, einer Beletage mitten in Kreuzberg. Die Wohnung einer Architektenfamilie, sehr aufgeräumt, hier ein Schachbrett, da eine kleine madegassische Sitzgruppe und in einer Ecke das hohe schwarze Klavier, das Doyles Vater seiner Frau zum dreißigsten Geburtstag schenkte. Darauf hat Tara Nome Doyle all ihre Musik komponiert. Ein Studio braucht sie nicht.

ANZEIGE

„Die vergangenen zwei Jahre waren keine gute Zeit für Musiker, aber man konnte sich besser zusammenfinden“, sagt sie. Während die Konzerthäuser und Bühnen schließen mussten, hat sich eine neue Szene gebildet – einige haben eben einen Weg gefunden, trotzdem Musik zu machen. Und nicht nur, indem sie lange DJ-Sets mit Techno zusammenstellen und auf Soundcloud hochladen, so wie zehntausend andere.

Es geht hier also auch darum, wie Pop aus der Pandemie hervorgeht und wie er danach aussehen könnte: viel intimer, auch schnörkelloser, ohne Pomp, ohne etliche bizarre digitale Instrumente und Effekte. Wenn Doyle singt, ist das ein wenig, als hätte sich eine Frau einfach allein ans Klavier gesetzt. In einer leeren Kirche mit viel Hall, ganz ohne Publikum.

Die Berliner Firma Native Instruments hat gerade ihr neues Softwarepaket „Komplete 13“ veröffentlicht. Produzenten auf der ganzen Welt kaufen so etwas, da bekommt man für tausend Euro dann 118 hervorragende digitale Instrumente und fast 70 000 Sounds. So wurde lange Musik gemacht: unendliche Möglichkeiten und immer neue Sounds.

ANZEIGE

Unaufdringlich und direkt

Und dann kommt eine junge Frau und spielt einfach rein akustisch, mehr als die Tasten und ihre Stimme gibt es nicht. Und das ist eine große Erleichterung. Man kann also doch noch Musik machen mit den herkömmlichen Mitteln. Auf dem Album „Vaermin“ hört man auch mal eine Orgel, es gibt Drums und ein Cello und zwei Background-Sängerinnen. Aber alle würden auf eine kleine Bühne passen. Und der Sound lässt immer viel Luft, ist nie aufdringlich – als wollte er dem Ohr Raum geben, sich sanft hineinzufinden.

Nicht alles auf dem Album ist gelungen, auf dem Song „Crow“ wird der Gesang verzerrt, bis er klingt wie durch eine Zahnspange genuschelt. Das kann man auch mal ärgerlich finden bei einer eigentlich so strahlenden Stimme. Und ein wenig mehr musikalische Abwechslung bei den zwölf Songs hätte man sich manchmal auch gewünscht. Aber dann kommen Lieder wie „Leeches II“, da wagt das Klavier angenehm dissonante Figuren, wandert im Bass wie in Schuberts letzten Klavierliedern, und Doyle singt tief, laut und kraftvoll, aus tiefster Brust, dass einem angst werden kann. „Meine Beziehung zu Musik ist ganz direkt. Ich brauche dazu keinen Laptop, dem widme ich mich später vielleicht“, sagt sie.

Alle wollen mit Doyle arbeiten

Ohne die Lockdowns und die Corona-Restriktionen wäre diese Karriere nicht denkbar. Doyle hat derzeit gar kein Studio, sie ist eigentlich eine Lo-Fi-Künstlerin, die mit simplem technischen Equipment auskommt. Sie schreibt ihre Songs auf Papier, setzt sich ans Klavier und probiert Harmonien aus.

Die Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle
Die Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle Bild: Luis Anversa

Aber die Szene bekommt Mitte 2021 mit, dass es da eine neue faszinierende Stimme gibt. Und alle wollen etwas mit ihr aufnehmen. Der Pianist und Songwriter Malakoff Kowalski spielt eine Nummer mit ihr ein. Der italienische Komponist Federico Albanese will mit ihr arbeiten, daraus entsteht im Sommer 2021 das Minialbum „The Moments We Keep“. Und derzeit steht Erol Sarp mit ihr im Studio, die eine Hälfte des derzeit sehr erfolgreichen Duos „Grandbrothers“.

