Samu Habers neuer Bestseller

Absturz und Selbsterkenntnis

EIN KOMMENTAR Von Kai Spanke
Aktualisiert am 26.10.2020
 - 14:14
Für ihn war kein Alkohol auch keine Lösung: Samu Haber
Im Rausch der Glückskeksempfehlungen: Samu Haber löst Campino an der Spitze der Bestsellerliste ab. Seine Lebensbeichte hat zwar eine ganz schöne Fahne, beherzigt dafür aber Aspekte des Bildungsromans.

Punk’s not dead“, sagen die einen. „No future, das war gestern“, singen die anderen. Wie stark der Punk tatsächlich schwächelt, zeigt sich an Tagen wie diesen, wenn der Schmuserock zum Angriff übergeht. Auf der „Spiegel“-Bestsellerliste des Sachbuchs haben nämlich Killernieten und Sicherheitsnadeln keine Chance gegen triefendes Herzblut aus der Bekenntnisabteilung. Will sagen: Campino ist mit seinem Schmöker „Hope Street“ von der Pole Position auf Platz zwei abgestürzt (zugegeben, darin geht es mehr um den FC Liverpool und weniger um drei Akkorde, aber wie pflegt die Berliner Konkurrenz zu singen – „alles ist Punk“). Der Grund des tiefen Falls: Samu Haber, 44 Jahre altes Front-Model der Musikkapelle Sunrise Avenue, Coach in der Fernsehsendung „The Voice of Germany“ und, nach eigenen Angaben, symptomfreier Corona-Patient, hat mit „Forever Yours“ eine „schonungslos ehrliche Lebensbeichte“ (Verlagshinweis) vorgelegt.

Campino ist Sohn einer Engländerin und eines Deutschen, Haber Sohn eines Deutschen und einer Finnin. Der eine singt schon „morgens um sechs, mit reichlich Alkohol im Blut“ ein Liedchen, der andere schreibt Sätze wie: „Ohne Alkohol waren keine zwei Tage hintereinander vergangen.“ Oder: „Vom Alkohol und den Schlaftabletten war ich immer noch halb weggetreten.“ Oder: „Aus Müdigkeit, Alkohol und künstlerischer Begeisterung entstand eine Euphorie, die mich voll in Beschlag nahm.“ Zwar besteht ein Rockstar-Leben aus zahllosen unterschiedlichen Begebenheiten, aber das Leserinteresse richtet sich oft auf Absturzgeschichten, Widersprüche zwischen Neigung und Realität sowie Selbstverwirklichungserfolg, kurz: Bildungsromanaspekte.

Rock’n’Roller der alten Schule

Haber rührt diese Zutaten durchaus emsig zusammen. Sein Talent, Melodien für Millionen zu komponieren, gilt bei vielen als unstrittig, was sich auf Youtube überprüfen lässt. In der Kommentarspalte des Songs „Hollywood Hills“ schwärmt eine Anhängerin: „Bestes Lied ever.“ Ob es sich bei „Forever Yours“ um das beste Buch ever handelt, ist zweifelhaft. Einerseits haben wir frecherweise nur ausgewählte Kapitel studiert. Die aber sind andererseits nicht halb so gelungen wie etwa die Selberlebensbeschreibung des Motörhead-Chefs Lemmy Kilmister, welche wir wiederum auch nur in Häppchen aus „Heinz Strunk in Afrika“ kennen.

Gewisse Themen gehören offenbar zum Genre. Lemmy: „Und es gab eine kleine Minibar bestückt mit feinstem Alkohol.“ Gegen diesen Rock’n’Roller der alten Schule ist Haber ein windelweicher Schlagerbubi, der, wir wollen das nicht unerwähnt lassen, die Schilderung seiner Ausschweifungen mit Glückskeksempfehlungen abfedert: „Hinterlasse immer eine Spur.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Spanke, Kai
Kai Spanke
Redakteur im Feuilleton.
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