Zum Tod von Spencer Davis

Mann hinter den Kulissen

Von Edo Reents
Aktualisiert am 21.10.2020
 - 22:04
Spencer Davis auf einer undatierten Aufnahme
Die Spencer Davis Group erbrachte den lange für unmöglich gehaltenen Nachweis, dass auch Weiße richtigen Rhythm & Blues spielen können. Jetzt ist ihr Gründer in Los Angeles gestorben.

Zur Etablierung und Popularisierung musikalischer Genres bedarf es entweder eines Originalgenies, das ganz aus eigener Kraft schöpft, oder eines, wie man früher gesagt hätte, Orchesterleiters. Das gilt selbstverständlich im Jazz, aber, auf eine technisch-akademisch freilich weniger anspruchsvolle Weise, auch in der Rockmusik. Letzterem fällt es zu, Talente zu erkennen, zu bündeln und dann das Beste aus ihnen herauszuholen, notfalls zu Lasten der eigenen Eitelkeit. Es gibt Bandleader, wie den jetzt gerade achtzig gewordenen Manfred Mann, die ihr Leben lang auf solistischen Glanz verzichtet und kreative Ambitionen hintangestellt, aber für die Musik trotzdem Essentielles geleistet haben, indem sie den Laden zusammenhielten oder immer wieder neu zusammenbauten.

Der britische Blues und der daraus Mitte der sechziger Jahre hervorgehende Rhythm & Blues hatten in dieser Hinsicht vor allem die Großmeister Alexis Korner und John Mayall. Dass Spencer Davis in der Regel hier zwar respektvoll, aber doch schon unter „ferner liefen“ Erwähnung findet, mag damit zu tun haben, dass aus seinem Stall nicht annähernd so viele Große hervorgegangen sind, genau genommen nur ein einziger, aber der hatte es in sich: Steve Winwood. Das ist der Mann, „der bei Spencer Davis mitgespielt“ und die von dem walisischen Sprachenstudenten 1963 in Birmingham gegründete Spencer Davis Group mit seiner täuschend echten Ray-Charles-Imitation zur Sensation gemacht hat. Dieses damals noch minderjährige Soul-Kehlchen wurde nach zwei Jahren und drei Platten flügge (und gründete die Band Traffic); Spencer Davis aber kommt das Verdienst zu, es großgezogen zu haben, so, wie an der amerikanischen Westküste Captain Beefheart Ry Cooder großgezogen hat.

Die Spencer Davis Group, der außer Davis und Winwood noch dessen Bruder Muff (Bass) und Pete York (Schlagzeug) angehörten, erbrachte den lange für unmöglich gehaltenen Nachweis, dass auch Weiße richtigen Rhythm & Blues spielen können. In der allenthalben gepflegten, strikten Orientierung an amerikanischen Vorbildern wurde sie eine maßgebliche Kraft innerhalb des transatlantischen Kulturaustauschs und spielte ein schmales, bemerkenswert geschlossenes Werk ein. Was sie, nicht nur in Gestalt ihrer Blockbuster „Keep On Running“, „Gimme Some Lovin’“, „Somebody Help Me“ und „I’m a Man“ zu Gehör brachte, war so ziemlich das Sensibelste und gleichzeitig Aufregendste, das es damals gab; nur die nordirischen Them (mit Van Morrison) und natürlich die Rolling Stones kamen an diesen spezifisch schwarzen Musizierstil heran.

Mit Winwoods Abschied war die Spencer Davis Group ihrer eigentlichen Attraktion beraubt, sie machte aber, zeitweise ohne ihren Namensgeber, weiter. Spencer Davis verfügte sich weiter hinter die Kulissen und betreute, unter der Oberaufsicht Chris Blackwells, des Gründers von Island Records, deren neue Stars Bob Marley und Robert Palmer, nahm zwischendurch mit prominenter Hilfe eigene Rock-, Folk- und Bluesplatten auf und mehrte auch auf diese Weise seinen Ruhm als eine der Schlüsselfiguren der so weit untereinander verzweigten britischen Rock-Familie, die ohne solche besonnenen, kollegialen Leader wohl kaum zu dieser Größe angewachsen wäre. Am vergangenen Montag ist Spencer David Nelson Davies, wie er korrekt hieß, im Alter von 81 Jahren in seiner zweiten Heimat Los Angeles gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
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