ANZEIGE

Psychologischer Pop

All diese eta­blierten Stars arbeiten auch deswegen mit ihr, weil sie im Moment Zeit haben – alle mussten ihre Touren unterbrechen oder absagen. Die Welt des Pop sitzt zu Hause und fragt sich: Wohin mit der Energie? So kommt es zu den Kooperationen, und so zeigt Doyle, was sie alles kann. Mit Albanese singt sie etwas gehaucht und esoterisch, mit Kowalski direkt und brutal wie Nancy Sinatra, für den Film „München – Im Angesicht des Krieges“ von Christian Schwochow hat sie den Song „Du träumst“ aufgenommen, ein klares, schönes Chanson.

Und dann gibt es noch einen Grund, warum dieses Album mehr präsentiert als nur eine gute Newcomerin oder eine Musikerin, die auch die Isolation perfekt für die Arbeit genutzt hat. Es ist etwas, das man psychologischen Pop nennen könnte, womöglich kommt der als Genre jetzt auf. Seit ihrem 16. Lebensjahr kämpft Doyle mit Angst und Depression, sie musste die Schule deswegen zeitweise abbrechen. Und sie spricht darüber, als wäre es nur ein Schnupfen. „Ich bin es gewohnt, offen darüber zu reden“, sagt sie. „Und jetzt, da ich ein wenig in der Öffentlichkeit stehe, hab ich einfach damit weitergemacht.“

Innere Schatten

Von der Krise der psychischen Gesundheit reden manche jetzt, Depressionen gelten ohnehin schon als Volkskrankheit, und durch die Lockdowns sind noch einmal viel mehr Menschen davon betroffen. Gerade erst wurde bekannt, dass die Suizidversuche unter Jugendlichen während der Corona-Zeit um 400 Prozent gestiegen sind. Und wenn Autorinnen wie Ronja von Rönne darüber Bücher schreiben, kann sich ja auch der Pop dem widmen.

Doyle schaut einmal kurz nach unten, als sie von ihrer Angststörung spricht. Und dann redet sie wieder über Beziehungsdynamik, wie man einander triggert unter Partnern, wie man oft in dem anderen etwas sieht und erfährt, was eigentlich zu den eigenen Dämonen gehört. Eben das, was C. G. Jung die „Schatten“ nennt.

Ein neuer Star

Man kann Doyles Texte wie „I bottle up and sell my sadness“ eben auch als ein Ringen um den Umgang mit den Schatten hören. Und man darf auch einfach mit der Musik träumen, denn so etwas wie „Kill your darlings, cause they don’t understand you“ ist, Psychologie hin oder her, einfach nur eine verdammt gute Zeile.

Deutschland hat einen neuen Star. Das Album „Vaermin“ klingt international – was leider ziemlich selten vorkommt. Es ist gut produziert. Es klingt manchmal nach nordischer Folklore und manchmal, als rezitierte die Stimme mit ein paar sparsamen Klavierakkorden ein Gedicht.

Wenn sie in „Mosquito“ ihre eigene Stimme in mehreren Spuren übereinander sampelt, ist das schon das Maximum an Experiment, das diese Musikerin zulässt. Am Ende singt sie dann Glissandi und lange Töne in höchsten Lagen. Es ist, als probierte sie aus, was alles so geht. Fühlen. Sich herantasten. Das ist die Idee und die Botschaft der ersten wirklich schönen Platte dieses Jahres.

Tara Nome Doyle: Vaermin (Modern Recordings).

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Bildungsmarkt
Alles rund um das Thema Bildung
Sprachkurs
Verbessern Sie Ihr Englisch
Sprachkurs
Lernen Sie Französisch
ANZEIGE