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Zum Tod von Dr. John

Sechs Grammys und Gumbo-Gaben jeden Tag

Von Jan Wiele
 - 16:55
Ein Quacksalber? Nein, eher Priester mit Soulstimme: Dr. John

Wenn er von „Revolution“ sang, hatte das nicht weniger Druck und Drive als bei einem wütenden schwarzen Soulmann. Aber wenn Dr. John dann seine Band vom Keyboard aus zu einer Generalpause zwang, um im bunten Showanzug, mit Federn und Raubtierzähnen behängt, mit Grabesstimme ins Mikrofon zu hauchen: „Let’s all pray on it now!“ – dann gab ihm das eben jene Aura eines verrückten Voodoo-Priesters, in dessen Rolle er anfänglich nur aus Spaß geschlüpft war und die dann sein Markenzeichen wurde. Ende der sechziger Jahre hatte er mit dem Mentor Harold Battiste, einem Jazzsaxophonisten und Musikproduzenten, die Figur eines Wurzeldoktors ersonnen, inspiriert von alten Erzählungen aus New Orleans, und sie mit seinen wilden Talenten als Pianist und Sänger belebt, die er vorher schon ein paar Jahre lang als Sessionmusiker für Rock und R&B erprobt hatte. Nun aber war Dr. John geboren – und damit auch eine ganz eigene Musik, die zusätzlich kreolische und psychedelische Einflüsse mit wuchtigem Funk vermengte.

In den verrückten Liedern seines stilprägenden Album „Gris-Gris“ (1968) verordnet er in minutenlangen Monologen Hörern mit gewissen Liebesproblemen eine geheimnisvolle Medizin namens „Gumbo Ya Ya“, während im Hintergrund weibliche Stammesgesänge und allerlei Gerassel zu hören sind. Oder er beschwört über dem sehr zurückgelehnten Groove von „Mama Roux“ eine Frau mit ganz besonderen Talenten. 1969, auf dem Album „Babylon“, werden Musik und Texte noch abwegiger, das Titelstück grenzt an Freejazz, und eines wie „The Lonesome Guitar Strangler“ zeigt zugleich einen satirischen Zug, so dass Dr. John bald in ganz guter Gesellschaft von Frank Zappa oder auch Captain Beefheart steht.

Die Wut und der Witz

Das trifft noch auf weitere Musik der Siebziger zu, bis er schließlich etwas ruhiger wird und eine Entwicklung zum schicksalsgeprüften Balladensänger durchläuft. Als Pianist ist Dr. John äußerst versiert, er kann dem Instrument ältesten Boogie genauso wie irre Space-Sounds entlocken. Gefragt ist er ohnehin überall: Er spielt als Gast bei den Rolling Stones auf „Exile on Main Street“ sowie in Martin Scorseses Film „The Last Waltz“, komponiert für Disney und wird auch Produzent.

Der Doktor macht aber auch engagierte Musik, und dies tritt insbesondere dann zutage, wenn es um seine Heimatstadt geht. 1941 in New Orleans geboren, hat er dort früh auch in den schäbigsten Etablissements musiziert und stets Empathie für die Unterprivilegierten empfunden.

Als 2005 der Hurrikan Katrina insbesondere diese furchtbar trifft, gibt Dr. John auf „Sippiana Hericane“ seiner Wut über kriminelle Stadtplanung und ausbleibende Hilfe Ausdruck – das Werk ist mehr als ein bloßes Benefizprojekt, nämlich ein Konzeptalbum, inklusive einer viergliedrigen „Hurricane-Suite“.

Neben solcher Wut ist aber auch der Witz, der in Liedtexten wie dem seines Hits „Right Place Wrong Time“ steckt, unvergesslich. „Just need a little brain salad surgery“, singt er da mit dem typischen südstaatlichen Sumpf-Akzent. Leider konnte ihm zuletzt keine Operation und auch kein Voodoo mehr helfen. Am Donnerstag ist Malcolm „Mac“ John Rebennack Jr., bekannt als Dr. John, gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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