Shabaka Hutchings im Gespräch

„Black Power ist eine Ermutigung“

Von Peter Kemper
11.05.2021
, 06:08
Zugang zu den eigenen Kraftquellen finden: Der Saxofonist Shabaka Hutchings spricht über sein afrikanisches Erbe, Sound-Mysterien und die Black-Power-Bewegung.

Shabaka Hutchings gilt als Wortführer des britischen „Nu-Jazz“. Mit seinen karibischen Wurzeln und der Liebe zur afrikanischen Musik entwickelte er sich zu einem der interessantesten Saxofonisten der Gegenwart. Jetzt erscheint das neue Album „Black to the Future“ seiner Band Sons Of Kemet, die mit ihrer ungewöhnlichen Rhythmusgruppe von zwei Schlagzeugern und Tuba seit Jahren für Furore sorgt, auf dem geschichtsträchtigen „Impulse!“-Label. Wir erreichten Shabaka Hutchings telefonisch in London.

Mr. Hutchings, ich möchte gern auf die besondere „schwarze Ästhetik“ zu sprechen kommen, die Sie auf Ihrem neuen Album verfolgen. In einem begleitenden Statement verknüpfen Sie Ihre Konzeption von „Blackness“ mit Fragen der Menschlichkeit, der Natur und der spirituellen Sphäre. Warum ist Blackness für Sie eine philosophische Kategorie?

Unter Blackness verstehe ich eine bestimmte Art und Weise, die Welt zu sehen, indem man sich an traditionelle afrikanische Praktiken erinnert, an uralte ontologische Auffassungen. Man muss sich der Verbindung zwischen der menschlichen, der natürlichen und der spirituellen Welt bewusst sein, die ja einmal in einer einzigen zyklischen Gesamtkonzeption miteinander verschmolzen waren.

Ein zentrales Stück auf Ihrem Album trägt den Titel „To Never Forget the Source“. Welche Quelle ist da gemeint?

Natürlich zuallererst Afrika. Man darf nie vergessen, dass Afrika die Wiege der Menschheit war. Daran müssen wir uns erinnern, wenn wir uns fragen: „Wer sind wir eigentlich?“ Was herrschte damals für eine Kosmologie, in der sich die Menschen positionieren mussten? Welche Funktion hatten Heilige in Afrika? Wenn man sich klarmacht, wie die Alten die Beziehung des Einzelnen zur Natur und zur spirituellen Welt begriffen haben, lernt man auch etwas über unsere Gegenwart.

In musikalischer Hinsicht schöpfen Sie ja auch aus den Quellen von John Coltrane, Albert Ayler oder Pharoah Sanders, Ihren Vorgängern auf „Impulse!“ –, fühlen Sie sich in dieser Hinsicht als eine Art Testamentsvollstrecker?

Das könnte man vielleicht so sagen. Als ich anfing, ihre Musik zu hören, hat mich vor allem die Energie ihres Spiels inspiriert. Diese Energie, die besondere innere Kraft hat mir klargemacht, dass es etwas in der Musik gibt – und zwar nur dort –, für das sich in der Sprache kein Äquivalent findet. Deshalb habe ich sicherlich eine enge Verbindung zu diesen Musikern.

Im Oktober letzten Jahres haben Sie einen Essay mit dem Titel „The Spiritual Power of Pharoah Sanders“ veröffentlicht. Und Sie fragen sich am Ende des Textes: „Wie können wir als Schwarze über ein System weißer Vorherrschaft triumphieren, ein System, das sogar unsere Auffassung von dem, was ,real‘ ist, beeinflusst?“ Sanders hat dafür eine einfache, schlüssige Antwort: Durch „Black Unity“ – so ein Albumtitel von ihm.

Über diese einleuchtende Devise hinaus hat mich seine besondere Auffassung von „Sound“ überzeugt. Ich habe die Tonbildung von Sanders regelrecht studiert. Welche Bedeutungen schwingen in seinem Sound mit? Haben seine Schreie auf dem Saxofon nur Symbolcharakter, oder sind sie eine eigene Sprache? Wenn ich jetzt allerdings versuchen würde, diesen Sound zu verbalisieren, dann würde ich ihn reduzieren. Man kann den Klang, auch meinen eigenen, nicht in Worte fassen, man muss ihn erspüren. Langsam scheint sich ja die Auffassung durchzusetzen, dass man diese spezifische Kraft eines musikalischen Sounds nicht kompliziert erklären, sondern einfach erleben muss. Man muss sich ihm aussetzen, sich in ihn hinein versenken. Das habe ich von Pharoah Sanders gelernt.

