Die Gebisse der Hip-Hopper

Narziß mit Goldmund

Von Jonathan Fischer
21.04.2006
, 10:28
Glitzernde Zahnspangen aus Gold und Diamanten: Strahlende Gebisse sind der neueste Hip-Hop-Trend. Mancher Rapper trägt den Gegenwert eines Mittelklassewagens im Mund herum. Nun erreichen die „Grills“ den Mainstream.
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Angenommen, man könnte den menschlichen Körper wie in der fernöstlichen Medizin nach Energiezonen vermessen und diese dann bestimmten Musikrichtungen zuteilen: Dann hätte der Schlager seinen Sitz in den Tränendrüsen, wummerte Techno im Solarplexus, wühlte Soul im Stammhirn - und der im Moment den Welt-Pop beherrschende Sprechgesang namens Hip-Hop residierte ganz sicher in den Zähnen.

Dem Teil des Körpers, der zum Vorschein kommt, sobald man - Verzeihung - das Maul aufreißt und die Krumen kaut, die vom Tisch der Groß-Kapitalisten in die Gossen fallen. Zähne, mit denen man Rivalen in der Luft zerreißt. Oder auch nur die eigene Angst auslacht. Kein Wunder, daß Rapper von jeher eine Menge Geld in ihr Gebiß investiert haben.

Ein Pop-Phänomen

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Manche tragen neuerdings sogar ihr Bankkonto auf den Zähnen. „Ich stecke mein Geld dort rein, wo mein Mund ist“, reimt der amerikanische Hip-Hop-Star Nelly auf seinem jüngsten Nummer-eins-Hit „Grillz“. „Dreißig Riesen unten, dreißig weitere Riesen oben...“ 30.000 Dollar also für einen goldenen, mit Diamanten besetzten Zahnüberzug? Grills - wie die glitzernden Zahnspangen sich im Hip-Hop-Jargon nennen, sind gerade im Begriff, zu einem Pop-Phänomen zu werden.

Spätestens nach Nellys gerappter Ode an die schmucken Zahnleisten stürmen die Fans landesweit die Juwelierläden, auf der Suche nach ein bißchen Extra-Glamour oder aber dem dentalen Beweis, „nicht mehr pleite zu sein“. Schließlich dürfen Grills der gehobenen Klasse schon mal den Gegenwert eines Mittelklassewagens kosten. Selbst Jungunternehmer, Schauspieler und Sportler hat das Grills-Fieber infiziert. Dürfen wir also in Talkshows der Zukunft vor allem Einblicke in funkelnde, juweliergeformte Zahnreihen erwarten? Die neue Mode jedenfalls signalisiert nicht nur einen narzißtischen Auswuchs des Spätkapitalismus: Im Zeichen moralischer und materieller Unsicherheit lag es schon immer nahe, in die Aktie des eigenen Körpers zu investieren.

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Ästhetisierung eines Traumas

Ob Bodybuilding, Tattoos oder jetzt Grills: diese Insignien der Körperlichkeit kann einem niemand so leicht wieder wegnehmen. Psychoanalytiker deuten die Grills-Mode als Ästhetisierung eines Traumas - eine Kompensation für die oft depravierenden Umstände, unter denen gerade afroamerikanische Unterschichtsangehörige aufwachsen. Ist es Zufall, daß gerade die anstößigsten Rapper das meiste Gold an den Zähnen tragen? Etwa aus unbewußtem Schuldgefühl für die Ungeheuerlichkeiten, die aus ihrem Mund zu hören sind? Nicht ganz untypisch die Antwort eines jungen Fast-food-Beschäftigten auf die Frage eines Reporters, warum er sein spärliches Gehalt ausgerechnet für ein paar goldene Zähne aufspare: „Wenn du den Mund aufmachst, ist das deine Visitenkarte. Und selbst wenn dein Gegenüber dich nicht mag, muß er doch zugeben: Das hat Stil.“

Nun hat die Grills-Mode, mit der üblichen Verzögerung, auch die Mainstream-Kultur erreicht. Hip-Hop-Videos sind dabei die besten Multiplikatoren: So schiebt sich Juicy J im Clip zum Hit „Stay Fly“ der Gruppe „Three 6 Mafias“ ein paar Grills in den Mund und erschreckt seine älteren Nachbarn - mit einem strahlenden Lächeln. Ganz neu ist die Obsession nicht: Ein paar gutpolierte Goldzähne gelten in den Südstaaten schon seit Generationen als zwingender Erfolgsausweis. Und warum sollten Rapper sich nicht leisten, was bisher nur Zuhälter und Drogendealer schmückte?

