Celo und Abdis Deutschrap

Aus Bornheim für die Banlieue

Von Jannis Holl
31.01.2021
, 13:16
Vor zehn Jahren veröffentlichte das Frankfurter Rapduo Celo und Abdi das „Mietwagentape“. Ihr Debüt prägte das Genre. Jetzt ist der zweite Teil erschienen. Ein Blick in den Rückspiegel.

Bei den ersten Versen stehen die beiden Interpreten in einer professionell ausstaffierten Indoor-Cannabisplantage. Dann folgen in schneller Abfolge die Bilder einer Videocollage: eine finster dreinblickende Horde junger Männer in einer Unterführung, Abdi auf einem Esel. Ein Boxring, in dem zwei Jugendliche in Fußballtrikots einen Sparringkampf austragen. Pit Bull Terrier, ein Käfigfußballplatz in einer Wohnsiedlung. Immer wieder legt sich ein polaroidartiger Filter über das Bild. Das Videoformat in ein Quadrat mit schwarzer Umrandung. Schon in der ersten Videoauskopplung des „Mietwagentape II“ zur Single „IBB“ stellt das Rapduo Celo und Abdi klar: „Wir sind von damals noch“.

Die Ghetto-Ästhetik mit Retrobausteinen, derer sich die beiden Rapper bedienen, ist mittlerweile Standard in deutschen Rapvideos geworden. Die beiden Frankfurter haben sie – parallel zu ihrem damaligen Labelchef Haftbefehl – 2011 mit dem ersten „Mietwagentape“ in authentischer Ausführung nach Deutschland gebracht. Angelehnt ist sie an den französischen Gangsterrap. Der Esel etwa lässt sich als Hommage an den französischen Rapklassiker „Tonton du Bled“ der Pariser Gruppe 113 deuten.

Aber sie haben nicht nur die Optik des deutschen Straßenraps geprägt. Sie gehörten zu den ersten Künstlern, die migrantischen Slang und Elemente verschiedener Sprachen in ihre Texte einwebten und ihre Akzente musikalisch verwerteten.

Eine Zäsur in der hiesigen Hip-Hop-Landschaft

Wer verstehen will, was daran so revolutionär war, muss zurückblicken auf den Chartsturm des Rappers Capital Bra. Der Musiker hat seine osteuropäische Sprachfärbung zum Markenzeichen gemacht und bedient sich mehrerer Sprachen in seinen Songs. Künstlern wie Capital Bra haben Celo und Abdi den Weg in den popkulturellen Mainstream geebnet. Vorher sah die Welt des deutschen Gangsterraps noch ganz anders aus.

Während sich in den Vorstädten von Paris und Marseille eine eigenständige Jugendkultur entwickelt hatte, deren musikalische und lyrische Ausprägung auch unter arabischen und afrikanischen Einflüssen stand, orientierten sich deutsche Rapper an der amerikanischen Hip-Hop-Kultur. Sie übernahmen die Codes New York und Los Angeles, rappten auf hochdeutsch oder in regionalen Dialekten, streuten hier und da eine türkische Vokabel ein. In den Banlieues setzte man auf Jeans von italienischen Designermarken, schwere Lederjacken von Chevignion und Trainingsanzüge europäischer Fußballclubs als Dresscode. Die Kluft der Deutschrapper bestand lange Zeit aus Baggys, XXL-T-Shirts und New-Era-Kappen.

Den ersten Versuch, einen Gegenentwurf zu diesem Look zu liefern, wagte Anfang des neuen Jahrtausends das Independent-Label „Aggro Berlin“ mit dem Rapper Bushido. Der Mitbegründer, Grafiker und Regisseur Eric Remberg, besser bekannt als Specter, gilt als Mitschöpfer der Kunstfigur Bushido. Specter, der einen Teil seiner Jugend in Paris verbrachte und vom dortigen Hip-Hop beeinflusst wurde, nahm Einfluss auf die Außendarstellung von Bushido, der auch noch nach seiner Zeit bei „Aggro Berlin“ den arabischstämmigen Gangster mit Boxerhaarschnitt und Bomberjacke mimte.

So war die deutsche Gangsterrapszene vor allem ein Hort wohl inszenierter Kunstfiguren. Bis zum Auftritt des Azzlack-Movements, das sich 2010 um Haftbefehl und Celo und Abdi formierte. Die wütenden, jungen Migrantenkinder sorgten mit ihren Tracks für eine Zäsur in der Hip-Hop-Landschaft. Sie schienen sich nicht darum zu scheren, ob der deutsche Durchschnittsjugendliche ihre Texte verstand, wenn sie arabische, berberische, kurdische, türkische und jugoslawische Ausdrücke rappten, Codewörter aus dem Drogenjargon und der europäischen Fußballszene übernahmen. Sie führten Rap auf einen seiner Ursprünge zurück: eine Ausdrucksform benachteiligter Randgruppen. Haftbefehl rappt in einem seiner Songs: „Das ist kein Deutsch/ Was ich mache, ist Kanakiş.“

Zwei Immigranten, fremd im eigenen Land

Die Künstlerin und Schriftstellerin Cemile Sahin hat kürzlich in einem Gespräch mit dieser Zeitung gesagt: „Es gibt einfach Dinge, an denen man arbeiten muss. Das sind so Sachen wie Identitätspolitik, das wird oft missverstanden, auch von den Deutschen. Ständig wird ein Opfermythos kreiert, nur weil Leute von woanders herkommen.“ Es geht um die Debatte, wie die Gesellschaft mit Migrationsgeschichten umgehen will. Für die Musik von Celo und Abdi ist die Erzählung vom Gastarbeiterkind, das wegen der gesellschaftlichen Umstände auf die schiefe Bahn geraten ist, eine grundlegende.

Auch sie sind auf die Integrationsdebatte eingegangen, als sie in ihren Texten konservative Politiker zu Feindbildern machten und „contra deutsche Leitkultur“ rappten. In ihrem 2017 erschienenen Album „Diaspora“ haben sie sich mit der Migrationsgeschichte ihrer Familie beschäftigt.

Im Song „Franzaforta“ aus dem ersten „Mietwagentape“ rappt Celo: „Zwei Immigranten/ fremd im eigenen Land“. Damit knüpft er an den Song „Fremd im eigenen Land“ der Heidelberger Hip-Hop-Gruppe Advanced Chemistry aus dem Jahr 1992 an, die in dem politischen Track erstmals das Identitätsproblem von Migrantenkindern thematisiere. Als Reminiszenz an „Fremd im eigenen Land“ sind auch die Cover des Mietwagentapes und dessen Nachfolger zu verstehen, auf denen Abdi seinen deutschen Reisepass mit dem aufgeprägten Bundesadler der Kamera präsentiert – genauso wie es der Rapper Torch von Advanced Chemistry Anfang der Neunziger im Video zu „Fremd im eigenen Land“ tat.

Sich selbst sehen die beiden Rapper in erster Linie als Frankfurter, erst dann als Kinder bosnischer und marokkanischer Einwanderer. Celo, der den bürgerlichen Stadtteil Bornheim und das angrenzende Ostend Teil seiner Heimat nennt, und Abdi, der in der Goldsteinsiedlung in Schwanheim aufgewachsen ist, sind ein Jahrzehnt nach ihrem Durchbruch mit der Stadtgesellschaft verbandelt. Sie gehörten zu den prominentesten Gesichtern verschiedener Kampagnen des Bundesligavereins Eintracht Frankfurt, rappten 2015 für das Schirn-Museum und setzten bei der Hessenwahl 2017 ein Statement gegen Rassismus und Antisemitismus – nachdem ihnen „Nazi-Koketterien“ und antisemitische Verfehlungen 2012 selbst zum Vorwurf gemacht worden waren.

Wie ein Gangsterfilm

Dass Erol Huseinćehaj und Abderrahim el Ommali, so ihre bürgerlichen Namen, durchaus einen anderen Lebensweg hätten einschlagen können, resümierten sie vor ein paar Jahren in einem Interview. Celo hat nach eigener Aussage nach dem Fachabitur ein Studium in Bauingenieurwesen begonnen und Abdi die Schule erst kurz vor dem Abitur abgebrochen. Vage deuteten sie an, was schief gelaufen ist: „Leider läuft das Leben nicht so, wie man sich das wünscht.“ Als die beiden sich Ende der Nullerjahre auf der Arbeit in einem Callcenter kennenlernten, beschlossen sie die gemeinsame Arbeit an ihrem „Mietwagentape“: Teils eine Berichterstattung aus der kriminellen Halbwelt und Frankfurter Drogenszene, teils die Vertonung eines suburbanen Lebensgefühls in den Trabantenstädten am Rande der Bankenmetropole am Main – mit der geliehenen Luxuslimousine als Symbol für kurzfristigen gesellschaftlichen Aufstieg.

Dieser noch nie dagewesene Sound und die dazugehörigen Videos verbreiteten sich 2011 rasch im Internet auf der Videoplattform Youtube. Es folgten ein Vertragsabschluss bei Haftbefehls Label und die Auszeichnung „Tape des Jahres“ durch die Rap-Fachzeitschrift Juice. Zehn Jahre später liefert der zweite Teil zahlreiche Verknüpfungen zum ersten Mietwagentape. So werden Songs und Lines recycelt: „Bis zum Promistatus/ Wir wollen hoch hinaus/ Kronberg im Taunus/räumen wir eure Villen aus“ hieß es 2011. In der Neuauflage des Songs „V.I.P.“ will Celo selbst als Hausherr im reichen Main-Taunus-Kreis residieren: „Offizieller Promistatus/wir wollten hoch hinaus/Kronberg im Taunus/such mir bald ne Villa aus“. Solche Rückblicke machen Vergnügen beim Hören, genauso wie das Remake des Roadtracks „Mietwagensound“, der den spontanen Kurztrip zweier Freunde nach Holland schildert. Neben zwei Solotracks finden sich genauso wie auf dem ersten Tape auch zahlreiche Features.

Wenn man die Atmosphäre des ersten Mietwagentapes analog zu einem Pendant des Gangsterraps, dem Gangsterfilm, setzten müsste, würden einem Titel wie der französische Hoodklassiker „La Haine“, der dänische Drogenthriller „Pusher“ mit Mads Mikkelsen und Kim Bodnia oder die deutsche Literaturverfilmung „Kanak Attack“ über das Leben zweier türkischstämmiger junger Männer im kriminellen Milieu Kiels in den Sinn kommen. Die Fortsetzung knüpft an diese Straßenerzählungen an – nur eben als eine Hochglanz-Netflix-Produktion. In den letzten zehn Jahren ist viel passiert. Aus den beiden Hinterhof-Jungs sind Betreiber eines erfolgreichen Hip-Hop-Labels mit Universal Urban als Major-Vertrieb im Rücken geworden. Debatten über strukturellen Rassismus und Identität werden offener geführt. Ein zweites Mietwagentape – in seiner Rohheit und Novität – kann es vielleicht allein deswegen nicht geben.

Quelle: FAZ.NET
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