In Ihrem Essay zum neuen Album schreiben Sie: „,Black to The Future‘ umschreibt, was es bedeutet, heute nach ,Black Power‘ zu streben.“ Der Begriff „Black Power“ wurde ja von Stokely Carmichael nach der Ermordung von Martin Luther King Jr. geprägt, um anzuzeigen, dass die Bürgerrechtsbewegung ihre Strategie der Gewaltlosigkeit zugunsten einer militanteren Strategie ändern müsse. Was bedeutet Black Power heute für Sie?

Darunter verstehe ich zuallererst, als Schwarzer Zugang zu seinen eigenen Kraftquellen zu finden. Im Falle von Carmichael ging es ja darum, sich mit der nackten Gewalt auseinanderzusetzen, der Schwarze in Amerika ausgesetzt waren. „Power“ bedeutete damals zunächst „Verteidigung“, Selbstverteidigung im Überlebenskampf der Schwarzen. Ich bin heute solchen Angriffen nicht mehr unmittelbar ausgesetzt. Deshalb verstehe ich darunter eine Art Lebensenergie, die man aus „schwarzer Ästhetik“ oder aus afrikanischer Kosmologie beziehen kann. „Black Power“ ist eine Ermutigung, sich tagtäglich darüber klar zu werden, was es heißt, „schwarz“ zu sein.

In den sechziger Jahren war die „Black Power“-Bewegung in die umfassendere Bürgerrechtsbewegung eingebettet. Sehen Sie heute eine vergleichbare soziale Bewegung?

Man kann sicherlich einen Vergleich zur Black-Lives-Matter-Bewegung ziehen. Trotzdem sind es unterschiedliche Kontexte. Während der Zeit des Civil- Rights-Movements gab es ganz direkte, fast nackte Formen der Diskriminierung. Heute sind die Unterdrückungsmechanismen in der Regel subtiler, und der Widerstand dagegen ist weniger umstürzlerisch als in den Sechzigern. Die BLM-Bewegung ist auch im Vereinigten Königreich sehr aktiv und hat sich zur Aufgabe gemacht, alle „persons of colour“ über ihre Rechte aufzuklären und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Meine Aufgabe als Künstler sehe ich deshalb primär darin, solche Ideen der Selbstermächtigung als Schwarzer in den symbolischen Formen der Musik öffentlich zu machen.

Wenn wir noch einmal auf Ihr neues Album zurückkommen: Die meisten Stücke sind tanzbar. Ist Tanz als physischer Ausdruck für Sie eine Möglichkeit, Ihre Musik besser zu verstehen?

Ja, das kann man durchaus so sagen: Tanzen bedeutet ja immer, sich zu öffnen – offen zu sein für überraschende Wendungen in der Musik. Diese Erfahrungen übersetzt man beim Tanzen in Bewegung und versteht direkt mit seinem Körper, dass Musik immer von Lebendigkeit handelt und nicht von Passivität.

Warum haben Sie jetzt die Quartettbesetzung der Sons Of Kemet um weitere Gastmusiker wie die Chicagoer „Spoken word“-Künstlerin Moor Mother oder die Klarinettistin Angel Bat Dawid erweitert?

Ich habe versucht, neue Klangschichten zu erfinden. Dabei ist mir klar geworden: Je mehr Ebenen man hat, desto leichter lässt sich eine Art Dezentralisierung erreichen, um die Herrschaft einzelner Teile zu unterminieren. Ich kann so das Kraftzentrum der Musik immer wieder neu justieren und muss nicht immer einzelnen Melodien oder Basslinien folgen. Man kann so viel freier durch die Musik fließen.

Wie würden Sie Ihre Musik bezeichnen? Als „Creative Music“ oder „Great Black Musik“ oder als irgendetwas anderes? Ist „Jazz“ für Sie nur noch ein anachronistischer Begriff?

Ja, ich vermeide, meine Musik als Jazz zu bezeichnen. Ich finde, das ist ein einengender Terminus, bei dem die Leute gleich zu wissen meinen, um was für eine Musik es sich handelt. Aber ich habe auch keine perfekte Bezeichnung für die Musik, die ich mache. Sie ist zu komplex für einen einzigen Begriff und immer in Veränderung. Vielleicht muss man ja auch nicht immer alles bezeichnen, um es zu verstehen.

„Black To The Future“ von Sons Of Kemet erscheint am 14. Mai bei Impulse!/Universal Music

Quelle: F.A.Z.
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