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Meine Lippen konnten nicht mehr schließen

Slick Rick jedenfalls schrieb 1986 Hip-Hop-Geschichte, als er sich einen Dreikaräter in seinen Goldzahn einsetzen ließ: „Ich hatte das bei einigen Straßengrößen in meinem Viertel gesehen: Das Glänzen eines Rubins im Mund - das zog die Blicke aller, besonders der Frauen, an.“ Es war der Höhepunkt einer Schmuckorgie, die bereits schiffstaudicke Goldketten, diamantenbesetzte Augenklappen, Vierfinger-Namensringe und Goldmedaillons in der Größe von Faxgeräten produziert hatte. Rapper von LL Cool J bis zum „Wu-Tang Clan“ folgten Slick Ricks Goldspur. Allerdings hatte der Mann die praktischen Nachteile seines Riesendiamanten übersehen: „Er stach heraus wie ein Hochzeitsring, meine Lippen konnten sich nicht mehr schließen.“ Slick Rick konnte kaum ahnen, daß sein Gebiß zwanzig Jahre später als Bescheidenheit durchgehen würde.

Seit dem Aufstieg von Südstaaten-Rappern wie Master P und Lil' Jon in den späten Neunzigern zählt eine diamantenverzierte Schneidezahnpartie wieder zu den klassischen Hip-Hop-Symbolen - neben Adidas-Sneakers, Kangol-Mützen und vergoldeten Kreuzen. Der Rapper Paul Wall betreibt in seiner Heimatstadt Houston gar ein eigenes Geschäft für exklusive Zahnüberzüge. Mit seinem eigenen Gebiß als idealer Werbefläche: „Mein Mund“, rappt er, „glänzt wie eine Diskokugel.“ Am weitesten trieb es in dieser Hinsicht der Rapper Baby, seines Zeichens Vorsitzender der Plattenfirma Cash Money Records: Allein für die Diamanten, die seine Platin-Zahnspange schmücken, blätterte er 100.000 Dollar auf den Tisch. In einem Milieu, in dem der Schein das Sein bestimmt, garantiert dies Authentizität: Ketten kann man zur Not ausleihen, Gebisse nicht. Und dann erst der Diebstahlschutz! „Ich habe meine Grills nicht mal versichert“, prahlt Baby. „Weil mir der Typ, der sie klauen will, erst einmal den Kopf abreißen müßte.“

Bitte keine Konfliktdiamanten

Auf Grills spezialisierte Schmuckgeschäfte sprießen inzwischen in den Einkaufszentren jeder größeren amerikanischen Stadt. Nur sechs Stunden dauert es im Idealfall vom medizinischen Zahnabdruck zur goldenen Prothese. Das billigste Modell gibt es bereits ab 150 Dollar. Daß Kulturkritiker das Phänomen als weiteren Ausdruck eines aus dem Ruder gelaufenen Materialismus geißeln - geschenkt. Doch was sagen die Hip-Hop-Alternativen, die einst Ledermedaillons statt Goldketten propagierten? Immerhin haben Talib Kweli und Kanye West schon an die Zahnschmuck-Fetischisten appelliert: keine „Konfliktdiamanten“ aus afrikanischen Kriegsgebieten, bitte!

Bleibt die Warnung der Zahnärzte vor Karies durch Essensreste. Bleibt die Schwierigkeit, mit Grills vernünftig zu sprechen, und die bisweilen äußerst schmerzhafte Anpassungsprozedur. Doch was zählt das gegen den Beweis, endlich dazuzugehören? Der gefühlten Nähe zum Erfolg der millionenschweren Hip-Hop-Stars? „Früher wollte mich die Welt nicht haben“, triumphiert der Südstaaten-Rapper Mike Jones mit einem von extrabreiten Platinleisten gerahmten Lächeln, „jetzt sind alle hinter mir her.“

Quelle: F.A.Z., 21.04.2006, Nr. 93 / Seite 33
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