Neues von Sufjan Stevens

Zeit zu schillern

Von Victor Sattler
Aktualisiert am 28.10.2020
 - 20:10
Hinterfragt jetzt seine Selbstbezogenheit: Sufjan Stevens
Statt jedem der Vereinigten Staaten ein Album zu widmen, würde Sufjan Stevens sie heute am liebsten zerschlagen: „The Ascension“ ist eine Abrechnung mit einem früheren, naiveren Selbst – und mit dem religiösen Eifer, der Trump groß gemacht hat.

Mit der Musik von Sufjan Stevens lässt sich den Menschen alles unterjubeln: zum Beispiel die Geschichte des Serienmörders John Wayne Gacy oder der „Eishexe“ Tonya Harding. Bis Freunde merken, über was Stevens’ intime Stimme zu einer nah aufgenommenen Akustik-Gitarre, zu einem nachhallenden Klavier singt, sind sie bereits moralisch verstrickt. Und genau so ist es mit Gott. Bei dem lyrischen Du, das viele Hörer für einen Lover halten würden (zwei von Stevens’ bekanntesten Songs, einer davon Oscar-nominiert, entstammen dem schwulen Filmdrama „Call Me by Your Name“), handelt es sich in Wahrheit oft um Jesus Christus. Mal wird er auf sein Sühneopfer, mal anlässlich seiner Wiederkunft auf Erden angesprochen. Eine Facebook-Gruppe widmete sich deshalb der schwierigen Frage: „Ist dieser Sufjan-Stevens-Song gay oder über Gott?“

Stevens’ andere Besonderheit war seine Vaterlandsliebe. Er gab später zu, dass es sich beim „Fünfzig-Staaten-Projekt“ (jedem amerikanischen Bundesstaat wollte er ein Album schreiben) auch um eine Marketing-Strategie handelte. Doch diese ging nur auf, weil seine liebevollen Postkarten an Michigan (2003) und Illinois (2005) mit fünfzehn beziehungsweise 22 Liedern darauf so komplexe und unterschiedliche Porträts der beiden Nachbarstaaten abgaben. Als junger Mann wollte Stevens Romane schreiben. In den Konzept-Alben mit rotem Faden, für die er lang recherchierte, fand er eine Art musikalisches Pendant dazu.

Auch sein aktuelles Album hat ein klares Konzept. „The Ascension“ schreibt alle fünfzig Staaten auf einmal ab. Stevens gibt damit seine Liebe zur Mehrdeutigkeit auf. Die Kritik an Präsident Donald Trump und die Abrechnung mit Stevens’ jüngerem „naiven“ Selbst werden hier überdeutlich. Zwar ist „The Ascension“ musikalisch vielschichtig, mal mit schönem Chorgesang untermalt, mal überbordend mit Videospiel-Sounds. Insofern stellt es eine Abkehr von seinen vorigen Alben, aber auch eine Rückkehr zur experimentellen Elektromusik dar, die sich bei ihm seit jeher mit sparsamen Vertonungen abwechselt. Die wahre Abkehr ist aber, dass die ausgetüftelten Intros und Outros (eines reicht vierzig Sekunden ins nächste Lied hinüber) zum ersten Mal banale, gebetsartig wiederholte Hooklines umarmen. Diese handeln von sozialen Medien oder Medikamenten, von Liebe oder von Trump.

Früher, als er noch naiv war, schillerte Stevens in seinen Federkostümen so bunt wie der „Regenbogenfisch“: ein Kinderbuch, das in den Vereinigten Staaten als sozialistisch kritisiert wurde, obwohl der Regenbogenfisch nur das gleiche wie Sankt Martin macht. Stevens schrieb Lieder „für die Arbeitslosen und Unterbezahlten“, wie eines heißt, und fütterte sie in den patriotischen Mythos seines Landes ein. Dieser Mythos lieferte ihm Stoff und war fester Bestandteil seines Glaubens. Schon 2003 sang er über den industriellen Niedergang im Rostgürtel, dessen Bevölkerung für Trumps Wahlsieg entscheidend wurde. Die Republikanische Partei glaubte damals wie heute, das Christentum für sich pachten zu können. Mit dem Album „Seven Swans“ (2004) meldete Stevens seinen Anspruch an. Das gelang ihm ganz ohne zu predigen, betonten die Kritiker – ein Risiko, das linke wie auch religiöse Künstler eingehen.

Entsprechend überraschend kam die Ankündigung von „The Ascension“ als einer Anklage Trumps und einem Wegweiser, mit dem Stevens „Teil der Lösung“ werden wolle, „wahr“ und „simpel“ zugleich. In einem Interview fügt er hinzu, er dürfe predigen und die Welt verurteilen, da er sich dieses Recht mit der zwanzigjährigen Inspektion seiner eigenen Vergangenheit verdient habe. Er meint vor allem das Album „Carrie & Lowell“ (2015), auf dem er die Beziehung zu seiner Mutter verarbeitete. Seine Grabrede wurde ihr Testament, so oft kam Carrie in den Texten zu Wort. Doch die Katharsis auf leisen Schwingen, die seine Fans da heraushörten, blieb ihm verwehrt. Nichts habe er von diesem Album zurückbekommen, beklagt er. In dem darauf enthaltenen Lied „No Shade in the Shadow of the Cross“ zeichnete sich eher schon die Glaubenskrise ab, die folgte.

Da sie auch wieder von Stevens abließ, schillert zumindest die Religion weiterhin mehrdeutig. Im gewohnt lyrischen Titelsong „The Ascension“ geht es um seine Rolle als Heilsbringer und die Aussicht auf Erlösung. Er hinterfragt darin sowohl seine unchristliche Selbstbezogenheit von 2015, als auch, wie viel er 2020 – den Blick nach außen wendend – von seinen Mitmenschen erwarten kann.

Derweil hat Donald Trump das Fünfzig-Staaten-Projekt im eigenen Stil fortgeführt. Mit mehreren Tweets verdammte er einzelne, demokratisch regierte Bundesstaaten („New York ist zur Hölle gefahren“). Falls die New Yorker sich noch Hoffnungen auf ein Stevens-Album gemacht haben, müssen sie sich wohl mit dem aktuellen begnügen. Der Musiker hat der Stadt während der Arbeit an „The Ascension“ den Rücken gekehrt. Nach fast zwanzig Jahren dort ist er von ihr ähnlich angewidert wie Trump. „Goodbye To All That“ besiegelt den Abschied von der Stadt. Und zum Abschied vom Mythos der Vereinigten Staaten sagt Stevens nur, dass er die Vereinigten Staaten heute am liebsten in unabhängige Nationen zerschlagen würde. Eine Art Experiment sei das. Den Reiz des Neuen kennt er ja nur zu gut.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot