Mike Campbell über Tom Petty

Zwei Leben für den Rock’n’Roll

Von Edo Reents
Aktualisiert am 04.11.2020
 - 09:22
Er besang Blumen wie Bienen und gab uns Zucker: Tom Petty während der Aufnahmen für „Wildflowers“.
Tom Petty wäre jetzt siebzig geworden. Sein Gitarrist Mike Campbell macht mit eigener Band weiter und erklärt, wie es in der jüngst archivarisch erschlossenen „Wildflowers“-Phase und auch sonst war, mit ihm zu arbeiten, und warum der alte Chef auch ohne Ironie zu ertragen war.

Die Assistentin Marek Lieberbergs, des legendären Konzertimpresarios, war am Apparat: Ob ich Tom Petty interviewen wolle? Mir rutschte das Herz in die Hose. „Äh, wann denn?“, fragte ich, um Zeit zu gewinnen. Und das war wahrscheinlich schon der entscheidende Fehler: so zu tun, als hinge es vom eigenen Terminkalender ab (den ich in der Form gar nicht habe) und nicht von dem Tom Pettys. „Diesen Freitag“, sagte Lieberbergs Assistentin. Ach du Sch..., das war ja mein Hochzeitstag und auch noch der zehnte! Doch das behielt ich für mich. „Das muss ich erst klären.“ Geraschel war zu hören, plötzlich eine andere Stimme: „Sagen Sie mal, soll Tom Petty etwa aus Malibu zu Ihnen nach Heidelberg kommen?“

Das war nun Marek Lieberberg persönlich. Ich musste an Loriot denken: „Herr Ober, können wir Ihnen vielleicht etwas bringen?“ Die Idee gefiel mir. Bei der Gelegenheit könnte ich dem Verehrten dann zeigen, dass ich noch alle Tom-Petty-Platten im Schrank hatte. Das würde ihn milde stimmen; denn es war bekannt, dass er für Leute, die ihn bloß ausfragen wollten, kein allzu angenehmer Gesprächspartner war. „Also, wenn das ginge?“ Diese kokette Ironie verfing nicht, Lieberberg blieb sachlich: „Sie müssen natürlich nach Los Angeles, zu Tom Petty nach Hause. Kosten werden übernommen.“

Ich überlegte: Würde meine Frau mir das verzeihen? Ich sah mich schon in Verhandlungen: Ich weiß, ausgerechnet am zehnten, aber Tom Petty ist einer der Größten, und er gibt so gut wie keine Interviews, jedenfalls nicht deutschen Zeitungen. Das hast du bei Bob Dylan und bei Neil Young auch schon gesagt, würde meine Frau ganz richtig kontern. Na ja, du musst wissen, was dir wichtig ist. Es würde, so viel stand jetzt schon fest, auf eine eheliche Verstimmung hinauslaufen, und deswegen – sagte ich sicherheitshalber ab. Ich sagte ein Interview mit Tom Petty ab: „Äh, es ist nämlich so“, stotterte ich, „meine Frau und ich haben an dem Tag Hochzeitstag, den zehnten.“ Ich könne mir, kam es vom anderen Ende ziemlich frostig, das noch überlegen, bis zum Abend müsse man Bescheid haben. Lieberberg hängte ein.

Das war vor bald zehn Jahren. Tja, so ist das, wenn man sein Leben dem Rock’n’Roll widmet; Cameron Crowe ist nichts dagegen. Von Tom Petty habe ich nie wieder etwas gehört beziehungsweise gehört schon, es kam dann ja noch ein Studioalbum, und die Deutschland-Konzerte nach dem, nun ja, nicht zustande gekommenen Interview waren eine Offenbarung. Aber getroffen haben wir uns nie. Ob Lieberberg ihm überhaupt die Wahrheit gesagt hat? Vor drei Jahren ist er, der in diesen Tagen siebzig geworden wäre, einfach gestorben.

Das Erste, was mich bei dieser Nachricht durchfuhr, war, neben einem heftigen Schmerz, der Gedanke: Und du Idiot hast ihn nicht interviewt! Heute denke ich, es hat vielleicht auch sein Gutes, dass es so gekommen ist – man behält den Meister so in Erinnerung, wie man ihn nie erlebt hat. Was hätte es auch gebracht, sich von einem unrasierten Musiker in Jeans und Holzfällerhemd, der wahrscheinlich eine Haschzigarette nach der anderen rauchte („Let’s get to the point, let’s roll another joint“), durch seine mit Gitarren und Goldenen Schallplatten vollgehängten Räumlichkeiten führen zu lassen? Womöglich hätte ich ihn auch gar nicht richtig verstanden und dauernd nachfragen müssen, seinen Florida-Akzent soll er auch in vierzig Jahren Kalifornien nicht abgelegt haben. Und schließlich: Rockmusik spielt sich eben hauptsächlich auf dem Plattenteller ab, alles andere ist Feuilleton. Rockjournalismus: Das ist, wenn Leute, die nicht schreiben können, mit Leuten reden, die nichts zu sagen haben – vielleicht hatte Frank Zappa ja recht.

Dies alles sollte mich trotzdem nicht daran hindern, doch einmal mit einem leibhaftigen Herzensbrecher zu sprechen. Ein zweites Mal würde ich nicht so dumm sein. Denn von Tom Petty und den Heartbreakers gibt es, nach der riesigen Live-Box „Anthology“ (2009) und der gleichfalls nicht mehr allzu viele Wünsche offenlassenden Werkschau „An American Treasure“ (2018), jetzt wieder fein Aufgewärmtes: „Wildflowers & All The Rest“, die historisch-kritische Ausgabe des Monsterwerks von 1994, mit dem Tom Petty, in der Mitte seiner Karriere und leider schon im letzten Drittel seines Lebens, noch einmal die Umlaufbahn gewechselt hat, das Harte härter und das Weiche weicher gespielt hat als je zuvor, dank dem hier erstmals hinzugezogenen Rick Rubin, der zu jener Zeit dem alten Johnny Cash letzte Grabgesänge zu entlocken begann, kristallklar produziert und nicht nur wegen der Überlänge eine der letzten großen Rockplatten des vergangenen Jahrhunderts.

Was die Welt das zu kümmern hätte? Nun, nicht nur, wie gerade erst Bruce Springsteen bewiesen hat, von alten, sondern auch von toten weißen Männern kann noch Gutes kommen. Der Rock’n’Roll selbst ist nämlich weder tot, noch riecht er komisch. „Yes, I agree with that!“, sagt, hörbar erleichtert über diese altmodische Ansicht, Mike Campbell, der unfassbare Heartbreakers-Gitarrist, der jetzt allen Ernstes am Telefon ist, wahrscheinlich irgendwo in Los Angeles. Im Laufe der Unterhaltung meint man einen Hauch von dem Spirit zu spüren, der in Pettys inner circle geherrscht haben muss: kalifornisch entspannt natürlich, der Chef wahrscheinlich die meiste Zeit stoned, aber wohl nicht allzu gesprächig.

Warum hielt man sie für Punker?

Von Campbell, diesem auf Bildern nachgerade schon verwittert anmutenden Siebzigjährigen, bekommt man eine Lektion darin, was es bedeutet, in einer Band zu sein und niemals aufzustecken. „No Surrender“, wie Springsteen einst sang. Man höre endlich auf damit, über das sture Weitermachen die Nase zu rümpfen, wo doch nun auch schon die Ärzte und die Toten Hosen in ihr fünftes Jahrzehnt eintreten und den Punk, der einmal angetreten war, dem bombastisch, fett und selbstzufrieden gewordenen Rock’n’Roll einen Tritt in den Hintern zu verpassen, längst selbst so aussehen lassen, Tagesschau-kompatibel.

Komischerweise wurden Tom Petty und die Heartbreakers am Anfang selbst für Punker gehalten, ein Missverständnis, das Campbell sich auch nicht erklären kann. Schuld daran war wohl schon das namenlose Debüt von 1976, das, wie Campbell sich mit der eigentlich etwas unbedarften Frage nach seinem persönlichen Lieblingsalbum – „Oh, it’s hard to pick“ – dann doch entlocken lässt, sein Favorit ist und bleibt: „Wir hatten unseren Sound gefunden. Seither wussten wir, wer wir waren.“ Auf die hochkommerzielle, von Jeff Lynne („Who I love“, sagt Campbell) ganz auf cremig-geschmeidig getrimmte Phase um 1990, der man in amerikanischen Radios bis heute nicht entkommt, folgte dann, mitten auf dem Mainstream, eine Art Totalschaden, in mehrerer Hinsicht: weg von MCA zu Warner Records; Rick Rubin, der bis dahin die härtesten Rapper betreut hatte, an den Reglern; den unkonzentrierten Schlagzeuger Stan Lynch ohne erkennbare Sentimentalität durch den mit bulliger Kraft dreinschlagenden Steve Ferrone ersetzt; und dann war auch noch Pettys Ehe im Eimer.

Ist „Wildflowers“ also ein Album „about divorce“? Mike Campbell versteht nicht und sagt dann auf Nachfrage hin loyal und bestimmt: „I’m not talking about personal things.“ So ist das in einer Band: Man verpfeift keine Kumpel. Aber ob er sich an die damaligen Spannungen, die in der Dokumentation „Runnin’ Down A Dream“ von Peter Bogdanovich ja geradezu mit Händen zu greifen gewesen seien, erinnern könne? „Yes, I do remember. Stan did other things. Rick Rubin came and drove us more back to the roots of our recording style, you know: all members at the same time in the studio. We took a break.“ So ging man aus dem „Breakdown“, wie der allererste Hit heißt, gestärkt hervor und erklomm ein anderes Musizierniveau. Tom Petty wird damals aber wohl kaum in bester Verfassung gewesen sein, oder? „He was in a great shape!“, beteuert Campbell. Tom sei, wie eigentlich immer, sehr bei der Sache gewesen und habe sich bei jeder Gelegenheit Songideen notiert.

Dass „Wildflowers“ trotzdem als Tom Pettys zweites Soloalbum in die Rockgeschichte einging und der Bandname auch in der Neuausgabe unerwähnt bleibt, scheint Campbell nicht zu kratzen: „We never talked about this.“ Der Grund liegt in der Musik selbst: Die verhältnismäßig vielen verhaltenen Lieder hat Petty allein oder nur mit Campbell eingespielt. Dass man „Wildflowers“ dennoch als genuines Rockalbum empfindet, das in der De-Luxe-Ausgabe nun auf 54 Songs mit Bonus- und Live-Material angeschwollen ist, liegt daran, dass die wenigen ganz harten Kracher so dermaßen durchschlagen, besonders das sämig-südstaatliche „Honey Bee“, bei dem, wie nun zu erfahren ist, Petty persönlich das geradezu gewalttätige Gitarrenintro übernommen hat und das wahrscheinlich sein bestes Stück überhaupt ist. Mike Campbell dringt dabei wie ein Schneidbrenner durch den linken Lautsprecherkanal. Wie denn die Mischung aus laut und leise zustande gekommen sei? Stellenweise sei das ja ganz zarter, zerbrechlicher Folk, irgendwie „sun-kissed“, aber auch sehr melancholisch. „Um ehrlich zu sein: Es geht immer nur um den einzelnen Song. Es steckt kein Masterplan dahinter. Tom kam mit seinen Ideen an, und wir spielten sie dann.“

Es handelte sich, erläutert Campbell, der Petty als Gitarrist immer ungefähr so überlegen war wie bei den Rolling Stones Mick Taylor Keith Richards, um den vielleicht gar nicht so häufigen Fall eines Musikers, der eine Band durchaus zu kommandieren wusste, aber, anders als Dylan, eben auch eine brauchte, als Lebensform. „We were closer than brothers. And Tom is still here.“ Beides spürt man, schon an der Unverbrüchlichkeit, mit der Campbell über den Verewigten spricht, im Bewusstsein wahrscheinlich, eine unverlierbare gemeinsame Basis gehabt zu haben, die aus mehr bestanden haben muss als aus Ambition und Abenteuerlust und die offensichtlich tragfähiger war als manche Ehe: laute Rockmusik und eine Vorstellung davon, wie sie am besten zu machen sei.

Schließlich ist der Zeitpunkt für ein Bekenntnis gekommen, das man schon tausendmal gehört hat und das doch für jeden, dem diese Musik etwas bedeutet, immer wahr bleiben wird: „Rock’n’Roll changed my life.“ Campbell hat seine Virtuosität immer in den Dienst von jemandem gestellt, der allein schon aufgrund seiner songschreiberischen Fähigkeiten das Sagen haben musste – wie Ray Davies bei den Kinks und John Fogerty bei Creedence Clearwater Revival. Ich erwähne, was auf dem Rückcover der ersten Buffalo-Springfield-Platte (von 1966, mit Stephen Stills und Neil Young) über Stills steht: „Steve is the leader, but we all are.“ War das bei den Heartbreakers auch so: ein Chef, dessen Allüren man nur mit Ironie erträgt? Campbell muss lachen und lässt es offen, ob Petty überhaupt welche hatte: „Oh, no! Of course it was Tom’s band.“ Solche Gebilde machen oft genug auch dann noch weiter, wenn ihnen der Kopf abgeschlagen wurde. Käme das für die Heartbreakers auch in Frage? „I can’t see what’s happening“, aber eher nicht. Aber man hat noch so allerhand in petto, unter anderem die mit dem gleichfalls überragenden „Echo“-Album bestrittenen Konzerte von 1999, einen Monat lang spielten sie jeden Abend im Fillmore West von San Francisco.

Mike Campbell hat inzwischen eine eigene Gruppe, die Dirty Knobs, deren phantastisches Debüt auf den 20. November verschoben wurde. Die mit bedauerndem Unterton gestellte Frage, warum er denn bei den Heartbreakers fast nie gesungen habe, nimmt er gerne entgegen, aber: „I had to find my own voice.“ Er macht Hoffnung auf Deutschland-Konzerte, im Mai könnte es schon die zweite Platte geben. „Maybe you can meet us backstage!?“ Wenn das eine Einladung ist: Ich werde drauf zurückkommen, Sir! Es wird schon nicht am Hochzeitstag sein.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot